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Die kleine Meerjungfrau – das Märchen zum Vorlesen und Anhören

Andersens Kunstmärchen aus dem Jahr 1837 erzählt von der jüngsten Tochter des Meerkönigs, die ihre Stimme opfert, um Beine zu bekommen und den Prinzen zu gewinnen2. Das Märchen Die kleine Meerjungfrau endet anders, als viele erwarten: Sie tötet den Prinzen nicht, sondern wird zu einem Luftgeist, der durch gute Taten eine unsterbliche Seele gewinnen kann2. Bei uns könnt ihr die Geschichte als kindgerechte Nacherzählung lesen, als Hörfassung anhören und mit eurem Kind darüber sprechen.
Redaktion Schnuller.deZuletzt aktualisiert 33 Min. LesezeitFachlich geprüft von Josef Maier
Die kleine Meerjungfrau Märchen: Unterwassergarten mit roten Blumen und einer Marmorstatue als Titelbild der Nacherzählung
Jahr
1837
Alter ab
5
Autor/Herkunft
Hans Christian Andersen († 1875), Dänemark

Neu erzählt nach Hans Christian Andersen (Dänisch, 1837)

Andersens Kunstmärchen Die kleine Meerjungfrau erschien 1837 in Dänemark – eine ruhige, traurig-schöne Geschichte von großer Liebe und einem ungewöhnlichen Ende.

Die kleine Meerjungfrau – das Märchen zum Vorlesen

Hörfassung · 28 Min.
Die kleine Meerjungfrau – Hörfassung der Nacherzählung
0:0027:39
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Tief unten im Meer, viel tiefer, als ein Ankertau reicht, liegt das Reich des Meervolks. Dort wachsen Bäume und Pflanzen, deren Stiele und Blätter sich mit jeder Bewegung des Wassers wiegen, als wären sie lebendig, und kleine und große Fische schwimmen zwischen ihren Zweigen hindurch wie die Vögel durch die Luft. Ganz unten steht das Schloss des Meerkönigs. Seine Mauern sind aus Korallen, die hohen Fenster aus klarem Bernstein, und das Dach besteht aus lauter Muschelschalen, die sich öffnen und schließen, wenn das Wasser zieht. In jeder Schale leuchtet eine Perle, die allein für die Krone einer Königin kostbar genug wäre.

Der Meerkönig ist seit vielen Jahren Witwer. Im Schloss führt seine alte Mutter das Haus – eine kluge Frau, die großen Wert auf ihren Stand legt und deshalb zwölf Austern am Schwanz trägt, während sich die anderen Vornehmen mit sechs begnügen. Vor allem aber liebt sie die sechs Töchter des Königs, ihre Enkelinnen. Alle sechs sind schön, doch die jüngste ist die schönste von allen: Ihre Haut ist zart wie ein Rosenblatt, ihre Augen sind blau wie das tiefe Meer. Füße hat sie so wenig wie ihre Schwestern, denn ihr Körper endet in einem silbrigen Fischschwanz.

Rund um das Schloss liegt ein Garten, in dem jede Prinzessin ein Stück Boden für sich hat. Die eine formt ihr Beet wie einen Wal, die andere wie eine kleine Meerjungfrau – die jüngste aber macht ihren Fleck rund wie die Sonne und pflanzt nur Blumen, die so rot leuchten wie sie. Sie ist ein stilles, nachdenkliches Kind. Und sie besitzt etwas, das sonst niemand im Garten hat: eine Statue aus weißem Marmor. Es ist die Figur eines schönen Jungen, die bei einem Schiffbruch in die Tiefe gesunken ist. Neben der Statue pflanzt sie ein Bäumchen mit rosenroten Blättern, das seine Zweige über den Marmor hängen lässt, sodass der Schatten auf dem blauen Sand mit den Blättern zu spielen scheint.

Nichts hört sie lieber, als wenn die Großmutter von den Menschen oben auf der Erde erzählt – von Städten und Schiffen, von Tieren und Menschen. Am wunderbarsten findet sie, dass die Blumen dort oben duften, dass die Wälder grün sind und dass die kleinen Tiere in den Zweigen so schön singen können. Die Großmutter nennt die Vögel „Fische“, weil die Meerjungfrauen kein anderes Wort dafür kennen.

„Wenn ihr fünfzehn Jahre alt seid“, sagt die Großmutter, „dürft ihr aufsteigen, euch im Mondschein auf die Klippen setzen und die großen Schiffe vorbeifahren sehen.“ Die älteste Prinzessin ist bald so weit, doch die jüngste muss noch fünf Jahre warten. Keine sehnt sich so sehr wie sie. In manchen Nächten steht sie am offenen Fenster und schaut durch das dunkelblaue Wasser nach oben, wo Mond und Sterne bleich, aber viel größer scheinen als über der Erde. Zieht dann ein dunkler Schatten vorüber, weiß sie: Entweder schwimmt ein Wal über ihr – oder ein Schiff, auf dem Menschen sitzen, die nicht ahnen, dass unten ein Meerfräulein die Hände nach dem Kiel emporstreckt.

Endlich darf die älteste Schwester hinauf. Als sie zurückkommt, hat sie hundert Dinge zu erzählen, doch am schönsten findet sie es, im Mondschein auf einer Sandbank zu liegen und die große Stadt am Ufer zu sehen: hundert Lichter, Musik, Wagen, Menschen, Kirchtürme und Glocken. Die jüngste hört zu – und von da an meint sie, die Glocken bis in die Tiefe läuten zu hören.

Im nächsten Jahr steigt die zweite Schwester hinauf, gerade als die Sonne untergeht. Der Himmel glänzt wie Gold, rote und violette Wolken ziehen über sie hin, und ein Schwarm wilder Schwäne fliegt übers Wasser. Im Jahr darauf kommt die dritte hinauf – sie ist die kühnste und schwimmt einen breiten Fluss hinauf. Grüne Hügel, Weinranken, Wälder und Schlösser sieht sie, die Sonne wärmt so sehr, dass sie immer wieder untertauchen muss. In einer kleinen Bucht entdeckt sie nackte Kinder, die im Wasser planschen. Sie will mitspielen, doch die Kinder laufen erschrocken weg, und ein kleiner schwarzer Hund bellt sie so laut an, dass sie sich ängstlich ins offene Meer zurückzieht. Die Kinder und die grünen Hügel kann sie trotzdem nicht vergessen.

Die vierte Schwester bleibt draußen auf dem wilden Meer. Sie erzählt von der Weite, von fernen Schiffen, die wie Möwen aussehen, von Delphinen, die Purzelbäume schlagen, und von Walen, die Wasserfontänen in die Luft sprühen. Die fünfte hat im Winter Geburtstag und sieht, was die anderen nie sahen: eine grüne See und Eisberge in den seltsamsten Formen, die wie Perlen und Diamanten glitzern. Sie setzt sich auf einen der größten und lässt den Wind mit ihren Haaren spielen. Am Abend wird der Himmel schwarz, es blitzt und donnert, die See hebt die Eisblöcke hoch, und auf allen Schiffen birgt man die Segel. Sie aber bleibt ruhig sitzen und sieht den Blitzen zu.

Mit der Zeit werden die Schwestern ruhiger. Wenn sie aufsteigen, sehnen sie sich bald wieder nach Hause, und nach einem Monat sagen sie: Am schönsten ist es doch unten bei uns. Nur die jüngste steht allein zurück und schaut ihnen nach. Sie möchte weinen, aber Meerjungfrauen haben keine Tränen, und darum tut es noch mehr weh.

„Ach, wäre ich doch fünfzehn!“, sagt sie. „Ich weiß, dass ich die Welt dort oben und die Menschen lieben würde.“

Dann ist es so weit. Die Großmutter schmückt sie mit einem Kranz weißer Lilien, in deren Blüten Perlen sitzen, und lässt acht Austern an ihrem Schwanz festklemmen, damit jeder ihre hohe Herkunft sieht. „Das tut weh!“, sagt die kleine Meerjungfrau. „Für den Schmuck muss man ein wenig leiden“, antwortet die Alte. Gern hätte sie den ganzen Prunk abgeschüttelt und lieber ihre roten Blumen getragen, doch sie wagt es nicht. Dann steigt sie hinauf, leicht wie eine Blase.

Als sie den Kopf über das Wasser hebt, ist die Sonne gerade untergegangen. Die Wolken glühen wie Rosen und Gold, und in der hellen Luft steht der Abendstern. Vor ihr liegt ein Schiff mit drei Masten; nur ein Segel ist gesetzt, denn kein Wind geht. Matrosen sitzen im Tauwerk, Musik und Gesang klingen über das Meer, und als es dunkler wird, leuchten hunderte bunte Laternen.

Illustration zur Nacherzählung: Die kleine Meerjungfrau hält den Prinzen über Wasser, während das Schiff im Sturm sinkt

Die kleine Meerjungfrau schwimmt bis zum Kajütenfenster. Drinnen stehen viele festlich gekleidete Menschen, doch der schönste ist ein junger Prinz mit großen dunklen Augen. Er ist kaum sechzehn Jahre alt und feiert heute Geburtstag – deshalb all die Pracht. Als er auf das Deck tritt, steigen über hundert Raketen in die Luft, so hell, dass die Meerjungfrau erschrickt und untertaucht. Dann schaut sie wieder hervor, und es ist, als fielen alle Sterne des Himmels zu ihr herunter: Feuerräder drehen sich, feurige Fische schwingen sich durch die Luft, und alles spiegelt sich im stillen Meer. Lange kann sie den Blick nicht von ihm wenden.

Später holt das Schiff Fahrt auf, die Wellen werden höher, schwarze Wolken ziehen auf, und in der Ferne blitzt es. Die Matrosen bergen die Segel, das Schiff schaukelt und knarrt, der Mast bricht, Wasser dringt ein. In einem einzigen Blitzlicht sieht die Meerjungfrau alle Menschen auf dem Schiff – und sucht den Prinzen. Sie sieht ihn sinken, und einen Moment ist sie froh, weil er nun zu ihr kommt. Dann denkt sie daran, dass Menschen im Wasser nicht leben können und nur tot im Schloss ihres Vaters ankämen. Nein, sterben darf er nicht.

Sie taucht zwischen Balken und Planken hindurch, vergisst die Gefahr und erreicht ihn, als seine Arme schon müde werden und seine Augen sich schließen. Sie hält seinen Kopf über Wasser und lässt sich mit ihm von den Wellen treiben. Am Morgen ist der Sturm vorbei. Die Sonne steigt rot aus dem Meer, und als hätte ihr Licht ihn geweckt, kehrt Farbe in seine Wangen zurück – doch seine Augen bleiben geschlossen. Sie küsst seine Stirn, streicht ihm das nasse Haar zurück und wünscht sich nichts sehnlicher, als dass er lebt.

Vor ihr liegt festes Land: hohe blaue Berge mit Schnee auf den Gipfeln, grüne Wälder, ein großes weißes Gebäude, vielleicht eine Kirche oder ein Kloster, und in einem Garten Zitronen- und Orangenbäume. In einer stillen, tiefen Bucht schwimmt sie mit ihm bis zu einer Klippe mit feinem, weißem Sand und legt ihn so hin, dass sein Kopf im warmen Sonnenschein liegt. Dann versteckt sie sich hinter hohen Steinen, legt Meeresschaum über Haar und Brust und beobachtet, wer kommt.

Bald tritt ein junges Mädchen durch den Garten. Es erschrickt, holt aber gleich andere Menschen. Die Meerjungfrau sieht, wie der Prinz wieder zu sich kommt und alle anlächelt – nur sie lächelt er nicht an, denn er weiß nicht, dass sie ihn gerettet hat. Traurig taucht sie hinunter und kehrt heim.

Von da an ist sie noch stiller als vorher. Morgens und abends steigt sie an die Stelle, wo sie ihn verlassen hat. Sie sieht die Früchte reifen und den Schnee auf den Bergen schmelzen, doch den Prinzen sieht sie nicht. Ihr einziger Trost ist die Marmorstatue in ihrem Garten, die ihm gleicht. Ihre Blumen pflegt sie nicht mehr; sie wachsen wild über die Wege und verschlingen sich mit den Zweigen, sodass es in ihrem Garten dunkel wird.

Schließlich vertraut sie sich einer Schwester an, und bald wissen es alle. Eine der Meerjungfrauen kennt sogar sein Reich. Arm in Arm steigen die Schwestern mit ihr hinauf, bis sie vor dem Schloss des Prinzen stehen. Es ist aus hellgelbem, glänzendem Stein gebaut, mit Marmortreppen, die bis ins Wasser führen, goldenen Kuppeln und Statuen zwischen den Säulen. Durch die hohen Fenster sieht man kostbare Teppiche und Bilder; in der Mitte der größten Halle springt ein Brunnen. Die kleine Meerjungfrau kommt von nun an oft in den schmalen Kanal unter dem marmornen Balkon und beobachtet den Prinzen, der glaubt, allein zu sein.

Sie sieht ihn in seinem Boot vorbeifahren, und wenn der Wind ihren Schleier erfasst, halten ihn manche für einen Schwan. Nachts hört sie Fischer von ihm erzählen, und es freut sie, dass sie sein Leben gerettet hat, auch wenn er es nie erfährt.

Immer mehr liebt sie die Menschen, und immer mehr möchte sie bei ihnen leben. Einmal fragt sie die Großmutter, ob Menschen sterben müssen. „Ja“, sagt die Alte, „und ihre Lebenszeit ist sogar kürzer als unsere. Wir Meermenschen werden dreihundert Jahre alt, doch wenn wir aufhören zu sein, werden wir nur Schaum auf dem Wasser und haben keine unsterbliche Seele. Die Menschen aber haben eine Seele, die weiterlebt, wenn der Körper Erde geworden ist.“

„Warum haben wir keine Seele?“, fragt die kleine Meerjungfrau traurig. „Ich würde alle meine dreihundert Jahre geben, um nur einen Tag ein Mensch zu sein.“ – „Das darfst du nicht denken“, sagt die Großmutter. „Wir haben es besser als die Menschen.“ Doch das tröstet sie nicht.

„Kann ich denn gar nichts tun, um eine Seele zu gewinnen?“, fragt sie. Da erklärt ihr die Alte: Wenn ein Mensch sie so lieb gewinnt, dass sie ihm mehr gilt als Vater und Mutter, und wenn ein Priester ihre Hände zum Versprechen der Treue zusammenlegt, dann geht ein Teil seiner Seele in sie über. Aber so etwas geschieht nie, sagt die Großmutter – denn was hier unten schön ist, der Fischschwanz, gilt oben als hässlich; dort braucht man zwei plumpe Stützen, die man Beine nennt.

Die kleine Meerjungfrau seufzt und sieht traurig auf ihren Schwanz.

Bald darauf feiert der Hof ein großes Fest. Die Wände und die Decke des Saals sind aus dickem, klarem Glas, hunderte Muschelschalen brennen in Blau, und mitten durch die Halle fließt ein breiter Strom, auf dem Meermänner und Meerjungfrauen tanzen. Niemand singt so schön wie die jüngste Prinzessin, und alle klatschen. Einen Augenblick freut sie sich – dann denkt sie wieder an den Prinzen und an die Seele, die sie nicht hat. Leise verlässt sie das Schloss, sitzt in ihrem Garten und hört die Hörner durch das Wasser klingen. Sie ahnt, dass er oben vorbeifährt. Sie ist bereit, alles zu wagen – für ihn und für eine unsterbliche Seele.

Sie macht sich auf den Weg zur Meerhexe, vor der sie sich immer gefürchtet hat. Erst geht sie über nackten, grauen Sand, dann durch Strudel, die wie Mühlräder alles mitreißen, und über warmen, blubbernden Schlamm. Hinter dem Schlamm liegt ein seltsamer Wald: Alle Bäume und Büsche sind halb Tier, halb Pflanze, mit langen, schleimigen Armen und Fingern, die sich wie Würmer bewegen. Was sie packen, halten sie fest. Die Meerjungfrau bindet ihr Haar fest, legt beide Hände über die Brust und schießt wie ein Fisch zwischen den Armen hindurch. Sie erschrickt, als sie sieht, was die Polypen alles greifen: Balken, Kisten, weiße Knochen von Menschen, sogar eine kleine Meerjungfrau, die sie gefangen haben.

Schließlich steht sie vor dem Haus der Hexe, das aus den Knochen gestrandeter Menschen gebaut ist. Auf dem Hof wälzen sich dicke Wasserschlangen, die die Hexe ihre Küchlein nennt, und eine Kröte frisst ihr aus dem Mund. „Ich weiß, was du willst“, sagt die Hexe und lacht. „Du willst deinen Fischschwanz loswerden und zwei Beine haben, damit der Prinz dich liebt. Dumm von dir – aber du sollst deinen Willen haben.“ Sie braut einen Trank. Als sie ihn im Kessel rührt, nimmt der Dampf die seltsamsten Formen an, und am Ende sieht der Trank so klar wie Wasser aus.

Der Trank macht Beine, sagt die Hexe, doch jeder Schritt wird sein wie der Schnitt eines scharfen Messers. Und was geschieht, kann nicht rückgängig gemacht werden: Nie wieder wird die Meerjungfrau zu ihren Schwestern und ihrem Vater hinabsteigen. Wenn der Prinz sie nicht liebt und eine andere heiratet, dann muss ihr Herz am Morgen nach der Hochzeit brechen, und sie wird zu Schaum auf dem Meer.

„Ich will es“, sagt die kleine Meerjungfrau und ist bleich wie der Tod. Als Preis verlangt die Hexe ihre Stimme – die schönste im ganzen Meer. Sie schneidet ihr die Zunge ab, und die Meerjungfrau kann weder singen noch sprechen. So geht sie zurück. Die Polypen weichen ihr erschrocken aus, als sie den leuchtenden Trank in ihrer Hand sehen.

Sie wagt nicht, noch einmal zum Schloss ihres Vaters zu schwimmen. Nur in den Garten schleicht sie sich, nimmt aus jedem Blumenbeet ihrer Schwestern eine Blume, wirft dem Schloss tausend Küsse zu und steigt durch das dunkle Wasser empor. Als sie vor dem Schloss des Prinzen die Marmortreppe erreicht, trinkt sie den Trank. Es ist, als ginge ein scharfes Schwert durch ihren Körper; sie fällt in Ohnmacht. Als die Sonne über das Meer scheint, erwacht sie. Der Prinz steht vor ihr und schaut sie mit seinen dunklen Augen an. Ihre Meerjungfrau-Gestalt ist fort; sie hat die schönsten kleinen Beine, aber sie ist nackt und hüllt sich in ihr langes Haar. Sie kann ihm nicht antworten, als er fragt, wer sie sei. Da nimmt er sie bei der Hand und führt sie in sein Schloss.

Jeder Schritt tut weh, als träte sie auf Nadeln und Messer, aber sie erträgt es gern. Kleider aus Seide bekommt sie, und alle finden sie schöner als alles andere im Schloss – nur sprechen kann sie nicht. Wenn die Sklavinnen für den Prinzen singen und er ihnen Beifall klatscht, wird sie traurig, denn sie weiß, dass sie selbst schöner gesungen hat. Dann hebt sie die Arme, stellt sich auf die Fußspitzen und tanzt über den Boden, wie noch niemand getanzt hat. Bei jeder Bewegung wird sie schöner, und ihre Augen sprechen mehr als jeder Gesang. Der Prinz nennt sie sein kleines Findelkind und will, dass sie immer bei ihm bleibt. Sie darf vor seiner Tür auf einem Samtkissen schlafen.

Er lässt ihr Männerkleider nähen, damit sie ihn zu Pferd begleiten kann. Sie reiten durch duftende Wälder, und die Vögel singen in den Zweigen. Mit ihm klettert sie auf die hohen Berge, und obwohl ihre feinen Füße bluten, lacht sie und folgt ihm, bis die Wolken unter ihnen ziehen. Nachts, wenn alle schlafen, geht sie auf die Marmortreppe hinunter und stellt die Füße ins kalte Meerwasser – dann denkt sie an die Ihren in der Tiefe.

Eine Nacht kommen ihre Schwestern Arm in Arm herauf und singen traurig. Sie winkt ihnen zu, sie erkennen sie wieder und erzählen, wie sehr sie alle sie vermissen. Von da an kommen sie jede Nacht, und einmal sieht sie in der Ferne sogar die alte Großmutter und den Meerkönig mit der Krone; sie strecken die Hände nach ihr aus, trauen sich aber nicht so nah ans Land wie die Schwestern.

Tag für Tag wird der Prinz ihr lieber. Er hat sie so lieb wie ein gutes, teures Kind – doch daran, sie zu heiraten, denkt er nicht. Für die kleine Meerjungfrau wäre das der einzige Weg zur unsterblichen Seele. „Du bist mir die liebste von allen“, sagt er manchmal, „denn du hast das beste Herz, und du erinnerst mich an ein junges Mädchen, das ich einmal am Strand gefunden habe. Ich habe sie nur zwei Mal gesehen, und sie gehört dem heiligen Tempel an. Dich hat mir mein Glück geschickt – wir wollen nie getrennt sein.“ Da denkt die Meerjungfrau: Er weiß nicht, dass ich ihn gerettet habe.

Eines Tages wird bekannt, dass der Prinz die Tochter des Nachbarkönigs besuchen und heiraten soll. Er sagt der kleinen Meerjungfrau, er müsse die Reise antreten, weil seine Eltern es verlangen – aber er werde sich nicht zwingen lassen, sie zur Frau zu nehmen. „Wenn ich wählen dürfte“, sagt er, „dann würdest du es sein, mein stummes Findelkind mit den sprechenden Augen.“

Auf dem prächtigen Schiff, das ihn zum Nachbarkönig bringt, sitzt sie in der Nacht an der Reling und schaut ins klare Wasser hinab, wo sie das Schloss ihres Vaters zu sehen meint. Ihre Schwestern kommen herauf und winken traurig; sie winkt zurück und lächelt, und als ein Schiffsjunge näher kommt, tauchen die Schwestern unter. Er hält das Weiße, das er gesehen hat, für Schaum.

Am nächsten Morgen läuft das Schiff in einen Hafen ein, in dem alle Glocken läuten und von den Türmen Trompeten erklingen. Es beginnt eine Feier nach der anderen. Die Prinzessin aber ist noch nicht da; sie wird fern in einem heiligen Tempel erzogen. Als sie endlich erscheint, muss die kleine Meerjungfrau zugeben, dass sie nie etwas Schöneres gesehen hat. Und der Prinz ruft: „Du bist es! Du hast mich gerettet, als ich am Strand lag!“ Er drückt die errötende Braut an sich und sagt zur Meerjungfrau: „Ich bin so glücklich, wie ich es nie zu hoffen wagte. Du wirst dich mit mir freuen, denn du hast mich von allen am liebsten.“ Sie küsst ihm die Hand – und spürt, dass ihr Herz bricht. Am Morgen nach dieser Hochzeit würde sie sterben und zu Schaum werden.

Die Glocken läuten, Herolde reiten durch die Straßen, Öl brennt in silbernen Lampen, Priester schwingen Weihrauchfässer, und Braut und Bräutigam reichen einander die Hand. Die kleine Meerjungfrau steht in Seide und Gold und hält den Schleier der Braut, doch sie hört die Musik nicht und sieht die Feier nicht. Sie denkt an die Nacht, in der sie sterben wird, und an alles, was sie verloren hat.

Am Abend gehen Braut und Bräutigam an Bord, Kanonen werden geschossen, Flaggen wehen, und auf dem Deck steht ein Zelt aus Gold und Purpur mit weichen Kissen. Die Segel blähen sich, das Schiff gleitet über das stille Meer. Als es dunkel wird, leuchten bunte Lampen, und die Seeleute tanzen. Die kleine Meerjungfrau muss an den Abend denken, an dem sie zum ersten Mal aus dem Meer gestiegen ist – und sie tanzt mit, so leicht, wie eine Schwalbe fliegt, und alle jubeln ihr zu. Kein Schmerz ist ihr zu groß. Es ist der letzte Abend, an dem sie ihn sieht, die letzte Nacht, in der sie dieselbe Luft atmet wie er. Danach wartet eine lange Nacht ohne Träume auf sie.

Endlich wird es still auf dem Schiff. Nur der Steuermann wacht. Die kleine Meerjungfrau lehnt an der Reling und schaut nach Osten, wo der erste Sonnenstrahl sie töten wird. Da steigen ihre Schwestern aus dem Wasser, bleich wie sie. Ihr langes Haar ist abgeschnitten: Sie haben es der Hexe gegeben, um Hilfe zu holen. „Sie hat uns ein Messer gegeben“, sagen sie. „Bevor die Sonne aufgeht, musst du es dem Prinzen ins Herz stoßen. Sein warmes Blut auf deinen Füßen lässt sie wieder zu einem Fischschwanz zusammenwachsen, und du wirst wieder eine Meerjungfrau und kannst zu uns hinabsteigen. Beeil dich! Sonst stirbst du. Unsere Großmutter trauert so, dass ihr weißes Haar ausgefallen ist wie unseres unter der Schere der Hexe.“ Dann sinken sie seufzend in die Wellen.

Die kleine Meerjungfrau zieht das Purpurtuch vom Zelt beiseite. Sie sieht die schöne Braut, die mit dem Kopf an der Brust des Prinzen schläft. Sie beugt sich nieder und küsst seine Stirn. Dann schaut sie auf den Himmel, wo die Morgenröte heller wird, und auf das scharfe Messer. Ihre Augen finden den Prinzen wieder, der im Schlaf den Namen seiner Braut ausspricht. Das Messer zittert in ihrer Hand. Da wirft sie es weit hinaus ins Meer. Das Wasser leuchtet rot auf, als wären Blutstropfen daraus emporgestiegen. Noch einmal blickt sie auf den Prinzen, dann stürzt sie sich vom Schiff hinab ins Meer, und ihr Körper löst sich in Schaum auf.

Die Sonne steigt aus dem Meer. Ihre Strahlen fallen mild und warm auf den kalten Schaum, und die kleine Meerjungfrau fühlt keinen Tod. Sie sieht die klare Sonne und über sich hunderte durchsichtige, wunderbare Gestalten – durch sie hindurch erkennt sie noch die weißen Segel des Schiffes und die roten Wolken. Ihre Stimmen klingen wie Musik, so fein, dass kein menschliches Ohr sie hören kann, und ohne Flügel schweben sie durch die Luft. Auch die kleine Meerjungfrau spürt einen Körper wie sie; er hebt sich empor aus dem Schaum.

„Zu wem komme ich?“, fragt sie, und ihre Stimme klingt wie die der anderen. „Zu den Töchtern der Luft“, antworten sie. „Auch wir haben keine unsterbliche Seele, aber wir können uns durch gute Taten eine erwerben. Wir fliegen in die warmen Länder, wo die Luft krank macht, und bringen Kühlung; wir verteilen den Duft der Blumen und tragen Trost und Heilung zu den Menschen. Wenn wir dreihundert Jahre lang Gutes tun, bekommen wir eine unsterbliche Seele. Du hast wie wir mit ganzem Herzen danach gestrebt, du hast gelitten und ertragen – nun gehörst du zu uns und kannst dir selbst durch gute Taten eine Seele erwerben.“

Die kleine Meerjungfrau hebt ihre Arme zur Sonne, und zum ersten Mal in ihrem Leben weint sie. Auf dem Schiff ist wieder Lärm und Leben. Sie sieht, wie der Prinz und seine Braut nach ihr suchen und traurig auf den Schaum schauen. Unsichtbar küsst sie die Stirn der Braut, lächelt dem Prinzen zu und steigt mit den anderen Kindern der Luft auf eine rosenrote Wolke. „In dreihundert Jahren schweben wir so in das Reich Gottes ein“, sagt eine von ihnen. „Aber es kann auch früher geschehen“, flüstert eine andere. „Unsichtbar gehen wir in die Häuser der Menschen, wo Kinder wohnen. Für jeden Tag, an dem wir ein gutes Kind finden, das seinen Eltern Freude macht, verkürzt sich unsere Prüfungszeit um ein Jahr. Sehen wir aber ein böses Kind, müssen wir weinen, und jede Träne legt einen Tag hinzu.“

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Die kleine Meerjungfrau – das Märchen als Kurzfassung

Im Mittelpunkt steht die jüngste der sechs Töchter des Meerkönigs2. Mit fünfzehn darf sie endlich an die Wasseroberfläche und sieht dort ein Schiff, auf dem ein Prinz seinen sechzehnten Geburtstag feiert2, 3. Als das Schiff im Sturm sinkt, rettet sie ihn und bringt ihn an den Strand1, 2. Weil sie ihn liebt und eine unsterbliche Seele gewinnen möchte, geht sie zur Meerhexe: Sie erhält Beine, verliert ihre Stimme und soll am Morgen nach der Hochzeit des Prinzen mit einer anderen zu Schaum werden2. Als es so weit ist, tötet sie ihn nicht, sondern springt ins Meer und verwandelt sich in einen Luftgeist2.

Die Figuren

  • Die kleine Meerjungfrau – die jüngste und schönste der sechs Töchter des Meerkönigs; sie rettet den Prinzen und gibt für ihn ihre Stimme her.
  • Der Meerkönig – ihr Vater, seit vielen Jahren Witwer; den Haushalt führt seine Mutter.
  • Die Königsmutter – die Großmutter der Prinzessinnen, klug und stolz auf ihren Stand; sie erzählt von der Menschenwelt und der unsterblichen Seele.
  • Die fünf Schwestern – sie berichten der jüngsten von ihren Ausflügen an die Oberfläche und kommen ihr am Ende mit einem Messer der Meerhexe zu Hilfe.
  • Der Prinz – ein junger Königssohn, der am Strand gefunden wird und glaubt, die Tempeljungfrau habe ihn gerettet2.
  • Die Meerhexe – lebt hinter Strudeln und Polypen in einem Haus aus Knochen; sie braut den Trank und nimmt die Stimme als Preis.
  • Die Prinzessin – die Tochter des Nachbarkönigs; sie ist das Mädchen aus dem Tempel und wird die Frau des Prinzen2.
  • Die Töchter der Luft – sie nehmen die Meerjungfrau auf; durch gute Taten können sie sich eine unsterbliche Seele erwerben.

Was lernen Kinder daraus?

Das Märchen ist traurig, und genau das dürfen Kinder erleben: Es erzählt von einer Liebe, die nicht erwidert wird, und es nimmt die Gefühle der Meerjungfrau ernst2. Zum Gespräch gehört die Frage, wie es ist, wenn man etwas Wichtiges nicht sagen kann – die Meerjungfrau hat ihre Stimme hergegeben und kann dem Prinzen nicht erklären, wer ihn gerettet hat2. Die Geschichte zeigt auch, was sie aufgibt: ihr Zuhause, ihre Familie, ihre Stimme, fast ihr Leben. Und sie zeigt eine Entscheidung: Als ihre Schwestern ihr ein Messer bringen, tötet sie den Prinzen nicht2. Am Ende steht keine Rache, sondern etwas Neues – sie wird ein Luftgeist und kann durch gute Taten eine Seele gewinnen2. So wird aus einem traurigen Ende ein Anfang.

Herkunft und Entstehung

Die kleine Meerjungfrau ist ein Kunstmärchen des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen und erschien 1837 auf Dänisch unter dem Titel „Den lille Havfrue“2. Als Vorlage gilt die alte Sage der Undine, die Geschichte eines Wasserwesens, das sich in einen Menschen verliebt2. Andersen starb 1875; seine Märchen werden bis heute in vielen Ländern gelesen und neu bearbeitet2.

Schon früh wurde die Erzählung mit Andersens eigenem Leben in Verbindung gebracht: Er soll sie in einer Zeit geschrieben haben, in der ihn eine Liebe beschäftigte, über die er nicht offen sprechen konnte2. Auch Künstlerinnen und Künstler hat der Stoff angeregt – gemalt, vertont und fürs Radio erzählt wurde er immer wieder2, 4. Die Statue der kleinen Meerjungfrau ist heute das Wahrzeichen von Kopenhagen2.

Andersen-Märchen – Die kleine Meerjungfrau

Das Märchen gehört zu den Werken Andersens, die bis heute gelesen und unterschiedlich gedeutet werden2. Brigitte Engel liest es im Sinne der Tiefenpsychologie als Erzählung einer Individuation, in der Opfer, Wandlung und Wiedergeburt zur Selbstwerdung führen2. Eugen Drewermann versteht es als misslungene gegenseitige Erlösung in der Liebe2, und Werner Spies betont, wie beklemmend das Geschehen wirkt2. Daneben gibt es Deutungen, die das Märchen mit Andersens eigener unglücklicher Liebe verbinden2.

Der Stoff der Wasserfrau, die einen Menschen liebt, ist älter als Andersen: Er findet sich in Sagen und später in Erzählungen anderer Autoren wieder2. Wer das Märchen Die kleine Meerjungfrau im Original lesen möchte, kann den dänischen Text „Den lille Havfrue“ online nachlesen.

Fragen zum Gespräch mit eurem Kind

  1. Warum gibt die Meerjungfrau ihre Stimme her, und was hätte sie dem Prinzen gesagt, wenn sie sprechen könnte?
  2. Wie wäre die Geschichte ausgegangen, wenn der Prinz gewusst hätte, wer ihn wirklich gerettet hat?
  3. Was würdet ihr der Meerjungfrau sagen, wenn ihr sie am Strand treffen könntet?
  4. Was bedeutet es, jemanden sehr lieb zu haben, der einen anders lieb hat?
  5. Welche Stelle gefällt euch am besten, und welche macht euch traurig?

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Häufige Fragen

Wer hat die kleine Meerjungfrau geschrieben?
Das Märchen stammt von dem dänischen Schriftsteller Hans Christian Andersen. Er veröffentlichte Die kleine Meerjungfrau 1837 auf Dänisch unter dem Titel „Den lille Havfrue“2. Der Stoff geht auf die alte Sage der Undine zurück, die Geschichte einer Wasserfrau, die einen Menschen liebt2. Andersen starb 1875; seine Märchen werden bis heute in vielen Ländern gelesen und bearbeitet2.
Warum ist die kleine Meerjungfrau so berühmt?
Das Märchen wird bis heute in vielen Ländern gelesen und bearbeitet2. Es berührt, weil die Meerjungfrau fast alles hergibt – ihre Stimme, ihre Familie, ihr Zuhause – und der Prinz sie dennoch nicht heiratet1, 2. Besonders ist auch das Ende: Sie tötet ihn nicht, wird zu Schaum und dann zu einem Luftgeist, der durch gute Taten eine unsterbliche Seele gewinnen kann2. Außerdem ist die Statue der kleinen Meerjungfrau das Wahrzeichen von Kopenhagen2.
Wie endet die kleine Meerjungfrau?
Die Meerjungfrau tötet den Prinzen nicht. Ihre Schwestern bringen ihr ein Messer der Meerhexe, doch sie wirft es ins Meer und springt selbst hinein; ihr Körper löst sich in Schaum auf2. Sie stirbt aber nicht: Sie verwandelt sich in einen Luftgeist und kann durch gute Taten eine unsterbliche Seele erlangen2. Im Tausch gegen ihre Haare hatten die Schwestern das Messer von der Meerhexe bekommen3.

Quellen

  1. Märchen: Die kleine Seejungfrau · abgerufen am 10.10.2026
  2. Die kleine Meerjungfrau (Märchen) · abgerufen am 11.10.2026
  3. „Die kleine Meerjungfrau“ kurz und knapp · Stand 19.11.2015
  4. ARD Hörspieldatenbank: Die kleine Meerjungfrau · abgerufen am 11.10.2026
  5. Die kleine Meerjungfrau (Märchen) · abgerufen am 11.10.2026
Fachliche PrüfungJosef MaierKinder- und Jugendpädagoge · Diplom-Sozialpädagoge (FH)Fachlich geprüft am von Josef Maier
TextRedaktion Schnuller.deZuletzt aktualisiert am

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