Däumelinchen – das Märchen zum Vorlesen und Anhören

- Jahr
- 1835
- Alter ab
- 5
- Autor/Herkunft
- Hans Christian Andersen († 1875), dänisches Original „Tommelise“
Neu erzählt nach Hans Christian Andersen (Dänisch, 1835)
Däumelinchen ist ein Kunstmärchen von Hans Christian Andersen, das 1835 zum ersten Mal erschien2 – auf dieser Seite erzählt als eigene, kindgerechte Fassung zum Vorlesen und Anhören.
Däumelinchen – das Märchen zum Vorlesen
Es war einmal eine Frau, die sich von Herzen ein kleines Kind wünschte. Sie wusste nur nicht, woher sie eines nehmen sollte. Also ging sie zu einer alten Hexe und fragte: „Kannst du mir sagen, wo ich ein kleines Kind herbekomme?“
„Das lässt sich machen“, sagte die Hexe und gab ihr ein Gerstenkorn. „Das ist kein gewöhnliches Korn. Es wächst nicht auf dem Feld, und die Hühner picken es nicht. Setz es in einen Blumentopf, dann wirst du etwas erleben.“
Die Frau bedankte sich, gab der Hexe zwölf Schilling und lief nach Hause. Sie setzte das Korn in einen Topf, und sofort wuchs eine große, prächtige Blume empor. Sie sah aus wie eine Tulpe, doch ihre Blätter lagen noch fest zusammen wie bei einer Knospe.
„Was für eine schöne Blume!“, rief die Frau und küsste die roten und gelben Blätter. In diesem Augenblick gab die Blume einen lauten Knall von sich und öffnete sich. Mitten in der Blüte, auf dem grünen Stempel, saß ein winziges Mädchen. Es war so fein und zierlich, dass es kaum einen Daumen lang war. Deshalb nannten alle es Däumelinchen.
Das kleine Mädchen bekam eine Wiege aus einer lackierten Walnussschale. Veilchenblätter dienten ihm als Matratze, ein Rosenblatt als Decke. Nachts schlief es darin, und tagsüber spielte es auf dem Tisch. Die Frau hatte dort einen Teller mit Wasser hingestellt und einen Kranz Blumen darum gelegt, deren Stiele ins Wasser tauchten.
Auf einem großen Tulpenblatt saß Däumelinchen und fuhr von einer Seite des Tellers zur anderen. Zum Rudern hatte es zwei weiße Pferdehaare. Es sah wunderschön aus. Und Däumelinchen konnte singen, so fein und lieblich, wie man es noch nie gehört hatte.
In einer Nacht, als Däumelinchen in ihrer Walnussschale lag, hüpfte eine Kröte durch ein zerbrochenes Fenster ins Zimmer. Die Kröte war groß, hässlich und feucht. Sie hüpfte auf den Tisch, wo das kleine Mädchen unter dem roten Rosenblatt schlief.
„Das wäre eine schöne Frau für meinen Sohn!“, sagte die Kröte. Sie packte die Walnussschale mit dem schlafenden Kind und hüpfte damit durch das Fenster in den Garten.
Draußen floss ein breiter Bach. Am Ufer war es sumpfig und schlammig, und dort wohnte die Kröte mit ihrem Sohn. Als der Sohn das zarte Mädchen in der Nussschale sah, quakte er: „Koax, koax, brekkekekex!“ Mehr konnte er nicht sagen.
„Nicht so laut, sonst wacht sie auf!“, zischte die alte Kröte. „Sie ist leicht wie eine Flaumfeder und könnte uns entwischen. Wir setzen sie auf ein Seerosenblatt hinaus. Dort kann sie nicht weglaufen, während wir unten im Schlamm die Stube für euch herrichten.“
Auf dem Wasser schwammen viele Seerosenblätter. Das Blatt, das am weitesten draußen lag, war das größte. Dorthin schwamm die alte Kröte und setzte die Walnussschale mit Däumelinchen darauf ab.
Am nächsten Morgen erwachte Däumelinchen und blickte erschrocken um sich. Ringsum nur Wasser. Sie konnte nicht ans Ufer gelangen, und sie fing bitterlich zu weinen an.

Unten im Schlamm putzte die alte Kröte ihre Stube mit Schilf und gelben Blüten. Es sollte schön werden für die neue Schwiegertochter. Dann schwamm sie mit ihrem Sohn zu dem Blatt hinaus. Sie wollten das hübsche Bettchen holen und schon im Brautgemach aufstellen.
Die alte Kröte verneigte sich tief vor Däumelinchen. „Hier ist mein Sohn. Er wird dein Mann, und ihr werdet prächtig unten im Morast wohnen.“ Der Sohn sagte nur: „Koax, koax, brekkekekex!“
Däumelinchen saß ganz allein auf dem grünen Blatt und weinte, denn sie wollte nicht bei der garstigen Kröte wohnen und ihren hässlichen Sohn nicht heiraten.
Die kleinen Fische im Wasser hatten alles mit angehört. Sie streckten die Köpfe hervor, um das Mädchen zu sehen. Es gefiel ihnen so gut, dass sie Mitleid bekamen. Nein, es durfte nicht zu der Kröte hinunter! Sie schwammen um den Stiel des Blattes und nagten ihn mit ihren Zähnen durch. Da trieb das Blatt den Bach hinab, weit fort, wohin die Kröte nicht kommen konnte.
Däumelinchen segelte an vielen Ufern vorbei. Kleine Vögel saßen in den Büschen, sahen sie und sangen: „Welch liebliches Mädchen!“ So reiste sie immer weiter, bis über die Grenze des Landes hinaus.
Ein hübscher weißer Schmetterling flatterte um sie herum und ließ sich schließlich auf dem Blatt nieder. Er mochte Däumelinchen gern. Sie freute sich, denn die Kröte konnte sie nun nicht mehr erreichen. Die Sonne schien auf das Wasser, dass es wie Gold glänzte.
Däumelinchen nahm ihren Gürtel und band ein Ende um den Schmetterling, das andere Ende am Blatt fest. Nun glitt das Blatt viel schneller dahin, und sie fuhr mit.
Da kam ein großer Maikäfer angeflogen. Er sah das kleine Mädchen, schlug seine Klauen um ihren schlanken Leib und flog mit ihr auf einen Baum. Das grüne Blatt trieb weiter den Bach hinab, und der Schmetterling hing daran festgebunden hinterher. Er konnte sich nicht losmachen.
Wie erschrak Däumelinchen! Am meisten aber tat ihr der weiße Schmetterling leid. Wenn er sich nicht befreien konnte, würde er verhungern. Den Maikäfer kümmerte das nicht. Er setzte das Mädchen auf das größte Blatt des Baumes, gab ihm das Süße der Blüten zu essen und sagte, dass sie schön sei, obwohl sie gar nicht wie ein Maikäfer aussehe.
Bald kamen die anderen Maikäfer zu Besuch. Sie betrachteten Däumelinchen und rümpften die Fühler. „Sie hat nur zwei Beine“, sagte eine. „Das sieht erbärmlich aus.“ „Und keine Fühler!“, sagte eine andere. „Sie ist so dünn in der Mitte. Pfui, sie sieht aus wie ein Mensch!“, riefen die Maikäferfrauen. „Wie hässlich sie ist!“
Und dabei war Däumelinchen doch das lieblichste Wesen, das man sich vorstellen konnte, fein und klar wie das schönste Rosenblatt. Der Maikäfer, der sie geraubt hatte, fand sie ebenfalls wunderschön. Als aber alle anderen sie hässlich nannten, glaubte er es am Ende selbst und wollte sie nicht mehr. Sie durfte gehen, wohin sie wollte.
Er flog mit ihr vom Baum hinunter und setzte sie auf eine Gänseblume. Dort weinte Däumelinchen, weil sie glaubte, so hässlich zu sein.
Den ganzen Sommer lebte sie ganz allein im großen Wald. Aus Grashalmen flocht sie sich ein Bett und hängte es unter ein großes Blatt, so blieb sie trocken, wenn es regnete. Sie naschte das Süße der Blüten und trank den Tau, der morgens auf den Blättern stand. So vergingen Sommer und Herbst.
Dann kam der Winter, kalt und lang. Alle Vögel, die so schön für sie gesungen hatten, zogen fort. Bäume und Blüten verdorrten, das große Blatt rollte sich zusammen. Däumelinchen fror erbärmlich, denn ihre Kleider waren zerrissen und sie war so fein und klein. Es begann zu schneien. Jede Schneeflocke, die auf sie fiel, war für sie so schwer wie für uns eine ganze Schaufel voll. Sie musste erfrieren.
Vor dem Wald lag ein großes Kornfeld. Das Korn war längst abgeerntet, nur die nackten Stoppeln standen aus der gefrorenen Erde. Für Däumelinchen waren sie wie ein hoher Wald. Zitternd vor Kälte kam sie an die Tür der Feldmaus. Die hatte ein kleines Loch unter den Stoppeln.
Drinnen wohnte die Feldmaus warm und gemütlich. Die ganze Stube war voll Korn, und sie hatte eine herrliche Küche und eine Vorratskammer. Däumelinchen stellte sich in die Tür wie ein armes Bettelmädchen und bat um ein kleines Stück Gerstenkorn. Seit zwei Tagen hatte sie nichts gegessen.
„Du armes Ding“, sagte die Feldmaus, die im Grunde eine gute alte Maus war. „Komm herein in meine warme Stube und iss mit mir!“ Däumelinchen gefiel ihr, und so sagte sie: „Bleib über den Winter hier. Dafür hältst du meine Stube sauber und erzählst mir abends etwas, denn Geschichten sind mein größtes Vergnügen.“ Däumelinchen tat alles, was die Feldmaus verlangte, und hatte es gut.
„Bald bekommen wir Besuch“, sagte die Feldmaus eines Tages. „Mein Nachbar kommt jede Woche. Er hat es noch besser als ich, große Säle und einen schönen schwarzen Samtpelz. Wenn du den heiratest, bist du gut versorgt. Nur sehen kann er kaum. Du musst ihm die schönsten Geschichten erzählen!“
Däumelinchen aber wollte den Nachbarn nicht. Es war ein Maulwurf. Er kam in seinem schwarzen Samtpelz zu Besuch, war reich und gelehrt, und seine Wohnung war viel größer als die der Feldmaus. Nur die Sonne und die Blumen mochte er gar nicht. Er redete schlecht über sie, denn er hatte sie nie gesehen.
Däumelinchen musste für ihn singen. Sie sang so schön, dass der Maulwurf sich in sie verliebte. Er sagte aber nichts, denn er war ein besonnener Mann.
Der Maulwurf hatte von seiner Wohnung bis zum Haus der Feldmaus einen langen Gang durch die Erde gegraben. Darin durften die Feldmaus und Däumelinchen spazieren, so oft sie wollten. Nur fürchten sollten sie sich nicht vor dem toten Vogel, der im Gang lag.
Der Maulwurf nahm ein Stück faules Holz ins Maul, denn das leuchtet im Dunkeln wie Feuer, und ging voran. Wo der tote Vogel lag, stieß er mit seiner breiten Nase die Decke auf, sodass ein Loch entstand und Licht hereinfiel. Auf dem Boden lag eine Schwalbe, die Flügel fest an den Körper gedrückt, den Kopf unter die Federn gezogen. Der arme Vogel war vor Kälte gestorben.
Däumelinchen tat der Vogel sehr leid. Sie mochte alle kleinen Vögel, hatten sie doch den ganzen Sommer für sie gesungen. Der Maulwurf aber stieß den Vogel mit seinen kurzen Beinen und sprach: „Der singt nicht mehr. Ein Vogel hat außer seinem Quivit nichts und hungert im Winter.“
Däumelinchen sagte nichts. Als die beiden anderen sich abwandten, beugte sie sich zu dem Vogel, schob die Federn zur Seite und küsste ihn auf die geschlossenen Augen. „Vielleicht warst du es, der im Sommer so schön für mich gesungen hat“, dachte sie. „Wie viel Freude hast du mir gemacht.“
In der Nacht konnte sie nicht schlafen. Sie stand auf, flocht aus Heu einen großen, weichen Teppich und trug ihn zu der Schwalbe. Sie hüllte den Vogel hinein und legte weiche Baumwolle an seine Seiten, damit er in der kalten Erde warm lag.
„Leb wohl, du schöner, kleiner Vogel“, flüsterte sie und legte ihren Kopf an seine Brust. Da spürte sie ein Klopfen. Der Vogel lebte noch! Er hatte nur in der Kälte ganz starr gelegen und wurde nun wieder warm.
Däumelinchen erschrak, denn die Schwalbe war riesig gegen sie. Doch sie fasste Mut, deckte sie noch wärmer zu und holte ein Krauseminzblatt, das sie selbst als Decke gehabt hatte, und legte es über den Kopf des Vogels.
In der nächsten Nacht schlich sie wieder zu ihr. Da war die Schwalbe lebendig, aber noch ganz matt. Sie konnte nur kurz die Augen öffnen. „Ich danke dir, du gutes Kind“, sagte sie. „Die Wärme tut mir so wohl. Bald habe ich meine Kräfte wieder und kann draußen in der warmen Sonne fliegen.“
„Draußen ist es kalt, es schneit und friert“, sagte Däumelinchen. „Bleib in deinem warmen Bett, ich werde dich pflegen.“ Sie brachte der Schwalbe Wasser in einem Blütenblatt. Die Schwalbe erzählte, sie habe sich an einem Dornbusch den Flügel verletzt und habe deshalb nicht mit den anderen in die warmen Länder fliegen können. Wie sie unter die Erde gekommen war, wusste sie nicht mehr.
Den ganzen Winter blieb die Schwalbe da unten, und Däumelinchen pflegte sie und hatte sie lieb. Weder der Maulwurf noch die Feldmaus erfuhren etwas davon, denn die mochten die arme Schwalbe nicht leiden.
Als der Frühling kam und die Sonne die Erde wärmte, öffnete Däumelinchen das Loch. Die Sonne schien herrlich herein, und die Schwalbe fragte: „Willst du mitkommen? Du kannst dich auf meinen Rücken setzen, wir fliegen weit in den grünen Wald.“ Aber Däumelinchen wusste, dass die alte Feldmaus traurig wäre, wenn sie fortging. „Nein, ich kann nicht“, sagte sie.
„Leb wohl, du gutes, liebes Mädchen!“, sagte die Schwalbe und flog hinaus in den Sonnenschein. Däumelinchen sah ihr nach, und die Tränen kamen ihr in die Augen. „Quivit, quivit!“, sang der Vogel und verschwand im grünen Wald.
Däumelinchen war sehr betrübt. Sie durfte nicht hinaus in die warme Sonne. Das Korn über dem Haus der Feldmaus wuchs hoch empor, für das kleine Mädchen war es ein dichter Wald.
„Jetzt nähst du deine Aussteuer!“, sagte die Feldmaus. Der Nachbar, der Maulwurf, hatte um Däumelinchens Hand angehalten. „Du bekommst Wolle und Leinen, alles, was du zum Sitzen und Liegen brauchst, wenn du die Frau des Maulwurfs wirst!“
Däumelinchen musste spinnen, und die Feldmaus mietete vier Spinnen, die Tag und Nacht für sie webten. Jeden Abend kam der Maulwurf zu Besuch und redete davon, dass die Sonne bald nicht mehr so warm scheinen werde. Wenn der Sommer vorbei sei, wollten sie Hochzeit feiern. Däumelinchen aber war traurig, denn sie mochte den langweiligen Maulwurf nicht.
Jeden Morgen, wenn die Sonne aufging, und jeden Abend, wenn sie unterging, schlich sie zur Tür hinaus. Wenn der Wind die Kornähren teilte, sah sie den blauen Himmel und wünschte sich die liebe Schwalbe zurück. Doch die kam nicht wieder.
Als es Herbst wurde, war die Aussteuer fertig. „In vier Wochen ist deine Hochzeit!“, sagte die Feldmaus. Däumelinchen weinte und sagte, sie wolle den Maulwurf nicht haben. „Rede keinen Unsinn!“, rief die Feldmaus. „Sei nicht so trotzig, sonst bekommst du meine weißen Zähne zu spüren! Der Maulwurf ist doch ein prächtiger Mann, und du solltest dankbar sein.“
Nun sollte die Hochzeit sein. Der Maulwurf war schon gekommen, um Däumelinchen zu holen. Sie sollte tief unter der Erde bei ihm wohnen und nie mehr an die warme Sonne kommen. Das arme Mädchen war untröstlich.
„Leb wohl, du helle Sonne!“, rief sie und lief noch einmal vor das Haus der Feldmaus. Das Korn war geerntet, nur Stoppeln standen auf dem Feld. „Leb wohl!“, sagte sie und schlang die Arme um eine kleine rote Blume. „Grüße die Schwalbe von mir, wenn du sie siehst!“
„Quivit, quivit!“, klang es plötzlich über ihr. Däumelinchen blickte auf. Es war die kleine Schwalbe, die gerade vorbeiflog. Sie freute sich sehr, als sie das Mädchen sah, und Däumelinchen erzählte ihr, dass sie den Maulwurf nicht heiraten wollte und tief unter der Erde wohnen sollte, wo niemals die Sonne scheint. Sie weinte dabei.
„Der kalte Winter kommt“, sagte die Schwalbe. „Ich fliege weit fort in die warmen Länder. Willst du mitkommen? Setz dich auf meinen Rücken und binde dich mit deinem Gürtel fest. Dann fliegen wir fort von dem Maulwurf und seiner dunklen Stube, weit über die Berge, wo der Sommer nie endet und wunderschöne Blumen blühen. Komm mit, du liebes Däumelinchen, du hast mir das Leben gerettet, als ich erstarrt in der dunklen Erde lag!“
„Ja, ich komme mit!“, sagte Däumelinchen. Sie setzte sich auf den Rücken des Vogels, die Füße auf die ausgebreiteten Flügel, und band ihren Gürtel an einer starken Feder fest. Dann flog die Schwalbe hoch in die Luft, über Wald und See, hoch über die großen Berge, auf denen immer Schnee liegt. In der kalten Luft fror Däumelinchen, aber sie kroch unter die warmen Federn und streckte nur den kleinen Kopf hervor, um all die Schönheit unter sich zu betrachten.
So kamen sie in die warmen Länder. Dort schien die Sonne viel klarer als zu Hause, der Himmel war doppelt so hoch, und an Gräben und Zäunen wuchsen die schönsten Weintrauben. In den Wäldern hingen Zitronen und Apfelsinen, es duftete nach Myrte und Krauseminze, und auf den Wegen liefen Kinder und spielten mit großen bunten Schmetterlingen. Die Schwalbe aber flog noch weiter, und es wurde immer schöner.
An einem blauen See, unter prächtigen grünen Bäumen, stand ein weißes Marmorschloss aus alten Zeiten. Weinranken rankten sich an den hohen Säulen empor. Ganz oben gab es viele Schwalbennester, und in einem davon wohnte die Schwalbe, die Däumelinchen trug.
„Hier ist mein Haus“, sagte die Schwalbe. „Aber such dir selbst eine der herrlichen Blumen aus, die dort unten wachsen. Ich setze dich hinein, und du sollst es so schön haben, wie du es dir nur wünschen kannst.“
„Das ist wunderbar!“, rief Däumelinchen und klatschte in die Hände.
Da lag eine große weiße Marmorsäule, umgestürzt und in drei Stücke gebrochen. Zwischen den Stücken wuchsen die schönsten weißen Blumen. Die Schwalbe flog mit Däumelinchen hinunter und setzte sie auf ein breites Blatt. Wie staunte das Mädchen! Mitten in der Blüte saß ein kleiner Mann, so weiß und durchsichtig, als wäre er aus Glas. Auf dem Kopf trug er eine goldene Krone, auf den Schultern feine, klare Flügel. Er war nicht größer als Däumelinchen.
In jeder Blume wohnte ein kleiner Mann oder eine kleine Frau, aber dieser war der König über sie alle. „Wie schön er ist!“, flüsterte Däumelinchen der Schwalbe zu.
Der kleine Prinz erschrak zuerst vor der Schwalbe, denn gegen ihn war sie ein riesiger Vogel. Als er aber Däumelinchen sah, wurde er froh. Sie war das schönste Mädchen, das er je gesehen hatte. Er nahm seine Goldkrone vom Kopf und setzte sie ihr auf. Dann fragte er, wie sie heiße und ob sie seine Frau werden wolle. Als Königin sollte sie über alle Blumen herrschen.
Däumelinchen sah ihn an. Er war ganz anders als der Sohn der Kröte und anders als der Maulwurf mit dem schwarzen Pelz. Sie sagte Ja.
Da kamen aus jeder Blume eine Dame oder ein Herr, so zierlich, dass es eine Freude war. Jeder brachte Däumelinchen ein Geschenk. Das schönste war ein Paar Flügel von einer großen weißen Fliege. Die wurden Däumelinchen auf den Rücken geheftet, und nun konnte sie selbst von Blume zu Blume fliegen. Überall war Freude. Die kleine Schwalbe saß in ihrem Nest und sang für sie, so gut sie konnte. Im Herzen war sie traurig, denn sie mochte Däumelinchen sehr und wollte sich nicht von ihr trennen.
„Däumelinchen ist kein schöner Name für so ein schönes Mädchen“, sagte der Blumenkönig. „Wir nennen dich Maja.“
„Leb wohl, leb wohl!“, rief die kleine Schwalbe und flog davon, weit fort aus den warmen Ländern, zurück nach Dänemark. Dort hatte sie ihr Nest über dem Fenster des Mannes, der die Märchen erzählen kann. Für ihn sang sie ihr „Quivit, quivit!“ – und von ihm haben wir diese ganze Geschichte.
Vorlese-Tipp: Erzählt die Geschichte mit ruhiger Stimme und gebt Kröte, Maikäfer und Feldmaus unterschiedliche Stimmen5. Euer Kind darf unterbrechen, fragen und die Handlung weiterspinnen; beim Erzählen könnt ihr auf sein Befinden eingehen und die Geschichte spannender oder sanfter machen5. Schaut vorher einmal durch den Text und überlegt, ob er für euer Kind gerade passt4. Zwischen drei und fünf Jahren wirken Fantasiegestalten besonders wirklich und können abends den Schlaf unruhig machen6; eine helle, warme Leseecke hilft.
Das Däumelinchen-Märchen in Kürze
Eine Frau wünscht sich ein Kind und bekommt von einer Hexe ein magisches Gerstenkorn. Daraus wächst eine Blume, in der ein daumengroßes Mädchen sitzt: Däumelinchen. Schon in der ersten Nacht trägt eine Kröte sie fort, weil sie sie mit ihrem Sohn verheiraten will. Fische befreien das Mädchen, ein Maikäfer lässt es fallen, und im Winter nimmt eine Feldmaus es auf. Dort soll es den Maulwurf heiraten. Heimlich pflegt Däumelinchen eine halb erfrorene Schwalbe. Als die Hochzeit bevorsteht, fliegt sie mit der Schwalbe in die warmen Länder, wo sie den Blumenkönig trifft und selbst fliegen lernt.
Die Figuren
- Däumelinchen – Das daumengroße Mädchen aus der Blüte, das am Ende seinen eigenen Weg findet.
- Die Frau – Sie wünscht sich sehnlich ein Kind und bekommt es auf wundersame Weise.
- Die Hexe – Sie gibt der Frau das magische Gerstenkorn.
- Die alte Kröte – Sie verschleppt Däumelinchen und will sie mit ihrem Sohn verheiraten.
- Der Krötensohn – Der hässliche Sohn der Kröte, der nur „Koax, koax, brekkekekex!“ sagen kann.
- Die kleinen Fische – Sie nagen den Stängel des Seerosenblatts durch und befreien Däumelinchen.
- Der weiße Schmetterling – Er lässt sich auf dem Blatt nieder und zieht es schneller den Bach hinab.
- Der Maikäfer – Er raubt Däumelinchen auf einen Baum und lässt sie fallen, als die anderen sie verspotten.
- Die Feldmaus – Sie nimmt Däumelinchen im Winter auf und möchte sie mit dem Maulwurf verheiraten.
- Der Maulwurf – Der reiche Nachbar, der kaum sehen kann und Sonne und Blumen nicht mag.
- Die Schwalbe – Däumelinchen pflegt sie gesund; später trägt sie das Mädchen in die warmen Länder.
- Der Blumenkönig – Der geflügelte Herr in der Blüte, der Däumelinchen heiratet und sie Maja nennt.
- Die Blumenbewohner – Aus jeder Blüte kommen zierliche Damen und Herren und bringen Geschenke.
Was lernen Kinder daraus?
Däumelinchen lässt sich viel gefallen – aber nicht alles. Kröte, Maikäfer und Maulwurf wollen bestimmen, wo sie lebt und wen sie heiratet. Am Ende geht sie ihren eigenen Weg und findet einen Ort, an dem sie sein darf, wie sie ist3. Daraus können Kinder mitnehmen, dass es sich lohnt, auf die eigene Stimme zu hören, und dass Mut und Geduld auch dann helfen, wenn es gerade dunkel und kalt ist3.

Die Geschichte zeigt außerdem, wie viel Freundschaft bewirkt: Die kleinen Fische befreien Däumelinchen, und die Schwalbe, um die sie sich gekümmert hat, holt sie aus dem dunklen Gang heraus. Ohne diese Hilfe von Freunden wäre sie nicht entkommen3. Solche Märchen sprechen das Gefühlsleben von Kindern an und fördern das Mitfühlen4. Beim Zuhören lernt euer Kind ganz nebenbei neue Wörter und Satzmuster kennen5.
Herkunft und Entstehung
Die Erzählung stammt von Hans Christian Andersen und erschien 1835 zuerst in Kopenhagen2. Sie war Teil der Sammlung „Eventyr, fortalte for Børn. Første Samling. Andet Hefte“, die bei C.A. Reitzel herauskam2.
Andersen hat die Geschichte nicht aus einer alten Volkserzählung übernommen – sie stammt im Wesentlichen von ihm selbst2. Einzelne Motive erinnern aber an Bekanntes: Der wichtigste Einfluss ist das Märchen vom Däumling, in dem ein winziger Mensch einem Kinderwunsch entspringt2. Weitere Anregungen waren die Liliputaner aus Swifts „Gullivers Reisen“ von 1726, Voltaires Erzählung „Micromégas“ von 1752 sowie E. T. A. Hoffmanns Geschichten „Meister Floh“ von 1822 und „Prinzessin Brambilla“ von 1821, in der ein kleines Wesen in einer Blüte lebt2. Auch in Andersens eigener Erzählung „Fußreise von Holmens Kanal zur Ostspitze von Amage“ von 1828 kommt ein winziges Mädchen vor2.
Für diese Seite haben wir das dänische Original neu erzählt, damit Kinder ab etwa fünf Jahren gut folgen können.
Fragen zum Gespräch mit eurem Kind
- Was würdest du tun, wenn du so klein wärst wie Däumelinchen und auf einem Seerosenblatt festsitzen würdest?
- Wie fühlt sich Däumelinchen wohl, als die Maikäfer sagen, sie sei hässlich?
- Warum hilft Däumelinchen der Schwalbe, obwohl der Maulwurf sie auslacht?
- Welche Figur aus dem Märchen wäre gern dein Freund oder deine Freundin?
- Wenn du dir einen neuen Namen aussuchen dürftest, wie würdest du heißen?
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Häufige Fragen
Woher kommt Däumelinchen?
Was lehrt uns das Märchen „Däumelinchen“?
Quellen
- Däumelinchen · abgerufen am 11.10.2026
- Däumelinchen · abgerufen am 11.10.2026
- Das Märchen Däumelinchen mit Interpretation · Stand 14.12.2024
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