Der kleine Häwelmann – kindgerecht nacherzählt

- Jahr
- 1851
- Alter ab
- 4
- Autor/Herkunft
- Theodor Storm († 1888); Sammlung Sommergeschichten und Lieder
Neu erzählt nach Theodor Storm (1851)
Ein Kindermärchen von Theodor Storm: Ein kleiner Junge kann nicht einschlafen, macht aus seinem Hemdchen ein Segel und rollt mit seinem Bett in die Nacht hinaus.
Der kleine Häwelmann – das Märchen zum Vorlesen
Häwelmann war noch ein ganz kleiner Junge, so klein, dass er in einem Bett mit Rollen schlief. Ein Rollenbett ist das Beste, was ein Bett sein kann, wenn man noch klein ist und noch nicht müde. Nachts lag er darin, und nachmittags auch, wenn er müde war. Wenn er aber nicht müde war, musste seine Mutter ihn in der Stube umherfahren. Und davon konnte er nie genug bekommen.
Eines Nachts lag Häwelmann in seinem Rollenbett und konnte nicht einschlafen. Seine Mutter schlief schon lange neben ihm in ihrem großen Himmelbett, das vier steife Beine hatte und keine Rollen. „Mutter, ich will fahren!“, rief er. Da langte die Mutter im Schlaf den Arm aus dem Bett und rollte das Bettchen hin und her, immer hin und her. Als ihr der Arm müde wurde, rief Häwelmann gleich wieder: „Mehr, mehr!“ Und dann ging das Rollen von Neuem los. Endlich aber schlief die Mutter ganz ein. Häwelmann rief und rief, so laut er konnte – sie hörte ihn nicht mehr. Das Rollen wurde immer langsamer, und schließlich lag er ganz still. Nur er war noch wach.
Da schaute der Mond in die Fensterscheiben, der gute alte Mond. Und was er da sah, war so komisch, dass er sich erst mit seinem Pelzärmel über das Gesicht fuhr, um sich die Augen auszuwischen. So etwas hatte der alte Mond sein Lebtag nicht gesehen. Denn da unten in dem Zimmer machte einer Sachen, die gab es sonst nirgends auf der Welt. Der Mond schaute noch einmal genauer hin. Nein, er hatte richtig gesehen.
Häwelmann lag mit offenen Augen in seinem Bettchen und streckte ein Beinchen in die Luft, als wäre es ein Mast. Sein Hemdchen hatte er ausgezogen und an seine kleine Zehe gehängt – wie ein Segel. In jeder Hand hielt er einen Zipfel davon fest und blies die Backen auf. Und ganz leise, leise fing das Bett an zu rollen: über den Boden, die Wand hinauf, über die Zimmerdecke und auf der anderen Seite wieder hinunter. Es sah aus, als wäre ein kleines Segelschiff unterwegs – nur dass das Schiff ein Bett war und der Kapitän ein Junge im Hemdchen.
„Mehr, mehr!“, rief Häwelmann, als er unten angekommen war. Er blies wieder die Backen auf, und das Bett rollte kopfüber und kopfunter. Dreimal machte er diese Reise, dann schaute der Mond ihm plötzlich ins Gesicht. „Junge“, sagte er, „hast du noch nicht genug?“ – „Nein“, rief Häwelmann, „mehr, mehr! Mach mir die Tür auf! Ich möchte durch die Stadt fahren. Alle Leute sollen mich sehen!“ – „Das kann ich nicht“, sagte der gute Mond. Aber er ließ einen langen Strahl durch das Schlüsselloch fallen. Und mit diesem Strahl fuhr Häwelmann zum Haus hinaus.
Draußen war die Nacht groß und weit. Über den Dächern hing der Mond wie eine runde Laterne, und sein langer Strahl lief neben dem Rollenbett her wie ein heller Weg.
Auf der Straße war es still und einsam. Die hohen Häuser standen im Mondschein und glotzten mit ihren schwarzen Fenstern in die dunkle Stadt. Aus den Schornsteinen kam kein Rauch, hinter den Fenstern brannte kein Licht, und kein Wagen rollte über das Pflaster. Häwelmann rasselte mit seinem Bett über die Steine, und der gute Mond ging immer neben ihm her und leuchtete. Sie fuhren Straßen aus, Straßen ein – aber die Menschen waren nirgends zu sehen. Häwelmann drehte sich um und schaute zurück: Hinter ihm lagen die Dächer, und über ihm stand der Mond, als hätte er nichts weiter zu tun.

Als sie an der Kirche vorbeikamen, krähte auf einmal der große goldene Hahn auf dem Glockenturm. Da hielten sie still. „Was machst du da?“, rief Häwelmann hinauf. „Ich krähe zum ersten Mal!“, rief der goldene Hahn herunter. „Und wo sind die Menschen?“ – „Die schlafen alle! Beim dritten Krähen wacht der erste Mensch auf.“ – „Das dauert mir zu lange“, sagte Häwelmann. „Ich fahre jetzt in den Wald. Alle Tiere sollen mich sehen!“
„Junge“, sagte der gute alte Mond, „hast du noch nicht genug?“ – „Nein“, rief Häwelmann, „mehr, mehr! Leuchte, alter Mond, leuchte!“ Er blies die Backen auf, der Mond leuchtete, und so fuhren sie zum Stadttor hinaus, über das Feld und hinein in den dunklen Wald. Für den Mond war es eng zwischen den vielen Bäumen; er musste aufpassen, dass er Häwelmann nicht verlor. Über ihnen rauschten die Bäume, und auf den Waldboden fielen kleine Lichtflecken. Es raschelte und knackte im Gebüsch, doch es war nur der Wind.
Im Wald war es still und einsam. Kein Hirsch ließ sich blicken, kein Hase, nicht einmal eine kleine Maus – alle Tiere schliefen. Nur eine kleine Katze saß oben in einem Eichbaum und funkelte mit ihren Augen. Die Augen leuchteten grün und silbern, als hätte jemand ein paar Sterne in den Eichbaum gehängt. „Das ist Hinze, der kleine Kater“, sagte Häwelmann. „Ich kenne ihn. Er macht die Sterne nach.“ Und als sie weiterfuhren, sprang die Katze mit von Baum zu Baum. „Was machst du da?“, rief Häwelmann hinauf. „Ich illuminiere!“, rief die kleine Katze herunter. „Und wo sind die anderen Tiere?“ – „Die schlafen! Sobald ich mein letztes Auge zumache, wird der erste Maulwurf wach.“ – „Das dauert mir zu lange“, sagte Häwelmann. „Ich fahre in den Himmel, damit mich alle Sterne sehen!“
„Junge“, sagte der gute alte Mond, „hast du noch nicht genug?“ – „Nein“, schrie Häwelmann, „mehr, mehr! Leuchte, alter Mond, leuchte!“ Und so fuhren sie zum Wald hinaus, über die Heide bis ans Ende der Welt und dann geradewegs in den Himmel hinein.
Im Himmel war es lustig. Kein einziger Stern schlief. Sie funkelten und blinkten, dass der ganze Himmel hell wurde. „Platz da!“, schrie Häwelmann und fuhr mitten in den hellen Haufen hinein. Da purzelten die Sterne rechts und links vor Schreck vom Himmel. Häwelmann lachte und blies die Backen auf, so fest er konnte, und fuhr dem guten alten Mond quer über die Nase, dass der ganz dunkelbraun im Gesicht wurde. „Pfui!“, sagte der Mond und nieste dreimal. „Alles mit Maßen!“ Dann putzte er seine Laterne aus, und alle Sterne machten die Augen zu.
Und dann wurde der Himmel stockdunkel. So dunkel, dass man meinen konnte, es gäbe gar keine Sterne mehr. „Leuchte, alter Mond, leuchte!“, rief Häwelmann. Aber der Mond war nirgends zu sehen, und die Sterne auch nicht – sie waren schon alle zu Bett gegangen. Da fürchtete sich der kleine Häwelmann sehr, so allein im Himmel zu sein. Es war so still, dass er sein eigenes Herz klopfen hörte. Er nahm in jede Hand einen Hemdzipfel und blies die Backen auf. Aber er wusste weder aus noch ein. Er kurvte zwischen den Sternen umher, kreuz und quer, und keiner war da, der ihn fahren sah – weder die Menschen noch die Tiere, nicht einmal die lieben Sterne.
Da guckte unten, ganz unten am Himmelsrand, ein rotes rundes Gesicht zu ihm herauf. Häwelmann dachte, der Mond sei wieder aufgegangen. „Leuchte, alter Mond, leuchte!“, rief er, blies die Backen auf und fuhr quer durch den ganzen Himmel, geradewegs darauf zu. Es war aber die Sonne, die eben aus dem Meer heraufkam. Häwelmann blinzelte: Das war kein Mond, das war viel größer und viel heller. „Junge“, rief die Sonne und sah ihm mit ihren glühenden Augen ins Gesicht, „was machst du hier in meinem Himmel?“ Und eins, zwei, drei! – schon hatte sie ihn gepackt und mitten ins Meer geworfen. Dort konnte er schwimmen lernen.
Und dann? Ja, und dann? Weißt du es nicht mehr? Wenn wir beide nicht gekommen wären und den kleinen Häwelmann mit in unser Boot genommen hätten, wäre er beinahe ertrunken.
Der kleine Häwelmann – Kurzfassung
Ein kleiner Junge namens Häwelmann kann nicht einschlafen und bekommt nie genug: Immer wieder lässt er sich von seiner Mutter im Rollenbett durch die Stube fahren. Als sie einschläft, macht er aus seinem Hemdchen ein Segel und rollt selbst los. Der Mond leuchtet ihm durch die schlafende Stadt, über den Wald bis in den Himmel. Dort fährt er in die Sterne und dem Mond über die Nase – der löscht sein Licht, und Häwelmann fürchtet sich ganz allein im Dunkeln. Am Morgen wirft ihn die Sonne ins Meer. Im Boot von Erzähler und Kind ist er am Ende gerettet.
Die Figuren
- Der kleine Häwelmann: Ein kleiner Junge, der nicht einschlafen kann und in der Nacht mit seinem Rollenbett losfährt, weil er nie genug bekommt.
- Die Mutter: Rollt Häwelmann im Halbschlaf hin und her, bis sie ganz einschläft und sein Rufen nicht mehr hört.
- Der Mond: Leuchtet Häwelmann den ganzen Weg, fragt geduldig, ob er noch nicht genug habe, und löscht am Ende sein Licht.
- Der goldene Hahn: Kräht zum ersten Mal vom Kirchturm und erzählt, dass die Menschen schlafen.
- Die kleine Katze Hinze: Sitzt im Eichbaum, funkelt mit den Augen wie die Sterne und berichtet, dass die Tiere schlafen.
- Die Sonne: Steigt aus dem Meer, findet Häwelmann in ihrem Himmel und wirft ihn ins Wasser.
- Erzähler und Kind: Nehmen Häwelmann am Ende in ihr Boot, damit er nicht ertrinkt.
Was lernen Kinder daraus?
Nie genug bekommen – dieses Gefühl kennen Kinder gut, und Häwelmann lebt es in der Nacht aus. Immer will er mehr: mehr Rollen, mehr Stadt, mehr Wald, mehr Sterne. Der Mond macht lange mit, bis ihm der Kleine über die Nase fährt. Dann sagt er: „Alles mit Maßen!“ Diesen Satz können Kinder behalten. Die dunkle Stelle im Himmel zeigt, was passiert, wenn jemand alles gleichzeitig will: Plötzlich ist niemand mehr da, der ihn sieht. Und das Ende tröstet. Häwelmann geht nicht unter, weil andere ihn auffangen – im Boot sitzen der Erzähler und das Kind. Beim Vorlesen könnt ihr fragen, wo im Alltag „mehr, mehr“ steckt und wann es besser ist, auszuruhen. Nebenbei macht die Geschichte neugierig auf die Nacht: Wer leuchtet dort oben, wer schläft schon, und was passiert, wenn die Sonne aufgeht?
Herkunft und Entstehung
Der kleine Häwelmann ist ein Märchen von Theodor Storm: Er schrieb es 1849 für seinen Sohn Hans1. Literaturwissenschaftlich gehört es zur Gruppe der Kunstmärchen1. Der Erstdruck erschien 18501; in Storms Sammlung Sommergeschichten und Lieder steht der Text auf den Seiten 24 bis 30. Der Name Häwelmann ist niederdeutsch und bezeichnet ein kleines Kind, das besonders viel Aufmerksamkeit für sich fordert2.
Übersetzungen erschienen 1988 auf Friesisch, 1995 auf Französisch unter dem Titel Jean-le-Mignot und 2013 als deutsch-englische Ausgabe1. In einer Ausgabe von 1926 steht vorne ein Gedicht, das Storm an seine Söhne Hans und Ernst gerichtet hat1. Auch als Hörfassung gibt es die Geschichte, etwa mit Hannelore Hoger, die ruhig und lebendig zwischen den Figuren wechselt3. Schon früh wurde über den plötzlichen Schluss diskutiert: Der Kritiker Emil Müller-Samswegen fand, dem Ende fehle eine Pointe1. Theodor Storm starb 1888.
Der kleine Häwelmann – Text als PDF
Wer den kleinen Häwelmann als Text zum Mitlesen in der Hand halten möchte, druckt sich den Abschnitt mit dem Originaltext aus und speichert ihn als PDF – praktisch für das Vorlesen zu zweit oder für größere Schrift. Für Kinder, die die Geschichte immer wieder hören wollen, gibt es viele Buchfassungen: Bekannt wurde der kleine Häwelmann durch ein Bilderbuch mit Illustrationen von Else Wenz-Viëtor1. Von dieser Fassung erschienen zahlreiche weitere Auflagen, unter anderem 1949, 1981 und 2004, und eine gekürzte Form als Pixibuch1. Daneben gibt es Ausgaben mit anderen Illustrationen in bekannten Verlagen, oft mit weiteren Auflagen, und das Märchen findet sich in Sammelbänden mit Märchen für kleinere Kinder1. Beim Ausdruck bleibt die historische Schreibweise erhalten, die zum Erstdruck von 1850 gehört1.
Der kleine Häwelmann – der Originaltext
(Ein Kindermärchen.)
Es war einmal ein kleiner Junge, und der hieß Häwelmann; des Nachts schlief er in einem Rollenbett und auch des Nachmittags, wenn er müde war; wenn er aber nicht müde war, so mußte seine Mutter ihn darin in der Stube umherfahren, und davon konnte er nie genug bekommen. Nun lag der kleine Häwelmann eines Nachts in seinem Rollenbett und konnte nicht einschlafen, die Mutter aber schlief schon lange neben ihm in ihrer großen Bettstelle; die hatte aber vier ganz steife Beine und auch gar keine Rollen, denn es war eine Himmelbettstelle. Mutter, rief der kleine Häwelmann, ich will fahren! und die Mutter langte im Schlaf den Arm aus dem Bett, und rollte die kleine Bettstelle hin und her, immer hin und her; und wenn ihr der Arm müde werden wollte, so rief der kleine Häwelmann. Mehr, mehr! und dann ging das Rollen wieder von Neuem an. Endlich aber schlief sie gänzlich ein, und so viel Häwelmann auch schreien mochte, sie hörte es nicht. Es war rein vorbei. - Da dauerte es nicht lang, so sah der Mond in die Fensterscheiben, der gute alte Mond; und was er da sah, war so possierlich, daß er sich erst mit seinem Pelzärmel über das Gesicht fuhr, um sich die Augen auszuwischen; so etwas hatte der alte Mond all sein Lebetage nicht gesehen. Da lag der kleine Häwelmann mit offenen Augen in seinem Rollenbett, und hielt das eine Beinchen wie einen Mastbaum in die Höhe; sein kleines Hemd hatte er ausgezogen und hing es wie ein Segel an seiner kleinen Zehe auf; dann nahm er ein Hemdzipfelchen in jede Hand und fing mit beiden Backen an zu blasen; und allmählich leise, leise fing es an zu rollen, über den Fußboden, dann die Wand hinauf, dann kopfüber die Decke entlang und dann die andere Wand wieder hinunter. Mehr, mehr! schrie Häwelmann, als er wieder auf dem Boden war; und dann blies er wieder seine Backen auf, und dann ging es wieder kopfüber und kopfunter. Es war ein großes Glück für den kleinen Häwelmann, daß es grade Nacht war und die Erde auf dem Kopf stand; sonst hätte er doch gar zu leicht den Hals brechen können.
Als er dreimal die Reise gemacht hatte, guckte der Mond ihm auf einmal ins Gesicht. Junge, sagte er, hast du noch nicht genug? Nein, schrie Häwelmann, mehr, mehr! Mach mir die Thür auf! Ich will durch die Stadt fahren; alle Menschen sollen mich fahren sehen. Das kann ich nicht, sagte der gute Mond; aber er ließ einen langen Strahl durch das Schlüsselloch fallen, und darauf fuhr der kleine Häwelmann zum Hause hinaus. Es war eigentlich ein großes Glück für ihn, daß er noch ein so ganz kleiner Junge war; sonst hätte er in dem engen Schlüsselloch doch gar zu leicht zu Schaden kommen können.
Auf der Straße war es ganz still und einsam; die langen Häuser standen im hellen Mondschein und glotzten mit ihren schwarzen Fenstern recht dumm in die Stadt hinaus; aber die Menschen waren nirgends zu sehen. Es rasselte recht, als der kleine Häwelmann in seinem Rollenbette über das Straßenpflaster fuhr, und der gute Mond ging immer neben ihm und leuchtete. So fuhren sie Straßen aus, Straßen ein; aber die Menschen waren nirgends zu sehen. Als sie bei der Kirche vorbeikamen, da krähte auf einmal der große goldene Hahn auf dem Glockenthurme. Da hielten sie still. Was machst du da? rief der kleine Häwelmann hinauf. Ich krähe zum ersten Mal! rief der goldene Hahn herunter. Wo sind denn die Menschen? rief der kleine Häwelmann hinauf. Die schlafen! rief der goldene Hahn herunter: wenn ich zum dritten Mal gekräht habe, dann wacht der erste Mensch auf. Das dauert mir zu lange; sagte Häwelmann, ich will in den Wald fahren; alle Thiere sollen mich fahren sehen! Junge, sagte der gute alte Mond, hast du noch nicht genug? Nein, schrie Häwelmann, mehr, mehr! Leuchte, alter Mond, leuchte! Und dann blies er die Backen auf, und der alte gute Mond leuchtete, und so fuhren sie zum Stadtthore hinaus, und über’s Feld, und in den dunkeln Wald hinein. Der gute Mond hatte große Mühe, zwischen den vielen Bäumen durchzukommen; mitunter war er ein ganzes Stück zurück; aber er holte den kleinen Häwelmann doch immer wieder ein. Im Walde aber war es still und einsam; die Thiere waren nicht zu sehen, weder die Hirsche, noch die Hasen, auch nicht die kleinen Mäuse. So fuhren sie immer weiter, durch Tannen- und Buchenwälder, bergauf und bergab; der gute Mond ging immer nebenher und leuchtete in alle Büsche; aber die Thiere waren nicht zu sehen. Nur eine kleine Katze saß oben in einem Eichbaume und funkelte mit ihren Augen. Da hielten sie still. Das ist der kleine Hinze, sagte Häwelmann, ich kenne ihn wohl; er will die Sterne nachmachen. Und als sie weiter fuhren, sprang die kleine Katze mit von Baum zu Baum. Was machst du da? rief der kleine Häwelmann hinauf. Ich illuminire! rief die kleine Katze herunter. Wo sind denn die andern Thiere? rief der kleine Häwelmann hinauf. Die schlafen! rief die kleine Katze herunter und sprang wieder einen Baum weiter; wenn ich mein letztes Auge zumache, so wacht der erste Maulwurf auf. Das dauert mir zu lange, sagte Häwelmann; ich will in den Himmel fahren; alle Sterne sollen mich fahren sehen. Junge, sagte der gute alte Mond, hast du noch nicht genug? Nein, schrie Häwelmann, mehr, mehr! Leuchte, alter Mond, leuchte! und dann blies er die Backen auf, und der gute alte Mond leuchtete, und so fuhren sie zum Walde hinaus, und dann über die Haide bis ans Ende der Welt, und dann grade in den Himmel hinein. Hier war es lustig; alle Sterne waren wach, und hatten die Augen auf, und funkelten, daß der ganze Himmel blitzte. Platz da! schrie Häwelmann und fuhr in den hellen Haufen hinein, daß die Sterne rechts und links vor Angst vom Himmel fielen. Junge, sagte der alte gute Mond, hast du noch nicht genug? Nein, schrie Häwelmann, mehr, mehr! und hast du nicht gesehen! fuhr er dem alten guten Mond grade über die Nase, daß er ganz dunkelbraun im Gesicht wurde. Pfui! sagte der Mond und nieste drei Mal. Alles mit Maaßen! und damit putzte er seine Laterne aus und alle Sterne machten die Augen zu. Da wurde es im ganzen Himmel auf einmal so dunkel, daß man es ordentlich mit Händen greifen konnte. Leuchte, alter Mond, leuchte! schrie der kleine Häwelmann; aber der Mond war nirgends zu sehen, und auch die Sterne nicht; sie waren schon alle zu Bett gegangen. Da fürchtete der kleine Häwelmann sich sehr, daß er so allein im Himmel sei. Er nahm seine Hemdzipfelchen in die Hände und blies die Backen auf; aber er wußte weder aus noch ein, er fuhr hin und her, kreuz und quer, und Niemand sah ihn fahren, weder die Menschen noch die Thiere, noch auch die lieben Sterne. Da guckte endlich unten, ganz unten am Himmelsrande ein rothes rundes Gesicht zu ihm herauf, und der kleine Häwelmann meinte, der Mond sei wieder aufgegangen. Leuchte, alter Mond, leuchte! rief er, und dann blies er wieder die Backen auf, und fuhr quer durch den ganzen Himmel und grade darauf los. Es war aber die Sonne, die eben aus dem Meere herauf kam. Junge, rief sie und sah ihm mit ihren glühenden Augen ins Gesicht, was machst du hier in meinem Himmel! Und eins, zwei, drei! nahm sie den kleinen Häwelmann und warf ihn mitten in das große Wasser. Da konnte er schwimmen lernen.
Und dann?
Ja, und dann? Weißt du nicht mehr? Wenn ich und du nicht gekommen wären und den kleinen Häwelmann in unser Boot genommen hätten, so hätte er doch leicht ertrinken können.
Text: Theodor Storm, Quelle: Der kleine Häwelmann. In: Sommergeschichten und Lieder, S. 24–30 (Erstdruck 1850/51). Fassung: Originalschreibweise der Ausgabe.
Fragen zum Gespräch mit eurem Kind
Ihr müsst nicht alle Fragen stellen. Nehmt euch eine heraus, hört zu und lasst euer Kind erzählen – so wird aus dem Vorlesen ein kleines Gespräch.
- Was würdest du mitnehmen, wenn dein Bett auf einmal losrollen könnte?
- Warum will der kleine Häwelmann wohl immer noch mehr?
- Wie fühlt er sich, als der Himmel dunkel wird und ihn niemand mehr sieht?
- Was hätte der Mond sagen können, damit Häwelmann nicht in den Himmel fährt?
- Was würdest du tun, wenn ein nasser kleiner Junge in unserem Boot sitzt?
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Quellen
- Der kleine Häwelmann · abgerufen am 11.10.2026
- Der kleine Häwelmann · Stand 04.12.2024
- Der kleine Häwelmann · abgerufen am 11.10.2026
- Der kleine Häwelmann · abgerufen am 11.10.2026
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