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Das tapfere Schneiderlein – das Märchen zum Vorlesen und Anhören

Hier findet ihr das tapfere Schneiderlein als kindgerechte Nacherzählung zum Vorlesen und Anhören, dazu eine kurze Zusammenfassung, Gesprächsfragen und den Originaltext der Brüder Grimm. Im Mittelpunkt steht ein armer Schneider, der sieben Fliegen mit einem Streich erschlägt und mit einem stolzen Gürtel in die Welt zieht. Dort erwarten ihn Riesen, ein Einhorn und ein Wildschwein – und drei Aufgaben am Königshof.
Redaktion Schnuller.deZuletzt aktualisiert 22 Min. LesezeitFachlich geprüft von Josef Maier
Illustration: Das tapfere Schneiderlein sitzt mit Nadel und Faden am Fenster, neben ihm liegt ein Stück Brot mit Mus
Jahr
1857
Alter ab
5
Autor/Herkunft
Brüder Grimm (Kinder- und Hausmärchen, Ausgabe 1857)

Neu erzählt nach Jacob und Wilhelm Grimm (Kinder- und Hausmärchen, Ausgabe 1857)

Unsere Nacherzählung ist für Kinder ab etwa fünf Jahren gedacht und folgt der Fassung aus der siebten Auflage von 1857.

Das tapfere Schneiderlein – das Märchen zum Vorlesen

Hörfassung · 14 Min.
Das tapfere Schneiderlein – Hörfassung der Nacherzählung
0:0013:38
MP3 herunterladen (7,8 MB)

An einem Sommermorgen saß ein Schneiderlein auf seinem Tisch am Fenster und nähte, dass die Nadel nur so flog. Es war guter Dinge und sang vor sich hin.

Da kam eine Bäuerin die Straße herab und rief, sie habe gutes Mus feil. Dem Schneiderlein klang das lieblich in den Ohren. Es steckte den Kopf zum Fenster hinaus und rief: „Kommt herauf, liebe Frau!“

Die Frau schleppte ihren schweren Korb die drei Treppen hinauf und musste alle Töpfe vor ihm auspacken. Das Schneiderlein hob jeden Topf in die Höhe, hielt die Nase daran und sagte endlich: „Das Mus scheint mir gut. Wiegt mir vier Lot ab, liebe Frau.“

Die Bäuerin hatte auf ein gutes Geschäft gehofft und ging nun ärgerlich davon. Das Schneiderlein aber holte das Brot aus dem Schrank, schnitt sich ein dickes Stück ab und strich das süße Mus darauf. „Erst mache ich den Wams fertig, dann beiße ich an“, sprach es und nähte weiter.

Das tapfere Schneiderlein: Ein bestickter Stoffgürtel liegt zusammen mit Schere und Garn auf der hölzernen Werkbank.

Der Duft des süßen Muses stieg an die Wand hinauf, wo die Fliegen in Mengen saßen. Sie wurden herangelockt und ließen sich auf dem Brot nieder. „Wer hat euch denn eingeladen?“, schimpfte das Schneiderlein und scheuchte sie fort. Die Fliegen ließen sich aber nicht abweisen und kamen in immer größerer Gesellschaft wieder.

Da wurde das Schneiderlein zornig. Es griff nach einem Tuchlappen und schlug unbarmherzig auf die Fliegen ein. Als es den Lappen wegzog und zählte, lagen sieben Fliegen tot vor ihm und streckten die Beine.

„Bist du so ein Kerl?“, staunte das Schneiderlein und bewunderte seine eigene Tapferkeit. „Das soll die ganze Stadt erfahren!“ Schnell schnitt es sich einen Gürtel, nähte ihn und stickte mit großen Buchstaben darauf: „Siebene auf einen Streich!“ – „Was Stadt?“, rief es weiter. „Die ganze Welt soll es erfahren!“ Und sein Herz hüpfte vor Freude wie ein Lämmerschwänzchen.

Der Schneider band sich den Gürtel um den Leib und wollte hinaus in die Welt, denn die Werkstatt war ihm zu klein für seine Tapferkeit. Er suchte im Haus zusammen, was er mitnehmen konnte, und fand nichts als einen alten Käse. Den steckte er ein. Draußen musste noch ein Vogel mit, der sich im Gesträuch verfangen hatte.

Leicht und behende wanderte er über die Felder. Auf dem Gipfel eines Berges saß ein gewaltiger Riese und schaute sich gemächlich um. Das Schneiderlein ging beherzt auf ihn zu. „Guten Tag, Kamerad! Willst du mit mir in die Welt ziehen?“ Der Riese sah es verächtlich an. „Du Lump, du erbärmlicher Kerl!“

Da knöpfte das Schneiderlein den Rock auf und zeigte ihm den Gürtel. Der Riese las „Siebene auf einen Streich“ und meinte, der kleine Kerl habe sieben Menschen erschlagen. Ein wenig Respekt bekam er, doch prüfen wollte er den Fremden erst.

Er nahm einen Stein in die Hand und drückte ihn so fest zusammen, dass Wasser heraustropfte. „Das mach mir nach, wenn du Kraft hast!“ Das Schneiderlein griff in die Tasche, holte den weichen Käse und drückte ihn, bis der Saft herauslief. „War das ein wenig besser?“, fragte es.

Der Riese hob einen Stein auf und warf ihn so hoch, dass man ihn kaum noch sehen konnte. „Das tu mir nach!“ Das Schneiderlein aber nahm den Vogel aus der Tasche und warf ihn in die Luft. Froh über seine Freiheit stieg der Vogel auf, flog fort und kam nicht wieder. „Wie gefällt dir das Stückchen, Kamerad?“

„Werfen kannst du wohl“, brummte der Riese. „Aber nun wollen wir sehen, ob du etwas Ordentliches tragen kannst.“ Er führte das Schneiderlein zu einem mächtigen Eichbaum, der gefällt am Boden lag. „Hilf mir, den Baum aus dem Wald zu tragen.“ – „Gerne“, antwortete der kleine Mann. „Nimm du den Stamm auf die Schulter, ich trage die Äste, das ist das Schwerste.“

Der Riese schulterte den Stamm und konnte sich nicht umsehen. Das Schneiderlein aber setzte sich auf einen Ast und ließ sich samt Baum forttragen. Hinten war es ganz lustig, es pfiff ein Liedchen, als wäre das Baumtragen ein Kinderspiel. Als der Riese nicht mehr weiterkonnte, ließ er den Baum fallen. Das Schneiderlein sprang behend herab und fasste den Baum mit beiden Armen, als hätte es ihn getragen. „Du bist ein so großer Kerl und kannst den Baum nicht einmal tragen“, spottete es.

Bald kamen sie an einem Kirschbaum vorbei. Der Riese bog die Krone mit den reifsten Früchten zu sich herab und gab sie dem Schneiderlein in die Hand. Als er losließ, fuhr der Baum in die Höhe, und das Schneiderlein flog mit in die Luft. Ohne Schaden fiel es wieder herab. „Hast du nicht Kraft, die schwache Gerte zu halten?“, spottete der Riese. „An der Kraft fehlt es nicht“, antwortete das Schneiderlein. „Ich bin über den Baum gesprungen, weil unten die Jäger in das Gebüsch schießen. Spring mir nach, wenn du es kannst!“ Der Riese versuchte es und blieb in den Ästen hängen.

„Wenn du so ein tapferer Kerl bist, dann übernachte bei uns in der Höhle“, sagte der Riese. In der Höhle saßen noch mehr Riesen am Feuer, jeder mit einem gebratenen Schaf in der Hand. Dem Schneiderlein war das Bett viel zu groß, es kroch in eine Ecke. Um Mitternacht stand der Riese auf und schlug mit einer großen Eisenstange das Bett durch. Er meinte, dem kleinen Kerl ein Ende gemacht zu haben. Am nächsten Morgen zogen die Riesen in den Wald, und plötzlich kam das Schneiderlein munter und keck daherspaziert. Da erschraken die Riesen und liefen in großer Hast davon.

Das Schneiderlein zog weiter, immer seiner spitzen Nase nach. Vor dem Hof eines königlichen Palastes wurde es müde und legte sich ins Gras, um zu schlafen. Die Leute des Königs betrachteten es von allen Seiten und lasen auf dem Gürtel: „Siebene auf einen Streich.“ „Was will der große Kriegsheld hier mitten im Frieden?“, sprachen sie und meldeten es dem König. Dem gefiel der Rat, und er schickte einen Hofmann, der dem Schläfer Kriegsdienste anbieten sollte.

Der Abgesandte wartete, bis das Schneiderlein die Augen aufschlug, und brachte seinen Antrag vor. „Eben deshalb bin ich hierher gekommen“, antwortete es, und wurde ehrenvoll empfangen. Die Kriegsleute aber waren ihm aufgesessen. „Wenn wir Zank mit ihm bekommen und er haut zu, so fallen auf jeden Streich sieben“, sprachen sie untereinander und baten den König um ihren Abschied. Der König erschrak, denn er wollte seine treuen Diener nicht verlieren. Er wäre den fremden Helden gern wieder losgeworden, traute sich aber nicht, ihn fortzuschicken.

So dachte er sich eine Aufgabe aus. In einem Wald seines Landes hausten zwei Riesen, die mit Rauben und Zerstören großen Schaden anrichteten. Wer sie besiegte, sollte die Königstochter heiraten und das halbe Königreich bekommen. „Das ist etwas für einen Mann wie mich“, dachte das Schneiderlein. „Die Riesen will ich schon bändigen.“ Hundert Reiter sollten mitziehen.

Am Rand des Waldes hieß das Schneiderlein die Reiter warten. Bald fand es die zwei Riesen unter einem Baum. Sie schliefen und schnarchten, dass sich die Äste bogen. Leise sammelte das Schneiderlein beide Taschen voll Steine und stieg auf den Baum. Über den Schläfern ließ es einen Stein nach dem anderen auf die Brust des ersten Riesen fallen.

Der Riese erwachte und stieß seinen Gesellen an. „Was schlägst du mich?“ – „Ich schlage dich nicht“, brummte der andere, und beide schliefen wieder ein. Da warf das Schneiderlein den schwersten Stein hinab. „Das ist zu arg!“, schrie der Riese, sprang auf und stieß seinen Gesellen wider den Baum. Der zahlte mit gleicher Münze, und bald gerieten die beiden in solche Wut, dass sie Bäume ausrissen und aufeinander losschlugen, bis sie beide tot auf der Erde lagen.

Das Schneiderlein kletterte herab und ging hinaus zu den Reitern. „Die Arbeit ist getan!“ Die Reiter wollten es kaum glauben, ritten in den Wald und fanden die Riesen und die ausgerissenen Bäume.

Doch der König hatte noch eine Aufgabe. In dem Wald lief ein Einhorn, das großen Schaden anrichtete. Das Schneiderlein nahm einen Strick und eine Axt mit und ging allein hinein. Das Einhorn kam bald daher und sprang geradezu auf ihn los. Das Schneiderlein blieb stehen, wartete, bis das Tier ganz nah war, und sprang behend hinter einen Baum. Das Einhorn rannte mit aller Kraft gegen den Stamm und spießte sein Horn so fest hinein, dass es sich nicht mehr befreien konnte. Nun war es gefangen. Das Schneiderlein legte ihm den Strick um den Hals, hieb mit der Axt das Horn aus dem Baum und führte das Tier zum König.

Der König wollte ihm den Lohn noch immer nicht geben und verlangte eine dritte Heldentat. Ein Wildschwein verwüstete den Wald, und die Jäger sollten dem Schneiderlein helfen. Die aber hatten keine Lust, denn das Schwein hatte sie schon oft in Gefahr gebracht. Als das Tier den Schneider erblickte, lief es mit schäumendem Maul auf ihn zu. Der flinke Held sprang in eine kleine Kapelle und im nächsten Satz oben zum Fenster wieder hinaus. Das Schwein lief hinterher, und das Schneiderlein hüpfte außen herum und schlug die Tür zu. Nun war das wütende Tier gefangen, viel zu schwer und unbehilflich, um noch durch das Fenster zu entkommen.

Jetzt musste der König Wort halten. Er übergab dem Schneiderlein seine Tochter und das halbe Königreich. Die Hochzeit wurde mit großer Pracht gefeiert, und aus einem Schneider war ein König geworden.

Nach einiger Zeit hörte die junge Königin in der Nacht, wie ihr Gemahl im Schlaf redete: „Junge, mach mir den Wams und flick mir die Hosen!“ Da merkte sie, woher ihr Mann kam, und klagte am Morgen ihrem Vater ihr Leid. Der König tröstete sie und sagte: „Lass in der nächsten Nacht die Schlafkammer offen. Meine Diener sollen hineingehen, ihn binden und auf ein Schiff tragen, das ihn in die weite Welt führt.“

Der Waffenträger des Königs hatte alles mitgehört. Er war dem jungen Herrn gewogen und verriet ihm den ganzen Anschlag. „Dem Ding will ich einen Riegel vorschieben“, sagte das Schneiderlein. Abends legte es sich zu seiner Frau ins Bett und stellte sich schlafend. Als die Tür sich öffnete, rief es mit heller Stimme: „Junge, mach mir den Wams und flick mir die Hosen! Ich habe siebene mit einem Streich getroffen, zwei Riesen besiegt, ein Einhorn gefangen und ein Wildschwein eingesperrt – und sollte mich vor denen fürchten, die draußen vor der Kammer stehen?“

Da packte die Diener eine große Furcht. Sie liefen davon, als wäre das wilde Heer hinter ihnen her, und keiner wagte sich mehr an ihn. So blieb das Schneiderlein sein Lebtag König.

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Das tapfere Schneiderlein – Kurzfassung

Ein Schneider erschlägt am Fenster sieben Fliegen mit einem Streich. Voller Stolz stickt er „Siebene auf einen Streich“ auf einen Gürtel und zieht hinaus in die Welt. Unterwegs überlistet er einen Riesen bei drei Kräftproben und entkommt ihm in der Nacht. Am Königshof hält man ihn für einen Kriegshelden. Drei Aufgaben bekommt er: die beiden Riesen im Wald, das Einhorn und das Wildschwein. Mit List löst er alle drei. Zur Belohnung heiratet er die Königstochter und wird König. Erst als seine Frau merkt, dass sie einen Schneider geheiratet hat, gerät er noch einmal in Gefahr – doch er bleibt König.

Die Figuren

  • Das Schneiderlein: der Held der Geschichte; es näht, prahlt mit seinem Gürtel und besiegt Riesen, Einhorn und Wildschwein mit List statt mit Kraft.
  • Die Bauersfrau: sie verkauft Mus von Haus zu Haus und weckt mit dem süßen Aufstrich den Streit mit den Fliegen.
  • Der Riese auf dem Berg: er will den Fremden mit mehreren Proben prüfen und muss einsehen, dass er nicht mithalten kann.
  • Die Riesen in der Höhle: sie nehmen das Schneiderlein auf und versuchen in der Nacht, das Bett mit einer Eisenstange zu zerschlagen.
  • Der König: er nimmt das Schneiderlein in seine Dienste und stellt ihm drei gefährliche Aufgaben, weil er ihn wieder loswerden will.
  • Die Königstochter: sie wird die Frau des Schneiders, hört ihn im Traum reden und erfährt so, wen sie geheiratet hat.
  • Der Waffenträger: er hört den Plan des Königs, ist dem jungen Herrn gewogen und verrät ihm alles.
  • Die Kriegsleute: sie fürchten den neuen Kameraden und bitten den König um ihren Abschied.
  • Die hundert Reiter: sie begleiten das Schneiderlein bis zum Waldrand und warten dort auf ihn.
  • Die beiden Riesen im Wald: sie schlafen unter einem Baum, geraten wegen der Steine in Streit und schlagen so lange aufeinander ein, bis beide sterben.
  • Das Einhorn: es rennt gegen den Baum und bleibt mit dem Horn im Stamm stecken.
  • Das Wildschwein: es wird in eine Kapelle gelockt und dort eingeschlossen.
  • Die Jäger: sie sollen beim Wildschwein helfen und bleiben lieber zurück.
  • Der Abgesandte des Königs: er wartet bei dem Schläfer, bis dieser die Augen aufschlägt, und bietet ihm die Kriegsdienste an.
  • Die Diener des Königs: sie sollen das Schneiderlein in der Nacht binden und auf ein Schiff bringen, laufen aber erschrocken davon.
Das tapfere Schneiderlein steht selbstbewusst auf einem Bergpfad vor einem riesigen, erstaunten Riesen.

Was lernen Kinder daraus?

Die Geschichte zeigt, dass List oft stärker ist als Kraft. Das Schneiderlein kann keinen Baum stemmen und keinen Stein zerdrücken, aber es findet für jede Aufgabe eine Idee: Es täuscht den Riesen, es lässt die beiden Riesen streiten, es lockt das Einhorn an einen Baum und sperrt das Wildschwein in eine Kapelle. Der Schneider gilt in Märchen oft als Bild scharfen Verstandes; er kämpft mit List und Anpassungsfähigkeit1. Für Kinder ist das eine ermutigende Botschaft: Man muss nicht der Größte sein, um eine schwere Sache zu schaffen.

Zugleich dürft ihr mit eurem Kind über das Prahlen sprechen. Das Schneiderlein ist kein ganz ehrlicher Held: Es schmückt seinen Erfolg aus und lässt die anderen glauben, es habe sieben Menschen erschlagen. So wird die Geschichte auch zu einer Frage: Wann ist Mut echt, und wann ist er nur eine große Rede?

Herkunft und Entstehung

Unsere Nacherzählung folgt der Fassung der Kinder- und Hausmärchen aus der siebten Auflage von 1857, der sogenannten Ausgabe letzter Hand. Darin steht das Märchen als Nummer 20, also KHM 20. Jacob Grimm starb 1863, Wilhelm Grimm 1859.

Der Stoff ist aber viel älter als die Grimmsche Fassung. Er geht auf die Erzählung „Von einem könig, schneyder, rysen, einhorn und wilden schwein“ in Martin Montanus’ „Wegkürzer“ aus den Jahren 1557 bis 1566 zurück1. Im Erstdruck der Kinder- und Hausmärchen von 1812 hieß das Märchen „Von einem tapfern Schneider“1. Clemens Brentano bearbeitete den Stoff ebenfalls nach Montanus, Ludwig Bechstein nahm ihn 1845 in sein Deutsches Märchenbuch auf, und Ernst Heinrich Meier veröffentlichte 1852 eine schwäbische Fassung1.

Ab der zweiten Auflage von 1819 kamen das Baumtragen und das Abenteuer in der Riesenhöhle hinzu, in der dritten Auflage wurde der Text weiter überarbeitet1. Verwandte Fassungen kennt man auch im norwegischen und im isländischen Sprachraum1. Der Text wird als Märchen eingeordnet, das sich zugleich als Abenteuergeschichte lesen lässt2.

Das tapfere Schneiderlein als König

Bevor aus dem Schneider ein König wird, muss er sich am Hof beweisen. Der König stellt ihm drei Aufgaben, die ihn eigentlich loswerden sollen: die beiden Riesen im Wald, das Einhorn und das Wildschwein1. Das Schneiderlein löst alle drei mit List. Danach muss der König Wort halten und ihm die Tochter und das halbe Königreich geben.

Wer wissen will, wie das tapfere Schneiderlein endet, muss bis zum Schluss weiterlesen. Die junge Königin hört ihren Mann nachts im Traum von Wams und Hosen sprechen und merkt, wen sie geheiratet hat. Der König will ihn deshalb fortschaffen lassen1. Ein Waffenträger verrät den Plan, und das Schneiderlein vertreibt die Diener mit einer lauten Rede, in der es alle seine Taten aufzählt.

So wird das tapfere Schneiderlein am Ende König – und bleibt es sein Lebtag. Das Ende des tapferen Schneiderleins ist ein glückliches: Der kleine Mann mit dem großen Gürtel behält Krone und Reich.

Das tapfere Schneiderlein – Märchen vom König

Das tapfere Schneiderlein ist ein Schwankmärchen; es zählt zum Erzähltyp ATU 1640 in seiner west- und mitteleuropäischen Fassung1. Typisch dafür ist der Wettstreit mit einem Unhold, der meist aus einer Abfolge von Aufgaben und Proben besteht1.

Dass ein König im Mittelpunkt steht, ist kein Zufall. Soziologisch gehört das Schneiderlein zu den Märchenfiguren, die von weit weg kommen – wie ein Schweinehirt oder ein abgedankter Soldat – und am Ende eine Königstochter gewinnen und den Vater beerben. Die Krone wird hier also über die Tochter weitergegeben und nicht an einen Sohn; der Held zieht aus und sucht sein Glück anderswo1. In einer Gesellschaft, in der die Linie über die Väter läuft, braucht dieser Aufstieg eine starke Erklärung. Genau das sind die List und die Dreistigkeit der Titelfigur1. So wird aus einem armen Schneider ein König, der ohne Schwert und Kraft regiert.

Der Originaltext

An einem Sommermorgen saß ein Schneiderlein auf seinem Tisch am Fenster, war guter Dinge und nähte aus Leibeskräften. Da kam eine Bauersfrau die Straße herab und rief „gut Mus feil! gut Mus feil!“ Das klang dem Schneiderlein lieblich in die Ohren, er steckte sein zartes Haupt zum Fenster hinaus und rief „hier herauf, liebe Frau, hier wird sie ihre Waare los.“ Die Frau stieg die drei Treppen mit ihrem schweren Korbe zu dem Schneider herauf und mußte die Töpfe sämmtlich vor ihm auspacken. Er besah sie alle, hob sie in die Höhe, hielt die Nase dran und sagte endlich „das Mus scheint mir gut, wieg sie mir doch vier Loth ab, liebe Frau, wenns auch ein Viertelpfund ist, kommt es mir nicht darauf an.“ Die Frau, welche gehofft hatte einen guten Absatz zu finden, gab ihm was er verlangte, gieng aber ganz ärgerlich und brummig fort. „Nun, das Mus soll mir Gott gesegnen,“ rief das Schneiderlein, „und soll mir Kraft und Stärke geben,“ holte das Brot aus dem Schrank, schnitt sich ein Stück über den ganzen Laib und strich das Mus darüber. …

Text: Jacob und Wilhelm Grimm, Quelle: Kinder- und Haus-Märchen Band 1, Große Ausgabe, 7. Auflage 1857 (KHM 20) – Originalschreibweise der Ausgabe 1857

Fragen zum Gespräch mit eurem Kind

  1. Was würdest du auf einen Gürtel sticken, wenn du sieben Fliegen mit einem Streich erwischt hättest?
  2. Wie hat das Schneiderlein die beiden Riesen dazu gebracht, sich zu streiten?
  3. Was hättest du an seiner Stelle mit dem Einhorn gemacht?
  4. Warum fürchten sich die Kriegsleute vor dem kleinen Schneider?
  5. Glaubst du, das Schneiderlein ist wirklich tapfer – oder ist es vor allem klug?

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Häufige Fragen

Wie endet das tapfere Schneiderlein?
Am Ende bleibt das Schneiderlein König. Seine Frau hört ihn nachts im Traum von Wams und Hosen sprechen und merkt, dass sie einen Schneider geheiratet hat. Der König will ihn deshalb heimlich auf ein Schiff bringen lassen. Ein Waffenträger verrät den Plan. In der Nacht ruft das Schneiderlein so laut, dass die Diener erschrocken davonlaufen – danach wagt sich niemand mehr an ihn.
Wie heißt das tapfere Schneiderlein?
Einen Namen bekommt der Held nicht. In der ganzen Geschichte heißt er nur das Schneiderlein, und bekannt ist er durch seinen Gürtel mit der Aufschrift „Siebene auf einen Streich“. Diesen Spruch zeigt er dem Riesen, den Hofleuten und später seinen Verfolgern. So ist der Gürtel sein Markenzeichen geworden – bis heute kennen ihn Kinder vor allem als das tapfere Schneiderlein.
Warum konnte das tapfere Schneiderlein die Fliegen nicht verjagen?
Weil sie immer wieder kamen. Als er sie verscheuchte, ließen sie sich nicht abweisen und kehrten in noch größerer Zahl zu seinem Brot zurück. Erst als er zornig nach einem Tuchlappen griff und zuschlug, hatte er Ruhe – sieben Fliegen lagen tot vor ihm. Aus diesem kleinen Erfolg machte er eine große Sache und stickte den Spruch auf seinen Gürtel.

Quellen

  1. Das tapfere Schneiderlein · abgerufen am 11.10.2026
  2. khm020 tapferes schneiderlein · abgerufen am 11.10.2026
  3. Das tapfere Schneiderlein · abgerufen am 11.10.2026
Fachliche PrüfungJosef MaierKinder- und Jugendpädagoge · Diplom-Sozialpädagoge (FH)Fachlich geprüft am von Josef Maier
TextRedaktion Schnuller.deZuletzt aktualisiert am

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