Zum Inhalt springen

Vorlesen: Was Eltern wissen sollten

Vorlesen lohnt sich von Anfang an: Schon im ersten Lebensjahr könnt ihr euer Kind mit Sprache vertraut machen, und spätestens zum ersten Geburtstag kann es richtig losgehen3. Für den Anfang reicht eine Viertelstunde am Tag4. Entscheidend ist nicht die perfekte Vorlesestimme, sondern die gemeinsame Zeit – ihr müsst dabei nicht schauspielern6.
Redaktion Schnuller.deZuletzt aktualisiert 9 Min. LesezeitFachlich geprüft von Josef Maier
Eltern und Kind kuscheln beim Vorlesen mit einem Bilderbuch auf dem Sofa

Ab wann sollte man vorlesen?

Mit dem Vorlesen könnt ihr beginnen, lange bevor euer Kind selbst spricht. Schon im ersten Lebensjahr ist es richtig, euer Kind mit Sprache zu verwöhnen: Erzählt ihm etwas, schaut gemeinsam Bilderbücher an – das unterstützt das Sprechenlernen von Anfang an3. Spätestens, wenn euer Kind um den ersten Geburtstag herum mit dem Sprechen beginnt, kann es mit dem Vorlesen richtig losgehen3.

Ein Entwicklungsschritt, der das Verstehen von Geschichten trägt, beginnt mit etwa 18 Monaten: die Fähigkeit, im Kopf eigene Bilder zu erzeugen4. Nach einer Studie der Universität Chicago haben Kinder, denen vorgelesen wird, mit 20 Monaten durchschnittlich einen um 131 Wörter größeren Wortschatz als Kinder ohne Vorleseerfahrung; mit zwei Jahren sind es durchschnittlich 295 Wörter mehr4.

Bei den ganz Kleinen ist Erzählen oft die bessere Wahl als Vorlesen: Beim freien Erzählen könnt ihr stärker auf das Befinden eures Kindes eingehen, die Geschichte spannender machen oder eine angstvolle Stelle auflösen3. Praktische Unterstützung gibt es obendrein: Im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen U6 (etwa 1 Jahr) und U7 (etwa 2 Jahre) erhalten Familien beim Kinderarzt ein Lesestart-Set9. Für Dreijährige gibt es diese Materialien in vielen Bibliotheken7.

Eine feste Altersgrenze, ab wann ihr mit dem Vorlesen beginnen solltet, gibt es nicht: Entscheidend ist, dass ihr anfangt und dabeibleibt – auch wenn an manchen Tagen nur zwei Seiten gehen.

Was Vorlesen bei Kindern bewirkt

Vorlesen ist gemeinsame Zeit. Ihr kommt ins Gespräch, kuschelt euch hin und schafft kleine Auszeiten im oft trubeligen Alltag – das stärkt die Beziehung1. Nebenbei hört euer Kind neue Wörter, lernt Satzmuster kennen und erlebt, dass sich gesprochene und geschriebene Sprache unterscheiden1, 3.

Weil beim Zuhören keine fertigen Bilder geliefert werden, entstehen im Kopf eigene Bilder – anders als beim Fernsehen, das alle Bilder schon vorgibt3. Das trainiert Vorstellungskraft, Konzentration, Gedächtnis sowie das Zurück- und Vorausdenken3. In Geschichten erlebt euer Kind außerdem, wie Probleme gelöst werden, und lernt, sich in andere hineinzuversetzen1.

Langfristig zahlt sich das aus: Kinder, denen viel erzählt und vorgelesen wurde, tun sich später in der Schule mit Lesen und Schreiben leichter3. 58 Prozent der Kinder, denen täglich vorgelesen wird, fällt das Lesenlernen leicht; 56 Prozent der Kinder, denen niemals vorgelesen wurde, haben damit Schwierigkeiten6. Etwa 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen haben Probleme beim Lesen und Schreiben, oft werden solche Schwächen zu spät erkannt7.

Umso mehr fällt auf, wie viele Familien das Ritual nicht schaffen. Für den Vorlesemonitor 2024 wurden 815 Eltern von 1- bis 8-jährigen Kindern befragt: 32,3 Prozent der Kinder wird selten oder nie vorgelesen, 18 Prozent nie5.

Persönliche HörgeschichteErstellt eine Hörgeschichte mit dem Namen, Alter und Lieblingsthema eures Kindes.Jetzt Hörgeschichte erstellen

Geschichten zum Vorlesen: Welche Auswahl passt?

Die beste Geschichte ist die, die euer Kind hören möchte. Lasst es selbst aussuchen – viele Kinder können von derselben Geschichte gar nicht genug bekommen und möchten Abend für Abend dasselbe Buch3. Achtet darauf, dass genügend altersgemäßer Lesestoff vorhanden ist und die Themen zu den Interessen eures Kindes passen3.

Zwischen drei und fünf Jahren erweitern Kinder ihren Wortschatz stark – von einigen Hundert auf mehrere Tausend Begriffe8. In dieser Zeit hilft eine Mischung aus kurzen Bilderbüchern für müde Tage und längeren Geschichten für wache Stunden. Geschichten zum Vorlesen und Anhören findet ihr in der Sammlung Kindergeschichten; klassische Stoffe sammelt Märchen zum Vorlesen.

Gedruckte Bücher eignen sich meist besser zum Vorlesen als E-Books: Mit Tönen und Animationen versehene Geschichten lenken in der Regel mehr ab und beeinträchtigen das Verständnis9. Bleibt ein Wort unklar, helft eurem Kind, es zu verstehen; auch ein zweiter Durchgang durch dasselbe Buch kann den Wortschatz verfestigen9.

Nicht jede Familie hat viele Bücher zu Hause: 29 Prozent der befragten Familien besitzen weniger als zehn Kinderbücher5. Bibliotheken und Tauschregale in Kitas helfen, ohne Kaufdruck Neues auszuprobieren. Für die Adventszeit gibt es eine eigene Seite: Weihnachtsgeschichten zum Vorlesen – alles auf einen Blick.

Vorlesen als Abendritual

Am Abend entfaltet Vorlesen eine besondere Wirkung. Nach einem vollen Tag sind viele Kinder müde, überreizt und finden allein nicht mehr heraus; kuscheln auf dem Sofa, ein Buch und eine ruhige Stimme helfen, wieder zur Ruhe zu kommen3. Vor dem Schlafengehen lassen sich die Aufregung und die Eindrücke des Tages gut ablegen – deshalb ist es sinnvoll, das Vorlesen fest ins Abendritual einzubauen3.

Für das Ritual braucht es keine perfekte Bühne. Sucht einen ruhigen, entspannten Moment im Tagesablauf, schaltet störende Nebengeräusche ab und macht es euch gemütlich3. Eine feste Zeit hilft allen: Täglich eine Viertelstunde Vorlesen oder Erzählen reicht völlig aus4. Möchte euer Kind früher aufhören, ist das in Ordnung – zwingt es nicht, weiter zuzuhören; ist die Geschichte noch nicht zu Ende, erfindet einen früheren Schluss oder kündigt eine Fortsetzung an4.

Übrigens ist Vorlesen auch für Spielmuffel eine schöne Art, Zeit miteinander zu verbringen3. Und fürs Einschlafen gibt es eine eigene Sammlung: Gute-Nacht-Geschichten für Kinder von 2 bis 6 Jahren.

Mehrsprachig vorlesen – in der Sprache, die sich richtig anfühlt

Vorlesen muss nicht auf Deutsch stattfinden. Eltern sollten in der Sprache vorlesen, in der sie sich selbst wohlfühlen7 – für viele Familien ist das die Herkunftssprache. Unterschiedliche Herkunftssprachen sind eine Ressource, die sich nutzen lässt, damit Vorlesen für mehr Familien zum festen Ritual wird2. Kitas setzen dabei wichtige Sprach- und Leseförderimpulse – bei den Kindern und bei den Familien2.

Ein Beispiel aus der Praxis: Seit Oktober 2023 gibt es neun beliebte Vorlesetitel für Kinder von etwa zwei bis sieben Jahren in sieben weiteren Sprachen neben Deutsch – Arabisch, Farsi, Polnisch, Rumänisch, Russisch, Türkisch und Ukrainisch2. So können Geschichten, die Kinder aus der Kita kennen, und alltagsrelevante Themen zu Hause in der Familiensprache einziehen2.

Begleitet wurde das Programm von einer Studie der Stiftung Lesen und des Lehrstuhls für Pädagogische Psychologie der Universität Göttingen: Von Oktober 2023 bis Juni 2024 untersuchte sie, wie sich verstärktes Vorlesen in der Herkunftssprache auf die Sprachkompetenzen mehrsprachig aufwachsender vier- bis sechsjähriger Kinder auswirkt; rund 30 Einrichtungen nahmen teil2.

Digital vorlesen: Apps, E-Books und Hörgeschichten

Digitale Angebote machen jede Pause zur Vorlesezeit: Ob Wartezeit beim Kinderarzt oder die Fahrt mit Bus und Bahn – auch kurze Alltagspausen eignen sich, um gemeinsam Geschichten zu entdecken6. Schon 43 Prozent der Eltern haben Apps für Kinder genutzt, 26 Prozent davon zum Vorlesen5.

Beim Bilderbuch auf dem Tablet ist trotzdem Zurückhaltung sinnvoll: Mit Tönen und Animationen versehene Geschichten lenken in der Regel mehr ab und beeinträchtigen das Verständnis9. Digitale Bücher helfen vor allem dann, wenn sie Hintergrundwissen anregen oder einzelne Ereignisse der Geschichte zusätzlich erklären9. Gedruckte Bücher und digitale Medien gegeneinander auszuspielen, ist wenig hilfreich; wichtiger ist, dass Kinder bei der Auswahl mitentscheiden dürfen5.

Hörgeschichten sind kein Ersatz für die gemeinsame Lesezeit, aber eine gute Ergänzung – etwa an Tagen, an denen wenig Zeit bleibt. Wie sich beides sinnvoll ergänzt, beschreibt Hörgeschichte oder Vorlesen? Warum beides seinen Platz hat.

Praxis-Tipps: Vorlesen im Familienalltag

  1. Feste Zeit einplanen: Legt das Vorlesen in einen ruhigen Moment, der jeden Tag wiederkehrt – das Abendritual ist dafür besonders geeignet3.
  2. Gemütlich machen: Kuschelt euch auf Sofa oder Bett und schaltet störende Nebengeräusche ab3.
  3. Kind wählen lassen: Euer Kind darf bestimmen, welches Buch vorgelesen wird – auch wenn es immer dieselbe Geschichte sein soll3, 4.
  4. Unterbrechungen zulassen: Fragen, Kommentare und eigene Ideen gehören dazu; baut Anregungen eures Kindes in die Geschichte ein, etwa Namen oder Alltagssituationen3.
  5. Mit Ausdruck lesen: Mal laut, mal leise, mit verschiedenen Stimmen und Geräuschen – Peinlichkeiten gibt es hier nicht3.
  6. Bilder besprechen: Nicht jede Zeile muss vorgelesen werden; über die Bilder lässt sich frei erzählen, und ihr kommt miteinander ins Gespräch6.
  7. Kein Zwang: Möchte euer Kind aufhören, endet die Geschichte früher oder wird zur Fortsetzung4.
  8. Mit normaler Stimme lesen: Ihr müsst nicht schauspielern; die meisten Kinder genießen die gemeinsame Zeit und die vertraute Stimme6.
  9. Eigene Geschichten wagen: Startet mit einer Geschichte, die ihr gut kennt, und wachst Schritt für Schritt ins Erzählen hinein3.
  10. Digitale Pausen nutzen: Wartezeiten und Fahrten lassen sich mit einer Geschichte füllen6.
Infografik mit fünf praktischen Tipps für das Vorlesen im Familienalltag, von festen Zeiten bis zu gemütlichen Momenten.
Persönliche HörgeschichteErstellt eine Hörgeschichte mit dem Namen, Alter und Lieblingsthema eures Kindes.Jetzt Hörgeschichte erstellen

Häufige Fragen

Wie geht interaktives Vorlesen?
Beim interaktiven Vorlesen lest ihr nicht nur vor, sondern sprecht mit: Kinder- und Jugendärzte empfehlen diese Form besonders für Kinder von drei bis fünf Jahren9. Dabei stellt ihr Fragen und sprecht darüber, was euer Kind denkt8. Lasst Pausen zu, in denen euer Kind selbst erzählt, und ermutigt es, eigene Fragen zu stellen9.

Quellen

  1. 10 Gründe fürs Vorlesen: Stiftung Lesen · abgerufen am 11.10.2026
  2. Vorlesen in allen Sprachen · abgerufen am 11.10.2026
  3. Geschichten vorlesen · Stand 31.12.2025
  4. Sprachförderung durch Vorlesen: Kinderaerzte-im-Netz · abgerufen am 11.10.2026
  5. Einzelansicht Nachrichten · abgerufen am 11.10.2026
  6. Einzelansicht Nachrichten · abgerufen am 11.10.2026
  7. Frühförderung: Sanfter Einstieg in das Lesen und Schreiben » Entwicklung & Erziehung » Kleinkinder » Altersgruppen · Stand 08.07.2021
  8. „Interaktives Lesen“ ist noch besser als Vorlesen: Kinderaerzte-im-Netz · abgerufen am 11.10.2026
  9. Gedruckte Bücher eigenen sich meist besser zum Vorlesen und Lesen für Kinder als E-Books: Kinderaerzte-im-Netz · abgerufen am 11.10.2026
Fachliche PrüfungJosef MaierKinder- und Jugendpädagoge · Diplom-Sozialpädagoge (FH)Fachlich geprüft am von Josef Maier
TextRedaktion Schnuller.deZuletzt aktualisiert am

Mehr zum Thema

Begriffe aus dem Baby-Lexikon: Vorlesen (Lexikon)