Das blaue Licht – das Märchen zum Vorlesen und Anhören

- Jahr
- 1857
- Alter ab
- 5
- Autor/Herkunft
- Brüder Grimm: Kinder- und Haus-Märchen, Band 2, Große Ausgabe, 7. Auflage (Ausgabe letzter Hand)
Neu erzählt nach Jacob und Wilhelm Grimm (Kinder- und Hausmärchen, Ausgabe 1857)
Das blaue Licht ist ein Märchen der Brüder Grimm aus den Kinder- und Hausmärchen (KHM 116): Ein abgedankter Soldat holt ein Licht aus einem Brunnen, das blau brennt und ihm ein dienstbares Männchen herbeiruft.
Das blaue Licht – das Märchen zum Vorlesen
Ein Soldat hatte dem König viele Jahre lang treu gedient. Als der Krieg vorüber war und er wegen seiner vielen Wunden nicht mehr dienen konnte, schickte ihn der König ohne Lohn fort. „Geh heim“, sagte er, „ich brauche dich nicht mehr. Bezahlt wird nur, wer mir noch etwas nützt.“ Der Soldat wusste nicht, wovon er leben sollte. Traurig wanderte er den ganzen Tag über Feldwege und Wiesen, bis er am Abend in einen dichten Wald kam.
Als es dunkel wurde, entdeckte er zwischen den Bäumen einen hellen Schein. Er ging darauf zu und fand ein kleines Haus. Darin wohnte eine Hexe. „Gib mir doch ein Nachtlager und ein wenig zu essen und zu trinken“, bat er sie. „Sonst verschmachte ich noch.“ – „Oho!“, sagte die Hexe. „Wer gibt denn einem verlaufenen Soldaten etwas? Ich will trotzdem barmherzig sein und dich aufnehmen – wenn du tust, was ich verlange.“ – „Und was ist das?“, fragte der Soldat. „Morgen gräbst du mir den Garten um.“
Der Soldat war einverstanden und arbeitete den nächsten Tag aus allen Kräften. Bis zum Abend schaffte er es trotzdem nicht, so groß war der Garten. „Ich sehe schon, heute kommst du nicht weiter“, sagte die Hexe. „Ich behalte dich noch eine Nacht. Dafür spaltest du mir morgen einen ganzen Wagen voll Holz und machst es klein.“ Auch dafür brauchte der Soldat den ganzen Tag, und wieder wurde es Abend darüber. Da schlug ihm die Hexe vor, noch eine Nacht zu bleiben. „Morgen hast du nur eine kleine Arbeit“, sagte sie. „Hinter dem Haus liegt ein alter Brunnen, in dem längst kein Wasser mehr steht. Ich habe mein Licht verloren, es ist hineingefallen. Es brennt blau und geht nie aus. Hol es mir wieder herauf.“
Am nächsten Tag führte ihn die Alte zu dem tiefen Brunnen. Sie setzte ihn in einen Korb und ließ ihn hinunter. Der Schacht war eng und kühl, und das Tageslicht blieb weit über ihm zurück. Unten auf dem feuchten Grund fand der Soldat das blaue Licht. Es brannte ganz still vor sich hin. Er gab der Hexe ein Zeichen, dass sie ihn wieder hochziehen sollte. Sie zog ihn auch hinauf, doch kurz vor dem Rand streckte sie die Hand nach ihm aus und wollte ihm das Licht aus den Fingern nehmen. „Nein“, sagte der Soldat, denn er durchschaute ihre Absicht. „Das Licht bekommst du nicht, ehe ich mit beiden Füßen auf der Erde stehe.“ Da packte die Hexe die Wut. Sie ließ ihn wieder in die Tiefe fallen und ging davon.
Der Soldat stürzte auf den feuchten Boden, blieb aber unverletzt. Das blaue Licht brannte weiter. Was half ihm das? Er sah ein, dass er hier unten allein nicht mehr herauskommen würde. Lange saß er ganz verzagt auf dem Grund des Brunnens. Da fiel ihm ein, dass er noch seine Pfeife in der Tasche hatte, halb gestopft. „Das wird dein letztes Vergnügen“, dachte er. Er zog die Pfeife hervor, hielt sie an das blaue Licht, bis sie brannte, und rauchte.
Der Rauch zog durch die Höhle. Da stand plötzlich ein kleines schwarzes Männchen neben ihm. „Herr, was befiehlst du?“, fragte es. „Was sollte ich dir denn befehlen?“, fragte der Soldat zurück, ganz erstaunt. „Ich muss alles tun, was du willst“, sagte das Männchen. „Gut“, sagte der Soldat. „Dann bring mich zuerst hier heraus.“ Das Männchen nahm ihn bei der Hand und führte ihn durch einen Gang unter der Erde ans Tageslicht. Das blaue Licht nahm es mit. Unterwegs zeigte es ihm, welche Schätze die Hexe dort unten versteckt hatte. Der Soldat stopfte sich die Taschen so voll Gold, wie er nur tragen konnte.
Oben angekommen, befahl er dem Männchen: „Fang die alte Hexe und bring sie vor Gericht!“ Kurze Zeit später ritt die Hexe auf einem wilden Kater vorbei, mit lautem Geschrei und schneller als der Wind. Noch einmal dauerte es nicht lange, da war das Männchen wieder da. „Es ist erledigt“, sagte es. „Die Hexe ist gefasst und hat ihre Strafe bekommen.“ – „Und was befiehlst du jetzt?“, fragte der Kleine. „Im Moment nichts“, antwortete der Soldat. „Du kannst nach Hause gehen. Sei einfach gleich da, wenn ich dich brauche.“ – „Du brauchst nur deine Pfeife an dem blauen Licht anzuzünden“, sagte das Männchen, „dann stehe ich vor dir.“ Damit verschwand es.
Der Soldat zog zurück in die Stadt, aus der er gekommen war. Er nahm sich das prächtigste Gasthaus, ließ sich feine Kleider schneidern und befahl dem Wirt, ihm ein Zimmer einzurichten, so schön es nur ging. Als er eingezogen war, rief er das schwarze Männchen herbei. „Ich habe dem König lange treu gedient“, sagte er. „Er hat mich weggeschickt und hungern lassen. Dafür will ich mich rächen.“ – „Was soll ich tun?“, fragte der Kleine. „Wenn die Königstochter abends im Bett liegt, bring sie schlafend zu mir. Sie soll mir als Magd dienen.“ Das Männchen antwortete: „Für mich ist das leicht. Für dich ist es gefährlich. Wenn es auffällt, geht es dir schlecht.“

Um Mitternacht sprang die Tür auf, und das Männchen trug die schlafende Königstochter herein. „Da bist du ja“, sagte der Soldat. „Los, an die Arbeit. Hol den Besen und kehr die Stube.“ Als sie damit fertig war, winkte er sie zu seinem Sessel, streckte ihr die Füße hin und sagte: „Zieh mir die Stiefel aus.“ Dann warf er ihr die Stiefel hin, und sie musste sie aufheben, sauber machen und blank putzen. Sie tat alles, was er sagte, ohne ein Wort, mit halb geschlossenen Augen. Beim ersten Hahnenschrei lag sie längst wieder in ihrem Bett im Königsschloss.
Am Morgen ging die Königstochter zu ihrem Vater und erzählte von ihrem seltsamen Traum. „Ich wurde blitzschnell durch die Straßen getragen, bis in das Zimmer eines Soldaten. Dort musste ich ihm dienen wie eine Magd, die Stube kehren und seine Stiefel putzen. Es war nur ein Traum – und doch bin ich so müde, als hätte ich wirklich gearbeitet.“ – „Vielleicht war es gar kein Traum“, sagte der König. „Ich gebe dir einen Rat. Füll deine Tasche mit Erbsen und mach ein kleines Loch hinein. Wirst du wieder geholt, fallen sie heraus und zeigen uns den Weg.“
Das Männchen stand unsichtbar daneben und hörte jedes Wort. In der Nacht trug es die schlafende Königstochter wieder durch die Gassen. Ein paar Erbsen fielen aus ihrer Tasche, doch eine Spur ergab das nicht: Das listige Männchen war vorher durch alle Straßen gelaufen und hatte selbst Erbsen verstreut. So musste die Königstochter noch einmal bis zum Hahnenschrei als Magd arbeiten.
Am nächsten Morgen suchten die Leute des Königs die Straßen ab – ohne Erfolg. Überall knieten arme Kinder im Staub und sammelten Erbsen auf. „Heute Nacht hat es Erbsen geregnet“, sagten sie. „Dann müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen“, sagte der König zu seiner Tochter. „Behalte deine Schuhe an, wenn du ins Bett gehst. Und ehe du zurückgebracht wirst, versteck einen davon. Ich werde ihn schon finden.“ Das schwarze Männchen hörte auch das mit. Als der Soldat am Abend befahl, die Königstochter wieder zu holen, riet es ihm ab. Gegen diese List wisse es kein Mittel, sagte es, und wenn der Schuh bei ihm gefunden werde, gehe es ihm schlecht. „Tu, was ich dir sage“, erwiderte der Soldat.
In der dritten Nacht arbeitete die Königstochter wieder als Magd. Bevor sie zurückgebracht wurde, schob sie einen ihrer Schuhe unter das Bett. Am nächsten Morgen ließ der König das ganze Stadtviertel durchsuchen, und der Schuh wurde bei dem Soldaten gefunden. Der Soldat war auf Drängen des Männchens zum Stadttor hinausgegangen, wurde aber bald eingeholt, gefesselt und ins Gefängnis geworfen. Auf der Flucht hatte er das Wichtigste vergessen: das blaue Licht und das Gold. In seiner Tasche steckte nur noch ein einziger Dukat.
Vom Fenster seiner Zelle aus sah er einen alten Kameraden vorbeigehen. Der Soldat klopfte an die Scheibe. „Hol mir doch das kleine Bündel, das ich im Gasthaus liegen gelassen habe“, bat er. „Du bekommst einen Dukaten dafür.“ Der Kamerad lief los und brachte ihm das Bündel. Kaum war der Soldat wieder allein, zündete er seine Pfeife an, und schon stand das schwarze Männchen vor ihm. „Hab keine Angst“, sagte es. „Lass dich ruhig abführen und mach mit, was immer sie vorhaben. Nur das blaue Licht musst du mitnehmen.“
Am anderen Tag wurde über den Soldaten Gericht gehalten. Er hatte nichts Böses getan, und trotzdem verurteilte ihn der Richter zum Tod. Als man ihn hinausführte, bat er den König um eine letzte Gnade. „Was für eine?“, fragte der König. „Dass ich unterwegs noch eine Pfeife rauchen darf.“ – „Du kannst drei rauchen“, sagte der König. „Aber glaube nicht, dass ich dir das Leben schenke.“ Der Soldat zog seine Pfeife hervor und hielt sie an das blaue Licht. Kaum waren ein paar Ringe Rauch aufgestiegen, da stand das Männchen schon vor ihm, einen kleinen Knüppel in der Hand. „Was befiehlt mein Herr?“, fragte es.
„Streck die falschen Richter und ihre Häscher zu Boden – und den König, der mich so schlecht behandelt hat, verschone nicht!“ Das Männchen fuhr wie ein Blitz hin und her. Wen sein Knüppel nur berührte, der lag schon am Boden und rührte sich nicht mehr. Dem König wurde es angst und bange. Er bat und flehte, und nur um sein Leben zu retten, überließ er dem Soldaten sein Reich und seine Tochter zur Frau.
Das blaue Licht in Kürze
Ein Soldat hat dem König lange gedient, wird aber nach dem Krieg ohne Lohn fortgeschickt. Im Wald trifft er auf eine Hexe, die ihn in einen trockenen Brunnen hinablässt, damit er ihr blaues Licht heraufholt. Als er es nicht herausgeben will, lässt sie ihn fallen. Beim Anzünden seiner Pfeife ruft das Licht ein kleines schwarzes Männchen herbei, das ihm gehorchen muss. Mit seiner Hilfe kommt der Soldat frei, holt Gold aus dem Versteck der Hexe, lässt sich dreimal die Königstochter als Magd bringen und wird dafür gefangen und zum Tod verurteilt. Am Ende rettet ihn das Männchen, und er bekommt Reich und Königstochter.
Die Figuren
Diese Figuren kommen im Märchen vor:
- Der Soldat – er dient dem König treu, wird abgedankt und findet im Brunnen das blaue Licht.
- Die Hexe – sie wohnt im Wald, gibt dem Soldaten drei Aufgaben und lässt ihn fallen, als er ihr das Licht nicht aushändigt.
- Das kleine schwarze Männchen – es erscheint, wenn die Pfeife am blauen Licht angezündet wird, und muss jeden Befehl seines Herrn ausführen.
- Der König – er schickt den verwundeten Soldaten ohne Lohn fort und versucht später mit Listen, ihn zu fangen.
- Die Königstochter – sie wird nachts schlafend ins Zimmer des Soldaten getragen und muss dort als Magd arbeiten.
- Der Kamerad – ein früherer Mitstreiter, der dem Gefangenen für einen Dukaten sein Bündel aus dem Gasthaus holt.
- Der Richter – er verurteilt den Soldaten zum Tod, obwohl dieser nichts Böses getan hat.
- Die Kinder in den Straßen – sie lesen am Morgen die verstreuten Erbsen auf und glauben, es habe Erbsen geregnet.
Was lernen Kinder daraus?
Am Anfang steht eine Ungerechtigkeit: Der Soldat hat dem König lange gedient, doch als er verwundet ist, wird er ohne Lohn weggeschickt. Dass er sich darüber ärgert, ist verständlich. Darüber lässt sich gut sprechen: Wie fühlt sich das an, wenn jemand unfair zu uns ist?
Spannend ist, dass der Soldat kein reiner Held ist. Er nutzt seine Macht auch, um die Königstochter für sich arbeiten zu lassen, und wird dafür eingesperrt. Mut und Witz allein machen eben noch keinen guten Menschen.
Und dann ist da das blaue Licht: ein kleiner Funke im Dunkeln, der den Weg nach oben zeigt. Wer Hilfe bekommt, findet aus der Tiefe wieder heraus – nicht, weil er alles allein schafft, sondern weil jemand an seiner Seite ist. Am Ende bekommt der Soldat Reich und Königstochter, wie es im Märchen zu einem guten Ausgang gehört.
Herkunft und Entstehung
Das blaue Licht steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 116 (KHM 116)2. Unsere Fassung folgt dem Text aus Band 2 der Ausgabe von 1857, der siebten Auflage („Ausgabe letzter Hand“). Jacob Grimm starb 1863, Wilhelm Grimm 1859 – das Märchen ist also längst gemeinfrei.
Nach dem Aarne-Thompson-Index gehört die Geschichte zum Märchentyp ATU 562, den „Magischen Gegenständen“2. Zu ihrer Quelle notierten die Brüder Grimm: „Aus dem Mecklenburgischen“2. Sie vermuteten, dass das Pfeifenmotiv ursprünglich von einer Flöte stammt2, und deuteten das blaue Licht als Irrlicht, das mit Geistern und Zwergen zu tun hat2.
Heinz Rölleke zufolge lässt sich die Herkunft des Textes nicht sicher bestimmen; vielleicht hat Hans Rudolf Schröter ihn aufgezeichnet2. Eine handschriftliche Fassung von Ludowine von Haxthausen wurde nicht verwendet2. Wie Hans-Jörg Uther bemerkt, steht ein von fern schimmerndes Licht in Grimms Märchen oft für den Weg aus der Finsternis2.
Hans Christian Andersen hat eine verwandte Variante erzählt: In „Das Feuerzeug“ treten ebenfalls ein Soldat, eine Hexe und eine zu niederen Diensten gezwungene Prinzessin auf – dort erfüllen allerdings drei Hunde die Wünsche2.
Der Originaltext
So beginnt das Märchen in der Originalschreibweise der Ausgabe von 1857:
Es war einmal ein Soldat, der hatte dem König lange Jahre treu gedient: als aber der Krieg zu Ende war und der Soldat, der vielen Wunden wegen, die er empfangen hatte, nicht weiter dienen konnte, sprach der König zu ihm „du kannst heim gehen, ich brauche dich nicht mehr: Geld bekommst du weiter nicht, denn Lohn erhält nur der, welcher mir Dienste dafür leistet.“ Da wußte der Soldat nicht womit er sein Leben fristen sollte; gieng voll Sorgen fort und gieng den ganzen Tag, bis er Abends in einen Wald kam. Als die Finsternis einbrach, sah er ein Licht, dem näherte er sich und kam zu einem Haus, darin wohnte eine Hexe. „Gib mir doch ein Nachtlager und ein wenig Essen und Trinken,“ sprach er zu ihr, „ich verschmachte sonst.“ „Oho!“ antwortete sie, „wer gibt einem verlaufenen Soldaten etwas? doch will ich barmherzig sein und dich aufnehmen, wenn du thust was ich verlange.“ …
Text: Jacob und Wilhelm Grimm, Quelle: Das blaue Licht, de.wikisource.org (Kinder- und Haus-Märchen Band 2, Ausgabe 1857), KHM 116 – Originalschreibweise der Ausgabe 1857
Fragen zum Gespräch mit eurem Kind
Diese Fragen könnt ihr nach dem Vorlesen gemeinsam besprechen:
- Wie hättest du dich gefühlt, wenn der König dich wie den Soldaten ohne Lohn nach Hause geschickt hätte?
- Warum lässt die Hexe den Soldaten im Brunnen zurück?
- Was würdest du das kleine schwarze Männchen fragen, wenn es plötzlich vor dir stünde?
- Woran merkt der König, dass der Traum seiner Tochter wahr gewesen sein könnte?
- Was hätte der Soldat mit dem blauen Licht Gutes tun können?
Ähnliche Geschichten
Wenn ihr noch mehr Märchen zum Vorlesen und Anhören mögt, werdet ihr bei Märchen – kindgerecht erzählt zum Vorlesen und Anhören fündig.
Genauso zum Vorlesen und Anhören gedacht ist Brüderchen und Schwesterchen – das Märchen zum Vorlesen und Anhören.
Weiterhören könnt ihr auch mit Der süße Brei – das Märchen zum Vorlesen und Anhören.
Und mit Schneewittchen – das Märchen zum Vorlesen und Anhören gibt es noch ein weiteres Märchen zum Vorlesen und Anhören.
Häufige Fragen
Was macht das blaue Licht?
Quellen
- Das blaue Licht · abgerufen am 11.10.2026
- Das blaue Licht · abgerufen am 11.10.2026
Alle Seiten zu diesem Thema findet ihr in der Übersicht Märchen.
