Trennungsangst beim Kind: Was Eltern wissen sollten

Was hinter der Trennungsangst beim Kind steckt
Wenn ein Kind beim Abschied weint, sich festklammert und nicht loslassen will, steckt dahinter meist die Angst, eine vertraute Person zu verlieren. Fachlich beschreibt Trennungsangst eine andauernde, intensive Angst, das Haus zu verlassen oder von Menschen getrennt zu werden, zu denen ein Kind eine besonders enge Beziehung hat1.
Ein gewisser Grad von Trennungsangst gehört zur Entwicklung praktisch aller Kinder, besonders wenn sie noch sehr klein sind1. Die Angst entsteht, sobald eine nahe Bezugsperson weggeht, und legt sich normalerweise, sobald das Kind versteht, dass diese Person wiederkommt1. Meist ist es die Mutter, es kann aber auch der Vater oder eine andere Bezugsperson sein1.
Das Weinen beim Abschied ist kein Zeichen einer falschen Erziehung: Es zeigt, dass das Kind eine gute Beziehung zu seinen Eltern aufgebaut hat2. Auslöser für ausgeprägte Trennungsängste können belastende Lebensereignisse wie der Tod eines Verwandten, Freundes oder Haustiers, ein Umzug oder ein Schulwechsel sein; Angstgefühle können auch erblich veranlagt sein1.
Ab wann ist Trennungsangst beim Kind normal?
Die ersten Trennungsängste machen sich ungefähr im 8. Lebensmonat bemerkbar, am intensivsten sind sie zwischen dem 10. und dem 18. Lebensmonat2. In dieser Zeit fremdeln viele Kinder: Sie lernen, bekannte von unbekannten Menschen zu unterscheiden. Das Fremdeln beginnt etwa zwischen dem achten und neunten Lebensmonat und hört bis zum 2. Lebensjahr wieder auf2.
Hinter dieser Phase steckt ein Entwicklungsschritt. Kinder erwerben die sogenannte Objekt- oder Personenpermanenz – die Fähigkeit zu verstehen, dass ein Mensch auch dann weiter existiert, wenn er weder zu sehen noch zu hören ist2. Solange diese Sicherheit fehlt, ist der Protest beim Abschied verständlich.
Für die Zeit zwischen 8 und 18 Monaten passen Guck-guck-Spiele gut2. Beim Teddy-Versteckspiel, das Säuglingen zwischen 8 und 12 Monaten Freude macht, verschwindet ein Gegenstand kurz und taucht wieder auf; so erlebt das Kind, dass Dinge und Menschen nicht für immer verschwunden sind2.
Mit etwa 2 Jahren haben die meisten Kinder genug Vertrauen zu ihren Bezugspersonen aufgebaut2. Plötzliche Trennungsangst beim Kind mit 3 Jahren taucht dagegen oft in Schwellensituationen auf, etwa beim Start in der Kita oder nach einem Umzug2, 4.

Trennungsangst beim Kind mit 5 Jahren
Im Vorschulalter zeigt sich, ob aus einer entwicklungsüblichen Angst eine behandlungsbedürftige Störung geworden ist. Eine Trennungsangsterkrankung tritt vor allem bei älteren Kindern auf, also im Vorschul- oder Schulalter, wenn sie noch immer nicht ohne ihre Bezugspersonen auskommen2. Viele betroffene Kinder weigern sich dann, in den Kindergarten oder in die Schule zu gehen2.
Besonders häufig zeigen sich solche Ängste in Schwellensituationen: Beim Kindergartenstart, bei der Einschulung und beim Wechsel auf eine andere Schule können Trennungsängste immer wieder aufleben4. Nimmt ein Kind trotz anfänglicher Angst am Programm teil und wird die Angst mit der Zeit kleiner, ist das kein Ausdruck einer emotionalen Störung2. Bleibt die Angst aber so stark, dass das Kind überhaupt nicht mit Gleichaltrigen spielen oder in der Einrichtung bleiben möchte, braucht es professionelle Unterstützung2.
Wenn euer Kind nicht in den Kindergarten will, steckt manchmal Trennungsangst dahinter – manchmal ist aber auch die Gruppe zu groß oder der Abschied noch zu neu5. Dann hilft es, die Eingewöhnung zu verlängern und mit den Betreuungspersonen zu besprechen, was dem Kind guttut5.
Trennungsangst beim Kind mit 6 Jahren
Mit der Einschulung kommt eine neue Trennungssituation dazu. Fast immer liegt einer Schulphobie im Kindesalter Trennungsangst zugrunde4. Kinder mit einer Schulphobie haben Angst, die Schule zu besuchen, obwohl kein objektiver Grund dafür zu erkennen ist; ohne wirksame Behandlung bleiben sie nicht selten wochen- oder monatelang fern4.
Oft begleiten körperliche Beschwerden die Angst: Übelkeit, Appetitstörungen sowie Bauch- und Kopfschmerzen4. Solange eine Bezugsperson zugegen ist, wirkt das Kind dagegen völlig normal – deshalb wird dem Problem oft nicht die Bedeutung beigemessen, die es verdient1. Je länger die Störung andauert, desto gravierender ist sie1.
Hilfreich ist außerdem, dass das Kind eine Bindung zu einem Erwachsenen im Kindergarten oder in der Schule aufbaut1.
Trennungsangst beim Kind mit 10 Jahren
Auch im Grundschulalter kann die Angst noch anhalten. Kinder mit Trennungsangst verlassen ihre gewohnte Umgebung nur mit großem Unbehagen und weigern sich, mit auf Klassenfahrt oder ins Ferienlager zu gehen, Freunde zu besuchen oder bei ihnen zu übernachten1. Trennungsangst beim Kind mit 8 Jahren zeigt sich oft genau hier: Fahrten und Übernachtungen ohne die Eltern werden gemieden, während das Kind zu Hause fröhlich und entspannt wirkt1.
Manche Kinder können nicht allein in einem Raum bleiben, klammern sich an die Eltern und folgen ihnen auf Schritt und Tritt durchs Haus1. Auch Probleme beim Zubettgehen sind üblich: Viele möchten, dass eine Bezugsperson so lange am Bett bleibt, bis sie eingeschlafen sind1. Albträume, in denen die Familie in Gefahr gerät, können diese Ängste widerspiegeln1.
Wie ihr euer Kind nachts begleitet und Albträume einordnet, lest ihr im Ratgeber Albträume bei Kindern: Was Eltern wissen sollten. Trennungsangst kommt zumeist bei jüngeren Kindern vor und nur selten nach der Pubertät1.
Was tun, wenn der Abschied im Kindergarten schwerfällt?
Beim Start in der Kita hilft vor allem eine sorgfältige Eingewöhnung. Bei einem neun Monate alten Baby dauert sie meist zwei bis drei Wochen5. Zuerst bleibt ihr in der Nähe und beobachtet gemeinsam, dann haltet ihr euch im Raum im Hintergrund, später verlasst ihr den Raum für wenige Minuten. Danach bleibt das Kind eine kurze Zeit bei der Betreuungsperson, während ihr eine Besorgung erledigt; anschließend verbringt es einen oder mehrere Halbtage in der Einrichtung, und ihr bleibt auf Abruf5.
Sagt eurem Kind, wohin ihr geht und wann ihr zurückkommt, und wählt eine Zeitangabe, die es versteht – etwa das Ende der Zwischenmahlzeit5. Setzt in den ersten Wochen alles daran, pünktlich abzuholen; größere Verspätungen können Kinder stark verunsichern5. Verabschiedet euch bewusst, statt euch unangekündigt wegzuschleichen: Das Kind bemerkt die Abwesenheit und fühlt sich dann erst recht im Stich gelassen5.
Wichtig ist, das Weinen nicht als Problem zu behandeln. Mit Weinen, Schreien und Wutanfällen wehren sich manche Kinder gegen jede Trennung2; die meisten beruhigen sich schon bald, nachdem die Eltern gegangen sind5. Wie ihr solche Wut- und Autonomiephasen begleitet, findet ihr im Ratgeber Trotzphase: Was Eltern wissen sollten.
Wann braucht ein Kind professionelle Hilfe?
Von einer behandlungsbedürftigen Angst sprechen Fachleute erst, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind. Die Diagnose wird gestellt, wenn die Symptome mindestens einen Monat andauern und eine erhebliche Belastung darstellen oder den Alltag beeinträchtigen1. Eine Angststörung fällt außerdem auf, wenn die Angst unangemessen stark wird, ungewöhnlich häufig auftritt und sich scheinbar nicht mehr kontrollieren lässt3.
Ansprechpartner sind die Kinderärztin oder der Kinderarzt, eine Kinder- und Jugendpsychiaterin oder ein Kinder- und Jugendpsychotherapeut3. In den meisten Fällen reicht eine ambulante Psychotherapie aus3. Als Behandlung wird meist eine kognitive Verhaltenstherapie gewählt, deren Ziel es ist, dass das Kind so bald wie möglich wieder am Unterricht teilnehmen kann1. Bei schwerwiegenden Verläufen können angstlösende Medikamente zum Einsatz kommen; bei sehr kleinen Kindern ist dabei äußerste Vorsicht geboten1.
Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen: Jedes zehnte Kind leidet mindestens einmal darunter3.
Verändert sich gerade viel im Familienalltag, etwa durch ein neues Geschwisterkind oder einen Umzug, hilft es, Veränderungen rechtzeitig zu besprechen. Empfehlungen für Bücher fürs Geschwisterkind findet ihr unter Bücher fürs Geschwisterkind: unsere Empfehlungen.
Praxis-Tipps: Trennungsangst beim Kind begleiten
- Abschied kurz halten: Haltet die Abschiedsszenen so kurz wie möglich und reagiert auf Einwände möglichst nüchtern1.
- Festes Abschiedsritual: Ein immer gleiches Zeichen wie ein Kuss und ein Winken am Fenster gibt Sicherheit5.
- Übergangsobjekt mitgeben: Kuscheltier oder Tuch, das nach zu Hause riecht, begleiten das Kind durch den Tag2, 5.
- Trösten abgeben: Weint euer Kind nach dem Abschied weiter, überlasst das Trösten der Betreuungsperson – so erlebt es, dass auch andere sich liebevoll kümmern5.
- Nicht überbehüten: Unterstützt kein Vermeidungsverhalten, sondern ermutigt euer Kind, sich in kleinen Schritten der Angst zu stellen3.
- Kleine Trennungen üben: Plant auch in Ferien und nach verlängerten Wochenenden regelmäßige Trennungen ein, damit das Kind das Getrenntsein nicht verlernt1.
- Als Team zusammenarbeiten: In der Behandlung ziehen Ärzte, Eltern und das Kita- oder Schulpersonal an einem Strang1.
- Gut beobachten: Wirkt euer Kind auch beim Abholen bedrückt oder ganz anders als sonst, sprecht mit den Betreuungspersonen5.
- Auch an euch denken: Eltern dürfen eigene Bedürfnisse haben und sich Unterstützung holen3.
Häufige Fragen
Was tun bei Trennungsangst bei Kindern?
Trennungsangst oder Fremdeln?
Wie entwickeln sich Kinder mit Trennungsangst?
Wo bekommt ihr Hilfe für euer Kind?
Quellen
- Trennungsangst · abgerufen am 10.10.2026
- Emotionale Störung: Trennungsangst bei Kindern · abgerufen am 10.10.2026
- LWL · abgerufen am 10.10.2026
- Schulphobie und Trennungsangst: Wenn die Schule zum gefährlichen Ort wird · Stand 18.04.2024
- Trennungsangst bei Kindern · Stand 28.05.2026
Alle Seiten zu diesem Thema findet ihr in der Übersicht Ratgeber.
