Struwwelpeter – kindgerecht nacherzählt

- Jahr
- 1844
- Alter ab
- 4
- Autor/Herkunft
- Heinrich Hoffmann († 1894), Arzt und Psychiater in Frankfurt am Main
Neu erzählt nach Heinrich Hoffmann (1844)
Heinrich Hoffmanns berühmtes Bilderbuch, hier nacherzählt zum Vorlesen und Anhören – mit allen Figuren, der Moral und dem Hintergrund zur Entstehung.
Struwwelpeter-Geschichten – zum Vorlesen und Anhören
1844 zeichnete und dichtete der Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann ein Bilderbuch für seinen kleinen Sohn – daraus wurden die Geschichten, die ihr hier neu erzählt findet1. Wir haben sie in kurze Kapitel gefasst, damit ihr bequem eine Geschichte pro Abend vorlesen könnt. Alle Figuren und alle Handlungsschritte sind geblieben, auch der Ausgang; nur die Sprache ist heute milder, und die härtesten Szenen sind behutsam erzählt.
Der Vorspruch
Am Anfang steht ein kleines Gedicht. Darin heißt es: Wenn Kinder artig sind, ihre Suppe essen, leise sind und an der Hand der Mama über die Straße gehen, dann kommt das Christkind und bringt ihnen ein schönes Bilderbuch. Mit diesem Vers beginnt das Buch – und mit dem Versprechen, dass sich brave Kinder auf etwas freuen dürfen.
Struwwelpeter
Dann steht er da: Peter, der Junge mit dem wilden Haar und den langen Nägeln. Fast ein ganzes Jahr hat er sich die Nägel nicht schneiden lassen, und kämmen lässt er sich schon gar nicht. Seine Hände sehen aus wie Tatzen, sein Haar hängt in Strähnen. „Pfui, garst'ger Struwwelpeter!“, rufen die Leute, wenn er vorbeikommt. Peter selbst findet sich prächtig – alle anderen sehen in ihm ein abschreckendes Beispiel. Übrigens: Sein heutiges Aussehen mit den langen Haaren bekam die Titelfigur erst 18611.
Der böse Friederich
Friederich ist ein Wüterich. Er fängt Fliegen und reißt ihnen die Flügel aus, schlägt auf Stühle und Vögel ein, quält die Katzen und schlägt sogar das Mädchen Gretchen. Am Brunnen steht ein großer Hund und trinkt Wasser. Friederich schleicht heran und schlägt ihn mit der Peitsche. Der Hund wehrt sich: Er beißt Friederich tief ins Bein. Der Junge schreit und weint. Der Hund aber läuft nach Hause, die Peitsche im Maul, setzt sich an Friederichs Tisch und frisst seinen Kuchen und seine Leberwurst. Friederich muss im Bett liegen, der Doktor kommt und gibt ihm bittere Medizin.
Die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug
Paulinchen ist allein zu Hause, die Eltern sind ausgegangen. Da entdeckt sie auf dem Tisch ein Feuerzeug. „Wie schön!“, denkt sie und zündet ein Hölzchen an, genau wie die Mutter es oft gemacht hat. Die beiden Katzen Minz und Maunz heben ihre Pfoten und warnen: „Miau! Mio! Miau! Mio! Laß stehn! Sonst brennst du lichterloh!“ Paulinchen hört nicht. Das Hölzchen flackert, die Schürze fängt Feuer, dann das ganze Kleid. Die Katzen schreien um Hilfe, aber es kommt zu spät: Von Paulinchen bleiben nur ein Häufchen Asche und ihre beiden Schuhe. Minz und Maunz sitzen da und weinen.
Die Geschichte von den schwarzen Buben
Vor dem Stadttor geht ein Junge mit dunkler Haut spazieren und hält seinen Sonnenschirm gegen die Sonne. Drei Buben kommen angerannt – Ludwig, Kaspar und Wilhelm – und lachen ihn aus, nur weil er anders aussieht als sie. Da kommt der große Nikolas mit seinem Tintenfass und sagt: Lasst den Jungen in Ruhe, was kann er dafür, dass er nicht so aussieht wie ihr? Die drei lachen nur noch lauter. Da packt Nikolas sie, taucht sie tief in die Tinte und zieht sie schwarz wieder heraus. Nun sind sie schwärzer als der Junge, und der geht im Sonnenschein vor ihnen her. Hätten sie nicht gelacht, wäre ihnen das erspart geblieben.
Die Geschichte vom wilden Jäger
Ein Jäger zieht sein grünes Röcklein an, nimmt Ranzen, Pulverhorn und Flinte und läuft ins Feld. Er will den Hasen erschießen. Der Hase aber sitzt im Blätterhaus und lacht ihn aus. Die Sonne brennt, das Gewehr wird schwer, der Jäger legt sich ins Gras und schläft ein. Da schleicht der Hase heran, nimmt Flinte und Brille und setzt sich die Brille selbst auf die Nase. Der Jäger wacht auf, sieht das Häschen zielen und rennt schreiend davon. Er springt in den Brunnen – und der Hase schießt. Die Frau des Jägers sitzt am Fenster und trinkt Kaffee; die Kugel schießt ihre Tasse entzwei. Und im Gras hockt des Häschens Kind und bekommt den Kaffee auf die Nase.
Die Geschichte vom Daumenlutscher
Frau Mama geht aus und ermahnt Konrad, ordentlich zu bleiben und ja nicht am Daumen zu lutschen. Sonst komme der Schneider mit der großen Schere und schneide ihn ab. Kaum ist die Tür zu, steckt Konrad den Daumen in den Mund. Da geht die Tür auf, und herein springt der Schneider. Klipp und klapp macht die Schere – und Konrads beide Daumen sind fort. Konrad schreit. Als die Mutter nach Hause kommt, steht ihr Sohn traurig ohne Daumen da.
Die Geschichte vom Suppen-Kaspar
Kaspar war einmal kerngesund: ein dicker, kugelrunder Bub mit roten Backen, der seine Suppe brav aß. Eines Tages fängt er an zu schreien: „Ich esse keine Suppe! Nein! Ich esse meine Suppe nicht!“ Am nächsten Tag ist er schon magerer, und er schreit dasselbe. Am dritten Tag ist er dünn und schwach, am vierten nur noch ein Fädchen. Am fünften Tag stirbt er. So steht es in Hoffmanns Buch, und diese Geschichte ist vielen bis heute im Kopf geblieben.
Die Geschichte vom Zappel-Philipp
Beim Essen fragt der Papa, ob Philipp heute wohl still am Tisch sitzen will. Philipp hört nicht hin. Er wippt und rutscht auf seinem Stuhl hin und her, steht halb auf und setzt sich wieder. Er schaukelt so wild, dass der Stuhl nach hinten kippt. Philipp greift nach dem Tischtuch und reißt alles mit: Teller, Flasche, Brot, die Suppenschüssel. Alles liegt auf dem Boden, die Schüssel ist entzwei, Suppe und Bissen rollen über die Dielen. Die Eltern stehen da, sind zornig – und haben nichts mehr zu essen.
Die Geschichte vom Hanns Guck-in-die-Luft
Hanns geht zur Schule, aber sein Blick hängt am Himmel. Er schaut nach Dächern, Wolken und Schwalben und sieht die eigenen Füße nicht. „Seht den Hanns Guck-in-die-Luft!“, rufen die Leute. Ein Hund kommt angerannt, Hanns schaut weiter nach oben – pauz, da liegen beide. Ein anderes Mal geht er am Ufer entlang, die Mappe in der Hand, und tritt Schritt für Schritt ins Wasser. Plumps, kopfüber hinein! Die drei Fischlein verstecken sich erschreckt. Zwei Männer ziehen ihn mit Stangen heraus; tropfnass steht er da, das Wasser läuft ihm aus den Haaren. Und die Fischlein strecken die Köpfe aus der Flut und lachen noch lange.
Die Geschichte vom fliegenden Robert
Bei Regen und Sturm bleiben die Kinder lieber in ihren Stuben. Robert aber denkt: Nein, draußen muss es herrlich sein! Er läuft mit dem Regenschirm ins Feld und patscht durch die Pfützen. Da packt der Wind den Schirm, und Robert fliegt durch die Luft, so hoch und so weit, dass ihn niemand hören kann, wenn er schreit. Sein Hut fliegt voran und stößt an den Himmel. Wohin der Wind die beiden getragen hat, das weiß bis heute niemand zu sagen.

So endet das Buch, das Heinrich Hoffmann für seinen Sohn zeichnete1. Vielleicht sucht euer Kind sich für den nächsten Abend eine Lieblingsgeschichte aus – oder ihr hört euch die ganze Nacherzählung zusammen an.
Struwwelpeter in Kürze
Der Struwwelpeter ist kein Roman mit einer durchgehenden Handlung, sondern eine Sammlung kurzer Geschichten. Jede zeigt ein Kind, das eine Warnung nicht ernst nimmt: Peter lässt sich nicht kämmen, Friederich quält Tiere und Menschen, Paulinchen zündelt, Kaspar verweigert die Suppe, Philipp zappelt am Tisch, Hanns schaut in die Luft, Robert geht in den Sturm. Am Ende steht jedes Mal eine Folge, die Kinder so schnell nicht vergessen. Dazwischen treten der Schneider mit der Schere, der große Nikolas und der wilde Jäger auf. Es gibt keinen Helden, der alles rettet – und genau das macht das Buch bis heute wirksam und umstritten1.
Die Figuren
- Struwwelpeter (Peter) – der Junge mit dem wilden Haar und den langen Nägeln, der sich weder kämmen noch die Nägel schneiden lässt.
- Der böse Friederich – ein Wüterich, der Tiere und Menschen quält und dafür vom Hund am Brunnen ins Bein gebissen wird.
- Der Hund am Brunnen – lässt sich nicht schlagen, beißt Friederich und frisst danach dessen Kuchen und Leberwurst.
- Paulinchen – zündelt allein zu Hause mit dem Feuerzeug, obwohl die Eltern es verboten haben.
- Minz und Maunz – die beiden Katzen, die Paulinchen warnen und am Ende um sie weinen.
- Der Junge mit der dunklen Haut – geht mit seinem Sonnenschirm spazieren und wird von drei Buben ausgelacht.
- Ludwig, Kaspar und Wilhelm – die drei Buben, die den Jungen verspotten und zur Strafe in Tinte getaucht werden.
- Der große Nikolas – kommt mit seinem Tintenfass, nimmt den Jungen in Schutz und macht aus den Spöttern Tintenbuben.
- Der wilde Jäger – zieht mit Flinte und Brille los, um den Hasen zu schießen, und schläft im Gras ein.
- Das Häschen – nimmt dem schlafenden Jäger Flinte und Brille ab und schießt selbst.
- Die Frau des Jägers – sitzt am Fenster beim Kaffee, und ihre Tasse wird vom Schuss entzweigeschossen.
- Des Häschens Kind – hockt im Gras und bekommt den heißen Kaffee auf die Nase.
- Konrad, der Daumenlutscher – lutscht am Daumen, obwohl seine Mutter ihn eindringlich davor warnt.
- Der Schneider mit der Scher' – springt zur Tür herein und schneidet Konrad beide Daumen ab.
- Suppen-Kaspar – isst seine Suppe nicht mehr und wird von Tag zu Tag schwächer.
- Zappel-Philipp – kann beim Essen nicht still sitzen, bis der Stuhl kippt und alles auf dem Boden liegt.
- Hanns Guck-in-die-Luft – sieht immer nur nach oben, stößt mit einem Hund zusammen und fällt in den Fluss.
- Die drei Fischlein – schauen aus dem Wasser zu und lachen, als Hanns nass ans Ufer klettert.
- Der fliegende Robert – geht bei Sturm mit dem Regenschirm hinaus und wird vom Wind in die Wolken getragen.
Was lernen Kinder daraus?
Die Geschichten sind Warnbilder. Sie zeigen, was passieren kann, wenn Kinder nicht aufpassen oder nicht auf Warnungen hören: Paulinchen zündelt mit dem Feuerzeug, Hanns läuft ins Wasser, Robert geht in den Sturm. Andere Geschichten handeln von Rücksicht: Friederich quält Tiere, die drei Buben lachen einen Jungen aus, Philipp stört das gemeinsame Essen. Kinder merken schnell, wer freundlich ist und wer nicht.
Zugleich sind die Strafen im Buch sehr hart, und seit Langem wird kritisiert, dass hier mit Angst und drastischen Folgen erzogen wird1. Für das Gespräch mit eurem Kind heißt das: Nehmt die Geschichten als Anlass, über Regeln, Gefahren und Freundlichkeit zu reden, ohne die Folgen im Buch anzudrohen. Die Frage „Was hättest du getan?“ wirkt meist mehr als jede Warnung.
Das Struwwelpeter-Buch – Herkunft und Entstehung
Heinrich Hoffmann war Arzt und Psychiater in Frankfurt am Main1. Im Dezember 1844 suchte er für seinen damals dreijährigen Sohn Carl ein Bilderbuch als Weihnachtsgeschenk – und fand keines, das ihm für ein Kind dieses Alters passend erschien1. Also zeichnete und dichtete er selbst.
Der befreundete Verleger Zacharias Löwenthal, später Carl-Friedrich Loening, konnte Hoffmann zur Veröffentlichung bewegen: 1845 erschien das Buch zum ersten Mal im Druck, unter dem Titel „Lustige Geschichten und drollige Bilder für Kinder von 3–6 Jahren“1. Bei dieser Erstveröffentlichung benutzte Hoffmann das Pseudonym Reimerich Kinderlieb1. Ab der Auflage von 1847 hieß das Buch dann Struwwelpeter; ob es die dritte oder die vierte Auflage war, wird unterschiedlich überliefert1. Seine heutige Gestalt mit den langen Haaren bekam die Titelfigur erst 18611. Bis heute erscheint das Buch unter dem Titel Der Struwwelpeter.
Es wurde zu einem der erfolgreichsten deutschen Kinderbücher und in zahlreiche Sprachen übersetzt; Nachahmungen und Umdichtungen werden als Struwwelpet(e)riaden bezeichnet1. Schon früh wurde es auch politisch gelesen: 1848 machten die Fliegenden Blätter den unangepassten Langhaarigen zum Revolutionär1. Kritische Einwände richten sich bis heute gegen die negativen Verhaltensmodelle und gegen die harte Strafpädagogik, mit der die Geschichten arbeiten1.
Auch die Sprache der alten Ausgabe ist nicht mehr unsere: Manche Szenen wirken heute befremdlich, und in der Geschichte von den schwarzen Buben steht ein Begriff, den wir nicht mehr verwenden. Heinrich Hoffmann starb 1894; seine Geschichten gehören längst zum gemeinfreien Erbe der deutschen Kinderliteratur.
Der Originaltext
Die ersten Verse des Buches in der Originalschreibweise der Ausgabe von 1917:
Der Struwwelpeter
oder
Lustige Geschichten
und
drollige Bilder.
Wenn die Kinder artig sind
Kommt zu ihnen das Christkind;
Wenn sie ihre Suppe essen
Und das Brot auch nicht vergessen,
Wenn sie, ohne Lärm zu machen,
Still sind bei den Siebensachen,
Beim Spaziergehn auf den Gassen
Von Mama sich führen lassen,
Bringt es ihnen Gut’s genug
Und ein schönes Bilderbuch.
Sieh einmal, hier steht er,
Pfui! der S t r u w w e l p e t e r!
An den Händen beiden
Ließ er sich nicht schneiden
Seine Nägel fast ein Jahr;
Kämmen ließ er nicht sein Haar.
Pfui! ruft da ein jeder:
Garst’ger Struwwelpeter!
Text: Heinrich Hoffmann, Quelle: Struwwelpeter, Ausgabe 1917 (100. Auflage); auch gutenberg.org/ebooks/24571 – Originalschreibweise der Ausgabe.
Fragen zum Gespräch mit eurem Kind
Diese Fragen passen gut, nachdem ihr eine oder zwei Geschichten vorgelesen habt.
- Welche Geschichte hat dir am besten gefallen, und warum?
- Was hätte Paulinchen tun können, als sie das Feuerzeug gesehen hat?
- Wie mag sich der Junge gefühlt haben, über den die drei Buben gelacht haben?
- Was würdest du machen, wenn du wie Hanns Guck-in-die-Luft etwas Wichtiges nicht siehst?
- Wann ist es gut, auf eine Warnung zu hören – und wann darfst du selbst entscheiden?
Ähnliche Geschichten
Wenn euch die alten Geschichten gefallen, findet ihr bei uns noch mehr davon.
- Im Bereich Kinderbuch-Klassiker findet ihr klassische Geschichten, kindgerecht erzählt zum Vorlesen und Anhören.
- Max und Moritz ist bei uns kindgerecht nacherzählt.
- Nils Holgersson ist ebenfalls kindgerecht nacherzählt.
- Alice im Wunderland könnt ihr ebenso kindgerecht nacherzählt lesen.
- Rumpelstilzchen ist ein Märchen zum Vorlesen und Anhören.
- Der Zauberer von Oz gehört ebenso zu den Märchen zum Vorlesen und Anhören.
Häufige Fragen
Wer hat den Struwwelpeter geschrieben?
Wann erschien der Struwwelpeter?
Wann wurde der Struwwelpeter geschrieben?
Quellen
- Struwwelpeter · abgerufen am 11.10.2026
- Struwwelpeter · abgerufen am 11.10.2026
- Struwwelpeter · abgerufen am 11.10.2026
Alle Seiten zu diesem Thema findet ihr in der Übersicht Kinderbuch-Klassiker.
