Die goldene Gans – das Märchen zum Vorlesen und Anhören

- Jahr
- 1857
- Alter ab
- 4
- Autor/Herkunft
- Brüder Grimm (Kinder- und Haus-Märchen, Ausgabe letzter Hand 1857)
Neu erzählt nach den Brüdern Grimm (KHM 64, Ausgabe 1857)
Die goldene Gans ist ein Märchen der Brüder Grimm aus den Kinder- und Hausmärchen, hier kindgerecht nacherzählt zum Vorlesen und Anhören.
Die goldene Gans – Märchen zum Vorlesen
Es war einmal ein Mann, der hatte drei Söhne. Der älteste war groß und stark, der zweite schnell und geschickt, und der jüngste hieß bei allen im Dorf nur der Dummling. Er war still, half überall mit und teilte, was er hatte. Genau deshalb verspotteten ihn seine Brüder und schoben ihn bei jeder Arbeit zur Seite.
Eines Morgens wollte der älteste Sohn in den Wald gehen und Holz hacken. Die Mutter backte ihm einen feinen Eierkuchen und füllte ihm eine Flasche Wein, damit er unterwegs keinen Hunger und keinen Durst litt. Er warf sich die Tasche über die Schulter und schritt pfeifend zwischen die hohen Bäume.
Dort trat ihm ein altes, graues Männlein entgegen. Es grüßte höflich und bat um ein Stück Kuchen und einen Schluck Wein, denn es habe großen Hunger und Durst. Der älteste Sohn blieb stehen und schüttelte den Kopf. „Wenn ich dir davon abgebe, bleibt mir selbst zu wenig“, sagte er und ging weiter.
Er hob die Axt, holte aus und schlug in den Stamm. Doch schon nach wenigen Hieben rutschte die Schneide ab und fuhr ihm in den Arm. Der Schmerz war so groß, dass er die Axt fallen ließ. Er musste zurück ins Dorf wandern, wo man ihm die Wunde verband und den Arm umwickelte. Den Rest des Tages saß er still auf der Bank.
Am nächsten Morgen zog der zweite Sohn los. Die Mutter gab ihm wieder einen Eierkuchen und eine Flasche Wein mit auf den Weg. Auch ihm begegnete das graue Männlein und bat um eine kleine Gabe. Der zweite Sohn aber winkte ab: „Was ich dir gebe, fehlt mir hinterher selber.“ Er ließ das Männlein stehen und arbeitete weiter.
Kaum hatte er ein paar Hiebe getan, glitt die Axt ab und traf ihn ins Bein. Er konnte nicht mehr auftreten und musste von zwei Nachbarn nach Hause getragen werden. Da saßen nun zwei Söhne mit verbundenen Gliedern nebeneinander und schwiegen.
Nun trat der Dummling zum Vater. „Lass mich einmal in den Wald gehen und Holz hacken“, bat er. Der Vater schüttelte den Kopf: „Deinen Brüdern ist dabei Unglück widerfahren, und du verstehst nichts von der Arbeit.“ Doch der Dummling bat so lange, bis der Vater seufzte: „Geh nur hin. Vielleicht wirst du durch Schaden klug.“
Die Mutter gab ihm einen Kuchen, der war mit Wasser in der Asche gebacken, und dazu eine Flasche saures Bier. Damit lief er los. Im Wald begegnete ihm dasselbe graue Männlein, grüßte ihn freundlich und bat um einen Bissen.
„Ich habe nur Aschekuchen und saures Bier“, sagte der Dummling ehrlich. „Wenn dir das recht ist, setzen wir uns zusammen und teilen.“ Das Männlein war einverstanden. Sie setzten sich auf einen flachen Stein, und als der Dummling den Kuchen auspackte, war daraus ein feiner Eierkuchen geworden. Das saure Bier schmeckte süß und mild wie guter Wein.
Sie aßen und tranken, bis beide satt waren. Danach sagte das Männlein: „Du hast ein gutes Herz und gibst gern von dem wenigen, das du hast. Dafür schenke ich dir Glück. Siehst du den alten Baum dort? Hau ihn um, in seinen Wurzeln wartet etwas auf dich.“ Dann verabschiedete es sich und war verschwunden.
Der Dummling nahm die Axt und schlug zu, bis der alte Stamm krachte und zur Seite fiel. In den Wurzeln saß eine Gans, deren Federn glänzten wie reines Gold. Behutsam hob er sie heraus, nahm sie in den Arm und machte sich auf den Weg. Am Abend kehrte er in ein Wirtshaus ein, denn er wollte dort übernachten.
Der Wirt hatte drei Töchter. Die sahen die goldene Gans und wurden neugierig, denn so einen wunderlichen Vogel hatten sie noch nie gesehen. Am liebsten hätte jede von ihnen eine dieser goldenen Federn für sich gehabt, und heimlich überlegten sie, wie sie sie bekommen könnten.
Die älteste Tochter schlich heran, als der Dummling kurz vor die Tür gegangen war. Sie griff die Gans am Flügel – und im selben Moment blieb ihre Hand daran kleben. Sie zog und zerrte, doch die Finger ließen sich nicht mehr lösen.
Bald darauf kam die zweite Tochter. Sie wollte sich ebenfalls eine Feder holen und fasste ihre Schwester am Arm. Kaum hatte sie sie berührt, da hing sie fest. Nun standen die beiden nebeneinander und kamen nicht mehr voneinander los.
Schließlich kam auch die jüngste. „Bleib weg, um alles in der Welt, bleib weg!“, riefen die beiden. Doch die jüngste verstand den Ruf nicht. „Wenn die beiden dabei sind, darf ich auch dabei sein“, dachte sie und sprang hinzu. Sie fasste ihre Schwester, und schon klebte sie fest. So mussten die drei Mädchen die ganze Nacht bei der Gans ausharren.

Am Morgen nahm der Dummling die Gans in den Arm und ging fort. Um die drei Schwestern kümmerte er sich nicht weiter. Die mussten hinter ihm herlaufen, links und rechts, wie es ihm gerade in die Beine kam.
Auf dem Feld begegnete ihnen der Pfarrer. Er sah den seltsamen Aufzug und schimpfte: „Schämt euch, ihr Mädchen! Was lauft ihr dem jungen Burschen da nach? Das schickt sich doch nicht.“ Damit packte er die jüngste Tochter an der Hand, um sie festzuhalten – und schon hing er mit in der Kette.
Nicht lange, so kam der Küster des Weges. Er wunderte sich sehr, als er den Herrn Pfarrer hinter drei Mädchen herlaufen sah. „Herr Pfarrer, wohin so eilig? Denkt doch an die Kindtaufe heute!“, rief er und fasste den Pfarrer am Ärmel. Da blieb auch der Küster hängen.
Zuletzt kamen zwei Bauern mit ihren Hacken vom Feld. Der Pfarrer bat sie, ihn und den Küster loszumachen. Die Bauern legten ihre Hacken ab und griffen zu – und im Nu hingen sie mit in der Reihe. Nun waren es sieben Menschen, die dem Dummling mit der Gans hinterherliefen.
So kamen sie in eine Stadt, über die ein König herrschte. Er hatte eine Tochter, die war so ernst, dass sie niemand zum Lachen bringen konnte. Deshalb hatte der König ein Gesetz erlassen: Wer die Prinzessin zum Lachen brachte, der durfte sie heiraten.
Als der Dummling davon hörte, ging er mit seiner Gans und dem ganzen Anhang vor das Schloss. Die Königstochter schaute aus dem Fenster und sah, wie die sieben Menschen hintereinander hertrabten, einander nachzogen und über ihre eigenen Füße stolperten. Da musste sie laut loslachen und konnte gar nicht mehr aufhören.
Nun verlangte der Dummling die Prinzessin zur Frau. Dem König aber gefiel dieser Schwiegersohn ganz und gar nicht. Er machte Ausflüchte und stellte eine Bedingung: Erst solle der Dummling einen Mann bringen, der einen ganzen Keller voll Wein austrinken könne.
Der Dummling dachte an das graue Männlein und ging in den Wald zurück. Am alten Baumstumpf fand er einen traurigen Mann sitzen, der jammerte: „Ich habe solchen Durst und kann ihn nicht löschen. Kaltes Wasser vertrage ich nicht, und ein ganzes Fass Wein hat mir kaum geholfen.“
„Da kann ich dir helfen“, sagte der Dummling. „Komm mit, du sollst genug bekommen.“ Er führte den Durstigen in den Keller des Königs. Dort setzte sich der Mann zwischen die großen Fässer und trank und trank, bis ihm die Hüften wehtaten. Ehe der Tag zu Ende ging, war der Keller leer.
Der Dummling verlangte wieder seine Braut. Der König aber ärgerte sich, dass ein Bursche, den alle nur Dummling nannten, seine Tochter bekommen sollte. Also stellte er eine zweite Aufgabe: Der Dummling solle einen Mann bringen, der einen ganzen Berg Brot aufessen könne.
Der Dummling besann sich nicht lange und ging wieder in den Wald. Am selben Platz saß ein Mann, der hatte sich den Leib mit einem Riemen zugeschnürt und schaute ganz elend drein. „Ich habe einen ganzen Backofen voll Brot gegessen“, sagte er, „doch mein Magen bleibt leer. Ich muss mich zuschnüren, sonst halte ich den Hunger nicht aus.“
„Komm mit, du sollst dich satt essen“, freute sich der Dummling. Der König hatte alles Mehl des Reiches herbeischaffen und zu einem riesigen Berg backen lassen. Der hungrige Mann stellte sich davor und aß und aß. Am Abend war von dem Berg nichts mehr übrig.
Zum dritten Mal forderte der Dummling seine Braut. Da suchte der König noch eine Ausrede und verlangte ein Schiff, das zu Land und zu Wasser fahren konnte. „Wenn du mit diesem Schiff herbeisegelst, bekommst du meine Tochter zur Frau“, sagte er.
Der Dummling ging geradewegs in den Wald, und dort wartete schon das alte, graue Männlein auf ihn. „Du hast geteilt und anderen geholfen. Dafür schenke ich dir jetzt das Schiff“, sagte es. Da bekam der Dummling ein Schiff, das auf dem Wasser schwamm und auf der Straße rollte. Damit fuhr er bis vor das Schloss.
Da konnte der König sein Versprechen nicht länger zurückhalten. Die Hochzeit wurde mit Musik und langen Tafeln gefeiert. Nach dem Tod des Königs erbte der Dummling das Reich, und er lebte mit seiner Gemahlin noch lange Zeit froh und zufrieden.
Die goldene Gans in Kürze
Ein Vater hat drei Söhne. Der jüngste wird Dummling genannt, weil er still ist und teilt. Die beiden älteren gehen Holz hacken und weisen ein altes graues Männlein ab, das um Essen bittet; beide verletzen sich mit der Axt. Der Dummling teilt mit dem Männlein seinen Aschenkuchen und saures Bier, die sich in Eierkuchen und Wein verwandeln. Zum Dank findet er in den Wurzeln eines Baumes eine Gans mit goldenen Federn. Die drei Töchter des Wirts bleiben daran hängen, danach Pfarrer, Küster und zwei Bauern. Als die ernste Königstochter diese Kette sieht, lacht sie zum ersten Mal. Drei Aufgaben meistert der Dummling mit magischer Hilfe, heiratet die Prinzessin und erbt das Reich.
Die Figuren
- Der Dummling – der jüngste der drei Brüder, der verspottet wird, aber gern teilt und dafür die goldene Gans bekommt.
- Der älteste Sohn – will Holz hacken, verweigert dem grauen Männlein die Gabe und verletzt sich mit der Axt am Arm.
- Der zweite Sohn – geht ebenfalls in den Wald, schickt das Männlein fort und verletzt sich am Bein.
- Der Vater – schickt seine Söhne zur Arbeit und lässt den Dummling nur widerwillig ziehen.
- Die Mutter – backt den älteren Söhnen Eierkuchen und Wein, dem Dummling nur Aschenkuchen und saures Bier.
- Das graue Männlein – prüft die Herzen der Brüder, verwandelt das karge Mahl und hilft dem Dummling mit Glück und Schiff.
- Der Wirt – betreibt das Wirtshaus, in dem der Dummling mit der Gans übernachten will.
- Die drei Wirtstöchter – wollen der Gans eine goldene Feder holen und bleiben nacheinander daran hängen.
- Der Pfarrer – will die Mädchen aufhalten und hängt sich selbst an die Kette.
- Der Küster – greift nach dem Ärmel des Pfarrers und bleibt ebenfalls kleben.
- Die zwei Bauern – sollen Pfarrer und Küster losmachen und laufen nun selbst mit.
- Der König – verspricht dem Retter seine Tochter, will den armen Dummling aber mit neuen Aufgaben loswerden.
- Die Königstochter – ist so ernst, dass niemand sie zum Lachen bringt, bis sie den Zug mit der Gans sieht.
- Der Durstige – kann seinen Durst nicht löschen und trinkt für den Dummling den ganzen Weinkeller leer.
- Der Hungrige – bleibt trotz riesiger Mengen Brot hungrig und isst den ganzen Brotberg auf.
Was lernen Kinder daraus?
Der Dummling wird von allen unterschätzt und schafft am Ende doch alles. Das Märchen erzählt, dass Freundlichkeit und Großzügigkeit mehr bewirken können als Kraft und Schläue. Wer teilt, obwohl er selbst wenig hat, bekommt Hilfe und Glück zurück. Die älteren Brüder denken nur an sich und verletzen sich bei der Arbeit – eine deutliche Erinnerung daran, dass Egoismus selten gut ausgeht.
Zugleich zeigt die Geschichte, dass Lachen verbindet: Die ernste Königstochter lacht über die verblüffende Menschenkette, und dieser Moment verändert ihr Leben. Auch Neugier und Habgier haben Folgen, wie die Wirtstöchter erfahren, die der Gans eine Feder holen wollen. Kinder können daraus mitnehmen, dass es sich lohnt, freundlich zu bleiben, und dass jemand, der stiller oder langsamer ist, deshalb noch lange nicht dumm ist.
Herkunft und Entstehung
Die goldene Gans steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 64, also als KHM 642. In der Märchenforschung trägt sie die Typennummern ATU 571 und 513B und ist auch im finnischen Sprachraum bekannt2. Die Sammlung der Kinder- und Hausmärchen erschien zuerst zwischen 1812 und 18153.
Grimms Anmerkung nennt als Grundlage eine Erzählung aus Hessen, vielleicht aus der Familie Hassenpflug, und eine weitere aus dem Paderbörnischen, wohl aus der Familie von Haxthausen2. In dieser Paderborner Fassung schenkt das Männlein dem Dummling einen Schlitten, vor den ein Vöglein gespannt ist2. Jacob Grimms handschriftliche Urfassung war noch nicht ganz ausformuliert, entsprach inhaltlich aber schon der ersten Auflage; dort stand der Text mit anderen Geschichten unter dem Obertitel „Von dem Dummling“2.
Das Märchen gilt laut Christine Shojaei Kawan als das älteste Beispiel für den Märchentyp AaTh 571, der vor allem in Nord- und Mitteleuropa sowie in Irland vorkommt und sehr stabil ist2. Andere Erzähler gaben der Geschichte eigene Titel und eigene Zaubertiere: Bei Ludwig Bechstein heißt sie „Schwan, kleb an“, bei Ernst Heinrich Meier „Die goldene Ente“, bei Ignaz Vinzenz Zingerle und Josef Zingerle „Fischlein, kleb an“, bei Wilhelm Wisser „Hack an!“2. Für die kindgerechte kleine Ausgabe der Grimms blieb der Text außen vor2.
Der Originaltext
Es war ein Mann, der hatte drei Söhne, davon hieß der jüngste der Dummling, und wurde verachtet und verspottet, und bei jeder Gelegenheit zurückgesetzt. Es geschah, daß der älteste in den Wald gehen wollte, Holz hauen, und eh er gieng, gab ihm noch seine Mutter einen schönen feinen Eierkuchen und eine Flasche Wein mit, damit er nicht Hunger und Durst litte. Als er in den Wald kam, begegnete ihm ein altes graues Männlein, das bot ihm einen guten Tag und sprach „gieb mir doch ein Stück Kuchen aus deiner Tasche, und laß mich einen Schluck von deinem Wein trinken, ich bin so hungrig und durstig.“ Der kluge Sohn aber antwortete „geb ich dir meinen Kuchen und meinen Wein, so hab ich selber nichts, pack dich deiner Wege,“ ließ das Männlein stehen und gieng fort. Als er nun anfieng einen Baum zu behauen, dauerte es nicht lange, so hieb er fehl, und die Axt fuhr ihm in den Arm, daß er mußte heimgehen und sich verbinden lassen. Das war aber von dem grauen Männchen gekommen.
Darauf gieng der zweite Sohn in den Wald, und die Mutter gab ihm, wie dem ältesten, einen Eierkuchen und eine Flasche Wein. Dem begegnete gleichfalls das alte graue Männchen und hielt um ein Stückchen Kuchen und einen Trunk Wein an. Aber der zweite Sohn sprach auch ganz verständig „was ich dir gebe, das geht mir selber ab, pack dich deiner Wege,“ ließ das Männlein stehen und gieng fort. Die Strafe blieb nicht aus, als er ein paar Hiebe am Baum gethan, hieb er sich ins Bein, daß er mußte nach Haus getragen werden.
Da sagte der Dummling „Vater, laß mich einmal hinaus gehen und Holz hauen.“ Antwortete der Vater „deine Brüder haben sich Schaden dabei gethan, laß dich davon, du verstehst nichts davon.“ Der Dummling aber bat so lange, bis er endlich sagte „geh nur hin, durch Schaden wirst du klug werden.“ Die Mutter gab ihm einen Kuchen, der war mit Wasser in der Asche gebacken, und dazu eine Flasche saueres Bier. Als er in den Wald kam, begegnete ihm gleichfalls das alte graue Männchen, grüßte ihn und sprach „gieb mir ein Stück von deinem Kuchen und einen Trunk aus deiner Flasche, ich bin so hungrig und durstig.“ Antwortete der Dummling „ich habe aber nur Aschenkuchen und saueres Bier, wenn dir das recht ist, so wollen wir uns setzen und essen.“ Da setzten sie sich, und als der Dummling seinen Aschenkuchen herausholte, so wars ein feiner Eierkuchen, und das sauere Bier war ein guter Wein. Nun aßen und tranken sie, und danach sprach das Männlein „weil du ein gutes Herz hast und von dem Deinigen gerne mittheilst, so will ich dir Glück bescheren. Dort steht ein alter Baum, den hau ab, so wirst du in den Wurzeln etwas finden.“ Darauf nahm das Männlein Abschied.
Der Dummling gieng hin und hieb den Baum um, und wie er fiel, saß in den Wurzeln eine Gans, die hatte Federn von reinem Gold. Er hob sie heraus, nahm sie mit sich und gieng in ein Wirthshaus, da wollte er übernachten. Der Wirth hatte aber drei Töchter, die sahen die Gans, waren neugierig was das für ein wunderlicher Vogel wäre und hätten gar gern eine von seinen goldenen Federn gehabt. Die älteste dachte „es wird sich schon eine Gelegenheit finden wo ich mir eine Feder ausziehen kann,“ und als der Dummling einmal hinaus gegangen war, faßte sie die Gans beim Flügel, aber Finger und Hand blieben ihr daran festhängen. Bald danach kam die zweite und hatte keinen andern Gedanken als sich eine goldene Feder zu holen: kaum aber hatte sie ihre Schwester angerührt, so blieb sie festhängen. Endlich kam auch die dritte in gleicher Absicht: da schrieen die andern „bleib weg, ums Himmelswillen, bleib weg.“ Aber sie begriff nicht warum sie wegbleiben sollte, dachte „sind die dabei, so kann ich auch dabei sein,“ und sprang herzu, und wie sie ihre Schwester angerührt hatte, so blieb sie an ihr hängen. So mußten sie die Nacht bei der Gans zubringen.
Am andern Morgen nahm der Dummling die Gans in den Arm, gieng fort, und bekümmerte sich nicht um die drei Mädchen, die daran hiengen. Sie mußten immer hinter ihm drein laufen, links und rechts, wies ihm in die Beine kam. Mitten auf dem Felde begegnete ihnen der Pfarrer, und als er den Aufzug sah, sprach er „schämt euch, ihr garstigen Mädchen, was lauft ihr dem jungen Bursch durchs Feld nach, schickt sich das?“ Damit faßte er die jüngste an die Hand und wollte sie zurückziehen: wie er sie aber anrührte, blieb er gleichfalls hängen und mußte selber hinter drein laufen. Nicht lange, so kam der Küster daher, und sah den Herrn Pfarrer, der drei Mädchen auf dem Fuß folgte. Da verwunderte er sich und rief „ei, Herr Pfarrer, wo hinaus so geschwind? vergeßt nicht daß wir heute noch eine Kindtaufe haben,“ lief auf ihn zu und faßte ihn am Ermel, blieb aber auch fest hängen. Wie die fünf so hinter einander her trabten, kamen zwei Bauern mit ihren Hacken vom Feld: da rief der Pfarrer sie an und bat sie möchten ihn und den Küster los machen. Kaum aber hatten sie den Küster angerührt, so blieben sie hängen, und waren ihrer nun siebene, die dem Dummling mit der Gans nachliefen.
Er kam darauf in eine Stadt, da herrschte ein König, der hatte eine Tochter, die war so ernsthaft, daß sie niemand zum lachen bringen konnte. Darum hatte er ein Gesetz gegeben, wer sie könnte zum lachen bringen, der sollte sie heirathen. Der Dummling, als er das hörte, gieng mit seiner Gans und ihrem Anhang vor die Königstochter, und als diese die sieben Menschen immer hinter einander herlaufen sah, fieng sie überlaut an zu lachen und wollte gar nicht wieder aufhören. Da verlangte sie der Dummling zur Braut, aber dem König gefiel der Schwiegersohn nicht, er machte allerlei Einwendungen und sagte er müßte ihm erst einen Mann bringen, der einen Keller voll Wein austrinken könnte. Der Dummling dachte an das graue Männchen, das könnte ihm wohl helfen, gieng hinaus in den Wald, und auf der Stelle, wo er den Baum abgehauen hatte, sah er einen Mann sitzen, der machte ein ganz betrübtes Gesicht. Der Dummling fragte was er sich so sehr zu Herzen nähme. Da antwortete er „ich habe so großen Durst, und kann ihn nicht löschen, das kalte Wasser vertrage ich nicht, ein Faß Wein habe ich zwar ausgeleert, aber was ist ein Tropfen auf einem heißen Stein?“ „Da kann ich dir helfen,“ sagte der Dummling, „komm nur mit mir, du sollst satt haben.“ Er führte ihn darauf in des Königs Keller, und der Mann machte sich über die großen Fässer, trank und trank, daß ihm die Hüften weh thaten, und ehe ein Tag herum war, hatte er den ganzen Keller ausgetrunken. Der Dummling verlangte abermals seine Braut, der König aber ärgerte sich daß ein schlechter Bursch, den jedermann einen Dummling nannte, seine Tochter davon tragen sollte, und machte neue Bedingungen: er müßte erst einen Mann schaffen, der einen Berg voll Brot aufessen könnte. Der Dummling besann sich nicht lange, sondern gieng gleich hinaus in den Wald: da saß auf demselben Platz ein Mann, der schnürte sich den Leib mit einem Riemen zusammen, machte ein grämliches Gesicht, und sagte „ich habe einen ganzen Backofen voll Raspelbrot gegessen, aber was hilft das, wenn man so großen Hunger hat, wie ich: mein Magen bleibt leer, und ich muß mich nur zuschnüren, wenn ich nicht Hungers sterben soll.“ Der Dummling war froh darüber, und sprach „mach dich auf und geh mit mir, du sollst dich satt essen.“ Er führte ihn an den Hof des Königs, der hatte alles Mehl aus dem ganzen Reich zusammenfahren und einen ungeheuern Berg davon backen lassen: der Mann aber aus dem Walde stellte sich davor, fieng an zu essen, und in einem Tag war der ganze Berg verschwunden. Der Dummling forderte zum drittenmal seine Braut, der König aber suchte noch einmal Ausflucht, und verlangte ein Schiff das zu Land und zu Wasser fahren könnte: „so wie du aber damit angesegelt kommst,“ sagte er, „so sollst du gleich meine Tochter zur Gemahlin haben.“ Der Dummling gieng gerades Weges in den Wald, da saß das alte graue Männchen, dem er seinen Kuchen gegeben hatte, und sagte „ich habe für dich getrunken und gegessen, ich will dir auch das Schiff geben; das alles thu ich, weil du barmherzig gegen mich gewesen bist.“ Da gab er ihm das Schiff, das zu Land und zu Wasser fuhr, und als der König das sah, konnte er ihm seine Tochter nicht länger vorenthalten. Die Hochzeit ward gefeiert, nach des Königs Tod erbte der Dummling das Reich, und lebte lange Zeit vergnügt mit seiner Gemahlin.
Text: Brüder Grimm, Quelle: Kinder- und Haus-Märchen Band 1, Große Ausgabe, 7. Auflage (Ausgabe letzter Hand), S. 348–352 – Originalschreibweise der Ausgabe 1857.
Fragen zum Gespräch mit eurem Kind
- Warum teilt der Dummling seinen Aschenkuchen mit dem grauen Männlein, obwohl er selbst fast nichts hat?
- Was wäre wohl geschehen, wenn die beiden älteren Brüder freundlicher gewesen wären?
- Warum bleibt die älteste Wirtstochter an der Gans hängen, und was hätte sie anders machen können?
- Worüber lacht die Königstochter, als sie die Menschenkette vor dem Schloss sieht?
- Was gefällt dir an dem Dummling am besten – und was würdest du an seiner Stelle tun?
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Quellen
- Die goldene Gans · abgerufen am 11.10.2026
- Die goldene Gans · abgerufen am 11.10.2026
- khm064 goldene gans · abgerufen am 11.10.2026
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