Die Schildkröte und der Hase – Fabel mit Moral für Kinder

- Jahr
- Antike
- Alter ab
- 5
- Autor/Herkunft
- Äsop (Three Hundred Aesop’s Fables, englische Übersetzung von George Fyler Townsend, Project Gutenberg #21)
Neu erzählt nach Äsop (Griechisch, Antike)
Die Fabel von der Schildkröte und dem Hasen wird dem altgriechischen Dichter Äsop zugeschrieben3 und lässt sich schon Vorschulkindern gut vorlesen.
Der Hase und die Schildkröte – Fabel-Text zum Vorlesen
Am Rand eines weiten Feldes, dort, wo der Wald in die Wiesen übergeht, lebte ein Hase. Er war der schnellste Läufer weit und breit. Wenn er über die Stoppeln fegte, blieb kein Halm stehen, und wenn er sprang, schauten ihm die Feldmäuse staunend nach. Der Hase wusste das sehr genau und erzählte es jedem, der es hören wollte: Schneller als er sei kein Tier im ganzen Land.
Eines Morgens kam eine Schildkröte des Weges. Sie trug ihr Haus auf dem Rücken, setzte einen Fuß bedächtig vor den anderen und ließ sich Zeit. Der Hase blieb stehen, sah ihr eine Weile zu und fing an zu spotten. „Deine Beine sind zu kurz und dein Gang ist viel zu langsam“, sagte er. „Bis du dort ankommst, wo du hinwillst, ist der Sommer vorbei.“ Er lachte so laut, dass die Vögel aus den Büschen flogen.
Der Hase hüpfte um sie herum und rief: „Ein Sprung von mir, und du brauchst dafür einen halben Tag!“ Die anderen Tiere kicherten. Die Schildkröte ging einfach weiter, als hätte sie nichts gehört.
Dann aber blieb sie stehen und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie hob den Kopf und sah ihm gerade in die Augen. „Du magst schnell wie der Wind sein“, sagte sie, „und trotzdem werde ich dich in einem Wettlauf besiegen.“ Der Hase lachte noch lauter. Er hielt das für einen Scherz, nahm die Herausforderung aber an. Die beiden einigten sich darauf, dass der Fuchs die Strecke aussuchen und das Ziel festlegen sollte.
Manche Tiere schüttelten den Kopf. Ein Wettlauf zwischen dem schnellsten und dem langsamsten Tier? Das konnte doch nicht gut gehen. Die Schildkröte sagte nichts dazu. Sie prahlte nicht und übte nicht, sie wartete einfach auf den Morgen des Rennens.
In den Tagen davor sprach sich die Sache im Wald herum. Mäuse, Vögel, Eidechsen, ein Dachs und viele andere Tiere wollten zusehen. Der Fuchs zog die Strecke über die große Wiese, gerade bis zu dem alten Baum am Waldrand. Wer zuerst dort ankam, hatte gewonnen.
Am Morgen des Rennens standen alle am Rand der Strecke. Der Fuchs stellte sich zwischen die beiden Läufer und gab das Startzeichen. Im selben Augenblick schoss der Hase los wie ein Pfeil. Staub wirbelte auf, die Gräser neigten sich, und ehe die Schildkröte ihren ersten Schritt getan hatte, war der Hase schon weit voraus.
Als er sich umdrehte und die kleine Gestalt weit hinter sich sah, wurde er übermütig. Er machte Luftsprünge, schlug Purzelbäume und hüpfte im Zickzack über die Wiese. Die Zuschauer lachten und klatschten, und je mehr sie lachten, desto wilder wurden seine Kunststücke. Einmal lief er zurück, bis er neben der Schildkröte war. „Na, kommst du auch voran?“, rief er. Die Schildkröte antwortete nicht. Sie setzte einen Fuß vor den anderen.
Nach einer Weile wurde der Hase müde. Die vielen Sprünge, die Extrarunden und das Lachen hatten ihn außer Atem gebracht. Er warf einen Blick zurück. Die Schildkröte war noch weit weg, ein kleiner Punkt am Anfang des Weges. „Sie braucht ja noch eine Ewigkeit“, murmelte er. „Ich kann mir gut ein Nickerchen leisten.“ Er suchte sich ein schattiges Plätzchen am Wegesrand, streckte die langen Hinterbeine aus und schlief ein.
Ein Vogel flog über den schlafenden Hasen hinweg und blieb erschrocken in der Luft stehen. Eine Maus lugte aus dem Gras und schüttelte den Kopf. Doch niemand weckte ihn, denn beim Wettlauf ist jede und jeder für sich unterwegs.
Die Schildkröte aber ging weiter. Die Sonne wanderte über den Himmel, die Schatten wurden länger, und ihre Beine wurden schwer. Sie hörte die Worte des Hasen noch in den Ohren. Mit jedem Schritt wurden sie leiser, bis nur noch ihr eigener, gleichmäßiger Gang zu hören war. Sie dachte nicht daran, wie weit der Hase voraus war. Sie dachte an den nächsten Schritt. Und danach an den nächsten.
So kam sie an die Stelle, an der der Hase lag. Sie sah, wie sich sein Bauch im Schlaf hob und senkte, und hörte seine Ohren im Gras rascheln. Einen Augenblick blieb sie stehen. Dann ging sie weiter, ganz leise, ohne Spott und ohne einen einzigen lauten Ruf.

Am Ziel wurden die Zuschauer unruhig. Erst sah nur ein Vogel hin, dann eine Maus, dann alle. Die Schildkröte kroch die letzten Schritte über die Wiese, ruhig, als wäre es ein Spaziergang wie jeder andere. Als sie den alten Baum erreichte, brachen die Tiere in Jubel aus. Sie klatschten, pfiffen und riefen durcheinander.
Der Hase träumte vom Sieg. Er träumte, wie er als Erster am Baum ankam und alle ihm zujubelten. Dann wurde er wach, und was ihn weckte, war kein Traum, sondern der Jubel, der über die Wiese brauste. Er fuhr hoch. Und da sah er die Schildkröte, wie sie gerade ihren letzten Schritt über die Linie setzte.
Er rannte, so schnell er konnte. Seine Pfoten trommelten über den Boden, seine Ohren flogen nach hinten. Aber die Strecke wollte kein Ende nehmen, und als er endlich ankam, hatte sich die Schildkröte längst im Schatten des Baumes ausgeruht.
„Ich habe verloren“, sagte der Hase, und es klang ehrlich. „Ich habe mich auf meine Beine verlassen und gedacht, ich hätte Zeit ohne Ende. Dabei habe ich verschlafen, was ich am besten kann.“ Die Schildkröte blinzelte ihn an. „Ich bin nicht den ganzen Weg gerannt“, sagte sie. „Ich bin nur nie stehen geblieben.“
Seit diesem Tag spottet der Hase nicht mehr über langsame Tiere. Und wenn die Tiere des Waldes sich an den großen Wettlauf erinnern, sagen sie einen Satz, den jedes Kind behalten kann: Langsam, aber stetig gewinnt das Rennen.
Die Schildkröte und der Hase in Kürze
Ein Hase verspottet eine Schildkröte, weil sie so langsam geht. Die Schildkröte fordert ihn zum Wettlauf heraus; der Fuchs legt die Strecke und das Ziel fest, und viele Tiere des Waldes schauen zu. Der Hase ist so schnell, dass er sich einen Vorsprung erlaubt: Er macht Kunststücke, läuft Extrarunden und legt sich schließlich am Wegesrand schlafen. Die Schildkröte geht unbeirrt Schritt für Schritt weiter und erreicht als Erste den alten Baum. Als der Hase aufwacht und losrennt, ist es zu spät – die Tiere jubeln bereits der Schildkröte zu, die sich im Schatten ausruht.
Die Figuren
- Die Schildkröte: Sie wird verspottet, fordert den Hasen ruhig zum Wettlauf heraus und erreicht das Ziel, weil sie keinen Schritt auslässt.
- Der Hase: Er läuft schneller als alle anderen, macht sich über die Schildkröte lustig und verschläft aus Übermut den Sieg.
- Der Fuchs: Er sucht die Strecke aus und legt das Ziel fest, hat im Rennen also die Rolle des Schiedsrichters.
- Die Tiere des Waldes: Mäuse, Vögel, Eidechsen und der Dachs kommen als Zuschauer zur Wiese und jubeln am Ende der Schildkröte zu.
Was lernen Kinder daraus?
Die Fabel ist kurz, aber sie steckt voller Gesprächsstoff. Sie erzählt von zwei unterschiedlichen Stärken: Der Hase hat Schnelligkeit, die Schildkröte hat Ausdauer. Am Ende gewinnt nicht die größere Begabung, sondern die gleichmäßige Anstrengung3. Schon in der Antike wurde darum der törichte Übermut des Hasen betont, der sein Können durch Nachlässigkeit verschenkt3. Der Hase gibt am Ende selbst zu, dass ihn das Vertrauen in seine Schnelligkeit leichtsinnig gemacht hat4. Zugleich zeigt die Schildkröte, wie viel Mut es braucht, sich verlachen zu lassen und trotzdem anzutreten3. Eine deutsche Nacherzählung bringt die Lehre so auf den Punkt: Wer stetig bleibt, hat oft mehr Erfolg als jemand, der sprunghaft bei der Sache ist2. Für Kinder ist das eine gute Gelegenheit, über Ausdauer, Übermut und Fairness zu sprechen.
Herkunft und Entstehung
Die Fabel gehört zum ältesten Bestand der europäischen Tierdichtung. Sie wird dem altgriechischen Fabeldichter Äsop zugeschrieben und trägt im Perry-Index, dem Verzeichnis der Äsop-Fabeln, die Nummer 2263. Von dort wanderte sie durch die Jahrhunderte: Eine spätere Version von Jean de La Fontaine folgt der Fassung Äsops fast genau, erzählt die Geschichte aber ausführlicher3. Die Auslegungen gingen auseinander. In der Antike stand der törichte Übermut des Hasen im Mittelpunkt; Otto van Veen verband die Fabel 1608 mit der Empfehlung „Eile mit Weile“, und unter einem Bild von ihm steht „Ausdauer gewinnt“3. Eine andere Deutung lobte die Schildkröte als mutig, weil sie sich von den Verhöhnungen nicht beirren ließ3. Ab dem 19. Jahrhundert wurde die Fabel auch satirisch erzählt, unter anderem von Charles H. Bennett (1857) und Lord Dunsany (1915)3. Unsere deutsche Fassung haben wir frei nach der englischen Übersetzung von George Fyler Townsend erzählt, die in der Sammlung „Three Hundred Aesop’s Fables“ bei Project Gutenberg steht.
Der Hase und die Schildkröte – Fabel als PDF
Manchmal ist ein Blatt Papier praktischer als ein Bildschirm. Über den Druckbefehl eures Browsers könnt ihr die Fabel ausdrucken oder als PDF auf eurem Gerät speichern. Beim Vorlesen lasst ihr den Finger unter den Zeilen mitwandern, und Kinder malen gern neben der Geschichte weiter. Für jüngere Kinder ist es hilfreich, nur wenige Sätze auf eine Seite zu nehmen, damit der Blick frei bleibt. Ältere Kinder lesen selbst mit und sprechen die wörtliche Rede der beiden Tiere in verschiedenen Stimmen. Wenn ihr die Fabel für eine Gruppe braucht, druckt ihr die Seiten am besten doppelt und legt sie in die Leseecke.
Der Hase und die Schildkröte als Arbeitsblatt
Zur Fabel gibt es erprobte Aufgabenformen, die sich leicht selbst zusammenstellen lassen. In Arbeitsblättern zur Schildkröte und zum Hasen bringen Kinder sechs Bilder in die Reihenfolge der Handlung und schreiben zu jedem Bild einen passenden Satz5. Eine Wortliste mit Eigenschaften wie ausdauernd, schnell, eingebildet oder freundlich hilft beim Beschreiben der beiden Tiere5. Andere Materialien ergänzen Kreuzworträtsel und Worterklärungen, etwa zu Hohn, Scham oder Vertrauen6. Weil die Handlung in klaren Bildern funktioniert, eignet sich die Fabel auch als Bildergeschichte für Kinder, die noch nicht lesen5. Für ein eigenes Arbeitsblatt reicht oft wenig: drei bis fünf Sätze aufschreiben, die Bilder ordnen lassen und zum Schluss fragen, warum der Hase verloren hat. Vorschulkinder malen lieber, Schulkinder schreiben gern selbst.
Fragen zum Gespräch mit eurem Kind
- Warum lacht der Hase über die Schildkröte – und wie fühlt sich das für die Schildkröte an?
- Die Schildkröte geht Schritt für Schritt weiter. Wo hast du schon einmal etwas geschafft, weil du nicht aufgegeben hast?
- Der Hase war sich seines Sieges sicher. Wann warst du dir einmal zu sicher?
- Am Ende gibt der Hase seinen Fehler zu. Wie ist es, wenn man einen Fehler zugibt?
- Was könnten der Hase und die Schildkröte beim nächsten Mal gemeinsam machen?
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Quellen
- Die Schildkröte und der Hase (Three Hundred Aesop’s Fables, engl. Übers. George Fyler Townsend, Project Gutenberg #21) · abgerufen am 11.10.2026
- Die Schildkröte und der Hase / Deutschland-Lese · abgerufen am 10.10.2026
- Die Schildkröte und der Hase (Fabel) · abgerufen am 11.10.2026
- Die Schildkröte und der Hase · abgerufen am 11.10.2026
- Deutsch Fabel Schildkröte und Hase und ABs · abgerufen am 11.10.2026
- 18634 s 1 3kl schildkroeteundhase · abgerufen am 11.10.2026
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