Der Eisenhans – das Märchen zum Vorlesen und Anhören

- Jahr
- 1857
- Alter ab
- 5
- Autor/Herkunft
- Brüder Grimm (Kinder- und Haus-Märchen, KHM 136, Ausgabe 1857)
Neu erzählt nach Jacob und Wilhelm Grimm (Deutsch, 1857)
Das Märchen Der Eisenhans erzählt, wie ein Königssohn bei einem wilden Mann im Wald den Goldbrunnen hütet, in die Welt zieht und am Ende den verzauberten Eisenhans erlöst.
Der Eisenhans – das Märchen zum Vorlesen
Es war einmal ein König, der hatte hinter seinem Schloss einen großen, dunklen Wald. Darin lief Wild aller Art herum, Hirsche, Rehe und Wildschweine, und weil es so viel Wild gab, schickte der König eines Tages einen Jäger hinaus, der sollte ihm ein Reh schießen. Der Jäger ging in den Wald und kam nicht wieder. Am nächsten Tag schickte der König zwei weitere Jäger los, die sollten nach ihm suchen. Auch sie blieben fort. Da rief der König am dritten Tag alle seine Jäger zusammen und befahl ihnen, den ganzen Wald zu durchstreifen, bis sie die Vermissten gefunden hätten. Doch keiner von ihnen kehrte heim, und auch die Hunde, die sie mitgenommen hatten, waren verschwunden.
Von da an wagte sich niemand mehr in den Wald. Er lag still und verlassen da, und nur zuweilen flog ein Adler oder ein Habicht über die Wipfel. Das dauerte viele Jahre. Da meldete sich ein fremder Jäger beim König, der suchte Arbeit und erbot sich, in den gefährlichen Wald zu gehen. „Das solltest du lieber nicht tun“, sagte der König. „Es ist nicht geheuer dort. Ich fürchte, es ergeht dir nicht besser als den anderen, und du kommst nicht wieder heraus.“ Der Jäger aber antwortete: „Herr, ich wage es. Furcht kenne ich nicht.“
Also ging der fremde Jäger mit seinem Hund in den Wald. Bald nahm der Hund eine Fährte auf und wollte hinter dem Wild herlaufen. Kaum aber war er ein paar Schritte gelaufen, da stand er vor einem tiefen, dunklen Tümpel und konnte nicht weiter. Ein nackter Arm streckte sich aus dem Wasser, packte den Hund und zog ihn hinab. Als der Jäger das sah, lief er zurück und holte drei Männer. Die mussten mit Eimern kommen und das Wasser ausschöpfen, bis der Grund zu sehen war. Und da lag ein wilder Mann im Schlamm. Sein Körper war braun wie rostiges Eisen, und seine Haare hingen ihm über das Gesicht bis zu den Knien herab. Die Männer banden ihn mit Stricken und führten ihn zum Schloss. „Den nennen wir Eisenhans“, sagten sie, „denn er sieht aus wie Eisen.“
Über den wilden Mann wurde viel geredet. Der König ließ ihn in einen eisernen Käfig auf den Hof stellen und verbot streng, die Tür des Käfigs jemals zu öffnen. Den Schlüssel musste die Königin selbst verwahren. Von da an konnte wieder jeder sicher in den Wald gehen. Der Eisenhans aber saß in seinem Käfig und sah schweigend zu, wie die Tage vergingen.
Der Königssohn war acht Jahre alt. Er spielte eines Tages auf dem Hof, und beim Spielen fiel ihm sein goldener Ball in den Käfig. Der Knabe lief hin und bat um seinen Ball. „Erst wenn du mir die Tür öffnest“, sagte der wilde Mann. „Nein“, sagte der Knabe, „das tue ich nicht, das hat der König verboten“, und lief fort.
Am nächsten Tag kam er wieder und bat um seinen Ball. Wieder wollte der wilde Mann die Tür geöffnet haben, doch der Knabe weigerte sich. Am dritten Tag war der König auf die Jagd geritten. Da kam der Knabe noch einmal und sagte: „Ich kann die Tür gar nicht öffnen, ich habe den Schlüssel nicht.“ Da sagte der wilde Mann, der Schlüssel liege unter dem Kopfkissen der Königin, dort könne er ihn holen.
Der Knabe wollte seinen Ball so gern wiederhaben, dass er alle Bedenken beiseiteschob und den Schlüssel herbeiholte. Die Tür ging schwer auf, und er klemmte sich den Finger. Kaum war der Käfig offen, da trat der wilde Mann heraus, gab ihm den goldenen Ball und eilte davon. Dem Knaben wurde angst. Er lief ihm nach und bat, nicht fortzugehen, sonst bekomme er zu Hause Ärger. Da kehrte der wilde Mann um, hob ihn auf seinen Nacken und ging mit schnellen Schritten in den Wald hinein.
Als der König heimkam, sah er den leeren Käfig. Die Königin suchte den Schlüssel, aber er war fort. Sie rief den Knaben, doch niemand antwortete. Der König schickte Leute aus, die sollten ihn auf den Feldern suchen, aber sie fanden ihn nicht. Da konnte er sich denken, was geschehen war, und am Hof herrschte große Trauer.
Im finsteren Wald setzte der wilde Mann den Knaben von seinen Schultern herab. Er sagte ihm, dass er Vater und Mutter nicht wiedersehen werde. Bei ihm aber solle er bleiben dürfen, denn er habe ihn befreit, und er habe Mitleid mit ihm. Wenn er alles tue, was er ihm sage, solle er es gut haben, denn er habe Schätze und Gold, mehr als jemand auf der Welt. Dann machte er ihm ein Lager aus Moos, auf dem der Knabe einschlief.
Am nächsten Morgen führte der Mann ihn zu einem Brunnen. „Siehst du diesen Brunnen?“, sagte er. „Er glänzt hell und klar, und nichts, was hineinfällt, bleibt wie es war. Du sollst hier sitzen und achtgeben, dass nichts hineingerät, sonst ist der Brunnen entehrt. Jeden Abend komme ich und sehe nach, ob du mein Gebot befolgt hast.“
Der Knabe setzte sich an den Rand des Brunnens. Manchmal zeigte sich ein goldener Fisch im Wasser, manchmal eine goldene Schlange, und er passte gut auf. Einmal aber schmerzte ihn sein Finger so heftig, dass er ihn ohne nachzudenken in das Wasser steckte. Schnell zog er ihn wieder heraus, doch der Finger war ganz vergoldet. Er rieb und wischte, es half nichts, das Gold blieb.

Als der Eisenhans am Abend zurückkam, fragte er, was mit dem Brunnen geschehen sei. „Nichts“, sagte der Knabe und hielt den Finger hinter seinem Rücken versteckt. Der Mann aber sagte: „Du hast den Finger ins Wasser getaucht. Diesmal soll es hingehen, doch hüte dich, dass nicht wieder etwas hineinfällt.“
Am frühesten Morgen saß der Knabe schon am Brunnen. Der Finger tat ihm wieder weh, und als er damit über seinen Kopf strich, fiel ihm ein Haar in das Wasser. Er nahm es schnell heraus, aber es war schon ganz vergoldet. Der Eisenhans kam und wusste, was geschehen war. Er wolle es ihm noch einmal nachsehen, sagte er, aber wenn es zum dritten Mal geschehe, sei der Brunnen entehrt, und der Knabe könne nicht länger bei ihm bleiben.
Am dritten Tag saß der Knabe still am Brunnen und rührte den Finger nicht, so weh er ihm auch tat. Die Zeit wurde ihm lang. Er beugte sich über das Wasser und betrachtete sein Gesicht im Spiegel des Brunnens. Dabei fielen ihm seine langen Haare von den Schultern herab ins Wasser. Er richtete sich schnell auf, aber sein ganzes Haupthaar war schon vergoldet und glänzte wie eine Sonne. Erschrocken band er sein Taschentuch um den Kopf, damit der Mann es nicht sehen sollte. Der Eisenhans aber wusste alles und sagte: „Binde das Tuch auf.“ Da quollen die goldenen Haare hervor.
Der Knabe konnte sich entschuldigen, wie er wollte, es half ihm nichts. Er habe die Prüfung am Brunnen nicht geschafft, sagte der Eisenhans, und könne nicht länger bei ihm bleiben. Er solle hinaus in die Welt gehen und erfahren, wie es ist, arm zu sein. Weil er aber kein böses Herz habe und er es gut mit ihm meine, wolle er ihm eines erlauben: Wenn er in Not gerate, solle er in den Wald gehen und dreimal laut „Eisenhans“ rufen, dann werde er kommen und ihm helfen. Seine Macht sei groß, größer als der Knabe denke, und an Gold und Silber fehle es ihm nicht.
Da verließ der Königssohn den Wald und ging über gebahnte und ungebahnte Wege, immer fort, bis er zuletzt in eine große Stadt kam. Dort suchte er Arbeit, aber er fand keine, und er hatte auch nichts gelernt, womit er sich hätte fortbringen können. Endlich ging er zum Schloss und fragte, ob sie ihn behalten wollten. Die Hofleute wussten nicht recht, wozu sie ihn brauchen sollten, aber sie mochten ihn und hießen ihn bleiben. Zuletzt nahm ihn der Koch in Dienst. Er sollte Holz und Wasser tragen und die Asche zusammenkehren.
Einmal, als gerade kein anderer zur Hand war, hieß der Koch ihn die Speisen zur königlichen Tafel tragen. Weil er seine goldenen Haare nicht zeigen wollte, behielt er sein Hütchen auf. So etwas war dem König noch nie vorgekommen. Er sagte, am Königstisch habe man den Hut abzunehmen. „Ach, Herr“, antwortete der Junge, „ich darf nicht, auf meinem Kopf ist eine böse Stelle.“ Da ließ der König den Koch rufen und schalt ihn, wie er einen solchen Jungen in seinen Dienst nehmen konnte. Der Koch aber hatte Mitleid und gab ihn zum Gärtnerjungen.
Nun musste der Junge im Garten pflanzen und begießen, hacken und graben und Wind und Wetter über sich ergehen lassen. Einmal im Sommer arbeitete er allein im Garten. Der Tag war so heiß, dass er sein Hütchen abnahm, damit die Luft ihn kühlen sollte. Wie die Sonne auf sein Haar schien, glitzerte und blitzte es, und die Strahlen fielen bis in das Schlafzimmer der Königstochter. Sie sprang auf, um zu sehen, woher das Leuchten kam, und erblickte den Jungen. „Junge, bring mir einen Blumenstrauß“, rief sie ihm zu. Er setzte eilig sein Hütchen auf, brach wilde Feldblumen ab und band sie zusammen. Auf der Treppe begegnete ihm der Gärtner und schalt: „Wie kannst du der Königstochter einen Strauß von schlechten Blumen bringen? Hol schnell andere, such die schönsten und seltensten aus.“ „Wildblumen duften kräftiger“, antwortete der Junge, „ich glaube, sie gefallen ihr besser.“
Als er in ihr Zimmer kam, sagte die Königstochter, er solle sein Hütchen abnehmen, denn es ziemte sich nicht, es vor ihr aufzubehalten. Er aber antwortete, er dürfe es nicht, er habe eine grindige Stelle am Kopf. Da griff sie nach dem Hütchen und zog es ab. Seine goldenen Haare rollten ihm auf die Schultern herab, dass es eine Pracht war. Er wollte fortspringen, aber sie hielt ihn am Arm und gab ihm eine Hand voll Goldstücke. Er ging damit fort, achtete des Goldes aber nicht, sondern brachte es dem Gärtner und sagte, dessen Kinder könnten damit spielen.
Am nächsten Tag rief die Königstochter ihn wieder, sie wolle einen Strauß Feldblumen. Kaum war er eingetreten, griff sie nach seinem Hütchen. Er hielt es mit beiden Händen fest. Wieder gab sie ihm eine Hand voll Goldstücke, und wieder wollte er sie nicht behalten, sondern schenkte sie dem Gärtner für dessen Kinder. Am dritten Tag ging es ebenso: Sie konnte ihm das Hütchen nicht wegnehmen, und sein Gold wollte er nicht.
Nicht lange danach wurde das Land mit Krieg überzogen. Der König sammelte sein Volk und wusste nicht, ob er dem Feind widerstehen könnte, denn der war übermächtig und hatte ein großes Heer. Da sagte der Gärtnerjunge, er sei herangewachsen und wolle mit in den Krieg ziehen, man solle ihm nur ein Pferd geben. Die anderen lachten ihn aus und sagten, er solle sich selbst eins im Stall suchen, sie ließen ihm schon eines zurück.
Als sie fort waren, ging er in den Stall und zog das Pferd heraus. Es war an einem Fuß lahm und hinkte, aber er setzte sich trotzdem darauf und ritt dem dunklen Wald entgegen. Am Rand des Waldes rief er dreimal laut „Eisenhans“, dass es durch die Bäume schallte. Gleich darauf erschien der wilde Mann und fragte, was er verlange. „Ich brauche ein starkes Ross“, sagte der Jüngling, „denn ich will in den Krieg ziehen.“ Er solle es haben, sagte der Eisenhans, und noch mehr dazu.
Dann ging er in den Wald zurück, und es dauerte nicht lange, da kam ein Stallknecht und führte ein Ross herbei, das schnaubte und kaum zu bändigen war. Hinter ihm folgte eine große Schar Kriegsvolk, ganz in Eisen gerüstet, und ihre Schwerter blitzten in der Sonne. Der Jüngling gab dem Stallknecht sein lahmes Pferd, bestieg das starke und ritt vor der Schar her.
Als er zum Schlachtfeld kam, war schon ein großer Teil von des Königs Leuten gefallen, und die übrigen mussten fast weichen. Da jagte der Jüngling mit seiner eisernen Schar heran, überrannte die Feinde wie ein Sturm, und der Kampf war bald entschieden. Statt zum König zurückzukehren, führte er seine Schar auf Umwegen wieder zum Wald und rief den Eisenhans heraus. Er bat ihn, das starke Ross und die Schar zurückzunehmen und ihm sein lahmes Pferd wiederzugeben. Das geschah, und er ritt auf seinem dreibeinigen Pferd nach Hause.
Als der König wieder in sein Schloss kam, ging ihm seine Tochter entgegen und wünschte ihm Glück zu seinem Sieg. Der König aber sagte, nicht er habe den Sieg davongetragen, sondern ein fremder Ritter mit seiner Schar. Die Tochter wollte wissen, wer der fremde Ritter sei, doch der König wusste es nicht; der Ritter sei den Feinden nachgejagt, und er habe ihn nicht wiedergesehen.
Da erkundigte sie sich beim Gärtner nach dessen Jungen. Der lachte und erzählte, der Junge sei eben auf seinem dreibeinigen Pferd heimgekommen, und die anderen hätten gerufen, da komme ihr Hunkepuus wieder an. Sie fragten ihn auch, hinter welcher Hecke er in der Zwischenzeit geschlafen habe. Er aber sagte, er habe das Beste getan, und ohne ihn wäre es schlecht gegangen. Da wurde er noch mehr ausgelacht.
Der König sagte zu seiner Tochter, er wolle ein großes Fest ansagen lassen, das drei Tage dauern sollte, und sie solle einen goldenen Apfel unter die Ritter werfen. Vielleicht komme der Unbekannte herbei. Als das Fest verkündet war, ging der Jüngling hinaus in den Wald und rief den Eisenhans. „Ich möchte den goldenen Apfel der Königstochter fangen“, sagte er. Es sei so gut, als hätte er ihn schon, sagte Eisenhans, und dazu solle er eine rote Rüstung haben und auf einem stolzen Fuchs reiten.
Als der Tag kam, sprengte der Jüngling heran, stellte sich unter die Ritter, und niemand erkannte ihn. Die Königstochter trat hervor und warf den Rittern den goldenen Apfel zu. Keiner fing ihn außer ihm, doch sobald er ihn hatte, jagte er davon. Am zweiten Tag rüstete Eisenhans ihn als weißen Ritter aus und gab ihm einen Schimmel. Wieder fing er allein den Apfel, blieb aber keinen Augenblick stehen, sondern ritt damit fort.
Der König wurde böse und sagte, das sei nicht erlaubt, der Ritter müsse vor ihm erscheinen und seinen Namen nennen. Er befahl, dem Ritter nachzusetzen und ihn festzuhalten, wenn er nicht freiwillig zurückkomme. Am dritten Tag erhielt der Jüngling vom Eisenhans eine schwarze Rüstung und einen Rappen und fing auch wieder den Apfel. Als er davonjagte, verfolgten ihn die Leute des Königs, und einer kam ihm so nahe, dass er ihm mit der Spitze des Schwertes das Bein verletzte. Er entkam ihnen, aber sein Pferd sprang so gewaltig, dass ihm der Helm vom Kopf fiel, und sie konnten sehen, dass er goldene Haare hatte. Sie ritten zurück und meldeten dem König alles.
Am nächsten Tag fragte die Königstochter den Gärtner nach seinem Jungen. Der Gärtner sagte, der Junge arbeite im Garten, sei aber auch auf dem Fest gewesen und erst gestern Abend wiedergekommen; seinen Kindern habe er drei goldene Äpfel gezeigt, die er gewonnen habe. Da ließ der König ihn vor sich fordern.
Der Junge erschien und hatte wieder sein Hütchen auf dem Kopf. Die Königstochter aber ging auf ihn zu und nahm es ihm ab, und seine goldenen Haare fielen über seine Schultern. Er war so schön, dass alle staunten. Der König fragte, ob er der Ritter sei, der an jedem Tag in einer anderen Farbe zum Fest gekommen war und die drei goldenen Äpfel gefangen hatte. „Ja“, antwortete er, „hier sind die Äpfel“, und holte sie aus seiner Tasche. Wer noch mehr Beweise sehen wolle, könne die Wunde anschauen, die ihm die Leute des Königs geschlagen hatten, als sie ihn verfolgten. Und er sei auch der Ritter, der dem König zum Sieg über die Feinde geholfen habe.
Der König sagte, wenn er solche Taten vollbringe, sei er kein Gärtnerjunge, und fragte nach seinem Vater. Der junge Mann antwortete, sein Vater sei ein mächtiger König, und er habe Gold die Fülle, so viel er nur verlange. Da sagte der König, er sei ihm Dank schuldig und wolle ihm gern etwas zuliebe tun. „Ja“, antwortete der junge Mann, „das könnt ihr: Gebt mir eure Tochter zur Frau.“ Die Königstochter lachte und sagte, er mache keine Umstände; sie habe schon an seinen goldenen Haaren gesehen, dass er kein Gärtnerjunge sei. Dann ging sie hin und küsste ihn.
Zur Vermählung kamen sein Vater und seine Mutter, und sie waren voller Freude, denn sie hatten schon alle Hoffnung aufgegeben, ihren lieben Sohn wiederzusehen. Und als sie an der Hochzeitstafel saßen, da schwieg plötzlich die Musik, die Türen gingen auf, und ein stattlicher König trat mit großem Gefolge herein. Er ging auf den Jüngling zu, umarmte ihn und sagte, er sei der Eisenhans und sei in einen wilden Mann verwunschen gewesen; nun habe der Jüngling ihn erlöst. Alle Schätze, die er besitze, sollten sein Eigentum sein.
Der Eisenhans – Märchen in Kurzfassung
Ein Königssohn lässt den gefangenen wilden Mann Eisenhans frei und geht mit ihm in den Wald. Dort soll er den Goldbrunnen hüten, in dem alles zu Gold wird. Dreimal passiert ein Missgeschick, beim dritten Mal fallen ihm die Haare ins Wasser und werden golden. Der Eisenhans schickt ihn fort, verspricht aber, ihm zu helfen, wenn er ihn dreimal ruft. Als Gärtnerjunge findet der junge Mann Arbeit an einem fremden Hof, verliebt sich in die Königstochter und gewinnt mit Eisenhans' Hilfe den Krieg. Beim dreitägigen Fest fängt er dreimal den goldenen Apfel, wird erkannt und darf die Königstochter heiraten. Am Ende zeigt sich Eisenhans als erlöster König und schenkt ihm seine Schätze.
Die Figuren
- Der Königssohn: Der Held der Geschichte; als Achtjähriger befreit er den wilden Mann, später arbeitet er als Küchen- und Gärtnerjunge an einem fremden Hof.
- Der alte König: Der Vater des Königssohns; er lässt den Eisenhans in einen eisernen Käfig sperren und verbietet, die Tür zu öffnen.
- Die Königin: Sie verwahrt den Schlüssel zum Käfig unter ihrem Kopfkissen, ohne zu ahnen, dass ihr Sohn ihn holt.
- Der fremde Jäger: Er wagt sich ohne Furcht in den verbotenen Wald, lässt den Tümpel ausschöpfen und fängt den wilden Mann.
- Eisenhans: Der wilde Mann mit der Haut wie rostiges Eisen; er nimmt den Königssohn in den Wald, schickt ihn fort und hilft ihm, sobald er ihn dreimal ruft.
- Der Koch: Er nimmt den Königssohn als Küchenjungen auf und gibt ihn zum Gärtner, als der König ihn fortjagen will.
- Der Gärtner: Bei ihm arbeitet der Königssohn im Garten; seine Kinder bekommen die Goldstücke, die die Königstochter verschenkt.
- Die Königstochter: Sie entdeckt die goldenen Haare, lässt sich Blumen bringen und heiratet am Ende den Ritter, der die drei goldenen Äpfel gefangen hat.
- Der König des Nachbarreiches: Sein Land wird angegriffen; er gibt dem jungen Mann am Ende seine Tochter zur Frau.
Was lernen Kinder daraus?
Im Mittelpunkt steht ein Kind, das einen Fehler macht und dafür hinaus in eine fremde Welt geschickt wird. Genau dort entdeckt es, was in ihm steckt. Kinder können daraus mitnehmen, dass Fehler keine Endstation sind, sondern Zwischenstopps auf einem Weg, der weitergeht. Der Königssohn hält seine goldenen Haare lange unter dem Hütchen verborgen. Er zeigt sie erst, als er etwas geleistet hat – und wird dann so angenommen, wie er ist. Der Eisenhans schickt den Jungen weg und lässt ihn trotzdem nicht im Stich; wer in Not ist, darf um Hilfe rufen. Und die drei Festtage am Hof zeigen, dass etwas Übung braucht, bis es klappt. Am Ende steht kein prahlerischer Sieger, sondern ein junger Mann, der seinen Platz gefunden hat und einem Freund die Erlösung bringt.
Der Eisenhans von den Brüdern Grimm
In den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm trägt Der Eisenhans seit der 6. Auflage von 1850 die Nummer 136 (KHM 136) und wird dem Märchentyp ATU 314 zugeordnet2. Dort löste es das ähnliche Märchen De wilde Mann ab, das zuvor an dieser Stelle stand2.
Als Quelle nennt Wilhelm Grimms Anmerkung die „Maingegenden“ um Regina Ehemant sowie Friedmund von Arnims Der eiserne Hans aus der Sammlung Hundert neue Mährchen im Gebirge gesammelt, die 1844 erschien2. Der Märchenforscher Hans-Jörg Uther kam nach einem Textvergleich zu dem Schluss, dass Wilhelm Grimm das Märchen allein auf Basis dieser beiden Vorlagen gestaltete2. Motive wie der goldene Finger und die goldenen Haare stammen aus Andreas Justinus Kerners Märchen Goldener von 1813; ein weiteres Vorbild ist Der eiserne Mann, oder: Der Lohn des Gehorsams aus Christian August Vulpius' Ammenmärchen von 17912. Erst Heinz Rölleke beachtete den handschriftlichen Nachtrag Wilhelm Grimms, dass er die Erzählung 1846 von Regina Ehemant in Frankfurt erhalten hatte2.
Unsere Nacherzählung folgt dem Text der Ausgabe letzter Hand von 1857. Verwandte Fassungen vom wilden Mann gibt es in vielen Ländern, etwa in Dänemark, Norwegen, Schweden, Italien, Russland und Böhmen2. Illustriert wurde das Märchen unter anderem von Ignatius Taschner, Otto Ubbelohde und Lizzie Hosaeus2.
Manche Szenen klingen für heutige Ohren hart: Der König verbietet bei Todesstrafe, den Käfig zu öffnen, und im Krieg geht es rau zu. In dieser Fassung bleibt die Handlung erhalten, die Gewalt ist aber zurückgenommen.
Der Originaltext
Hier beginnt das Märchen in der Originalschreibweise der Ausgabe von 1857.
Es war einmal ein König, der hatte einen großen Wald bei seinem Schloß, darin lief Wild aller Art herum. Zu einer Zeit schickte er einen Jäger hinaus, der sollte ein Reh schießen, aber er kam nicht wieder. „Vielleicht ist ihm ein Unglück zugestoßen,“ sagte der König, und schickte den folgenden Tag zwei andere Jäger hinaus, die sollten ihn auf suchen, aber die blieben auch weg. Da ließ er am dritten Tag alle seine Jäger kommen und sprach „streift durch den ganzen Wald und laßt nicht ab bis ihr sie alle drei gefunden habt.“ Aber auch von diesen kam keiner wieder heim, und von der Meute Hunde, die sie mitgenommen hatten, ließ sich keiner wieder sehen. Von der Zeit an wollte sich niemand mehr in den Wald wagen, und er lag da in tiefer Stille und Einsamkeit, und man sah nur zuweilen einen Adler oder Habicht darüber hin fliegen. Das dauerte viele Jahre, da meldete sich ein fremder Jäger bei dem König, suchte eine Versorgung und erbot sich in den gefährlichen Wald zu gehen. …
Text: Jacob und Wilhelm Grimm, Quelle: Kinder- und Haus-Märchen Band 2, Große Ausgabe, 7. Auflage (Ausgabe letzter Hand), 1857 (KHM 136). Originalschreibweise der Ausgabe 1857.
Fragen zum Gespräch mit eurem Kind
- Warum traut sich der fremde Jäger in den Wald, obwohl alle anderen Angst haben?
- Was würdest du tun, wenn dein Ball in den Käfig des wilden Mannes fallen würde?
- Der Königssohn darf seine goldenen Haare lange nicht zeigen – wie fühlt sich das an?
- Warum hilft der Eisenhans dem Jungen immer wieder, obwohl er ihn fortgeschickt hat?
- Was glaubst du, warum der Eisenhans am Ende zur Hochzeit kommt und seine Schätze verschenkt?
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Quellen
- Der Eisenhans · abgerufen am 11.10.2026
- Der Eisenhans · abgerufen am 11.10.2026
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