Die Loreley – die Sage kindgerecht erzählt

- Jahr
- 1827
- Alter ab
- 6
- Autor/Herkunft
- Heinrich Heine (Buch der Lieder: Die Heimkehr)
Neu erzählt nach Heinrich Heine (Buch der Lieder, 1827)
Die Loreley ist eine Sage vom Rhein – hier wird sie für Kinder neu erzählt, zum Vorlesen und Anhören.
Die Loreley – die Sage zum Vorlesen
Es gibt Geschichten, die lassen einen nicht mehr los. Diese hier beginnt an einem Abend am Rhein, wenn die Sonne tief steht und die Luft kühl wird. Der Fluss fließt breit und ruhig zwischen steilen Hängen dahin, auf denen Wein wächst.
In seinem kleinen Boot sitzt ein Schiffer. Er hat den ganzen Tag gearbeitet und lässt sich jetzt von der Strömung treiben. Er hört das leise Klatschen der Wellen am Holz und denkt an nichts Besonderes.
Sonst ist er vorsichtig. Er kennt den Rhein, er weiß, wo die Felsenriffe liegen, und er hält sein Boot immer in der sicheren Spur. Doch heute Abend ist etwas anders.
Vor ihm taucht ein hoher Felsen auf. Er steigt steil aus dem Wasser, und sein Gipfel funkelt im letzten Licht der Abendsonne, als wären kleine Lichter darauf verteilt. Die Menschen nennen diesen Schieferfelsen die Loreley3.

Und oben auf dem Felsen sitzt eine Jungfrau. Der Schiffer sieht zuerst nur einen hellen Fleck, dann erkennt er ihr goldenes Geschmeide, das im Abendrot blitzt. Ihr langes goldenes Haar trägt sie offen, und es leuchtet wie ein Stück Sonnenuntergang.
Ganz langsam zieht die Jungfrau einen goldenen Kamm durch ihre Locken. Dabei singt sie. Ihre Melodie ist wundersam und gewaltig zugleich. Sie schwebt über das Wasser, zwischen den Felsen hindurch und hinüber zu den Weinbergen am anderen Ufer.
Der Abend wird dunkler. Über dem Rhein liegt jetzt ein blauer Schleier, und am Himmel zeigen sich die ersten Sterne. Das Boot treibt näher an den Felsen heran, ganz leise, als hätte es seinen eigenen Willen.
An dieser Stelle ist der Rhein eng und tückisch. Unter der glatten Oberfläche liegen Strudel und Untiefen, und schon manches Schiff ist hier verunglückt4. Die Menschen am Ufer kennen den Berg auch wegen seines Echos: Er wirft Stimmen und Töne vielfach zurück, das war schon vor vielen Jahrhunderten bekannt6.
Der Schiffer hört die Melodie und spürt ein wildes Weh in seiner Brust. Er kann den Blick nicht mehr abwenden. Die Riffe, die im Wasser lauern, sieht er nicht mehr; er sieht nur noch hinauf, hinauf zu der Jungfrau auf dem Felsen.
Die Sage erzählt, dass die Jungfrau eine Nixe oder eine Zauberin ist3. Ihr Gesang ist so schön, dass die Schiffer alles vergessen: die Arbeit, den Kurs, die Gefahr. Manche Leute sagen, sie singe aus Sehnsucht. Andere sagen, sie singe, weil sie ihre eigene Stimme so gern hört.
Auf dem Felsen klingt das Lied weiter. Die Jungfrau hebt nicht den Kopf und schaut nicht hinunter zu dem Boot. Sie kämmt ihr Haar und singt, als wäre sie ganz allein auf der Welt.
Der Schiffer lässt die Ruder sinken. Das Boot dreht sich langsam im Strom, ganz ohne Eile. Dann schlagen die Wellen darüber zusammen und verschlingen Schiffer und Kahn. Es war der Gesang der Loreley, der ihn von seinem Weg fortgezogen hat.
So endet das alte Märchen, das Heinrich Heine in einem Gedicht erzählt hat2. Die Loreley aber sitzt weiter oben auf ihrem Felsen und singt.
Am Rhein erzählen sich die Menschen die Loreley-Sage bis heute weiter. Fischer zeigen ihren Kindern den Felsen, Ausflugsschiffe fahren vorbei, und manche behaupten, an stillen Abenden klinge der Gesang noch immer über das Wasser6. Wenn du einmal am Rhein bist, kannst du dir den Felsen ansehen und dir vorstellen, wie ihr Lied geklungen hat.
Die Loreley in Kürze
An einem Abend fährt ein Schiffer in seinem kleinen Boot über den Rhein. Auf dem hohen Felsen über dem Wasser sitzt eine Jungfrau. Sie kämmt ihr goldenes Haar mit einem goldenen Kamm und singt dabei eine wundersame Melodie. Der Schiffer hört nur noch zu, vergisst die Felsenriffe und die Strömung, und am Ende verschlingen die Wellen ihn und sein Boot2. Die Sage erzählt, dass ihn der Gesang der Loreley von seinem Weg fortgezogen hat. Heinrich Heine machte den Stoff 1824 zu einem Gedicht2; als Lied mit Friedrich Silchers Melodie von 1837 wurde es weit bekannt2.
Die Figuren
- Die Loreley: die schöne Jungfrau auf dem Felsen über dem Rhein, die ihr goldenes Haar kämmt, singt und die Schiffer verzaubert2.
- Der Schiffer: der Mann im kleinen Boot, der den Gesang hört, darüber alles andere vergisst und mit seinem Kahn in den Wellen verschwindet2.
- Das lyrische Ich: der Erzähler des Gedichts, der ein altes Märchen nicht aus dem Sinn bekommt und die Geschichte von der Loreley weitergibt2.
Was lernen Kinder daraus?
Die Geschichte von der Loreley ist schön und traurig zugleich – und genau deshalb bleibt sie hängen. Der Schiffer hört etwas Wunderschönes und vergisst darüber die Gefahr. Kinder kennen dieses Gefühl: Wenn etwas spannend ist, fällt es schwer, woanders hinzuschauen. Die Sage ist ein guter Anlass, darüber zu sprechen, wann wir aufpassen müssen – am Wasser, an der Straße, beim Klettern.
Zugleich erzählt sie von Sehnsucht. Die Jungfrau singt, weil sie sich nach etwas sehnt, und der Schiffer folgt ihrem Lied, weil es ihn berührt. Das ist kein Grund, jemanden zu verurteilen; es ist ein Bild dafür, wie stark Gefühle sein können.
Und die Geschichte zeigt, wie Erzählungen wachsen: Aus einem Felsen, einem Lied und einem Unglück wurden über die Jahrhunderte viele Fassungen, Gedichte und Lieder2, 5, 6. Wer eine Geschichte weitergibt, verändert sie ein wenig und macht sie zu seiner eigenen.
Wo ist die Loreley?
Der Loreley-Felsen am rechten, östlichen Rheinufer bei Sankt Goarshausen in Rheinland-Pfalz ist 132 Meter hoch (193,14 Meter über Normalnull) und gehört bei Rheinkilometer 555 zum UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal3.
An dieser Stelle ist der Rhein eng und tückisch: Der steile Felsen, das enge Tal und die Strudel und Untiefen im Strom bergen bis heute Gefahren für die Schifffahrt, und in der Vergangenheit verunglückten hier zahlreiche Schiffe. Kein Wunder, dass der Felsen Raum für Mythen und Legenden gab4.
Die Verbindung von Felsen und Frau entstand 1801: Clemens Brentano erzählte in seinem Roman Godwi die Ballade von der schönen Zauberin Lore Lay, die sich von dem Felsen in den Rhein stürzt2, 3, 6. In Brentanos Ballade reiten drei Ritter mit ihr zum Kloster; unterwegs bittet sie darum, noch einmal auf den Felsen und in den Rhein schauen zu dürfen, und stürzt sich hinab6. Heinrich Heine griff diese Kunstsage auf und machte sie weltberühmt2, 4.
Die Sage von der Loreley kennt mehrere Fassungen. Eine alte Erzählung berichtet von jungen Fischern, denen die Jungfrau im Abendrot die besten Stellen für ihre Netze zeigt, und von einem Pfalzgrafensohn, der sie sehen will und dabei im Strom versinkt5. Eine andere Fassung macht sie zu einer Rheintochter namens Lure: Sie verliebt sich in einen Königssohn, ihr Vater Rhein befreit den jungen Mann, und seitdem singt sie aus Liebesschmerz auf dem Felsen6.
Weil Dichter der Romantik den Stoff immer wieder weitererzählten, wird die Loreley bis heute oft zu den Rheinsagen gezählt, obwohl die Figur erst 1801 entstand6.
Heinrich Heine und die Loreley
Heinrich Heine schrieb das Gedicht 1824; es erschien 1827 in seinem Band Buch der Lieder im Zyklus Die Heimkehr. Der Text hat sechs Strophen mit je vier Versen, durchgehend im Kreuzreim, mit abwechselnd weiblichen und männlichen Kadenzen3.
Heine kannte Brentanos Lore-Lay-Ballade und bezog sich darauf2. Manche sehen in dem Gedicht eine eigene Liebeserfahrung des Dichters gespiegelt; das Kämmen mit dem goldenen Kamm wird als eitle Geste gedeutet, aber auch als Anspielung auf die Gänsemagd aus den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (KHM 89). Andere lesen den Text als Heines spielerischen Umgang mit der Romantik: Er nutzt ihre Motive und übertreibt sie ein wenig, um sich von ihnen zu distanzieren. Die Verbindung von Eitelkeit, Verführbarkeit und Vergänglichkeit erinnert an die Vanitas-Motive der Epoche2.
Berühmt wurde das Gedicht vor allem als Lied. Im 19. Jahrhundert entstanden über 40 Liedfassungen; die bekannteste stammt von Friedrich Silcher aus dem Jahr 18372. Franz Liszt vertonte den Text 1841 und in überarbeiteter Fassung 1856, Clara Schumann 1843, und Felix Mendelssohn Bartholdy plante eine Oper über den Stoff, die unvollendet blieb2. Im 20. Jahrhundert griffen Musiker das Gedicht erneut auf2. Inzwischen wird die Sage der Loreley in vielen Sprachen gesungen und erzählt4.
So wurde aus Brentanos kurzer Ballade über Heines Verse ein Text, den Menschen auf der ganzen Welt kennen4.
Die Loreley als Gedicht
Daß ich so traurig bin;
Ein Mährchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.
Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.
Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar
Ihr gold’nes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr gold’nes Haar.
Sie kämmt es mit gold’nem Kamme,
Und singt ein Lied dabei;
Das hat eine wundersame,
Gewaltige Melodei.
Den Schiffer im kleinen Schiffe
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh’.
Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn;
Und das hat mit ihrem Singen
Die Lore-Ley gethan.
Text: Heinrich Heine, Quelle: Wikisource – Buch der Lieder, Die Heimkehr (1827). Gedicht als Originaltext; Sage als Nacherzählung.
Fragen zum Gespräch mit eurem Kind
- Warum schaut der Schiffer nicht auf die Felsenriffe, obwohl er sie kennt?
- Was glaubst du, warum singt die Loreley auf dem Felsen?
- Wie würde es dir gehen, wenn du am Ufer plötzlich diese Melodie hören würdest?
- Kennst du eine Stelle, an der du besonders gut aufpassen musst?
- Wie würdest du die Geschichte einem Freund weitererzählen?
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Häufige Fragen
Wo ist die Loreley?
Wie sieht die Loreley aus?
Quellen
- Ich weiß nicht, was soll es bedeuten · abgerufen am 11.10.2026
- Die Lore-Ley · abgerufen am 11.10.2026
- Die Lore-Ley · abgerufen am 10.10.2026
- Loreley entdecken: Mythos am Rhein · abgerufen am 11.10.2026
- Die Sage von der Jungfrau auf der Loreley · abgerufen am 11.10.2026
- Loreley Touristik · abgerufen am 11.10.2026
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