Die zertanzten Schuhe – das Märchen zum Vorlesen und Anhören

- Jahr
- 1857
- Alter ab
- 5
- Autor/Herkunft
- Brüder Grimm – Kinder- und Haus-Märchen, Band 2, Große Ausgabe (KHM 133)
Neu erzählt nach den Brüdern Grimm (Kinder- und Haus-Märchen, 1857)
Das Märchen Die zertanzten Schuhe ist ein Zaubermärchen aus der Sammlung der Brüder Grimm und steht dort an Stelle 133 (KHM 133)1.
Die zertanzten Schuhe – Märchen zum Vorlesen
Es war einmal ein König mit zwölf Töchtern. Die zwölf Schwestern waren schön, jede auf ihre Weise, und sie schliefen alle in einem großen Saal, in dem ihre Betten in einer langen Reihe nebeneinander standen. Jeden Abend, wenn die Schwestern müde waren, kam der König, schloss die Tür ab und schob den schweren Riegel vor. So sollten sie ruhig und sicher schlafen.
Doch jeden Morgen, wenn der König die Tür wieder öffnete, fand er dasselbe. Die Schuhe seiner Töchter standen vor den Betten – durchgetanzt, mit Löchern in den Sohlen, als wären sie die ganze Nacht über Dielen und Wiesen gelaufen. Niemand im Schloss konnte sagen, wie das zuging. Der König fragte und fragte, aber die zwölf Schwestern schwiegen und lächelten nur. Er liebte seine Töchter, doch dieses Geheimnis machte ihn ratlos und traurig.
Da ließ der König im ganzen Land bekannt machen: Wer herausfindet, wo seine Töchter nachts tanzen, darf eine von ihnen heiraten und wird nach seinem Tod König. Wer sich aber meldet und das Geheimnis nach drei Nächten nicht lüftet, der muss mit seinem Leben bezahlen. Viele hörten davon, und manche trauten sich.
Nicht lange, da meldete sich ein junger Königssohn. Er wurde freundlich empfangen und bekam ein Zimmer gleich neben dem Schlafsaal. Die Tür ließ der König offen, damit der Freier alles sehen konnte. Der Königssohn nahm sich fest vor, kein Auge zuzutun. Doch kaum lag er im Bett, wurden seine Augen schwer, und er schlief ein wie ein Stein. Am Morgen standen die Schuhe der zwölf Schwestern wieder durchgetanzt vor den Betten, und er hatte nichts bemerkt. In der zweiten und in der dritten Nacht erging es ihm genauso. Danach musste er sterben. Auch andere kamen und versuchten ihr Glück – keiner brachte das Geheimnis ans Licht, und keiner von ihnen kehrte zurück.
Zu dieser Zeit wanderte ein armer Soldat die Straße zur Königsstadt. Er hatte eine Wunde davongetragen und konnte nicht mehr dienen. Unterwegs begegnete ihm eine alte Frau, die fragte, wohin er wolle. „Ich weiß es selbst noch nicht", sagte der Soldat und scherzte: „Am liebsten würde ich das Geheimnis der Königstöchter lüften und König werden." „So schwer ist das gar nicht", sagte die Alte. „Trink den Wein nicht, den man dir abends bringt, und stell dich schlafend." Dann holte sie ein Mäntelchen hervor: „Häng es um, dann sieht dich niemand, und du kannst den zwölf Schwestern nachschleichen."
Der Soldat nahm den Rat ernst. Er ging zum König und meldete sich als Freier. Er wurde so freundlich aufgenommen wie alle vor ihm und bekam feine Kleider. Am Abend, als er zu Bett gehen wollte, kam die älteste Tochter und brachte ihm einen Becher Wein. Der Soldat aber hatte sich einen Schwamm unter das Kinn gebunden, ließ den Wein in den Schwamm laufen und trank selbst nichts davon. Dann legte er sich hin und schnarchte, als schliefe er tief und fest.
Die zwölf Schwestern hörten es und lachten. „Dem hätten wir gar keinen Schlaftrunk geben müssen", sagte die älteste. Da öffneten sie Schränke, Kisten und Truhen und holten ihre schönsten Kleider heraus. Freudig putzten sie sich vor den Spiegeln und steckten sich Blumen ins Haar. Nur die jüngste stand still und sagte: „Mir ist so sonderbar zumute, als käme ein Unglück auf uns zu." „Du bist eine Schneegans!", lachte die älteste. „Wie viele Prinzen haben es schon vergeblich versucht? Der Soldat da schläft bestimmt bis zum Mittag."

Als alle fertig waren, schauten sie noch einmal nach dem Soldaten. Der lag mit geschlossenen Augen da und rührte sich nicht. Da ging die älteste Tochter zu ihrem Bett und klopfte daran. Im selben Augenblick sank das Bett in die Erde, und darunter wurde eine Treppe sichtbar, die in die Tiefe führte. Eine nach der anderen stiegen die Schwestern hinab, die älteste voran. Der Soldat hatte alles gesehen. Er hängte schnell sein Mäntelchen um und stieg hinter der jüngsten her. Mitten auf der Treppe trat er ihr auf den Saum des Kleides. Erschrocken blieb sie stehen: „Wer hält mich fest?" „Du hast dich an einem Haken verfangen", sagte die älteste.
Unten wartete eine wunderbare Welt auf sie. Zuerst kamen sie in eine Allee, deren Blätter aus Silber waren und im Licht schimmerten. Der Soldat dachte: „Ein Zeichen will ich mitnehmen." Er brach einen Zweig ab, und der ganze Baum krachte. Die jüngste erschrak: „Habt ihr das gehört?" „Das sind Freudenschüsse", sagte die älteste, „unsere Prinzen werden bald erlöst sein." Dann ging es durch eine Allee aus Gold und schließlich durch eine, deren Blätter wie klarer Diamant funkelten. Jedes Mal brach der Soldat einen Zweig ab, jedes Mal krachte es, und jedes Mal beruhigte die älteste ihre erschrockene Schwester.
Endlich kamen sie an ein großes Wasser. Zwölf kleine Boote warteten dort, und in jedem saß ein schöner Prinz. Die Prinzen hatten auf die zwölf Schwestern gewartet, und jeder nahm eine zu sich. Der Soldat setzte sich mit der jüngsten ins letzte Boot. „Das Boot ist heute viel schwerer als sonst", sagte der Prinz und ruderte mit aller Kraft. „Es ist wohl das warme Wetter", antwortete die jüngste und schaute sich um, aber sie sah niemanden.
Auf der anderen Seite des Wassers stand ein hell erleuchtetes Schloss, aus dem Pauken und Trompeten klangen. Die Schwestern liefen die Stufen hinauf, und jeder Prinz tanzte mit seiner Prinzessin. Der Soldat tanzte unsichtbar mit. Wenn eine Prinzessin einen Becher Wein an die Lippen hob, trank er ihn leer, und die jüngste wunderte sich über jeden leeren Becher. Die ganze Nacht tanzten sie, bis alle Schuhe durchgetanzt waren – bis drei Uhr am Morgen. Dann brachten die Prinzen ihre Prinzessinnen zurück über das Wasser, und am Ufer nahmen sie Abschied und versprachen, in der nächsten Nacht wiederzukommen.
Auf dem Rückweg lief der Soldat voraus und legte sich schnell in sein Bett. Als die zwölf Schwestern müde die Treppe heraufkamen, schnarchte er schon so laut, dass sie es alle hören konnten. „Der merkt nichts", kicherten sie, zogen die schönen Kleider aus, stellten die durchgetanzten Schuhe unter die Betten und schliefen ein.
Am nächsten Morgen sagte der Soldat kein Wort. Er wollte das Wunder noch einmal sehen und ging auch in der zweiten Nacht mit – und in der dritten. Alles war wie beim ersten Mal, und jedes Mal tanzten die zwölf, bis die Schuhe entzwei waren. In der dritten Nacht setzte sich der Soldat bei der Überfahrt vorn neben die älteste und steckte heimlich einen Becher ein.
Als der Tag kam, an dem er dem König antworten sollte, nahm er die drei Zweige und den Becher zu sich und ging in den Saal. Die zwölf Schwestern standen hinter der Tür und horchten. „Wo sind die Schuhe meiner zwölf Töchter nachts durchgetanzt worden?", fragte der König. Der Soldat antwortete: „Sie tanzen mit zwölf Prinzen in einem Schloss tief unter der Erde." Dann erzählte er alles der Reihe nach und zeigte die Zweige aus Silber, Gold und Diamant und den Becher.
Der König ließ seine Töchter holen und fragte sie, ob das stimme. Die Schwestern sahen ein, dass Leugnen nichts half, und gaben alles zu. Dann fragte der König den Soldaten, welche Tochter er heiraten wolle. „Ich bin nicht mehr der Jüngste", antwortete er, „gebt mir die älteste." Noch am selben Tag wurde Hochzeit gefeiert, und der König versprach ihm sein Reich. Die zwölf Prinzen aber wurden wieder verwunschen – für so viele Tage, wie sie mit den zwölf Schwestern getanzt hatten.
Die zertanzten Schuhe in Kürze
Zwölf Schwestern, ein verriegelter Saal und ein Rätsel: Jede Nacht sind die Schuhe der Königstöchter durchgetanzt, und niemand weiß, warum. Wer das Geheimnis lüftet, darf eine der Töchter heiraten; wer nach drei Nächten scheitert, verliert sein Leben. Mehrere Freier schlafen im entscheidenden Augenblick ein. Erst einem armen, verwundeten Soldaten hilft eine alte Frau mit einem Tarnmäntelchen und einem guten Rat. Er folgt den Schwestern in ein unterirdisches Schloss, wo sie mit zwölf verwunschenen Prinzen tanzen, und sammelt Beweise. So lüftet er das Geheimnis, heiratet die älteste Tochter – und die zwölf Prinzen werden erneut verwünscht.
Die Figuren
- Der König: Er ist der Vater der zwölf Töchter, verriegelt jede Nacht ihren Schlafsaal und verspricht dem, der das Geheimnis lüftet, eine Tochter zur Frau.
- Die älteste Tochter: Sie bringt dem Freier den Becher Wein, klopft an ihr Bett, öffnet damit die Falltür und führt ihre Schwestern jede Nacht an.
- Die jüngste Tochter: Sie ahnt als Einzige, dass etwas nicht stimmt, erschrickt auf der Treppe und im Baumgang und lässt sich von der ältesten Schwester beruhigen.
- Die übrigen zehn Schwestern: Sie ziehen jede Nacht mit, tanzen im unterirdischen Schloss und schweigen am Morgen über ihr Geheimnis.
- Der erste Königssohn: Er meldet sich zuerst als Freier, schläft im Vorzimmer ein und muss sein Scheitern mit dem Leben bezahlen.
- Der Soldat: Er ist arm und verwundet, kann nicht mehr dienen, folgt den Schwestern mit dem Tarnmäntelchen dreimal und lüftet das Geheimnis.
- Die alte Frau: Sie begegnet dem Soldaten unterwegs, rät ihm, den Wein nicht zu trinken, und schenkt ihm das Mäntelchen, das unsichtbar macht.
- Die zwölf Prinzen: Sie warten jede Nacht in zwölf Booten, tanzen mit den Schwestern, um erlöst zu werden, und werden am Ende erneut verwünscht.
Was lernen Kinder daraus?
Das Märchen erzählt von Mut, Aufmerksamkeit und davon, dass Klugheit weiter führt als Kraft. Der verwundete Soldat ist kein strahlender Held: Er ist arm, nicht mehr jung und wird von den Schwestern nicht ernst genommen. Trotzdem trägt er den Sieg davon, weil er zuhört, einen guten Rat annimmt und den Wein nicht trinkt. Kinder können daraus mitnehmen, dass es sich lohnt, wach und neugierig zu bleiben und nicht alles für selbstverständlich zu halten. Die Schuhe, die jeden Morgen durchgetanzt sind, werden zum Zeichen dafür, dass etwas verborgen bleibt, solange niemand genau hinschaut. Auch die jüngste Schwester verdient Beachtung: Sie spürt früh, dass etwas nicht stimmt, lässt sich aber überreden. Wer ein ungutes Gefühl hat, darf es ernst nehmen – eine Botschaft, die Kinder gut verstehen.
Herkunft und Entstehung
Die zertanzten Schuhe ist ein Zaubermärchen; in der Märchenforschung wird es unter der Nummer ATU 306 geführt1. In den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm steht es an Stelle 133 (KHM 133)1. Die Brüder Grimm übernahmen es nach einer Erzählung aus dem Münsterland, die von Jenny von Droste zu Hülshoff stammt1. Seit dem zweiten Teil der ersten Auflage von 1815 gehört es zur Sammlung, damals noch als Nummer 471. Die hier nacherzählte Fassung stammt aus der siebten Auflage von 1857, der Ausgabe letzter Hand; Jacob Grimm starb 1863, Wilhelm Grimm 1859.
Über die Auflagen hinweg änderten die Brüder nur wenig: Ab der zweiten Auflage lässt der Soldat den Wein in einen Schwamm unter dem Kinn laufen, ab der dritten Auflage heißt es, er habe nicht lange gezögert, und zur sechsten Auflage hin wurde die Szene am Abstieg geglättet1. Auch die Formulierung, dem Freier falle der Schlaf wie Blei auf die Augen, gehört zu diesen sprachlichen Feinheiten1.
Grimms Anmerkung erzählt außerdem eine paderbörnische Variante nach: Darin sollen drei Königstöchter beobachtet werden, und der Weg führt über einen See und mit Hilfe von Riesen zu einem kupfernen Schloss1. Eine hessische Fassung handelt von einer Königstochter, die in einer Nacht zwölf Paar Schuhe zertanzt1. In einer dänischen Version, die aus Bornholm stammt, zerreißt eine verzauberte Prinzessin jede Nacht zwölf Paar Goldschuhe, bis ein junger Mann einen Troll besiegt und sie erlöst1. Der Stoff ist auch im rumänischen Sprachraum bekannt1.
Märchenforscher Hans-Jörg Uther findet es unlogisch, dass die Töchter den Soldaten verachten und gleichzeitig ihre Prinzen erlösen wollen, die am Ende erneut verwünscht werden1.
Der Originaltext
Es war einmal ein König, der hatte zwölf Töchter, eine immer schöner als die andere. Sie schliefen zusammen in einem Saal, wo ihre Betten neben einander standen, und Abends, wenn sie darin lagen, schloß der König die Thür zu und verriegelte sie. Wenn er aber am Morgen die Thüre aufschloß, so sah er daß ihre Schuhe zertanzt waren, und niemand konnte herausbringen wie das zugegangen war. Da ließ der König ausrufen wers könnte ausfindig machen, wo sie in der Nacht tanzten, der sollte sich eine davon zur Frau wählen und nach seinem Tod König sein: wer sich aber meldete und es nach drei Tagen und Nächten nicht heraus brächte, der hätte sein Leben verwirkt. Nicht lange, so meldete sich ein Königssohn und erbot sich das Wagnis zu unternehmen. Er ward wohl aufgenommen, und Abends in ein Zimmer geführt, das an den Schlafsaal stieß. Sein Bett war da aufgeschlagen und er sollte Acht haben wo sie hingiengen und tanzten; und damit sie nichts heimlich treiben konnten oder zu einem andern Ort hinaus giengen, war auch die Saalthüre offen gelassen. Dem Königssohn fiels aber wie Blei auf die Augen und er schlief ein, und als er am Morgen aufwachte waren alle zwölfe zum Tanz gewesen, denn ihre Schuhe standen da und hatten Löcher in den Sohlen. Den zweiten und dritten Abend giengs nicht anders, und da ward ihm sein Haupt ohne Barmherzigkeit abgeschlagen. Es kamen hernach noch viele und meldeten sich zu dem Wagestück, sie mußten aber alle ihr Leben lassen. Nun trugs sichs zu, daß ein armer Soldat, der eine Wunde hatte und nicht mehr dienen konnte, sich auf dem Weg nach der Stadt befand, wo der König wohnte. Da begegnete ihm eine alte Frau, die fragte ihn wo er hin wollte. „Ich weiß selber nicht recht,“ sprach er, und setzte im Scherz hinzu „ich hätte wohl Lust ausfindig zu machen wo die Königstöchter ihre Schuhe vertanzen, und darnach König zu werden.“ „Das ist so schwer nicht,“ sagte die Alte, „du mußt den Wein nicht trinken, der dir Abends gebracht wird, und mußt thun als wärst du fest eingeschlafen.“ Darauf gab sie ihm ein Mäntelchen und sprach „wenn du das umhängst, so bist du unsichtbar und kannst den zwölfen dann nachschleichen.“ Wie der Soldat den guten Rath bekommen hatte, wards Ernst bei ihm, so daß er ein Herz faßte, vor den König gieng und sich als Freier meldete. Er ward so gut aufgenommen wie die andern auch, und wurden ihm königliche Kleider angethan. Abends zur Schlafenszeit ward er in das Vorzimmer geführt, und als er zu Bette gehen wollte, kam die älteste und brachte ihm einen Becher Wein: aber er hatte sich einen Schwamm unter das Kinn gebunden, ließ den Wein da hineinlaufen, und trank keinen Tropfen. Dann legte er sich nieder, und als er ein Weilchen gelegen hatte, fieng er an zu schnarchen wie im tiefsten Schlaf. Das hörten die zwölf Königstöchter, lachten, und die älteste sprach „der hätte auch sein Leben sparen können.“ Danach standen sie auf, öffneten Schränke, Kisten und Kasten, und holten prächtige Kleider heraus: putzten sich vor den Spiegeln, sprangen herum und freuten sich auf den Tanz. Nur die jüngste sagte „ich weiß nicht, ihr freut euch, aber mir ist so wunderlich zu Muthe: gewiß widerfährt uns ein Unglück.“ „Du bist eine Schneegans,“ sagte die älteste, „die sich immer fürchtet. Hast du vergessen wie viel Königssöhne schon umsonst dagewesen sind? dem Soldaten hätt ich nicht einmal brauchen einen Schlaftrunk zu geben, der Lümmel wäre doch nicht aufgewacht.“ Wie sie alle fertig waren, sahen sie erst nach dem Soldaten, aber der hatte die Augen zugethan, rührte und regte sich nicht, und sie glaubten nun ganz sicher zu sein. Da gieng die älteste an ihr Bett und klopfte daran: alsbald sank es in die Erde, und sie stiegen durch die Öffnung hinab, eine nach der andern, die älteste voran. Der Soldat, der alles mit angesehen hatte, zauderte nicht lange, hieng sein Mäntelchen um und stieg hinter der jüngsten mit hinab. Mitten auf der Treppe trat er ihr ein wenig aufs Kleid, da erschrack sie und rief „was ist das? wer hält mich am Kleid?“ „Sei nicht so einfältig,“ sagte die älteste, „du bist an einem Haken hängen geblieben.“ Da giengen sie vollends hinab, und wie sie unten waren, standen sie in einem wunderprächtigen Baumgang, da waren alle Blätter von Silber, und schimmerten und glänzten. Der Soldat dachte „du willst dir ein Wahrzeichen mitnehmen,“ und brach einen Zweig davon ab: da fuhr ein gewaltiger Krach aus dem Baume. Die jüngste rief wieder „es ist nicht richtig, habt ihr den Knall gehört?“ Die älteste aber sprach „das sind Freudenschüsse, weil wir unsere Prinzen bald erlöst haben.“ Sie kamen darauf in einen Baumgang, wo alle Blätter von Gold, und endlich in einen dritten, wo sie klarer Demant waren: von beiden brach er einen Zweig ab, wobei es jedesmal krachte, daß die jüngste vor Schrecken zusammenfuhr: aber die älteste blieb dabei, es wären Freudenschüsse. Sie giengen weiter und kamen zu einem großen Wasser, darauf standen zwölf Schifflein, und in jedem Schifflein saß ein schöner Prinz, die hatten auf die zwölfe gewartet, und jeder nahm eine zu sich, der Soldat aber setzte sich mit der jüngsten ein. Da sprach der Prinz „ich weiß nicht das Schiff ist heute viel schwerer und ich muß aus allen Kräften rudern, wenn ich es fortbringen soll.“ „Wovon sollte das kommen,“ sprach die jüngste, „als vom warmen Wetter, es ist mir auch so heiß zu Muth.“ Jenseits des Wassers aber stand ein schönes hellerleuchtetes Schloß, woraus eine lustige Musik erschallte von Pauken und Trompeten. Sie ruderten hinüber, traten ein, und jeder Prinz tanzte mit seiner Liebsten; der Soldat tanzte aber unsichtbar mit, und wenn eine einen Becher mit Wein hielt, so trank er ihn aus, daß er leer war, wenn sie ihn an den Mund brachte; und der jüngsten ward auch angst darüber, aber die älteste brachte sie immer zum Schweigen. Sie tanzten da bis drei Uhr am andern Morgen, wo alle Schuhe durchgetanzt waren und sie aufhören mußten. Die Prinzen fuhren sie über das Wasser wieder zurück, und der Soldat setzte sich diesmal vornen hin zur ältesten. Am Ufer nahmen sie von ihren Prinzen Abschied und versprachen in der folgenden Nacht wieder zu kommen. Als sie an der Treppe waren, lief der Soldat voraus und legte sich in sein Bett, und als die Zwölf langsam und müde herauf getrippelt kamen, schnarchte er schon wieder so laut, daß sies alle hören konnten, und sie sprachen „vor dem sind wir sicher.“ Da thaten sie ihre schönen Kleider aus, brachten sie weg, stellten die zertanzten Schuhe unter das Bett und legten sich nieder. Am andern Morgen wollte der Soldat nichts sagen, sondern das wunderliche Wesen noch mit ansehen, und gieng die zweite und die dritte Nacht wieder mit. Da war alles wie das erstemal, und sie tanzten jedesmal bis die Schuhe entzwei waren. Das drittemal aber nahm er zum Wahrzeichen einen Becher mit. Als die Stunde gekommen war, wo er antworten sollte, steckte er die drei Zweige und den Becher zu sich und gieng vor den König, die Zwölfe aber standen hinter der Thüre und horchten was er sagen würde. Als der König die Frage that „wo haben meine zwölf Töchter ihre Schuhe in der Nacht vertanzt?“ so antwortete er „mit zwölf Prinzen in einem unterirdischen Schloß,“ berichtete wie es zugegangen war, und holte die Wahrzeichen hervor. Da ließ der König seine Töchter kommen und fragte sie ob der Soldat die Wahrheit gesagt hätte, und da sie sahen daß sie verrathen waren und Läugnen nichts half, so mußten sie alles eingestehen. Darauf fragte ihn der König welche er zur Frau haben wollte. Er antwortete „ich bin nicht mehr jung, so gebt mir die älteste.“ Da ward noch an selbigem Tage die Hochzeit gehalten und ihm das Reich nach des Königs Tode versprochen. Aber die Prinzen wurden auf so viel Tage wieder verwünscht, als sie Nächte mit den Zwölfen getanzt hatten.
Text: Brüder Grimm, Quelle: Kinder- und Haus-Märchen Band 2, Große Ausgabe, S. 224–228, 7. Auflage (Ausgabe letzter Hand), 1857, KHM 133. Fassung: Originalschreibweise der Ausgabe 1857.
Fragen zum Gespräch mit eurem Kind
- Warum wohl sind die Schuhe der Königstöchter jeden Morgen durchgetanzt?
- Was hättest du an Stelle des Soldaten gemacht, als die alte Frau ihm das Mäntelchen gab?
- Woran merkt die jüngste Schwester, dass etwas nicht stimmt – und was hilft ihr?
- Was gefällt dir an dem unterirdischen Schloss, und was wäre dir dort unheimlich?
- Wie stellst du dir den Tag der zwölf Schwestern vor, nachdem sie die ganze Nacht getanzt haben?
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Quellen
- Die zertanzten Schuhe · abgerufen am 11.10.2026
- Die zertanzten Schuhe · abgerufen am 11.10.2026
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