Goldlöckchen und die drei Bären – das Märchen zum Vorlesen und Anhören

- Jahr
- 1837
- Alter ab
- 4
- Autor/Herkunft
- Robert Southey (gestorben 1843), englische Erzählung The Story of the Three Bears
Neu erzählt nach Robert Southey (Englisch, 1837)
Goldlöckchen und die drei Bären ist ein englisches Märchen: Robert Southey schrieb es nach einer alten Erzählung auf, 1837 erschien es zum ersten Mal, und hier lest ihr unsere Nacherzählung mit Hörfassung.
Goldlöckchen und die drei Bären – Märchen-Text zum Vorlesen
Tief im Wald, wo die Bäume so dicht stehen, dass die Sonne nur in kleinen Flecken durch die Blätter fällt, steht ein gemütliches Holzhaus. Darin wohnen drei Bären. Papa Bär ist der größte von ihnen; wenn er spricht, klingt es wie fernes Donnern. Mama Bär ist mittelgroß und hat eine warme, ruhige Stimme. Baby Bär ist so klein, dass er gerade eben über den Küchentisch schauen kann, und sein Stimmchen piepst ganz hoch. Die drei leben ordentlich und zufrieden: Jeder hat seine eigene Schüssel, seinen eigenen Stuhl und sein eigenes Bett.
Eines Morgens kochte Mama Bär Haferbrei zum Frühstück. Der Brei dampfte und duftete nach warmer Milch und Honig. „Vorsicht, er ist viel zu heiß zum Essen“, sagte Mama Bär und füllte drei Schüsseln: eine große für Papa Bär, eine mittelgroße für sich und eine kleine mit einem kleinen Löffel für Baby Bär. Papa Bär schnupperte. Baby Bär schnupperte. Aber keiner wollte sich die Zunge verbrennen. „Wir gehen ein Stück in den Wald“, brummte Papa Bär. „Wenn wir zurückkommen, ist der Brei genau richtig.“ Sie zogen ihre Jacken an und gingen los. Die Haustür ließen sie offen.
Der Wald war an diesem Morgen still und warm. Die drei Bären gingen an den Beerensträuchern vorbei, blieben an einem Bach stehen und schauten dem Wasser zu. „Gut, dass unser Brei in Ruhe abkühlen kann“, sagte Mama Bär. Baby Bär hüpfte über die Wurzeln und sammelte Kiefernzapfen, bis seine Pfoten ganz braun waren. Keiner von ihnen ahnte, was in ihrem Haus in der Zwischenzeit geschah.

Nicht weit von dort, am Rand des Waldes, lebte ein Mädchen mit Haaren wie gesponnenes Gold. Alle nannten es Goldlöckchen. An diesem Morgen hatte es keine Lust gehabt, in der Küche zu helfen. Es war einfach in den Wald gelaufen, auf einem Weg, den es noch nie gegangen war. Blumen pflücken, Schmetterlingen nachschauen, einem Eichhörnchen hinterherklettern – so verging die Zeit, und bald wusste Goldlöckchen nicht mehr, wo sie war.
Da blieb sie stehen und rieb sich die Augen. Zwischen den Bäumen stand ein Haus, so freundlich, als wäre es aus einem Bilderbuch gepurzelt. Goldlöckchen klopfte an die Tür. Nichts rührte sich. Sie klopfte noch einmal, stellte sich auf die Zehenspitzen und schaute durchs Fenster. Drinnen war niemand zu sehen – aber auf dem Tisch standen drei Schüsseln mit dampfendem Brei, und der roch so lecker, dass ihr Magen laut knurrte. „Ob sie den Brei mit mir teilen?“, dachte Goldlöckchen. Sie drückte die Tür auf, die nur angelehnt war, und ging hinein.
Auf dem Küchentisch standen die drei Schüsseln in einer Reihe. Goldlöckchen griff nach dem großen Löffel und probierte den Brei von Papa Bär. „Autsch! Der ist viel zu heiß!“ Dann nahm sie den mittelgroßen Löffel und probierte den Brei von Mama Bär. „Igitt, der ist viel zu kalt.“ Zuletzt steckte sie den kleinen Löffel in die kleine Schüssel, die für Baby Bär gedacht war. „Mmmh. Genau richtig.“ Sie aß einen Löffel, dann noch einen und noch einen. Als sie fertig war, war die kleine Schüssel leer. Kein einziger Krümel war übrig geblieben.
Jetzt war Goldlöckchen satt, aber ein bisschen müde. Im Wohnzimmer standen drei Stühle neben dem Kamin. Sie setzte sich auf den großen Stuhl. „Der ist viel zu hart.“ Sie rutschte auf den mittelgroßen Stuhl. „Der ist viel zu weich, da versinke ich ja.“ Dann kletterte sie auf das kleine Stühlchen. Das war genau richtig, so bequem, dass sie anfing, hin und her zu wippen. Plötzlich machte es kracks und krachte, und Goldlöckchen landete mit einem Plumps auf dem Boden. Das kleine Stühlchen war in zwei Teile gebrochen.
„Dann ruhe ich mich eben oben aus“, sagte Goldlöckchen und stieg die Treppe hinauf. Oben war das Schlafzimmer mit drei Betten. Zuerst kroch sie in das große Bett. Zu hoch, zu hart, das Kopfkissen viel zu schwer. Dann probierte sie das mittelgroße Bett. Zu weich, und die Decke rutschte immer wieder weg. Zum Schluss schlüpfte sie in das kleine Bettchen, das Baby Bär gehörte. Die Kissen waren weich, die Decke war warm, und alles passte genau. Ehe sie es sich anders überlegen konnte, war Goldlöckchen tief und fest eingeschlafen.
Über der Küche hing noch immer der Geruch von warmem Brei, und oben im Schlafzimmer träumte Goldlöckchen von goldenen Blumen. Nur der Wind raschelte in den Blättern. Dann knackten draußen Zweige, und die drei Bären kamen vom Spaziergang nach Hause.
Sie hängten ihre Jacken auf und freuten sich auf das Frühstück. Papa Bär ging zuerst in die Küche und schaute in seine Schüssel. „Jemand hat von meinem Brei gegessen!“, brummte er mit seiner tiefen Stimme. Mama Bär sah nach: Ihr Löffel lag schief in der Schüssel. „Jemand hat von meinem Brei gegessen!“, sagte sie. Baby Bär stellte sich auf die Zehenspitzen und schaute in seine kleine Schüssel. Sie war leer. „Jemand hat von meinem Brei gegessen – und alles aufgegessen!“, piepste er und hätte fast geweint.
Die drei Bären gingen ins Wohnzimmer. „Jemand hat auf meinem Stuhl gesessen!“, brummte Papa Bär, denn sein Sitzkissen lag ganz schief. „Jemand hat auf meinem Stuhl gesessen!“, sagte Mama Bär, denn ihre Decke war verrutscht. Baby Bär lief zu seinem Stühlchen – und da lagen zwei Holzstücke auf dem Boden. „Jemand hat auf meinem Stuhl gesessen und ihn kaputt gemacht!“, rief er und weinte. Papa Bär wurde ernst. „Wenn jemand in unserem Haus ist, müssen wir nachschauen.“
„Still“, flüsterte Mama Bär. „Vielleicht ist der Besuch noch da.“ Auf Zehenspitzen schlichen die drei die Treppe hinauf. Papa Bär schaute in sein Bett. „Jemand hat in meinem Bett gelegen!“, knurrte er. Mama Bär schaute in ihr Bett. „Und jemand hat in meinem Bett gelegen!“, sagte sie. Baby Bär lief zu seinem Bettchen und blieb mit offenem Mund stehen. „Jemand hat in meinem Bett gelegen“, piepste er, „und da liegt sie noch!“
Goldlöckchen hatte im Schlaf ein tiefes Brummen gehört und gedacht, es donnere draußen. Dann hatte sie ein mittleres Brummen gehört und geglaubt, der Wind rausche durch die Bäume. Aber jetzt piepste es so hell und schrill direkt neben ihrem Ohr, dass sie die Augen aufschlug. Drei Bärengesichter schauten auf sie herab. „Ach du liebe Zeit!“, rief Goldlöckchen. Sie sprang aus dem Bettchen, flitzte die Treppe hinunter, riss die Haustür auf und rannte in den Wald, so schnell ihre Beine sie tragen konnten. Sie lief und lief, bis sie ihr eigenes Haus erreichte, und drehte sich kein einziges Mal um.
Baby Bär stand noch lange am Fenster. „Sie hatte so goldenes Haar“, sagte er zu Mama Bär. „Ich hätte gern mit ihr gespielt.“ Goldlöckchen aber ging an diesem Abend früh schlafen – in ihrem eigenen Bett, mit ihrem eigenen Kissen. Ob sie danach ein braves kleines Mädchen geworden ist? Manche Leute sagen ja. Ganz sicher sind sie sich da nicht. Die drei Bären auch nicht.
Goldlöckchen und die drei Bären – Text in Kürze
Drei Bären lassen ihren heißen Brei stehen und gehen spazieren. Ein Mädchen namens Goldlöckchen findet das offene Haus, probiert alle drei Schüsseln, isst den kleinen Brei auf, bricht das kleine Stühlchen und schläft im kleinsten Bett ein. Als die Bären zurückkommen, stellen sie nacheinander fest, dass jemand von ihrem Brei gegessen, auf ihren Stühlen gesessen und in ihren Betten gelegen hat. Baby Bär entdeckt das Mädchen in seinem Bettchen. Goldlöckchen erschrickt, springt auf und rennt davon – die Bären sehen sie nie wieder.
Die Figuren
- Goldlöckchen – ein Mädchen mit goldenem Haar, neugierig und ein wenig ungezogen; sie probiert im Bärenhaus alles aus und rennt am Ende davon.
- Papa Bär – der größte der drei Bären; sein tiefes Brummen klingt wie Donner, und er achtet im Haus auf Ordnung.
- Mama Bär – die mittelgroße Bärin; sie kocht den Brei und spricht mit warmer, ruhiger Stimme.
- Baby Bär – der kleinste Bär; seine Schüssel ist leer, sein Stühlchen zerbrochen, und in seinem Bettchen liegt Goldlöckchen.
Was lernen Kinder daraus?
Was die Geschichte von Goldlöckchen und den drei Bären zeigt, spüren Kinder meist schon beim Zuhören: Goldlöckchen nimmt sich Dinge, die ihr nicht gehören. Sie geht in ein fremdes Haus, isst fremden Brei, setzt sich auf fremde Stühle und schläft in einem fremden Bett. Kindern wird dabei klar, dass man vorher fragt, bevor man etwas anfasst, und dass fremdes Eigentum fremdes Eigentum bleibt. Die Harvard-Professorin Maria Tatar weist darauf hin, dass die Geschichte früher als warnende Fabel über die Gefahren gelesen wurde, allein unbekannte Orte zu erkunden2. Heute steht für viele die Entdeckung im Mittelpunkt, was gerade richtig ist2. Diese Dreierfolge aus zu heiß, zu kalt und genau richtig hilft Kindern, Unterschiede zu benennen und eine Mitte zu finden2. Und Baby Bär zeigt, dass Ärger wieder vorbeigeht: Sein Stühlchen ist kaputt, sein Brei ist weg, und trotzdem geht die Geschichte friedlich aus.
Herkunft und Entstehung
Erzählt wurde die Geschichte lange, bevor sie gedruckt wurde. Robert Southey berichtete schon im September 1813 Freunden davon, und 1831 bastelte Eleanor Mure für ihren Neffen ein handgemachtes Büchlein über die drei Bären2. Vermutlich hörte Southey die Erzählung als Kind von seinem Onkel William Tyler2. 1837 veröffentlichte er The Story of the Three Bears anonym in seiner Sammlung The Doctor2. In dieser Fassung dringt eine alte Frau in das Haus ein, und die drei Bären sind drei männliche Junggesellen: ein kleiner, ein mittlerer und ein großer2. Im selben Jahr brachte George Nicol eine Versfassung heraus, die auf Southeys Prosa beruhte; sie war mit Radierungen von B. Hart illustriert und erschien 1948 erneut, diesmal mit Southey als Verfasser2.
Zwölf Jahre später machte Joseph Cundall in seinem Treasury of Pleasure Books for Young Children aus der alten Frau ein kleines Mädchen2. Seither trägt die Heldin Namen wie Silver-Hair, Silver-Locks, Golden Hair oder Little Golden-Hair; seit 1904 heißt sie Goldilocks, auf Deutsch Goldlöckchen2. Auch aus den drei Bären wurde mit der Zeit eine Familie aus Vater, Mutter und Kind, wobei das genaue Datum strittig ist: Maria Tatar deutet 1852 an, Katherine Briggs setzt 1878 an2. Das Ende erzählen die Fassungen unterschiedlich – mal läuft Goldlöckchen in den Wald, mal kehrt sie nach Hause zurück, mal verspricht sie, brav zu werden2. Schon 1894 entdeckte der Erzählforscher Joseph Jacobs die Fabel Scrapefoot, in der ein Fuchs die Rolle des Eindringlings spielt und die Southeys Erzählung sehr ähnelt2. Heute zählt das Märchen zu den bekanntesten im englischen Sprachraum2.
Goldlöckchen und die drei Bären als Buch
Die Fassung, auf der diese Seite beruht, ist die zweite Auflage einer Versfassung von 1839, gedruckt in London bei Wright in der Pall Mall. Sie erzählt die Geschichte in Reimen und geht auf George Nicol zurück, der Southeys Prosa einem breiteren Publikum zugänglich machen wollte2. 1849 erschien in Joseph Cundalls Treasury of Pleasure Books for Young Children die erste Fassung, in der ein kleines Mädchen das Haus betritt2.
In Buchhandlungen und Bibliotheken gibt es das Märchen heute in vielen Formen: als Bilderbuch, als Sammelband, als Heftchen für unterwegs und als Kurzfassung von Goldlöckchen und den drei Bären für zwischendurch. Auch deutsche Ausgaben existieren; Elizabeth Shaw hat die Geschichte unter dem Titel Das Bärenhaus nacherzählt2. Wenn ihr das Märchen verschenken möchtet, lohnt ein Blick in die Ausgabe: Ältere Fassungen erzählen von der alten Frau, jüngere von Goldlöckchen.
Fragen zum Gespräch mit eurem Kind
Beim Vorlesen dürft ihr brummen wie Papa Bär, flüstern wie Mama Bär und piepsen wie Baby Bär; manche Kinder hören Goldlöckchen und die drei Bären auch lieber als Hörspiel. Kinder dürfen unterbrechen, fragen und die Geschichte weiterspinnen, und gerade abends vor dem Schlafengehen hilft Vorlesen beim Zur-Ruhe-Kommen3. Diese fünf Fragen passen gut zum Weitersprechen.
- Was hättest du gemacht, als niemand die Tür geöffnet hat?
- Warum war der kleine Brei für Goldlöckchen genau richtig – und was ist für dich genau richtig?
- Wie ging es Baby Bär, als sein Brei aufgegessen und sein Stühlchen kaputt war?
- Was würdest du sagen, wenn du Goldlöckchen im Bärenhaus triffst?
- Woran merkst du im Wald, dass du lieber auf dem Weg bleibst?
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Quellen
- Goldlöckchen und die drei Bären · abgerufen am 11.10.2026
- Goldlöckchen und die drei Bären · abgerufen am 11.10.2026
- Geschichten vorlesen · Stand 31.12.2025
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