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Der Rattenfänger von Hameln – die Sage kindgerecht erzählt

Der Rattenfänger von Hameln ist eine der bekanntesten deutschen Sagen2. Sie erzählt, wie ein Fremder mit seiner Pfeife erst die Ratten aus der Stadt lockt und später, weil ihm die Bürger den Lohn verweigern, 130 Kinder in einen Berg führt3. Hier findet ihr die Sage kindgerecht nacherzählt – zum Vorlesen, Anhören und Weiterdenken.
Redaktion Schnuller.deZuletzt aktualisiert 20 Min. LesezeitFachlich geprüft von Josef Maier
Der Rattenfänger von Hameln im bunten Rock mit seiner Pfeife vor dem Stadttor
Jahr
1816
Alter ab
6
Autor/Herkunft
Brüder Grimm (Deutsche Sagen, Band 1)

Neu erzählt nach Jacob und Wilhelm Grimm (Deutsche Sagen, 1816)

Diese Sage aus Hameln nahmen Jacob und Wilhelm Grimm 1816 als „Die Kinder zu Hameln“ in ihre Sammlung Deutscher Sagen auf3.

Der Rattenfänger von Hameln – die Sage zum Vorlesen

Hörfassung · 6 Min.
Der Rattenfänger von Hameln – Hörfassung
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Im Jahr 1284 lag die Stadt Hameln an der Weser in großer Not. Aus Kellern und Speichern, aus Ställen, Mühlen und Winkeln krochen Mäuse und Ratten. Sie fraßen, was die Familien für den Winter aufbewahrt hatten, sie liefen nachts über die Dielen, und es wurden immer mehr. Fallen und Katzen halfen kaum, und je länger die Plage dauerte, desto klarer wurde den Bürgern: Mit eigenen Mitteln wurden sie die Tiere nicht wieder los.

In jenem Sommer kam ein fremder Mann durch das Stadttor. Er trug einen Rock aus buntem, vielfarbigem Tuch, und weil dieser Rock so sehr auffiel, soll er Bundting geheißen haben. Der Fremde ging geradewegs zum Rat der Stadt und machte ein Angebot: Wenn man ihm einen festen Lohn verspreche, befreie er Hameln von allen Mäusen und Ratten. Die Bürger wurden mit ihm einig und sicherten ihm einen bestimmten Lohn zu. Sie begrüßten das Angebot, denn der Plage waren sie selbst nicht Herr geworden.

Da zog der Mann ein Pfeifchen hervor und spielte. Kaum war der erste Ton zu hören, krochen die Ratten und Mäuse aus allen Häusern, drängten sich auf den Gassen und sammelten sich dicht um ihn herum. Als er meinte, es sei keine mehr zurück, schritt er zum Tor hinaus, und der ganze Haufen folgte ihm wie ein grauer Strom. An der Weser schürzte er seine Kleider und stieg ins Wasser. Die Tiere liefen ihm nach, wurden von der Strömung erfasst und ertranken. Die Stadt war von ihrer Plage befreit.

Doch kaum waren die Bürger ihre Not los, reute sie der versprochene Lohn. Sie redeten hin und her, suchten Ausflüchte und verweigerten dem Mann am Ende sein Geld. Zornig und erbittert verließ er Hameln. Was er sich dabei vornahm, erzählt die Sage nicht – nur, dass er wiederkam.

Am 26. Juni, dem Johannis- und Paulitag, war es so weit. Früh am Morgen um sieben Uhr, nach anderen erst zu Mittag, erschien er wieder. Diesmal sah er aus wie ein Jäger, mit erschrecklichem Angesicht und einem roten, wunderlichen Hut. Er ging durch die Gassen und ließ seine Pfeife hören. Eine alte Quelle nennt statt des 26. Juni übrigens den 22. Juni – ganz einig war sich die Überlieferung also nicht.

Und wieder kam alles gelaufen. Diesmal aber waren es keine Ratten und Mäuse, sondern Kinder: Knaben und Mädchen vom vierten Jahr an, in großer Anzahl, und unter ihnen die schon erwachsene Tochter des Bürgermeisters. Der ganze Schwarm folgte ihm nach, und er führte die Kinder zum Tor hinaus zu einem Berg, wo er mit ihnen verschwand.

Gesehen hatte das ein Kindermädchen. Es trug ein kleines Kind auf dem Arm, war in einiger Entfernung nachgezogen, dann umgekehrt und brachte das Gerücht in die Stadt. Da liefen die Eltern haufenweise vor alle Tore und suchten mit betrübtem Herzen ihre Kinder; die Mütter erhoben ein jämmerliches Schreien und Weinen. Von Stund an wurden Boten zu Wasser und zu Land an alle Orte geschickt, um zu erkundigen, ob man die Kinder oder auch nur etliche gesehen habe. Alles war vergeblich. 130 Kinder waren verloren.

Zwei von ihnen, so erzählen einige, seien verspätet gewesen und zurückgekommen. Das eine sei blind gewesen, das andere stumm. Das blinde Kind konnte den Ort nicht zeigen, aber wohl erzählen, wie die Kinder dem Spielmann gefolgt waren; das stumme wies den Ort, obwohl es nichts gehört hatte. Ein Knäblein war im Hemd mitgelaufen und kehrte um, seinen Rock zu holen – so entging es dem Unglück. Denn als es zurückkam, waren die anderen schon in der Grube eines Hügels verschwunden, die noch heute gezeigt wird.

Die Straße, durch die die Kinder zum Tor hinausgegangen waren, hieß noch lange die bunge-lose Gasse: die stille, trommel- und tonlose. Kein Tanz durfte darin geschehen, kein Saitenspiel gerührt werden. Ja, wenn eine Braut mit Musik zur Kirche geleitet wurde, mussten die Spielleute über diese Gasse hin schweigen.

Kinder ziehen hinter dem pfeifenden Rattenfänger zum Stadttor hinaus – Illustration zur Sage von Hameln

Der Berg bei Hameln, in dem die Kinder verschwanden, heißt der Poppenberg. Links und rechts wurden dort zwei Steine in Kreuzform aufgerichtet. Einige sagen, die Kinder seien in eine Höhle geführt worden und in Siebenbürgen wieder herausgekommen.

Die Bürger von Hameln ließen die Begebenheit in ihr Stadtbuch eintragen und zahlten danach in ihren Ausschreiben nach dem Verlust der Kinder Jahr und Tag. Am Rathaus stand eine Inschrift, und auch an der neuen Pforte war eine zu lesen. Im Jahr 1572 ließ der Bürgermeister die Geschichte in die Kirchenfenster abbilden, mit einer Überschrift, die heute größtenteils unleserlich geworden ist. Auch eine Münze wurde darauf geprägt.

Niemand hat die Kinder je wiedergesehen. Nur die Geschichte ging von Mund zu Mund, von Stadt zu Stadt – und sie wird bis heute erzählt.

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Der Rattenfänger von Hameln – Kurzfassung

Hameln leidet unter einer Ratten- und Mäuseplage. Ein Fremder in buntem Rock verspricht, die Stadt für einen festen Lohn davon zu befreien. Er pfeift, die Tiere folgen ihm bis in die Weser und ertrinken; die Stadt ist gerettet3. Als die Bürger ihm den Lohn verweigern, geht er zornig fort. Am 26. Juni kehrt er zurück, diesmal als Jäger mit rotem Hut, und lässt seine Pfeife hören. Nun folgen ihm die Kinder – Knaben und Mädchen vom vierten Jahr an, darunter die erwachsene Tochter des Bürgermeisters. Er führt sie in einen Berg und verschwindet mit ihnen. 130 Kinder sind verloren; nur ein Knäblein im Hemd entgeht dem Unglück3.

Die Figuren

  • Der Rattenfänger – ein fremder Mann in einem Rock aus buntem Tuch, der mit seiner Pfeife erst Ratten und Mäuse und später die Kinder der Stadt folgen lässt.
  • Die Bürger von Hameln – sie werden mit ihm einig, verweigern ihm aber am Ende den versprochenen Lohn.
  • Der Bürgermeister – mit ihm wird die Stadt einig, und seine schon erwachsene Tochter gehört zu den Kindern, die fortgehen.
  • Die Kinder – Knaben und Mädchen vom vierten Lebensjahr an, die in großer Zahl dem Pfeifen folgen.
  • Das Kindermädchen – es sieht den Auszug mit einem Kind auf dem Arm, kehrt um und bringt die Nachricht in die Stadt.
  • Die Eltern und Mütter – sie suchen mit betrübtem Herzen vor den Toren und weinen um ihre Kinder.
  • Das blinde Kind – es kommt zurück und kann den Ort nicht zeigen, aber erzählen, wie die Kinder dem Spielmann folgten.
  • Das stumme Kind – es kommt zurück und kann den Ort weisen, obwohl es nichts gehört hat.
  • Der Knabe im Hemd – er läuft mit, kehrt um, seinen Rock zu holen, und entgeht dadurch dem Unglück.

Was lernen Kinder daraus?

Die Sage erzählt von einem gebrochenen Versprechen und davon, was daraus folgt5. Die Bürger von Hameln sind ihre Plage los und wollen nicht mehr zahlen, was sie zugesagt haben. Kinder merken sofort, dass hier etwas nicht stimmt – und dass es am Ende die trifft, die nichts dafür können.

Zugleich geht es um Musik und Verführung: Der Pfeifer gewinnt zuerst die Ratten und später die Kinder, weil seine Melodie alle in ihren Bann zieht5. Das ist ein starkes Bild dafür, wie leicht man jemandem folgt, der freundlich pfeift.

Eine einfache Moral hat die Geschichte nicht, und sie beschuldigt niemanden. Genau deshalb eignet sie sich gut zum Gespräch: Kinder dürfen selbst überlegen, wer hier falsch gehandelt hat und warum der Mann so hart zurückschlug. Beim Vorlesen ergibt sich das ganz nebenbei – ohne Zeigefinger.

Herkunft und Entstehung

Die bekannteste Fassung der Sage stammt von Jacob und Wilhelm Grimm. Sie nahmen die Erzählung 1816 als „Die Kinder zu Hameln“ in ihre Sammlung Deutscher Sagen auf; dort steht sie in Band 1 auf den Seiten 330 bis 3333.

Die Geschichte, wie wir sie kennen, ist nicht die einzige Fassung. Ab der Mitte des 16. Jahrhunderts machte man für das plötzliche Verschwinden von Kindern aus Hameln den Teufel mit einer Pfeife verantwortlich; erst 1565 lässt sich das Motiv des Rattenfängers nachweisen, dem man den Lohn verweigert und der sich dafür rächt2. Bis dahin sind acht unterschiedliche Überlieferungen bekannt, die ganz ohne Rattenfänger auskommen2.

Ob sich wirklich zugetragen hat, was die Sage erzählt, ist offen: Die Entstehung und ein möglicher historischer Kern lassen sich nicht mit letzter Sicherheit ermitteln2. In den mittelalterlichen Ratsbüchern von Hameln ist nirgends nachweisbar, dass die Stadt einem Rattenfänger Lohn versprochen oder ausbezahlt hätte2. Und Untersuchungen zur Frage, ob Ratten auf Flötenklang reagieren, konnten diese Wirkung bei den damals gebräuchlichen Frequenzen nicht bestätigen2. Rattenfänger gab es im Mittelalter dennoch; sie zogen von Ort zu Ort und bekämpften die Tiere mit Gift4.

Für den Auszug der Kinder gibt es mehrere Erklärungen. Der Kinderkreuzzug von 1212 wird genannt, passt aber nicht zum glaubwürdig überlieferten Auswanderungsjahr 12842. Auch die Deutung als Pestgeschichte hat ein Zeitproblem: Pestepidemien traten im mittelalterlichen Europa erst seit 1347 auf2. Eine andere Vermutung besagt, dass Werber junge Arbeitskräfte für den Osten anwarben und dass die Geschichte vor der Reise ins Ungewisse warnen sollte4.

Die früheste bekannte Aufzeichnung war ein Glasfenster in der Hamelner Kirche, das um 1300 entstanden sein soll; die Kirche wurde 1660 zerstört, und der Historiker Hans Dobbertin rekonstruierte das Fenster aus überlieferten Beschreibungen5. Im 17. Jahrhundert machte der Jesuit Athanasius Kircher die Sage bekannt; er reiste eigens nach Hameln, und auch sein Musikwerk Musurgia universalis von 1650 handelt von den Pfeifenklängen und ihrer Wirkung2. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts verbreitete der Geograph Johann Gottfried Gregorii die Geschichte in seinen Büchern2. Ende des 19. Jahrhunderts erzählte der Schotte Andrew Lang sie im Red Fairy Book weiter; bei ihm gelten die Siebenbürger Sachsen als Nachkommen der verlorenen Kinder2.

Die Sage vom Rattenfänger von Hameln wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt; geschätzt kennen sie mehr als eine Milliarde Menschen, und besonders in Japan und in den USA gehört sie zum Schulstoff2. Ein deutscher Besucher fand sie in einem Schulbuch in Indien wieder11. Auch als Ballade ist der Rattenfänger von Hameln bekannt: Robert Browning erzählte die Geschichte in Versen, und ein Rattenfänger-Text von Johann Wolfgang von Goethe wurde 1974 von der Band Ougenweide vertont2. Der ungarische Leseförderer Attila Nagy nutzte die Figur als Bild für Verführung: Er wolle lieber ein Vorbild für Leseratten sein als ein Rattenfänger von Hameln10.

In Hameln ist die Sage bis heute lebendig. Die Bürger feiern seit dem 19. Jahrhundert alle 25 Jahre ein Rattenfänger-Jubiläum mit großem Straßenumzug6; die Freilichtspiele gibt es seit 1956, das Musical „RATS“ seit 20006. In der Bungelosenstraße wird in Gedenken an den Kinderauszug bis heute keine Musik gespielt6, und der 26. Juni ist der zentrale Termin im Jahr6. Seit 1984 vergibt die Stadt den Rattenfänger-Literaturpreis; der 20. Preis ging 2024 an die schwedische Autorin Frida Nilsson7. Am 11. Dezember 2014 bestätigten die Kultusministerkonferenz und die Kulturstaatsministerin 27 Kulturformen für das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes, darunter die Auseinandersetzung mit dem Rattenfänger von Hameln8. Auch im Deutschunterricht begegnet Kindern der Stoff: In Aufgabenbeispielen zu den Bildungsstandards für den Primarbereich ist das Verstehen einer Sage ein eigenes Thema9.

Der Rattenfänger von Hameln – Text als PDF

Wenn ihr die Sage ausdrucken möchtet, könnt ihr den Text dieser Seite über die Druckfunktion eures Browsers als PDF speichern. Das lohnt sich zum Beispiel für lange Autofahrten, für die Leseecke in der Kita oder für eine Grundschulklasse, in der gerade Sagen durchgenommen werden9. Am besten druckt ihr die Nacherzählung in etwas größerer Schrift aus, damit die Kinder beim Vorlesen mitlesen können. Wer die alte Fassung zeigen möchte, nimmt die Seite mit dem Originaltext der Brüder Grimm dazu – dort steht die Originalschreibweise von 1816.

Der Rattenfänger von Hameln – Text

Sam. Erich der hamelschen Kinder Ausgang.

Kirchmayer vom unglücklichen Ausgang der hamel. Kinder. Dresd. und Lpzg. 1702. 8.

Joh. Weier von Teufels-Gespenstern I. c. 16.

Meibom SS. RR. GG. III. p. 80.

Hondorf prompt. exempl. Tit. de educ. liberor.

Becherer thüring. Chronik S. 366. 367.

Seyfried’s medulla p. 476.

Hübners’s Geogr. III. Hamb. 1736. S. 611-613

Verstegan decayed intelligence. London 1634. p. 85. 86.

Die hamelsche Chronik u. a. m.

Im Jahr 1284 ließ sich zu Hameln ein wunderlicher Mann sehen. Er hatte einen Rock von vielfarbigem, bunten Tuch an, weshalben er Bundting soll geheißen haben, und gab sich für einen Rattenfänger aus, indem er versprach, gegen ein gewisses Geld die Stadt von allen Mäusen und Ratten zu befreien. Die Bürger wurden mit ihm einig und versicherten ihm einen bestimmten Lohn. Der Rattenfänger zog demnach ein Pfeifchen heraus und pfiff, da kamen alsobald die Ratten und Mäuse aus allen Häusern hervorgekrochen und sammelten sich um ihn herum. Als er nun meinte, es wäre keine zurück, ging er hinaus und der ganze Haufe folgte ihm, und so führte er sie an die Weser; dort schürzte er seine Kleider und trat in das Wassers, worauf ihm alle die Thiere folgten und hineinstürzend ertranken.

Nachdem die Bürger aber von ihrer Plage befreit waren, reute sie der versprochene Lohn und sie verweigerten ihn dem Manne unter allerlei Ausflüchten, so daß er zornig und erbittert wegging. Am 26sten Juni auf Johannis und Pauli Tag, Morgens früh sieben Uhr, nach andern zu Mittag, erschien er wieder, jetzt in Gestalt eines Jägers erschrecklichen Angesichts mit einem rothen, wunderlichen Hut und ließ seine Pfeife in den Gassen hören. Alsbald kamen diesmal nicht Ratten und Mäuse, sondern Kinder, Knaben und Mägdlein vom vierten Jahr an, in großer Anzahl gelaufen, worunter auch die schon erwachsene Tochter des Burgermeisters war. Der ganze Schwarm folgte ihm nach und er führte sie hinaus in einen Berg, wo er mit ihnen verschwand. Dies hatte ein Kinder-Mädchen gesehen, welches mit einem Kind auf dem Arm von fern nachgezogen war, darnach umkehrte und das Gerücht in die Stadt brachte. Die Eltern liefen haufenweis vor alle Thore und suchten mit betrübtem Herzen ihre Kinder; die Mütter erhoben ein jämmerliches Schreien und Weinen. Von Stund an wurden Boten zu Wasser und Land an alle Orte herumgeschickt, zu erkundigen, ob man die Kinder, oder auch nur etliche gesehen, aber alles vergeblich. Es waren im Ganzen hundert und dreißig verloren. Zwei sollen, wie einige sagen, sich verspätet und zurückgekommen seyn, wovon aber das eine blind, das andere stumm gewesen, also daß das blinde den Ort nicht hat zeigen konnen, aber wohl erzählen, wie sie dem Spielmann gefolgt waren; das stumme aber den Ort gewiesen, ob es gleich nichts gehört. Ein Knäblein war im Hemd mitgelaufen und kehrte um, seinen Rock zu hohlen, wodurch es dem Unglück entgangen; denn als es zurückkam, waren die andern schon in der Grube eines Hügels, die noch gezeigt wird, verschwunden.

Die Straße, wodurch die Kinder zum Thor hinausgegangen, hieß noch in der Mitte des 18. J.H. (wohl noch heute) die bunge-lose (trommel–tonlose, stille), weil kein Tanz darin geschehen, noch Saiten-Spiel durfte gerührt werden. Ja, wenn eine Braut mit Musik zur Kirche gebracht ward, mußten die Spiel-Leute über die Gasse hin stillschweigen. Der Berg bei Hameln, wo die Kinder verschwanden, heißt der Poppenberg, wo links und rechts zwei Steine in Kreuzform sind aufgerichtet worden. Einige sagen, die Kinder wären in eine Höhle geführt worden und in Siebenbürgen wieder herausgekommen.

Die Bürger von Hameln haben die Begebenheit in ihr Stadtbuch einzeichnen lassen und pflegten in ihren Ausschreiben nach dem Verlust ihrer Kinder Jahr und Tag zu zahlen. Nach Seyfried ist der 22ste statt des 26sten Juni im Stadtbuch angegeben. An dem Rath-Haus standen folgende Zeilen:

Im Jahr 1284 na Christi gebort
tho Hamel worden uthgevort
hundert und dreißig Kinder dasülvest geborn
dorch einen Piper under den Köppen verlorn.

Und an der neuen Pforte:

Centum ter denos cum magus ab urbe puellos

duxerat ante annos CCLXXII condita porta fuit.

Im Jahr 1572 ließ der Burgermeister die Geschichte in die Kirchenfenster abbilden mit der nöthigen Ueberschrift, welche größtentheils unleserlich geworden. Auch ist eine Münze darauf geprägt.

Text: Brüder Grimm, Quelle: Deutsche Sagen, Band 1, S. 330–333, 1. Auflage 1816. Originalschreibweise der Ausgabe.

Fragen zum Gespräch mit eurem Kind

  • Was hättest du getan, wenn du in Hameln dabei gewesen wärst, als der Rattenfänger seinen Lohn verlangte?
  • Was glaubst du, hat die Kinder an der Musik des Pfeifers so fasziniert?
  • Wie stellst du dir den Berg vor, in dem die Kinder verschwunden sind?
  • Warum ist es wohl bis heute still in der Bungelosenstraße?
  • Welche Frage würdest du dem Rattenfänger stellen, wenn er dir begegnete?

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Mehr Sagen gibt es in unserer Sammlung Sagen für Kinder – kindgerecht erzählt zum Vorlesen und Anhören. Genauso erzählt ist die Sage von den Schildbürgern. Auch die Sage von der Loreley und die Geschichten um Till Eulenspiegel findet ihr dort.

Häufige Fragen

Warum ist der Rattenfänger von Hameln eine Sage?
Sagen hängen an einem bestimmten Ort und an einer bestimmten Zeit – hier an Hameln und an das Jahr 12843. Anders als ein Märchen behauptet die Erzählung nicht nur, dass etwas geschehen ist, sondern zeigt es wie ein Ereignis. Ursprünglich waren der Auszug der Kinder und die Vertreibung der Ratten sogar zwei getrennte Erzählungen, die erst später zusammengewachsen sind2. Deshalb gilt der Stoff als Sage und nicht als Märchen.
Wie heißt der Rattenfänger von Hameln?
Einen wirklich überlieferten Eigennamen hat er nicht. In der Fassung der Brüder Grimm heißt es, wegen seines bunten Rockes habe er Bundting geheißen – sicher ist das nicht3. Sonst ist einfach vom Rattenfänger, vom Spielmann oder vom Pfeifer die Rede3. In englischsprachigen Fassungen heißt er Pied Piper, und eine bekannte Verserzählung von Robert Browning trägt den Titel The Pied Piper of Hamelin2.

Quellen

  1. Die Kinder zu Hameln · abgerufen am 11.10.2026
  2. Rattenfänger von Hameln · abgerufen am 11.10.2026
  3. Die Sage nach den Brüdern Grimm · Stand 05.10.2022
  4. Gab es den Rattenfänger von Hameln wirklich? · abgerufen am 11.10.2026
  5. Der Rattenfänger von Hameln · abgerufen am 11.10.2026
  6. Auseinandersetzung mit dem Rattenfänger von Hameln · abgerufen am 11.10.2026
  7. Rattenfänger-Literaturpreis · abgerufen am 11.10.2026
  8. Artikelansicht · abgerufen am 11.10.2026
  9. 2004 10 15 Bildungsstandards Deutsch Primar · abgerufen am 11.10.2026
  10. Lesen · Stand 26.04.2004
  11. Predigt am 1. Advent in Neu-Delhi (Jesaja 43,19) · abgerufen am 11.10.2026
Fachliche PrüfungJosef MaierKinder- und Jugendpädagoge · Diplom-Sozialpädagoge (FH)Fachlich geprüft am von Josef Maier
TextRedaktion Schnuller.deZuletzt aktualisiert am

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