Der standhafte Zinnsoldat – das Märchen zum Vorlesen und Anhören

- Jahr
- 1838
- Alter ab
- 4
- Autor/Herkunft
- Hans Christian Andersen (Dänemark, † 1875)
Neu erzählt nach Hans Christian Andersen (Dänisch, 1838)
Ein Kunstmärchen von Hans Christian Andersen: ruhig erzählt, in wenigen Minuten vorgelesen und mit einem Ende, das noch eine Weile nachklingt.
Der standhafte Zinnsoldat – das Märchen zum Vorlesen
Es waren einmal fünfundzwanzig Zinnsoldaten, und sie waren alle Brüder. Gegossen worden waren sie aus einem einzigen alten Zinnlöffel. Das Gewehr hielten sie im Arm, und sie schauten gerade nach vorn, ohne mit der Wimper zu zucken. Ihre Uniform war rot und blau, so prächtig, wie eine Uniform nur sein kann. Das Allererste, was sie in dieser Welt hörten, war ein heller Ruf: „Zinnsoldaten!“ Ein kleiner Junge hatte den Deckel von ihrer Schachtel gehoben und klatschte vor Freude in die Hände. Er hatte sie zum Geburtstag bekommen und stellte sie nun auf dem Tisch auf. Ein Soldat sah aus wie der andere, nur einer war ein wenig anders. Er war zuletzt gegossen worden, als kein Zinn mehr in der Kanne war, und hatte darum nur ein Bein. Doch stand er auf diesem einen Bein genauso fest wie seine Brüder auf ihren zwei. Und gerade er sollte noch etwas ganz Besonderes erleben.
Auf dem Tisch, auf dem die Soldaten standen, gab es noch viel anderes Spielzeug. Am meisten aber fiel ein Schloss auf, das aus Papier gebaut war. Durch die kleinen Fenster konnte man in die Säle hineinschauen. Rings um das Schloss standen kleine Bäume, und ein runder Spiegel sollte ein stiller See sein. Schwäne aus Wachs schwammen darauf und spiegelten sich im Wasser. Alles war niedlich, doch das Allerniedlichste war eine kleine Dame, die mitten in der offenen Schlosstür stand. Auch sie war aus Papier geschnitten. Die kleine Dame trug ein Kleid und über der Schulter ein schmales blaues Band. Mitten auf dem Band saß ein glänzender Stern, gerade so groß wie ihr ganzes Gesicht.
Die kleine Dame streckte beide Arme aus, denn sie war eine Tänzerin. Dann hob sie ein Bein so hoch in die Luft, dass der Zinnsoldat es gar nicht sehen konnte. „Sie hat bestimmt nur ein Bein, genau wie ich“, dachte er. „Das wäre eine Frau für mich! Aber sie ist vornehm, sie wohnt in einem Schloss. Ich habe nur eine Schachtel, und darin sind wir fünfundzwanzig – das ist kein Ort für sie. Trotzdem will ich versuchen, sie kennenzulernen.“ Und so legte er sich, so lang er war, hinter die Schnupftabaksdose, die auf dem Tisch stand. Von dort konnte er sie gut betrachten. Die feine Dame stand auf einem Bein und kam dabei nicht aus dem Gleichgewicht.
Als es Abend wurde, kamen die anderen Zinnsoldaten in ihre Schachtel zurück, und die Menschen im Haus gingen zu Bett. Nun begann das Spielzeug zu spielen: Es kam Besuch, es wurde Krieg geführt, und es wurde Tanz gehalten. Die Zinnsoldaten rasselten in ihrer Schachtel, denn sie wollten mitmachen, aber sie bekamen den Deckel nicht auf. Der Nussknacker machte Purzelbäume, und der Griffel tanzte über die Schiefertafel. Es war ein solcher Lärm, dass sogar der Kanarienvogel aufwachte und anfing zu sprechen, und zwar in Versen. Nur zwei rührten sich nicht von der Stelle: der Zinnsoldat und die kleine Tänzerin. Die Tänzerin hielt sich ganz gerade auf den Zehenspitzen, beide Arme ausgestreckt. Der Soldat stand ebenso standhaft auf seinem einen Bein und ließ die Augen keinen Augenblick von ihr.
Da schlug die Uhr zwölf, und klapp – sprang der Deckel von der Schnupftabaksdose auf. Tabak war keiner darin, nein, sondern ein kleiner schwarzer Kobold. Das war ein Kunststück. „Zinnsoldat“, sagte der Kobold, „halte deine Augen bei dir!“ Doch der Zinnsoldat tat, als hätte er nichts gehört. „Na, warte nur bis morgen!“, sagte der Kobold.
Am nächsten Morgen standen die Kinder auf, und der Zinnsoldat wurde ins Fenster gestellt. Ob es nun der Kobold war oder ein Zugwind – auf einmal flog das Fenster auf, und der Soldat stürzte vom dritten Stock hinunter. Das war eine schreckliche Fahrt. Er streckte das Bein in die Luft und blieb mit dem Helm und dem Bajonett zwischen den Pflastersteinen stecken. Das Dienstmädchen und der kleine Junge kamen sofort herunter, um ihn zu suchen. Die beiden waren nahe daran, auf ihn zu treten, und fanden ihn trotzdem nicht. Hätte der Zinnsoldat gerufen: „Hier bin ich!“, hätten sie ihn entdeckt. Aber er fand es nicht passend, laut zu schreien, solange er Uniform trug.

Jetzt begann es zu regnen. Die Tropfen fielen immer dichter, und es wurde ein richtiger Platzregen. Als er vorüber war, kamen zwei Straßenjungen vorbei. „Sieh mal einer an“, sagte der eine, „da liegt ein Zinnsoldat! Der muss hinaus aufs Wasser!“ Die beiden falteten aus einer Zeitung ein Boot, setzten den Soldaten mitten hinein, und schon segelte er den Rinnstein hinunter. Die Jungen liefen daneben her und klatschten in die Hände. Was für Wellen schlugen in diesem Rinnstein, und was für ein Strom war das! Das Papierboot schaukelte auf und nieder und drehte sich manchmal so schnell, dass der Zinnsoldat bebte. Aber er blieb standhaft, verzog keine Miene, schaute geradeaus und hielt das Gewehr im Arm.
Mit einem Mal trieb das Boot unter eine lange Rinnsteinbrücke. Da wurde es so dunkel, als läge er wieder in seiner Schachtel. „Wo mag ich nur hinkommen?“, dachte er. „Ja, daran ist der Kobold schuld. Ach, wäre doch die kleine Tänzerin hier im Boot – dann dürfte es von mir aus noch einmal so dunkel sein!“ In diesem Augenblick kam eine große Wasserratte, die unter der Brücke wohnte. „Hast du einen Pass?“, fragte die Ratte. „Her damit!“ Der Zinnsoldat schwieg und hielt sein Gewehr nur noch fester. Das Boot fuhr weiter, und die Ratte schwamm hinterher. Hu, wie sie die Zähne fletschte und den Holzspänen und dem Stroh zurief: „Haltet ihn auf! Er hat keinen Zoll bezahlt und den Pass nicht gezeigt!“
Aber die Strömung wurde immer stärker. Der Zinnsoldat konnte schon dort, wo die Brücke endete, den hellen Tag sehen. Gleichzeitig hörte er ein Brausen, das auch einen tapferen Mann erschrecken konnte. Denn der Rinnstein stürzte an dieser Stelle in einen großen Kanal – für ihn so gefährlich wie für uns ein Wasserfall. Er war schon zu nah dran, um noch anzuhalten. Das Boot schoss hinaus, und der arme Zinnsoldat hielt sich so steif, wie er nur konnte; keiner sollte sagen, dass er mit den Augen blinzelte. Das Boot wirbelte drei-, viermal herum und füllte sich bis zum Rand mit Wasser. Es musste sinken. Der Zinnsoldat stand bis zum Hals im Wasser, und das Papier löste sich immer mehr auf. Nun ging das Wasser über seinen Kopf. Da dachte er an die kleine, niedliche Tänzerin, die er nie mehr sehen sollte, und in seinen Ohren klang es wie ein Lied von Fahrt und Tod. Dann riss das Papier, und der Zinnsoldat fiel hinab – mitten in einen großen Fisch hinein.
Im Fisch war es dunkel, dunkler noch als unter der Brücke, und sehr eng. Aber der Zinnsoldat blieb standhaft und lag, so lang er war, mit dem Gewehr im Arm. Der Fisch schwamm umher und machte die wildesten Bewegungen. Endlich wurde er ganz still, und es fuhr wie ein Blitz durch seinen Körper. Das Licht schien hell, und eine Stimme rief laut: „Zinnsoldat!“ Der Fisch war gefangen, auf den Markt gebracht, verkauft und in eine Küche gekommen. Dort schnitt ihn die Köchin mit einem großen Messer auf. Mit zwei Fingern fasste sie den Soldaten um die Mitte und trug ihn in die Stube, wo alle den merkwürdigen Mann sehen wollten, der im Bauch eines Fisches gereist war. Stolz war der Zinnsoldat deshalb nicht.
Und da geschah etwas Sonderbares: Er war in derselben Stube wie früher. Er sah dieselben Kinder, und auf dem Tisch stand dasselbe Spielzeug – das herrliche Schloss mit der niedlichen kleinen Tänzerin. Die kleine Tänzerin stand noch immer auf einem Bein und hatte das andere hoch in der Luft; sie war ebenso standhaft wie er. Das rührte den Zinnsoldaten so, dass er beinahe Zinn geweint hätte. Aber das schickte sich nicht. Er schaute sie an, und sie schaute ihn an, und keiner sagte ein Wort.
Da nahm einer der kleinen Jungen den Zinnsoldaten und warf ihn geradewegs in den Ofen – ohne jeden Grund. Sicher war der Kobold aus der Dose daran schuld. Der Zinnsoldat stand hell beleuchtet da und spürte eine Hitze, die schrecklich war. Aber ob sie vom wirklichen Feuer kam oder von der Liebe, das wusste er nicht. Die Farben gingen ihm völlig ab – ob das auf der Reise geschehen war oder aus Kummer, das konnte niemand sagen. Er sah die kleine Dame an, sie blickte ihn an, und er fühlte, dass er schmolz. Doch noch stand er standhaft mit dem Gewehr im Arm.
Da ging eine Tür auf, der Wind ergriff die Tänzerin, und sie flog wie eine Elfe geradewegs in den Ofen zu ihm. Sie loderte in Flammen auf und war verschwunden. Nun schmolz auch der Zinnsoldat zu einem Klumpen. Als das Dienstmädchen am nächsten Tag die Asche aus dem Ofen nahm, fand sie ihn als ein kleines Zinnherz. Von der Tänzerin aber war nur der Stern geblieben, und der war kohlschwarz gebrannt.
Der standhafte Zinnsoldat – Kurzfassung
In einem Geburtstagsgeschenk stecken fünfundzwanzig Zinnsoldaten, gegossen aus einem alten Löffel. Einer hat nur ein Bein, weil das Zinn nicht mehr reichte. Er verliebt sich in eine Papiertänzerin im Papierschloss, die ihr Bein so hoch hebt, dass auch sie einbeinig wirkt. Ein Kobold aus der Schnupftabaksdose warnt ihn, doch der Soldat bleibt ruhig. Am nächsten Morgen stürzt er aus dem Fenster, treibt in einem Papierboot durch den Rinnstein, entkommt einer Wasserratte, wird von einem Fisch verschluckt und landet in derselben Küche wieder. Im Ofen schmilzt er zu einem Zinnherzen; die Tänzerin verbrennt, und nur ihr Stern bleibt übrig1.
Die Figuren
- Der einbeinige Zinnsoldat – Ihm fehlt ein Bein, weil beim Gießen das Zinn nicht mehr reichte, und er bleibt in jeder Gefahr aufrecht.
- Die Papiertänzerin – In der offenen Schlosstür hebt sie ein Bein so hoch, dass es unsichtbar bleibt, und sie steht ebenso standhaft wie der Soldat.
- Der Kobold aus der Schnupftabaksdose – Er taucht um Mitternacht auf, warnt den Soldaten und wird für das Unglück verantwortlich gemacht, das danach geschieht.
- Der kleine Junge – Er bekommt die Zinnsoldaten zum Geburtstag, stellt sie auf den Tisch und wirft den Soldaten später in den Ofen.
- Die anderen Zinnsoldaten – Sie sind aus demselben alten Löffel gegossen, stehen auf zwei Beinen und rasseln in der Schachtel, dürfen aber nicht mitmachen.
- Das Dienstmädchen – Auf der Straße sucht es den heruntergefallenen Soldaten und findet am Ende das Zinnherz in der Asche.
- Die beiden Straßenjungen – Nach dem Regen entdecken sie den Soldaten und lassen ihn in einem Boot aus Zeitungspapier den Rinnstein hinuntersegeln.
- Die Wasserratte – Unter der Rinnsteinbrücke verlangt sie einen Pass und schwimmt dem Boot schimpfend hinterher.
- Die Köchin – In der Küche schneidet sie den Fisch auf und holt den Zinnsoldaten unversehrt aus seinem Bauch.
- Der große Fisch – Er verschluckt den sinkenden Soldaten und bringt ihn auf Umwegen in dieselbe Küche zurück.
- Der Wind – Er stößt das Fenster auf und trägt am Ende die Papiertänzerin in den Ofen zum Zinnsoldaten.
Was lernen Kinder daraus?
Der Zinnsoldat tut fast nichts. Er fällt, er treibt, er wird verschluckt – und bleibt dabei aufrecht2. Darum geht es in dieser Geschichte: nicht um Heldentaten, sondern um Haltung2. Kinder kennen das Gefühl, in einer Lage zu sein, die sie nicht ändern können. Die Geschichte erzählt davon, dass jemand aushalten kann, ohne umzufallen2.
Das traurige Ende darf so stehen bleiben. Es ist nicht schön, aber ehrlich, und die beiden sind am Ende doch beieinander – ein Zinnherz und ein verkohlter Stern1. Märchen sprechen das Gefühlsleben von Kindern an und fördern das Mitfühlen3. Beim Vorlesen lernt euer Kind ganz nebenbei neue Wörter und Satzmuster kennen4. Fragt danach ruhig nach: Was war tapfer an dem Soldaten? Und was hättet ihr an seiner Stelle getan?
Der standhafte Zinnsoldat von Hans Christian Andersen
Der standhafte Zinnsoldat stammt von Hans Christian Andersen, der 1875 starb, und gehört zur dänischen Literatur1. Es ist ein Kunstmärchen: Andersen hat die Geschichte erfunden, sie wurde nicht aus Volkserzählungen gesammelt2. Erstmals veröffentlicht wurde sie 1838, in der Sammlung „Eventyr, fortalte for Børn. Ny Samling. Første Hefte“1.
Nicht alle hielten das Märchen für kindertauglich. Bernhard Severin Ingemann sah es als nicht für Kinder geeignet an und verglich seinen Humor mit dem von E. T. A. Hoffmann1. Die deutsche Übersetzung von A. Graf Baudissin aus dem Jahr 1841 trug den Untertitel „Kein Kindermärchen“1.
Als Interpretation liegt nahe, dass es hier nicht um Heldentaten geht, sondern um Haltung2. Unsere Nacherzählung folgt dem dänischen Original – auch sie kommt ohne Happy End aus2.
Der standhafte Zinnsoldat als Buch
Wer die Geschichte als Buch weitergeben möchte, findet sie in vielen Andersen-Sammlungen – und in Bilderbüchern, die ganz eigene Wege gehen. Jörg Müller hat den standhaften Zinnsoldaten als Bilderbuch aus der Froschperspektive erzählt und in die Gegenwart geholt: Die Reise führt über das Meer bis vor Afrika, der Fischbauch wird zur Fischfabrik, und am Ende stehen die beiden vereint in einer Glasvitrine im Museum1.
Vielleicht kennt euer Kind den standhaften Zinnsoldaten schon als Hörspiel oder als Bilderbuch – dann ist unsere Nacherzählung ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten. Für diese Seite haben wir allerdings keine Buchfassung nacherzählt, sondern das dänische Original von 1838.
Fragen zum Gespräch mit eurem Kind
- Warum sagt der Zinnsoldat fast die ganze Geschichte über nichts?
- Was hättest du getan, als du im Papierboot durch den Rinnstein getrieben bist?
- Ist das Ende traurig oder schön – oder beides?
- Kennst du jemanden, der einfach stehen bleibt, wenn es schwierig wird?
- Was wäre wohl passiert, wenn der Zinnsoldat gerufen hätte: Hier bin ich?
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Häufige Fragen
Warum hat der Zinnsoldat nur ein Bein?
Wie endet Der standhafte Zinnsoldat?
Ab welchem Alter eignet sich die Geschichte?
Wie lange dauert das Vorlesen?
Von wem stammt Der standhafte Zinnsoldat?
Quellen
- Der standhafte Zinnsoldat · abgerufen am 11.10.2026
- Der standhafte Zinnsoldat · abgerufen am 11.10.2026
- Märchen fördern Einfühlungsvermögen bei Kindern: Kinderaerzte-im-Netz · abgerufen am 11.10.2026
- Geschichten vorlesen · Stand 31.12.2025
- Der standhafte Zinnsoldat · abgerufen am 11.10.2026
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