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Der Wolf und das Lamm – Fabel mit Moral für Kinder

Ein Lämmchen, ein hungriger Wolf und eine Anschuldigung nach der anderen – darum geht es in der Fabel Der Wolf und das Lamm. Der Wolf sucht einen Vorwand, um das Lämmchen zu fressen, doch jedes seiner Argumente zerfällt, weil das Lämmchen die Wahrheit sagt. Am Ende packt der Wolf trotzdem zu: Die Geschichte zeigt, dass der Stärkere immer eine Begründung findet, wenn er Unrecht begeht2. Bei uns könnt ihr die Fabel als Nacherzählung lesen und als Hörfassung anhören.
Redaktion Schnuller.deZuletzt aktualisiert 10 Min. LesezeitFachlich geprüft von Josef Maier
Der Wolf und das Lamm stehen sich auf einer sonnigen Wiese gegenüber, im Hintergrund ein alter Brunnen – zur Fabel Der Wolf und das Lamm
Jahr
Antike
Alter ab
4
Autor/Herkunft
Äsop (Three Hundred Aesop's Fables, englische Übersetzung: George Fyler Townsend, † 1900, Project Gutenberg #21)

Neu erzählt nach Äsop (Altgriechisch, Antike)

Die Fabel Der Wolf und das Lamm ist uralt und in wenigen Minuten vorgelesen; unsere Nacherzählung ist ab vier Jahren geeignet, ruhig erzählt und endet mit der Lehre, die schon die Antike kannte.

Der Wolf und das Lamm – die Fabel zum Vorlesen

Hörfassung · 4 Min.
Der Wolf und das Lamm – Hörfassung
0:003:51
MP3 herunterladen (2,2 MB)

Das Lämmchen war am frühen Morgen von der Herde abgekommen. Es hatte den Glockenklang der Schafe hinter sich gelassen, war über eine Wiese getrabt und stand nun allein im hohen Gras. Der Tau hing noch an den Halmen, über dem Waldrand stand die Sonne, und weit und breit war kein anderes Schaf zu sehen – nur ein alter Brunnen und der helle Himmel.

Dort traf es den Wolf.

Ein Lämmchen steht allein im hohen Gras, während die Schafherde in der Ferne zieht – kindgerechte Illustration im Bilderbuchstil

Der Wolf war groß und mager, und seit dem Abend hatte er nichts gefressen. Ein Lämmchen wie dieses wäre ein leichtes Mahl gewesen. Doch der Wolf wollte nicht einfach zupacken. Er wollte recht haben. Er stellte sich vor, wie die Tiere des Waldes später über ihn sprechen würden, und in dieser Vorstellung kam er besser weg, wenn er einen Grund hatte. Also blieb er stehen, setzte eine ernste Miene auf und sprach das Lämmchen an.

„Komm her, du!“, sagte er mit rauer Stimme. „Im vorigen Jahr hast du mich schwer beleidigt.“

In der Ferne klingelte eine Glocke. Das Lämmchen horchte, aber die Herde war zu weit weg, und der Wolf stand dicht vor ihm. Es sah zu ihm auf, seine Knie zitterten, doch es nahm seinen ganzen Mut zusammen und antwortete leise und deutlich: „Das kann nicht sein, Herr Wolf. Im vorigen Jahr war ich noch gar nicht geboren.“

Der Wolf schnaufte. „Dann weidest du auf meiner Wiese. Das Gras, das du frisst, gehört mir.“

„Ich habe noch nie Gras gefressen“, sagte das Lämmchen. „Die Milch meiner Mutter ist meine Speise. Von den Halmen hier habe ich keinen einzigen angerührt.“

Der Wolf trat einen Schritt näher, und seine Augen wurden schmal. „Dann trinkst du aus meinem Brunnen.“

„Aus dem Brunnen habe ich noch nie getrunken“, antwortete das Lämmchen. „Ich kenne Wasser nur von Weitem, und die Milch meiner Mutter ist mir Trank und Speise zugleich.“

Der Wolf mochte es nicht, wenn jemand widersprach. Er mochte es noch weniger, wenn derjenige recht hatte. Also schwieg er und suchte in Gedanken nach einem weiteren Vorwurf. Drei hatte er schon vorgebracht, drei ruhige Antworten hatte er bekommen. Jedes Wort des Lämmchens stimmte, und das wusste der Wolf ganz genau.

Das Lämmchen senkte den Kopf. „Was habe ich dir getan?“, fragte es leise. Der Wolf gab keine Antwort darauf. Um recht zu haben, war er nicht gekommen. Er hatte Hunger, und Hunger lässt sich nicht widerlegen.

Da war nur noch sein Hunger. Er trat ganz nah heran, und in seiner Stimme war keine Frage mehr: „Ich will nicht ohne Abendessen bleiben, auch wenn du mir jede meiner Beschuldigungen widerlegst.“

Dann packte er das Lämmchen und fraß es auf. Auf der Wiese blieb nichts zurück als ein paar Spuren im Gras und ein Brunnen, aus dem niemand getrunken hatte. So erzählt die Fabel von einem Wolf, der nicht recht hatte – aber stärker war.

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Die Fabel vom Lamm und dem Wolf in Kürze

Ein Lämmchen ist von der Herde abgekommen und steht allein auf einer Wiese, als der Wolf auftaucht. Der hat Hunger, will aber nicht als Räuber dastehen und sucht deshalb einen Vorwand. Erst behauptet er, das Lämmchen habe ihn im vorigen Jahr beleidigt. Das Lämmchen war damals noch nicht geboren. Dann soll es auf seiner Wiese weiden – dabei hat es nie Gras gefressen. Und aus seinem Brunnen soll es trinken – dabei kennt es nur die Milch seiner Mutter. Als jeder Vorwurf widerlegt ist, packt der Wolf das Lämmchen trotzdem. Der Stärkere findet immer eine Begründung, wenn er Unrecht begeht2.

Die Figuren

  • Der Wolf – er ist groß, mager und hungrig, und weil er sich einen Grund zurechtlegt, soll seine Tat wie Recht aussehen.
  • Das Lämmchen – es ist von der Herde abgekommen, antwortet höflich und ruhig und widerlegt jeden Vorwurf, kann sich aber nicht wehren.
  • Die Herde – sie bleibt in der Ferne, ihr Glockenklang ist zu hören, doch niemand bemerkt, dass ein Lamm allein ist.

Was lernen Kinder daraus?

Die Fabel zeigt Kindern einen Unterschied, den sie im Alltag oft erleben: den Unterschied zwischen einem echten Grund und einer Ausrede4. Der Wolf sammelt Vorwürfe, die alle nicht stimmen, und will damit nur erreichen, was er ohnehin vorhat4. Solche Muster kennen Kinder aus dem Streit um ein Spielzeug oder aus Situationen, in denen jemand schnell die Schuld weiterschiebt4.

Zugleich macht die Geschichte Mut, über Ungerechtigkeit zu sprechen. Wer im Recht ist, wird nicht immer gehört – dieses Gefühl kennen Kinder gut4. Deshalb ist es sinnvoll, sich Hilfe zu holen, wenn jemand stärker ist und einfach nicht aufhört: bei Erwachsenen, bei Freundinnen und Freunden.

Ein Hinweis fürs Gespräch: Der Wolf in der Fabel ist eine erfundene Figur und kein Abbild echter Wölfe4. Er steht für einen Menschen, der seine Macht ausnutzt. Diese Unterscheidung hilft Kindern, die Geschichte einzuordnen.

Das Lamm und der Wolf – Herkunft und Entstehung des Fabeltexts

Die Fabel wird dem altgriechischen Dichter Äsop zugeschrieben; im Perry-Index trägt sie die Nummer 1552. Über Äsop selbst ist wenig bekannt – ob er wirklich gelebt hat, gilt als unsicher4. Seine Tierfabeln wurden lange mündlich weitergegeben und sollten eine praktische Lebenslehre vermitteln4.

Später erzählten andere Autoren den Stoff neu. Der römische Dichter Phaedrus brachte ihn im 1. Jahrhundert n. Chr. in Versform (Lupus et agnus, Fabeln 1, 1)2. Im 17. Jahrhundert griff der französische Dichter Jean de La Fontaine die Fabel auf2.

Unsere Nacherzählung folgt der englischen Übertragung von George Fyler Townsend in der Sammlung Three Hundred Aesop's Fables. In dieser Fassung ist das Lämmchen von der Herde abgekommen, und der Wolf bringt drei Vorwürfe vor: eine Beleidigung im vorigen Jahr, die Weide und den Brunnen.

Andere Fassungen versetzen die Begegnung an einen Bach, an dem das Lamm trinkt und der Wolf weiter oben steht1. Aus dieser Version stammt die Redewendung, jemand könne „kein Wässerchen trüben“2. In wieder anderen Fassungen ist das Lämmchen erst vier Wochen alt und hat seinen Vater nie gekannt3. Es gibt unzählige Versionen in verschiedenen Ländern, doch der Kern bleibt gleich4.

Solche Fabeln entstanden in Gesellschaften mit strengen Hierarchien, in denen Recht nicht für alle gleich galt. Die Tierrollen schufen Distanz und erlaubten es, Machtmissbrauch zu kritisieren, ohne direkt auf Herrscher zu zeigen4.

Das Lamm und der Wolf – die Lehre der Fabel

Wie die Lehre der Fabel formuliert wird, hat sich über die Jahrhunderte verändert. Phaedrus schließt seine lateinische Fassung mit dem Gedanken, die Fabel sei für Menschen geschrieben, die aus erfundenen Gründen Unschuldigen Gewalt antun2. Bei La Fontaine steht am Anfang der Satz, der Starke habe immer recht2.

Martin Luther übertrug die Fabel unter dem Titel Vom Wolff und Lemlin ins Deutsche2. Er deutete sie so, dass der Fromme leiden muss, wenn einer Streit sucht, und dass Gewalt über dem Recht steht2. Eine deutsche Fassung erklärt das Verhalten des Wolfes damit, dass sich das Gewissen auch beim größten Bösewicht regt und nach einem Vorwand sucht5.

Für Kinder lässt sich daraus eine einfache Frage ableiten: Hat jemand einen echten Grund – oder erfindet er immer neue, bis ihm die Argumente ausgehen? Der Wolf in dieser Fabel hört am Ende auf zu begründen und packt einfach zu.

Fragen zum Gespräch mit eurem Kind

  • Was hat der Wolf dem Lämmchen vorgeworfen, und was hat das Lämmchen jedes Mal geantwortet?
  • Warum hat der Wolf überhaupt nach einem Grund gesucht, obwohl er doch viel stärker war?
  • Wie fühlt sich das Lämmchen, als ihm niemand glaubt – kennst du dieses Gefühl auch?
  • Woran merkt man, ob jemand einen echten Grund hat oder nur eine Ausrede sucht?
  • Was würdest du machen, wenn jemand immer neue Gründe erfindet, um dich zu ärgern?

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Quellen

  1. Der Wolf und das Lamm / Deutschland-Lese · abgerufen am 10.10.2026
  2. Der Wolf und das Lamm · abgerufen am 11.10.2026
  3. Das Lamm und der Wolf · abgerufen am 11.10.2026
  4. Der Wolf und das Lamm · Stand 10.10.2026
  5. Das Lamm und der Wolf · abgerufen am 11.10.2026
  6. Three Hundred Aesop's Fables (engl. Übers. George Fyler Townsend †1900, Gutenberg #21) – Fabel darin auswählen · abgerufen am 11.10.2026
Fachliche PrüfungJosef MaierKinder- und Jugendpädagoge · Diplom-Sozialpädagoge (FH)Fachlich geprüft am von Josef Maier
TextRedaktion Schnuller.deZuletzt aktualisiert am

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