Der kleine Muck – das Märchen zum Vorlesen und Anhören

- Jahr
- 1826
- Alter ab
- 6
- Autor/Herkunft
- Wilhelm Hauff (Märchen-Almanach auf das Jahr 1826)
Neu erzählt nach Wilhelm Hauff (Die Geschichte von dem kleinen Muck, 1826)
Das Märchen Der kleine Muck – zum Vorlesen
In Nikäa, einer Stadt im Morgenland, lebte ein Mann, den alle nur den kleinen Muck nannten. Sein Körper war klein und zierlich, sein Kopf aber war viel größer und dicker als der Kopf anderer Leute. Deshalb ging er nur selten aus dem Haus, nur alle vier Wochen einmal, und wer ihn abends auf dem Dach auf und ab gehen sah, dem kam es vor, als spaziere dort oben nur sein großer Kopf.
Vor seinem Haus warteten an diesen Tagen die Kinder der Nachbarschaft. Sie sangen ein Spottlied: „Kleiner Muck, kleiner Muck, wohnst in einem großen Haus.“ Sie zupften an seinem Mäntelchen und traten ihm von hinten auf die großen Pantoffeln, bis er hinfiel. Am schlimmsten trieb es ein Junge aus der Nachbarschaft. Der kleine Muck aber grüßte nur ernst mit dem Kopf und ging langsam weiter.
Dann geschah etwas, das den Jungen erschreckte: Der kleine Muck ging geradewegs in das Haus seines Vaters und blieb lange dort. Als er wieder herauskam, begleitete ihn der Vater zur Tür, hielt ihn ehrerbietig an der Hand und verbeugte sich tief. Der Junge versteckte sich hinter der Haustür und traute sich lange nicht hervor. Als ihn der Hunger dann doch hineintrieb, stand sein Vater schon mit ernstem Gesicht da: „Du hast den guten Muck beschimpft. Ich will dir erzählen, wer er ist. Danach wirst du ihn nicht mehr auslachen.“ Und weil der Junge es wirklich zu toll getrieben hatte, bekam er zuerst eine tüchtige Strafe. Dann setzte sich der Vater zu ihm und erzählte.
Der Vater des kleinen Muck hieß Mukrah und war ein angesehener, aber armer Mann. Weil er sich der Zwerggestalt seines Sohnes schämte, ließ er ihn ohne Unterricht aufwachsen. Muck aber war mit sechzehn Jahren noch ein fröhliches Kind, das gerne spielte und lachte. Sein Vater tadelte ihn dafür, so oft er konnte.
Dann stürzte der alte Mukrah so unglücklich, dass er kurz darauf starb. Muck war allein und wusste nichts von der Welt. Die Verwandten, denen der Verstorbene mehr schuldig war, als er bezahlen konnte, nahmen das Haus und jagten den Jungen fort. „Geh hinaus und suche dein Glück“, rieten sie ihm.
Muck bat nur um eines: um den Anzug seines Vaters. Er durfte ihn haben. Der Vater war groß und stark gewesen, also schnitt Muck die Ärmel und die Hosenbeine ab, die viel zu lang waren. Dass die Kleider auch viel zu weit waren, merkte er erst, als er sie trug. So ging er fortan einher: mit dem weiten, abgeschabten blauen Mäntelchen, den weiten Beinkleidern, dem breiten Gürtel, dem großen Turban und dem langen Dolch, der so lang war, dass man nicht wusste, ob Muck an dem Dolch oder der Dolch an Muck hing. Ein Stöcklein nahm er mit, dann wanderte er zum Stadttor hinaus.
Zwei Tage lang lief Muck über staubige Straßen. Seine kleinen Füße schmerzten, der Hunger knurrte in seinem Bauch, und wenn in der Ferne ein See wie ein Spiegel blinkte oder die Kuppel einer Moschee wie Feuer glühte, eilte er voller Freude darauf zu – aber es war nur ein Trugbild. Nachts schlief er auf der harten Erde, am Tag aß er wilde Feldfrüchte.
Am Morgen des dritten Tages blieb er auf einer Anhöhe stehen. Vor ihm lag eine große Stadt, Fahnen wehten auf den Dächern, und der Halbmond glänzte auf den Zinnen. „Dort oder nirgends“, rief Muck, machte vor Freude einen Luftsprung und eilte weiter. Erst gegen Mittag erreichte er das Tor. Er band den Turban schöner, zog den Gürtel fester, wischte den Staub von den Schuhen und ging mutig hinein. Aber niemand rief: „Kleiner Muck, komm herein und iss und trink!“
Endlich öffnete sich in einem schönen Haus ein Fenster, und eine alte Frau sang mit heller Stimme: „Herbei, herbei! Gekocht ist der Brei.“ Da liefen Katzen und Hunde von allen Seiten in das Haus, und Muck lief einfach mit. Oben begegnete ihm die Alte, die gar nicht erfreut aussah. „Ich koche nur für meine lieben Katzen“, sagte sie. Doch Muck erzählte ihr so treuherzig, wie es ihm ergangen war, dass sie Mitleid bekam. Sie gab ihm zu essen und zu trinken und fragte: „Willst du bei mir in den Dienst treten? Du hast wenig Mühe und sollst gut gehalten sein.“ Muck griff zu – der Katzenbrei hatte ihm geschmeckt.
Sein Dienst war leicht, aber seltsam. Frau Ahavzi besaß zwei Kater und vier Katzen. Muck musste ihnen jeden Morgen das Fell kämmen und mit kostbaren Salben einreiben, ihnen die Schüsseln vorlegen und sie nachts auf seidene Polster betten und mit samtenen Decken zudecken. Auch ein kleines Hündchen wohnte im Haus, das die Katzen oft ärgerten und das Frau Ahavzi stiefmütterlich behandelte. Muck spielte mit ihm und freundete sich mit ihm an. Bald war das Hündchen sein bester Freund.
Doch nach und nach wurden die Katzen unartig. Sobald die Frau aus dem Haus war, sprangen sie wie besessen umher und zerbrachen alles Geschirr, das ihnen im Weg stand. Hörten sie aber die Schritte der Herrin auf der Treppe, verkrochen sie sich auf ihre Polster und wedelten mit den Schwänzen, als wäre nichts geschehen. Frau Ahavzi wurde zornig, wenn sie das verwüstete Zimmer sah, und schob alles auf Muck. Sie glaubte ihren Katzen mehr als ihrem Diener, und Muck mochte beteuern, was er wollte.
So war der kleine Muck wieder traurig, denn auch hier fand er kein Glück. Er beschloss, den Dienst zu verlassen. Aber er hatte nie einen Lohn bekommen. Also suchte er selbst nach Geld. Im Haus gab es ein Zimmer, das immer verschlossen war und in dem er die Frau oft hatte rumoren hören. Was sie dort verbarg, wusste er nicht. Eines Morgens zupfte ihn das Hündchen an den weiten Hosen und lief zur Schlafkammer der Frau. Dort war eine kleine Tür, die er noch nie gesehen hatte. Sie stand halb offen.
Muck folgte dem Hündchen in das verborgene Gemach. Alte Kleider hingen dort und wunderlich geformte Gefäße standen umher, aber Geld fand er nicht. Da fiel sein Blick auf ein Geschirr aus Kristall, in das schöne Figuren geschnitten waren. Er hob es auf und drehte es nach allen Seiten. Zu spät sah er, dass ein Deckel darauf lag, der nur lose aufgelegt war. Der Deckel fiel herab und zerbrach in tausend Stücke.
Muck stand stockstill vor Schreck. Nun musste er fliehen, so schnell er konnte. Er schaute sich noch einmal um, ob er etwas für die Reise gebrauchen konnte. Da standen ein paar mächtig große Pantoffeln in der Ecke – seine eigenen Schuhe konnten keine Reise mehr aushalten. Er schlüpfte hinein. Daneben lehnte ein Spazierstöcklein mit einem geschnittenen Löwenkopf. Er nahm es mit, zog sein Mäntelchen an, setzte den Turban auf, steckte den Dolch in den Gürtel und lief zum Haus und zur Stadt hinaus.
Draußen rannte er immer weiter, ohne anzuhalten. Eine unsichtbare Gewalt zog ihn fort, er konnte nicht stehen bleiben, so müde er auch war. Da merkte er, dass mit den Pantoffeln etwas nicht stimmte: Sie schossen immer weiter und nahmen ihn mit. Endlich rief er, so wie man einem Pferd zuruft: „Oh – oh, halt!“ Da hielten die Pantoffeln an, und Muck fiel erschöpft ins Gras.
Er schlief ein, und im Traum erschien ihm das Hündchen von Frau Ahavzi. „Lieber Muck“, sprach es, „du verstehst den Gebrauch der Pantoffeln noch nicht. Wenn du dich dreimal auf dem Absatz herumdrehst, kannst du hinfliegen, wohin du willst. Und mit dem Stöcklein kannst du Schätze finden: Wo Gold vergraben ist, schlägt es dreimal auf die Erde, wo Silber liegt, zweimal.“
Als Muck erwachte, versuchte er es gleich. Er drehte sich auf dem Absatz – einmal, da fiel er hin, zweimal, da fiel er wieder hin. Beim dritten Mal aber glückte es: Wie ein Rad wirbelte er herum, wünschte sich in die nächste große Stadt, und schon hoben ihn die Pantoffeln in die Lüfte und trugen ihn mit Windeseile durch die Wolken.
Er landete auf einem Marktplatz, auf dem unzählige Menschen geschäftig hin und her liefen. Bald trat ihm einer auf die Pantoffeln, dass er beinahe fiel, bald stieß sein langer Dolch die Leute. Muck suchte eine stille Straße und dachte nach, wie er Geld verdienen könnte. Zum Anschauen lassen war er zu stolz. Da fiel ihm die Schnelligkeit seiner Füße ein. „Vielleicht können mir die Pantoffeln mein Brot verdienen“, dachte er und beschloss, sich als Läufer zu verdingen.

So fragte er sich zum Palast des Königs durch. Dort wies man ihn zum Aufseher der Sklaven, dem er sein Anliegen vortrug. Der Aufseher musterte ihn von oben bis unten und lachte: „Mit deinen Füßlein, die kaum eine Spanne lang sind, willst du königlicher Schnellläufer werden? Hebe dich weg!“ Muck aber blieb ruhig und sagte, es sei ihm voller Ernst, und er wolle es mit dem schnellsten Läufer auf eine Wette ankommen lassen. Der König, ein lustiger Herr, hörte davon und ließ Anstalten treffen: Am Abend sollte auf einer großen Wiese hinter dem Schloss gelaufen werden.
Als der Abend kam, saßen der König, seine Söhne und Töchter und der ganze Hof auf den Gerüsten, und alles, was Füße hatte, strömte hinaus. Als Muck auf die Wiese trat, das Körperlein mit dem mächtigen Kopf, die weiten Beinkleider, der lange Dolch, die riesigen Pantoffeln, da lachten alle laut. Muck ließ sich nicht irre machen. Er stellte sich stolz hin, auf sein Stöcklein gestützt, und wartete. Prinzessin Amarza winkte mit ihrem Schleier, und die beiden Läufer schossen davon wie zwei Pfeile.
Mucks Gegner war groß, schlank und schnell, und von Anfang an hatte er Vorsprung. Doch die Pantoffeln trugen den kleinen Muck über die Wiese, dass es nur so pfiff. Er holte den Läufer ein, überholte ihn und stand schon am Ziel, als der andere noch nach Luft rang. Einen Augenblick lang war alles still. Dann klatschte der König in die Hände, und die Menge jubelte: „Hoch lebe der kleine Muck!“ Der König aber rief ihn zu sich und sagte: „Du sollst mein Leibläufer sein, immer um meine Person. Jährlich bekommst du hundert Goldstücke, und du sollst an der Tafel meiner ersten Diener speisen.“
Muck glaubte, nun endlich sein Glück gefunden zu haben. Der König schickte ihn mit seinen geheimsten Botschaften hin und her, und Muck besorgte alles schnell und zuverlässig. Doch die anderen Diener waren ihm nicht zugeneigt. Sie sahen es ungern, dass ein Zwerg, der nichts konnte als schnell laufen, ihnen die Gunst des Königs wegnahm. Sie schmiedeten manchen Plan gegen ihn, aber alle scheiterten.
Muck merkte das wohl, doch er dachte nicht an Rache. Er wollte sich beliebt machen. Da fiel ihm sein Stöcklein ein, das er in seinem Glück ganz vergessen hatte. Wenn er Schätze fände, dachte er, würden ihm die Herren schon freundlicher begegnen. Man erzählte sich, der verstorbene Vater des Königs habe in Zeiten des Krieges viele Schätze im Schlosspark vergraben. Also nahm Muck sein Stöcklein immer mit.
Eines Abends führte ihn der Weg in einen entlegenen Teil des Schlossgartens. Da zuckte das Stöcklein in seiner Hand und schlug dreimal auf die Erde. Muck wusste, was das bedeutete. Er zeichnete Zeichen in die Bäume, holte in der Nacht einen Spaten und grub. Zwei Stunden arbeitete er, ehe er auf etwas Hartes stieß. Er grub weiter und fand einen großen eisernen Deckel, darunter einen Topf voller Goldstücke. Seine Arme waren schwach, aber er füllte seine Taschen, den Gürtel und das Mäntelchen mit Gold, deckte das Übrige sorgfältig wieder zu und schleppte den Fund auf sein Zimmer.
Nun glaubte Muck, das Blatt werde sich wenden. Er verteilte das Gold mit vollen Händen an die Diener des Hofes. Aber er gewann keine Freunde. Der Küchenmeister sagte: „Er ist ein Falschmünzer.“ Der Sklavenaufseher sagte: „Er hat es dem König abgeschwatzt.“ Und der Schatzmeister Archaz, Mucks ärgster Feind, sagte geradezu: „Er hat es gestohlen.“ Sie verabredeten sich und brachten dem König den Verdacht bei, Muck habe das Geld aus der Schatzkammer genommen.
Der König befahl, heimlich auf Mucks Schritte zu achten. Als Muck in der Nacht darauf wieder in den Garten schlich, um neues Gold zu holen, folgten ihm die Wachen, angeführt vom Küchenmeister und vom Schatzmeister. In dem Augenblick, als er das Gold in sein Mäntelchen füllen wollte, fielen sie über ihn her, banden ihn und führten ihn vor den König. Der war unwirsch, weil man ihn im Schlaf gestört hatte. Der Schatzmeister aber schwor, dieses Gold sei genau das, was im königlichen Schatz fehle. Dass unten in dem Topf ein Zettel lag, auf dem stand, wer den Schatz verborgen hatte und dass der Finder ihn dem Königssohn ausliefern sollte – das verschwieg der Schatzmeister lieber.
Muck beteuerte seine Unschuld und sagte, er habe den Topf nicht eingraben, sondern ausgraben wollen. Die Höflinge lachten, und der König wurde zornig. Muck wurde in Ketten gelegt und in den Turm gesperrt. Dort saß er nun und wartete auf eine harte Strafe. Seine Pantoffeln konnten ihm nicht helfen: In den engen Ketten konnte er sich nicht auf dem Absatz drehen.
Als ihm mitgeteilt wurde, dass der König ihn streng bestrafen wolle, fasste Muck einen Entschluss. Lieber wollte er ohne das Zauberstöcklein leben als mit ihm sterben. Er bat den König um ein geheimes Gespräch und verriet ihm das Geheimnis des Stöckleins. Der König glaubte ihm nicht. Da versprach Muck, es zu beweisen, wenn man ihm das Leben schenke. Der König gab ihm sein Wort und ließ, ohne dass Muck es sah, Gold in die Erde graben. Muck trat mit seinem Stöcklein hin, und das Stöcklein schlug dreimal auf die Erde. In wenigen Augenblicken war das Gold gefunden.
Da merkte der König, dass ihn sein Schatzmeister betrogen hatte, und entließ ihn in Ungnade. Muck aber war noch nicht frei. „Es scheint, du kennst nicht nur dieses Geheimnis“, sprach der König. „Wenn du mir nicht auch sagst, wie es mit deinem Schnelllaufen zugeht, bleibst du in ewiger Gefangenschaft.“ Muck, dem eine einzige Nacht im Turm alle Lust auf weitere Gefangenschaft genommen hatte, sagte die Wahrheit: Seine ganze Kunst steckte in den Pantoffeln. Wie man sie aber wieder anhielt, verriet er nicht.
Der König schlüpfte selbst in die Pantoffeln, um es zu versuchen. Er jagte wie unsinnig durch den Garten und wusste nicht, wie er wieder stehen bleiben sollte. Muck konnte sich eine kleine Rache nicht versagen und ließ ihn laufen, bis er ohnmächtig niederfiel. Als der König wieder zu sich kam, war er schrecklich aufgebracht. „Ich habe dir Leben und Freiheit versprochen“, rief er, „aber du musst mein Land verlassen!“ Die Pantoffeln und das Stöcklein ließ er in seine Schatzkammer sperren.
So arm wie am ersten Tag wanderte Muck zum Land hinaus. Das Land war nicht groß, nach acht Stunden hatte er die Grenze erreicht. Er verließ die Straße und suchte die Einsamkeit des Waldes, denn er war allen Menschen gram. In einem dichten Wald fand er einen Platz mit einem klaren Bach und schattigen Feigenbäumen. Dort legte er sich nieder und wollte für immer allein bleiben.
Über seinen traurigen Gedanken schlief er ein. Als er erwachte, quälte ihn der Hunger. Reife Feigen hingen über ihm am Baum, und er aß so viele, wie er hinaufklettern konnte. Danach ging er zum Bach, um zu trinken – und erschrak: Im Wasser sah er seinen Kopf mit zwei gewaltigen Eselsohren und einer langen, dicken Nase. „Ich verdiene Eselsohren“, rief er aus, „denn ich habe mein Glück wie ein Esel mit Füßen getreten!“ Als der Hunger wiederkam, aß er von den Feigen des zweiten Baumes – und siehe da: Ohren und Nase waren verschwunden. Nun verstand er: Der eine Baum ließ Ohren und Nase wachsen, der andere machte sie wieder klein.
Da erkannte Muck, dass ihm das Glück noch einmal ein Mittel in die Hand gab. Er pflückte von beiden Bäumen, so viel er tragen konnte, und ging in das Land zurück, aus dem er verbannt worden war. Dort kaufte er sich andere Kleider, sodass ihn niemand erkannte, und wanderte weiter zur Stadt des Königs.
Es war gerade eine Zeit, in der reife Früchte selten waren. Muck setzte sich mit seinem Körbchen unter das Tor des Palastes, denn dort kaufte der Küchenmeister immer die Seltenheiten für die königliche Tafel. Es dauerte nicht lange, da kam der Küchenmeister vorbei. Sein Blick fiel auf die Feigen. „Ah, ein seltener Bissen, der Ihrer Majestät gewiss behagen wird!“ sagte er und kaufte den ganzen Korb. Muck machte sich eilig aus dem Staub.
Der König war an diesem Tag besonders guter Laune und lobte seine Küche. Dann ließ der Küchenmeister die Feigen auftragen, und ein allgemeines „Ah!“ ging durch den Saal. „Wie reif, wie appetitlich!“ rief der König und verteilte die Früchte eigenhändig: Jeder Prinz und jede Prinzessin bekam zwei, die Hofdamen und die Wesire eine, und die übrigen begann er selbst mit großem Behagen zu verspeisen. Da rief Prinzessin Amarza plötzlich: „Aber lieber Gott, Vater, wie siehst du denn aus!“ Alle starrten den König an. Ungeheure Ohren hingen an seinem Kopf, und eine lange Nase zog sich über sein Kinn. Und wie sie sich nun gegenseitig betrachteten, sahen sie, dass alle mehr oder minder mit demselben Kopfputz geschmückt waren.
Der Schrecken am Hof war groß. Ärzte kamen in Scharen, verordneten Pillen und Mixturen, aber die Ohren und Nasen blieben, wie sie waren. Man operierte sogar einen Prinzen – doch die Ohren wuchsen einfach nach.
Muck hatte die ganze Geschichte aus seinem Versteck mit angehört und wusste, dass nun seine Stunde gekommen war. Er hatte von dem Geld für die Feigen schon einen Anzug gekauft, der ihn als Gelehrten erscheinen ließ, und sich einen langen Bart aus Ziegenhaar angesetzt. Mit einem Säckchen voll Feigen ging er in den Palast und bot als fremder Arzt seine Hilfe an. Anfangs glaubte ihm niemand. Als er aber einem Prinzen eine Feige zu essen gab und Ohren und Nase sofort wieder ihre alte Gestalt annahmen, da wollte jeder am Hof geheilt werden.
Der König jedoch nahm ihn schweigend bei der Hand und führte ihn in seine Schatzkammer. „Hier sind meine Schätze“, sprach er. „Wähle dir, was du willst, wenn du mich von diesem Übel befreist.“ Das war Musik in Mucks Ohren. Schon beim Eintreten hatte er seine Pantoffeln in der Ecke stehen sehen und daneben sein Stöcklein. Er ging im Saal umher, als wolle er die Schätze bewundern. Kaum aber war er bei den Pantoffeln angelangt, schlüpfte er hinein, ergriff das Stöcklein, riss den falschen Bart herab und rief: „Treuloser König, der du treue Dienste mit Undank lohnst, nimm die Missgestalt als wohlverdiente Strafe! Die Ohren aber lasse ich dir zurück, damit sie dich täglich an den kleinen Muck erinnern!“ Dann drehte er sich schnell auf dem Absatz herum, wünschte sich weit hinweg – und ehe der König um Hilfe rufen konnte, war er fort.
So kehrte der kleine Muck in seine liebe Vaterstadt zurück. Dort lebte er in großem Wohlstand, aber einsam, denn er hielt sich von den Menschen fern, die ihn einst verspottet hatten. Durch Erfahrung war er ein weiser Mann geworden. „Er verdient mehr Bewunderung als Spott“, sagte der Vater am Ende seiner Erzählung und sah seinen Sohn ernst an.
Der Junge ließ den Rest seiner Strafe bleiben. Am nächsten Tag erzählte er die Geschichte seinen Freunden, und auch sie waren beeindruckt. Von da an ehrten sie den kleinen Muck und bückten sich tief vor ihm, wenn er über die Straße ging.
Der kleine Muck in Kürze
Um sein Glück zu suchen, zieht der kleine Muck nach dem Tod seines Vaters in die Welt – verspottet wegen seiner Gestalt und ohne Geld2. Bei der alten Frau Ahavzi muss er Katzen und Hunde versorgen, bis er versehentlich ein Kristallgefäß zerbricht und mit zwei Zauberdingen flieht: Pantoffeln, die ihn fliegen lassen, und einem Stöcklein, das verborgene Schätze anzeigt2. Am Königshof wird er Leibläufer, verliert durch eine Intrige seine Stellung und wird des Landes verwiesen2. Mit Feigen, die riesige Eselsohren wachsen lassen, kehrt er zurück, heilt den Hof als Arzt – und holt sich seine Zaubergegenstände zurück2.

Die Figuren
- Der kleine Muck – der winzige Held mit dem riesigen Kopf, der sein Glück sucht und am Ende weise und wohlhabend, aber einsam in seiner Heimatstadt lebt2.
- Mukrah – Mucks Vater, ein angesehener, aber armer Mann, der sich der Zwerggestalt seines Sohnes schämt und nach einem Sturz stirbt2.
- Die Verwandten – sie nehmen das Haus und jagen den jungen Muck fort, damit er sein Glück in der Welt suche2.
- Frau Ahavzi – die alte Frau, die nur für ihre Katzen kocht und Muck als Diener aufnimmt2.
- Das Hündchen – Mucks bester Freund im Haus der Frau Ahavzi; es führt ihn in die verborgene Kammer und erklärt ihm im Traum die Zauberkraft von Pantoffeln und Stöcklein.
- Der König – der Herrscher, der Muck erst zum Leibläufer macht, ihn dann verbannt und am Ende mit Eselsohren zurückbleibt2.
- Achmet, der Sklavenaufseher – er verspottet Muck, richtet den Wettlauf aus und verleumdet ihn später am Hof.
- Archaz, der Schatzmeister – Mucks ärgster Feind, der ihn des Diebstahls beschuldigt, obwohl er selbst in die königliche Kasse greift.
- Der Küchenmeister Ahuli und der Obermundschenk Korchuz – sie schüren den Neid am Hof und bringen den König gegen Muck auf.
- Prinzessin Amarza – sie gibt das Zeichen zum Wettlauf und entdeckt als Erste die Eselsohren des Königs.
- Der schnellste Läufer des Königs – er verliert das Rennen gegen Muck und steht staunend am Ziel.
- Der Erzähler und sein Vater – ein Junge, der den kleinen Muck neckt, und sein Vater, der ihm die Lebensgeschichte erzählt und ihn so eines Besseren lehrt2.
Was lernen Kinder daraus?
Der kleine Muck wird sein Leben lang verspottet – wegen seiner Gestalt, nicht wegen seines Verhaltens. Am Ende ist er ein angesehener, weiser Mann. Der Vater erzählt seinem Sohn die Geschichte, damit er merkt, wie kurzsichtig es ist, nur auf Äußerlichkeiten zu achten2. Kinder erfahren beim Zuhören, wie sich Muck fühlt, wenn alle lachen, und üben dabei Mitgefühl: Märchen sprechen das Gefühlsleben von Kindern an und fördern die Empathie, also die Fähigkeit, mit anderen mitzufühlen7. Sie vermitteln außerdem Normen und Werte wie die Achtung vor anderen Menschen7. Eine zweite Lektion steckt in den Goldstücken: Mit Geschenken kauft Muck sich keine Freunde, die Neider am Hof werden nur noch neidischer. Ein Hinweis für euch: Schaut euch Märchen vor dem Vorlesen an und überlegt, ob die Geschichte für euer Kind schon geeignet ist; sehr grausame Märchen können jüngere Kinder überfordern7.
Herkunft und Entstehung
Die Geschichte von dem kleinen Muck ist ein Kunstmärchen von Wilhelm Hauff. Sie erschien 1826 im Märchen-Almanach auf das Jahr 18262. Hauff starb 1827. Erzählt wird sie in einer Rahmenerzählung: Kaufleute vertreiben sich auf einer Wüstenreise die Zeit mit Geschichten, und einer von ihnen berichtet von dem kleinwüchsigen Sonderling aus seiner Heimatstadt Nikäa1, 2. Es ist das fünfte und damit vorletzte Märchen dieser Sammlung2. Die verschachtelte Form – eine Geschichte in der Geschichte – hat Hauff den Märchen aus Tausendundeiner Nacht entlehnt; auch der Schauplatz ist orientalisch2. Der Stoff wird bis heute nacherzählt und aufgeführt5. Es gibt stark vereinfachte Fassungen für jüngere Kinder3, und auf der Bühne wird die Handlung manchmal abgewandelt – im Apollo-Theater der Stadt Siegen wird der kleine Muck zum Mädchen Muck5. Diese Fassung folgt dem Original in der Handlung und mildert nur die drastischen Strafen ab.
Der Originaltext
Die Geschichte von dem kleinen Muck.
In Nicea, meiner lieben Vaterstadt, wohnte ein Mann, den man den kleinen Muck hieß. Ich kann mir ihn, ob ich gleich damals noch sehr jung war, noch recht wohl denken, besonders weil ich einmal von meinem Vater wegen seiner halb tot geprügelt wurde. Der kleine Muck nämlich war schon ein alter Geselle, als ich ihn kannte; doch war er nur drei bis vier Schuh hoch, dabei hatte er eine sonderbare Gestalt; denn sein Leib, so klein und zierlich er war, mußte einen Kopf tragen, viel größer und dicker als der Kopf anderer Leute; er wohnte ganz allein in einem großen Haus und kochte sich sogar selbst; auch hätte man in der Stadt nicht gewußt, ob er lebe oder gestorben sei, denn er ging nur alle vier Wochen einmal aus, wenn nicht um die Mittagsstunde ein mächtiger Dampf aus dem Hause aufgestiegen wäre; doch sah man ihn oft abends auf seinem Dache auf- und abgehen, von der Straße aus glaubte man aber, nur sein großer Kopf allein laufe auf dem Dache umher. …
Text: Wilhelm Hauff, Quelle: de.wikisource.org – Die Geschichte von dem kleinen Muck (Märchen-Almanach auf das Jahr 1826); Originalschreibweise
Fragen zum Gespräch mit eurem Kind
Vorgelesen zu bekommen unterstützt das Sprechenlernen und schafft ruhige Inseln im Tag6. Über diese fünf Fragen könnt ihr danach ins Gespräch kommen:
- Warum lachen die Kinder den kleinen Muck aus – und wie würdet ihr euch an seiner Stelle fühlen?
- Was würdet ihr mit den Zauberpantoffeln und dem Stöcklein machen, wenn sie euch gehörten?
- Muck wollte mit seinem Gold Freunde gewinnen. Warum hat das nicht geklappt?
- In welchem Moment war der kleine Muck besonders mutig?
- Was glaubt ihr: Warum lebt der kleine Muck am Ende lieber allein, obwohl er reich ist?
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Häufige Fragen
Worum geht es im ersten Teil des Märchens Der kleine Muck?
Worum geht es im zweiten Teil des Märchens Der kleine Muck?
Quellen
- Die Geschichte von dem kleinen Muck · abgerufen am 11.10.2026
- Die Geschichte von dem kleinen Muck · abgerufen am 11.10.2026
- DieGeschichtevondemkleinenMuck · abgerufen am 11.10.2026
- Der kleine Muck · Stand 24.02.2022
- „Der kleine Muck“ im Märchen-Check · abgerufen am 11.10.2026
- Geschichten vorlesen · Stand 31.12.2025
- Märchen fördern Einfühlungsvermögen bei Kindern: Kinderaerzte-im-Netz · Stand 11.10.2026
- Der kleine Muck · abgerufen am 11.10.2026
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