Pinocchio Geschichte – das Märchen zum Vorlesen und Anhören

- Jahr
- 1883
- Alter ab
- 5
- Autor/Herkunft
- Carlo Collodi († 1890) – Le avventure di Pinocchio, italienisches Original, Project Gutenberg #52484
Neu erzählt nach Carlo Collodi (Italienisch, 1883)
Die Pinocchio Geschichte von Carlo Collodi ist ein italienischer Kinderbuch-Klassiker von 1883 – hier in zwölf Kapiteln nacherzählt, mit Hörfassung und Fragen fürs Gespräch.
Pinocchio Geschichte zum Vorlesen
1. Das sprechende Holzscheit
In einer kleinen Werkstatt in einem italienischen Dorf arbeitet ein Tischler, den alle nur Meister Kirsche nennen. Seine Nasenspitze glänzt so rot wie eine reife Kirsche. Eines Tages liegt ein einfaches Stück Brennholz auf seiner Bank. Meister Kirsche freut sich schon auf ein neues Tischbein. Er hebt das Beil – da hört er eine feine, dünne Stimme: „Schlag mich nicht so hart!“
Der alte Mann lässt den Arm in der Luft stehen. Er schaut unter die Bank, in den Schrank, hinter die Tür, sogar auf die Straße hinaus. Niemand ist da. „Ich habe mir die Stimme nur eingebildet“, brummt er und arbeitet weiter. Da ruft es: „Au, das tut weh!“ Meister Kirsche wird blass und rüttelt das Holz. Nichts.
In diesem Moment klopft es an der Tür. Herein kommt Geppetto, ein rüstiger alter Holzschnitzer mit einer gelben Perücke. Die Kinder im Dorf nennen ihn Polendina, nach dem gelben Maisbrei. „Ich möchte mir eine Holzpuppe schnitzen“, erzählt Geppetto. „Eine wunderschöne Puppe, die tanzen und Purzelbäume schlagen kann. Mit ihr ziehe ich durch die Welt und verdiene mir ein Stück Brot und ein Glas Wein.“
Da ruft die feine Stimme: „Bravo, Polendina!“ Geppetto wird rot wie eine Paprika. Er glaubt, sein Freund habe ihn verspottet. Die beiden alten Männer raufen sich, dass die Perücken nur so fliegen, und versöhnen sich danach wieder. Geppetto nimmt das Holzscheit mit nach Hause. Kaum hält er es in der Hand, da tritt es ihm ans Bein. „Das war das Holz!“, ruft Meister Kirsche. Aber Geppetto glaubt ihm nicht, und schon raufen sich die beiden ein zweites Mal.
In Geppettos Stube geht es arm zu: ein wackliger Stuhl, ein schmales Bett, ein alter Tisch. An der Wand ist ein Kamin gemalt, und im gemalten Kessel brodelt es so lustig, dass man meint, es sei ein richtiges Feuer. Geppetto nimmt seine Werkzeuge und schnitzt. Zuerst die Haare, dann die Stirn, dann die Augen. Und plötzlich merkt er: Die Augen bewegen sich und schauen ihn an! Nach den Augen kommt die Nase – aber die will nicht aufhören zu wachsen. Dann der Mund: Er lacht, und als Geppetto schimpft, streckt er ihm die Zunge heraus. Kaum sind die Hände fertig, stehlen sie dem alten Mann die Perücke.
„Pinocchio soll er heißen“, sagt Geppetto. „Dieser Name bringt Glück.“ Dann schnitzt er die Beine und die Füße – und bekommt einen Tritt auf die Nase. Er setzt die Puppe auf den Boden und will ihr das Laufen beibringen. Kaum sind die Beine geschmeidig, läuft Pinocchio zur Tür hinaus und die Straße hinunter, schnell wie ein Hase. Geppetto rennt hinterher und ruft: „Haltet ihn!“ Die Leute bleiben stehen und lachen.
Ein Polizist fängt Pinocchio an seiner langen Nase und gibt ihn Geppetto zurück. Der will ihm zur Strafe die Ohren lang ziehen – doch Pinocchio hat keine Ohren. Geppetto hat sie in der Eile nicht mitgeschnitzt. Da wirft sich Pinocchio auf den Boden und will nicht mehr gehen. Die Leute reden durcheinander: „Wer weiß, was dieser Grobian mit dem armen Kind anstellt!“ Am Ende darf Pinocchio laufen, und Geppetto wird ins Gefängnis geführt.
2. Die Sprechende Grille
Pinocchio rennt über die Felder nach Hause, springt über Gräben und Hecken und seufzt erleichtert, als er endlich in der Stube sitzt. Doch die Ruhe hält nicht lange. Irgendwo zirpt es: „Crì-crì-crì!“
„Wer ruft mich?“, fragt Pinocchio. Eine große Grille klettert langsam die Wand hoch. „Ich bin die Sprechende Grille und wohne hier seit mehr als hundert Jahren“, sagt sie. „Dieses Zimmer gehört jetzt mir“, antwortet Pinocchio. „Verschwinde, und dreh dich nicht einmal um.“
Die Grille bleibt ruhig. Sie sagt, dass Kinder, die ihren Eltern nicht gehorchen und von zu Hause weglaufen, kein Glück haben. „Ich will nicht in die Schule gehen“, sagt Pinocchio. „Ich mag lieber Schmetterlinge jagen und Vögel fangen.“ – „Und wenn du kein Handwerk lernen willst“, fragt die Grille, „warum lernst du dann nicht wenigstens eines, mit dem du dir ehrlich dein Brot verdienen kannst?“ – „Ich möchte essen, schlafen, mich vergnügen und von morgens bis abends herumstreunen“, sagt Pinocchio.
„Alle, die so leben“, sagt die Grille mit ihrer ruhigen Stimme, „landen früher oder später im Armenhaus oder im Gefängnis.“ – „Halt den Mund, du Unglücksgrille!“, ruft Pinocchio. Doch die Grille seufzt nur: „Du bist eine Holzpuppe – und, was noch schlimmer ist, du hast einen Holzkopf.“
Da reißt Pinocchio die Geduld. Er nimmt einen Holzhammer und wirft ihn nach der Grille. Die arme Grille macht nur noch einmal „crì-crì“ und bleibt ganz still an der Wand kleben. Pinocchio bleibt allein in der dunklen Stube zurück.
3. Das Küken und die verbrannten Füße
Es wird Abend, und Pinocchios Magen knurrt. Er hat den ganzen Tag nichts gegessen. Er läuft zum Herd, um den Kessel aufzudecken – und stellt fest, dass alles nur gemalt ist. Dann sucht er in allen Ecken. Kein Brot, kein Krümel, nicht ein Rest.
Da sieht er auf dem Kehrichthaufen etwas Rundes, Weißes: ein Ei! Vorsichtig wiegt er es in den Händen und überlegt, ob er es in der Pfanne braten oder lieber im Töpfchen kochen soll. Er setzt das Töpfchen auf die glühende Kohle, schlägt die Schale auf – und heraus springt ein munteres Küken. Es macht eine kleine Verbeugung. „Vielen Dank, dass du mir die Arbeit erspart hast, die Schale aufzubrechen!“, piepst es. Dann breitet es die Flügel aus und fliegt durchs offene Fenster davon.
Pinocchio steht mit der leeren Eierschale in der Hand. „Die Grille hatte recht“, schluchzt er. „Wie schlimm ist der Hunger!“
In dieser Nacht tobt ein Gewitter. Donner krachen, Blitze zucken, und Pinocchio hat große Angst. Weil der Hunger größer ist als die Angst, läuft er ins Dorf. Aber alle Fenster sind dunkel und alle Türen verschlossen. Er läutet an einem Haus – da öffnet sich das Fenster, und ein Nachbar in der Schlafmütze schüttet ihm eine ganze Schüssel Wasser über den Kopf.
Durchnässt und zitternd kommt Pinocchio heim. Er streckt seine nassen Holzpuppenfüße auf das Kohlenbecken, um sie zu trocknen – und schläft dabei ein. So verbrennen ihm im Schlaf beide Füße zu Asche.
4. Drei Birnen und eine Fibel
Am Morgen klopft es an die Tür. „Wer ist da?“ – „Ich bin es, dein Vater!“ Vor lauter Freude springt Pinocchio auf, fällt aber gleich lang hin: Er hat keine Füße mehr. „Die Katze hat mir die Füße gefressen“, sagt er schnell, weil eine Katze mit den Vorderpfoten mit ein paar Holzspänen spielt. Geppetto steigt durch das Fenster herein, denn die Tür ist verschlossen.
Als er sieht, dass sein Pinocchio wirklich keine Füße mehr hat, ist alle Strenge weg. Er nimmt ihn auf den Arm, streichelt ihn und weint. Pinocchio erzählt seine ganze verworrene Geschichte mit der Grille, dem Küken und dem Regen. Geppetto versteht nur ein einziges: dass sein Kind großen Hunger hat.
Er zieht drei Birnen aus der Tasche – sein eigenes Frühstück – und gibt sie Pinocchio. Der will sie nur geschält essen. Geppetto schält geduldig alle drei und legt die Schalen beiseite. Kaum hat Pinocchio die Birnen verschlungen, da hat er noch immer Hunger. Und wisst ihr, was er tut? Er isst die Schalen und die Strünke – und lässt es sich schmecken. „Siehst du“, sagt Geppetto, „in diesem Leben muss man sich daran gewöhnen, alles zu essen. Es kann immer anders kommen, als man denkt.“
Pinocchio verspricht, artig zu sein und in die Schule zu gehen. Geppetto lässt ihn zur Strafe noch einen halben Tag weinen und macht ihm dann zwei neue, flinke Füße. „Damit du mir nicht gleich wieder davonläufst“, brummt er. Pinocchio verspricht feierlich: „Ich werde lernen und dich im Alter trösten.“
Weil Pinocchio kein Geld hat, näht Geppetto ihm ein Kleidchen aus Blumenpapier, Schuhe aus Baumrinde und ein Hütchen aus Brotkrume. Dann verkauft er – im Winter, bei Schnee! – seine einzige, geflickte Jacke und kauft Pinocchio eine Fibel für die Schule. „Warum hast du das getan?“ – „Weil mir zu warm war“, antwortet Geppetto und steht im Hemd. Pinocchio versteht ihn und wirft ihm die Arme um den Hals.
5. Das Puppentheater
Mit der neuen Fibel unter dem Arm steht Pinocchio auf dem Weg zur Schule und träumt: Heute lesen lernen, morgen schreiben, übermorgen rechnen – und dann kauft er seinem Vater eine schöne neue Jacke. Doch in einer Seitenstraße klingt Musik: „Pì-pì-pì, zum, zum, zum!“ Pinocchio bleibt stehen.
„Heute höre ich mir die Musik an, morgen gehe ich in die Schule“, beschließt er. „Zum Lernen ist es immer noch früh genug.“ Und er läuft der Musik nach. Vor einem bunten Zelt steht auf einem Schild: „Großes Puppentheater.“ Der Eintritt kostet vier Soldi. Pinocchio hat keinen einzigen. Er bietet einem Jungen seine Jacke an – der lacht nur; die Schuhe? Die taugen höchstens zum Feueranmachen. Am Ende verkauft Pinocchio – ach, sein armer Vater! – die neue Fibel für vier Soldi.
Drinnen zanken sich auf der Bühne Arlecchino und Pulcinella wie die Kesselflicker. Da erkennt Arlecchino im Publikum Pinocchio und ruft: „Das ist doch unser Bruder Pinocchio!“ Alle Puppen springen um ihn herum und feiern ihn wie einen König. Aber dann kommt der Theatervater Feuerfresser heraus. Er ist ein riesiger Mann mit einem schwarzen Bart, der bis zum Boden reicht, und seine Augen leuchten wie rote Laternen.

„Warum störst du mein Theater?“, donnert er. Feuerfresser will Pinocchio als Feuerholz benutzen, um einen Hammel zu braten. Der arme Kerl wehrt sich wie ein Aal. Doch Feuerfresser hat eine Eigenheit: Wenn er Mitleid bekommt, muss er niesen. Einmal – zweimal – dreimal. „Gesundheit“, sagt Pinocchio. Als dann Arlecchino ins Feuer soll, bietet Pinocchio sich selbst an: „Nein, er soll nicht für mich sterben!“
Da wird Feuerfresser ganz weich. Er umarmt Pinocchio und schenkt ihm fünf Goldmünzen für seinen armen Vater. „Bring sie ihm und grüße ihn von mir“, sagt er. Die Puppen feiern die ganze Nacht.
6. Fuchs, Kater und die Räuber
Fröhlich läuft Pinocchio mit seinen fünf Goldmünzen nach Hause. Auf dem Weg trifft er einen Fuchs, der auf einem Bein hinkt, und einen Kater, der sich führen lässt, als sei er blind. „Guten Tag, Pinocchio“, sagt der Fuchs. „Deinen armen Vater habe ich gestern an der Tür stehen sehen, im Hemd, weil ihm kalt war.“ – „Von heute an muss er nicht mehr frieren!“, prahlt Pinocchio. „Ich bin ein reicher Mann.“ Und schon klingen die Goldmünzen in seiner Hand.
Beim Klang des Geldes streckt der Fuchs sein lahmes Bein aus, und der Kater reißt die Augen auf. Dann schlagen sie ihm vor, mit ihnen ins Land der Blödmänner zu kommen. „Dort liegt das Wunderfeld“, sagt der Fuchs. „Gräbst du deine Münzen ein und gießt Wasser darüber, wächst über Nacht ein Baum voller Goldstücke. Aus fünf werden zweitausend.“ Pinocchio träumt schon von Reichtum und geht mit.
Im Wirtshaus „Zum Roten Krebs“ essen die beiden, dass es eine Freude ist. Pinocchio isst kaum. Um Mitternacht weckt ihn der Wirt: Seine Freunde seien schon vor zwei Stunden aufgebrochen und warteten beim Wunderfeld. Pinocchio bezahlt die ganze Rechnung mit einer Goldmünze und läuft in die finstere Nacht hinaus.
Da erscheint ihm der Schatten der Grille und warnt: „Kehr um, Junge! Die Nacht ist dunkel, und die Straße ist gefährlich.“ Pinocchio aber sagt: „Ich will weitergehen.“ Darauf erlischt der Schatten wie ein Windhauch.
Kurz darauf packen ihn zwei Gestalten in Kohlensäcken. „Geld oder Leben!“ Pinocchio versteckt die Münzen unter der Zunge. Die Räuber drehen ihn an der Nase und reißen ihm den Mund auf, aber sie haben keinen Erfolg. Einer verliert dabei eine Hand – die auf den Boden fällt und wie eine Katzenpfote aussieht. Pinocchio reißt sich los und rennt. Er läuft über Felder und klopft an ein weißes Haus. Doch die Räuber holen ihn ein, knoten ihm einen Strick um den Hals und hängen ihn an einen Ast der großen Eiche. Dann gehen sie fort.
7. Die Fee mit den blauen Haaren
Der Wind schaukelt Pinocchio hin und her, und seine Augen fallen ihm zu. In Gedanken ist er bei seinem Vater. Da öffnet sich in einem kleinen weißen Haus das Fenster, und ein Mädchen mit dunkelblauen Haaren schaut hinaus. „In diesem Haus wohnt niemand mehr“, sagt sie mit feiner Stimme, „alle sind tot.“ Dann ruft sie einen Falken, der den Strick durchbeißt, und einen Pudel namens Medoro, der Pinocchio in einer kleinen Kutsche zu ihr bringt. Sie legt ihn in ein Bett mit Perlmuttwänden und schickt nach drei Ärzten.
Die drei sind ein Rabe, eine Eule und die Sprechende Grille. Der Rabe sagt: „Wenn er nicht tot ist, dann lebt er.“ Die Eule sagt: „Wenn er nicht lebt, dann ist er tot.“ Die Grille sagt: „Ich rede nicht gern über Dinge, die ich nicht weiß. Aber diesen Burschen kenne ich: Er ist ein Tunichtgut.“ Da weint Pinocchio leise, und alle merken: Er lebt.
Das Mädchen gibt ihm eine bittere Medizin. Pinocchio will sie nicht trinken und verlangt erst Zucker. Da öffnet sich die Tür, und vier schwarze Hasen tragen einen kleinen Sarg herein. „Wir sind gekommen, dich zu holen“, sagt der größte. Erschrocken trinkt Pinocchio das Glas in einem Zug leer – und ist bald wieder gesund.
Dann fragt das Mädchen nach seinen Goldmünzen. Pinocchio erzählt drei Lügen, und mit jeder Lüge wächst seine Nase. Am Ende kann er sich im Zimmer nicht mehr umdrehen. „Lügen erkennt man sofort“, sagt das Mädchen lachend. „Es gibt Lügen mit kurzen Beinen und Lügen mit langer Nase.“ Dann ruft sie Spechte, die hacken die Nase wieder auf ihre richtige Länge zurück. Später erfährt Pinocchio, dass das Mädchen eine Fee ist – und dass Geppetto schon unterwegs zu ihnen ist.
8. Das Wunderfeld und vier Monate Gefängnis
Auf dem Weg zu seinem Vater trifft Pinocchio im Wald wieder den Fuchs und den Kater. Sie sind so freundlich, dass er ihnen alles erzählt. „Du kommst genau richtig zum Wunderfeld!“, sagt der Fuchs. „Morgen darf dort niemand mehr etwas einpflanzen.“ Pinocchio zögert nur kurz – dann lässt er sich zum zweiten Mal verleiten. Er gräbt ein Loch, legt seine vier Goldmünzen hinein und gießt Wasser darüber. Als er am nächsten Morgen zurückkommt, ist das Feld leer.
Ein Papagei lacht ihn von einem Baum herunter aus. „Auch ich habe einmal daran geglaubt“, sagt er. „Wer Geld verdienen will, muss arbeiten oder seinen Kopf benutzen. Fuchs und Kater haben deine Münzen längst ausgegraben und sind fort.“ Pinocchio gräbt, bis die Grube tief wie ein Heuhaufen ist – nichts. Er rennt zum Gericht. Der Richter, ein alter Gorilla mit goldener Brille, hört die Klage freundlich an und lässt dann Pinocchio ins Gefängnis werfen. Vier Monate lang.
Als der Kaiser der Stadt einen Sieg feiert, werden alle Gefangenen freigelassen. Pinocchio darf auch gehen und macht sich auf den Weg zur Fee. Da liegt eine riesige Schlange quer über der Straße, mit glühenden Augen. Pinocchio wartet drei Stunden. Dann geht die Schlange ganz still liegen. Pinocchio will über sie steigen – und fällt hin. Als er mit dem Kopf im Schlamm steckt und mit den Beinen strampelt, lacht die Schlange so sehr, dass sie still liegen bleibt und nicht mehr aufwacht.
Hungrig kommt Pinocchio an einem Weinberg vorbei und pflückt ein paar Trauben. Da schnappt ein Fangeisen zu. Ein Bauer befreit ihn, bindet ihn aber an eine Kette, damit er wie ein Hund den Hühnerstall bewacht. In der Nacht kommen vier Marder und versprechen ihm eine fette Henne, wenn er still bleibt. Pinocchio aber bellt. Der Bauer fängt die vier Diebe, und Pinocchio darf zur Belohnung nach Hause gehen.
9. Die Insel der fleißigen Bienen
Eine Taube trägt Pinocchio ans Meer. Dort sieht er ein kleines Boot in den Wellen. Im Boot steht Geppetto und winkt. Eine riesige Welle kommt, und das Boot ist verschwunden. Ohne zu zögern springt Pinocchio ins Wasser, um seinen Vater zu retten. Er schwimmt die ganze Nacht, findet aber keine Spur. Am Morgen wird er auf eine Insel gespült.
Auf der Insel der fleißigen Bienen arbeiten alle: Die einen tragen Wasser, die anderen schleppen Lasten. Pinocchio bettelt um ein Stück Brot – und alle sagen: „Arbeite, dann bekommst du zu essen.“ Er schämt sich, aber er will auch nicht arbeiten. Erst als ihn der Hunger zu sehr quält, hebt er einen schweren Korb Wasser und trägt ihn für eine Frau nach Hause.
Zur Belohnung setzt sich Pinocchio an einen gedeckten Tisch: Brot, Blumenkohl mit Öl und ein süßes Konfekt. Mitten im Essen schaut er die Frau an – und erkennt sie! Es ist die Fee mit den blauen Haaren, nur ist sie jetzt erwachsen, wie eine Mutter. „Du darfst bei mir bleiben“, sagt sie. „Aber du gehst zur Schule und lernst ein Handwerk.“ Pinocchio verspricht es. Die Fee verspricht ihm dafür, dass er eines Tages ein richtiger Junge aus Fleisch und Blut wird, wenn er fleißig bleibt.
10. Ein Streit am Meer und ein Fischer mit der Pfanne
Tatsächlich wird Pinocchio ein fleißiger Schüler. Er ist der Erste in der Schule und der Letzte, der geht. Der Lehrer lobt ihn. Nur mit seinen Schulkameraden hat er Pech: Viele sind faul und machen Unsinn.
Eines Morgens reden sie ihm ein, vor der Küste liege ein riesiger Hai. „Komm mit und schau ihn dir an!“ Pinocchio will erst nicht, aber dann läuft er doch mit. Am Strand ist nichts zu sehen. Die Jungen haben ihm einen Streich gespielt; sie wollten ihn von der Schule abhalten. Es kommt zum Streit. Ein Junge wird von einem schweren Buch am Kopf getroffen und bleibt liegen. Die anderen laufen weg. Pinocchio bleibt bei ihm, bis zwei Carabinieri kommen – und ihn verhaften.
Auf dem Weg ins Dorf nutzt Pinocchio einen Windstoß, um seine Mütze zu holen, und rennt davon. Ein Polizeihund namens Alidoro hetzt ihm nach. Am Strand springt Pinocchio ins Meer; der Hund springt hinterher und kann nicht schwimmen. Pinocchio dreht um und zieht ihn an den sicheren Sand. „Was getan ist, ist getan“, sagt Alidoro. „Wenn du mich brauchst, komme ich.“
Pinocchio schwimmt zu einer Grotte. Da zieht ihn ein Netz hoch. Ein grüner Fischer mit grüner Haut und grünem Bart freut sich über den Fang. „So einen Fisch habe ich noch nie gesehen!“, ruft er und will Pinocchio in der Pfanne braten. In letzter Sekunde kommt Alidoro, der den Bratenduft gerochen hat, schnappt den eingemehlten Pinocchio und trägt ihn davon.
11. Das Spielzeugland und die Eselsohren
Vor der großen Feier muss Pinocchio noch eine Lehre einstecken: Die Schnecke, die als Dienerin bei der Fee arbeitet, bringt ihm einen Teller mit Brot aus Gips, einem Hähnchen aus Pappe und Früchten aus Stein. Pinocchio merkt, dass er sich sein Glück erst verdienen muss.
Dann darf er die Freunde zur Feier einladen und trifft Lucignolo, der ihm vom Spielzeugland erzählt: Dort gibt es keine Schule, keine Lehrer und keine Bücher, und jede Woche hat sechs Donnerstage und nur einen Sonntag. Pinocchio zögert lange, dann steigt er um Mitternacht auf den Karren, der von zwölf Eseln gezogen wird.
Das Spielzeugland ist ein einziges Toben und Lachen. Fünf Monate lang vergnügen sich die Kinder von morgens bis abends. Dann wacht Pinocchio eines Morgens auf und hat Ohren wie ein Esel. Kurz darauf stehen er und Lucignolo auf allen vieren, ihre Arme werden zu Beinen, und sie können nur noch „I-ah, i-ah!“ rufen. Der kleine dicke Mann, der die Kinder hergebracht hat, führt sie auf den Markt und verkauft sie.
Pinocchio kommt zu einem Zirkusdirektor, der ihm beibringt, durch Reifen zu springen und Walzer zu tanzen. Bei einer Vorstellung sieht er in einer Loge die Fee und stürzt. Er lahmt, und der Direktor verkauft ihn an einen Mann, der aus seiner Haut eine Trommel machen will.
12. Im Bauch des Haifisches
Der Mann bindet dem kranken Esel einen Stein an den Hals und wirft ihn ins Meer. Fische kommen und fressen die Eselhaut ab – und darunter kommt Pinocchio wieder als Holzpuppe zum Vorschein. Er schwimmt davon und lacht den verdutzten Mann aus.
Kaum ist er ein Stück gerettet, da öffnet sich hinter ihm ein riesiger Rachen. Ein Hai, der wie ein wandelndes Ungetüm durchs Meer zieht, verschluckt ihn, wie man ein Ei hinunterschluckt. In der Dunkelheit hört Pinocchio eine Stimme: einen Tunfisch, der ihm Gesellschaft leistet. Dann sieht er in der Ferne ein kleines Licht.
Pinocchio tastet sich durch den Bauch des Hais – und bleibt stehen. An einem Tischchen, bei einer Kerze, sitzt ein alter Mann mit weißem Haar und isst ein paar Fische. Es ist Geppetto! Vater und Sohn fallen sich um den Hals. Zwei Jahre hat Geppetto in diesem Bauch ausgeharrt, von den Vorräten eines Schiffes, das der Hai ebenfalls verschluckt hat. „Kommst du mit mir?“, fragt Pinocchio. Geppetto nickt.
Der Hai schläft mit offenem Maul, denn er leidet an Asthma und braucht Luft. Auf Zehenspitzen klettern die beiden über die breite Zunge, vorbei an drei Reihen Zähne – und springen. Pinocchio nimmt seinen Vater auf die Schultern und schwimmt. Als die Kräfte schwinden, taucht der Tunfisch auf und trägt die beiden ans Ufer.
In einer Strohhütte beginnt Pinocchio zu arbeiten: Er dreht das Schöpfrad, flicht Körbe und liest abends bei einer Kerze. Als er hört, dass die Fee krank ist, schenkt er ihr seine gesamten Ersparnisse, vierzig Soldi, die er für einen neuen Anzug gespart hatte. In der Nacht erscheint ihm die Fee im Traum und lobt sein gutes Herz. Am Morgen wacht Pinocchio auf – und er ist ein richtiger Junge! Die Hütte ist ein schönes Zimmer, Geppetto ist gesund, und auf dem Tisch liegt ein Beutel mit vierzig Goldmünzen. Vor allem aber: Er ist kein Holzkopf mehr.
Geschichte Pinocchio – kurz erzählt
Ein Stück Holz, das sprechen kann, landet bei dem armen Holzschnitzer Geppetto. Aus ihm schnitzt er die Puppe Pinocchio. Kaum kann sie laufen, läuft sie davon und bringt ihren Vater damit sogar ins Gefängnis. Immer wieder verspricht Pinocchio, brav zu sein – und immer wieder lässt er sich von Fuchs und Kater, von Schulfreunden und vom Spielzeugland verleiten. Er wird bestohlen, eingesperrt, an einer Eiche aufgehängt, in einen Esel verwandelt und von einem riesigen Hai verschluckt. Erst als er für seinen kranken Vater arbeitet und der Fee sein Erspartes schenkt, wird er ein richtiger Junge.
Die Figuren
- Pinocchio – die Holzpuppe, die davonläuft, immer wieder Unsinn macht und am Ende ein richtiger Junge wird.
- Geppetto – der arme Holzschnitzer, der Pinocchio schnitzt und für ihn seine einzige Jacke verkauft.
- Meister Kirsche – der Tischler mit der roten Nase, der das sprechende Holzscheit findet und es Geppetto schenkt.
- Die Sprechende Grille – sie wohnt seit mehr als hundert Jahren in Geppettos Zimmer, warnt Pinocchio und kehrt als Ärztin an sein Krankenbett zurück.
- Feuerfresser – der Puppenspieler mit dem langen schwarzen Bart, der vor Rührung niesen muss und Pinocchio fünf Goldmünzen schenkt.
- Arlecchino und Pulcinella – die beiden Puppenhelden auf der Bühne, für die Pinocchio sich selbst opfern will.
- Der Fuchs und der Kater – die Betrüger, die sich lahm und blind stellen und Pinocchio um seine Goldmünzen bringen.
- Der Wirt vom Roten Krebs – der Komplize der beiden, der Pinocchio um Mitternacht allein weiterziehen lässt.
- Die Fee mit den blauen Haaren – sie rettet Pinocchio, pflegt ihn, verzeiht ihm und macht ihn am Ende zu einem Jungen.
- Der Falke und der Pudel Medoro – der Falke durchbeißt den Strick, Medoro bringt Pinocchio in einer kleinen Kutsche zur Fee.
- Rabe, Eule und Grille – die drei Ärzte, die am Krankenbett streiten, ob Pinocchio lebt oder tot ist.
- Der Papagei – er lacht Pinocchio aus, weil er an das Wunderfeld geglaubt hat.
- Der Gorilla-Richter – er hört Pinocchios Klage freundlich an und steckt dann ihn ins Gefängnis.
- Die Carabinieri – die Polizisten, die Pinocchio festnehmen wollen und einen Hund auf ihn hetzen.
- Die Schlange – sie legt sich quer über die Straße und bleibt am Ende vor Lachen liegen.
- Der Bauer – er fängt Pinocchio im Weinberg und lässt ihn als Wachhund an der Kette.
- Die vier Marder – sie wollen Pinocchio mit einer Henne bestechen und landen im Sack des Bauern.
- Alidoro – der schnelle Polizeihund, der Pinocchio fast erwischt und ihm später das Leben rettet.
- Die Taube und der Delfin – die Taube trägt Pinocchio ans Meer, der Delfin erzählt ihm vom riesigen Hai.
- Der grüne Fischer – er hält Pinocchio für einen seltenen Fisch und will ihn in der Pfanne braten.
- Die Schnecke – die Dienerin der Fee, die für jeden Weg eine Ewigkeit braucht.
- Lucignolo und der Kutscher – Lucignolo lockt Pinocchio ins Spielzeugland, der Kutscher verkauft die Kinder später als Esel.
- Der Zirkusdirektor – er bringt Pinocchio Kunststücke bei und verkauft ihn, als er lahmt.
- Der Tunfisch – er sitzt mit Pinocchio im Bauch des Hais und trägt die beiden ans Ufer.
- Giangio, der Gärtner – bei ihm zieht Pinocchio mit dem Schöpfrad Wasser für einen Becher Milch.
- Der riesige Hai – das Ungeheuer, das Geppetto und Pinocchio verschluckt und in dessen Bauch sie sich wiederfinden.
Was lernen Kinder daraus?
Pinocchio ist ein Buch mit einer Absicht: Carlo Collodi wollte seine jungen Leser zum fleißigen Lernen und Arbeiten, zum Gehorsam und zur Bedachtsamkeit anhalten1. Genau das lernt die Holzpuppe auf dem Umweg über ihre Abenteuer. Nicht der Vater, sondern das Leben selbst bringt ihm das rechte Handeln bei1.
Für Gespräche mit Kindern ist das eine gute Grundlage. Pinocchio ist kein böser Junge, sondern neugierig, leichtsinnig und leicht zu verführen. Kinder erkennen sich darin wieder – und sehen zugleich, wie viel Verantwortung in kleinen Entscheidungen steckt. Auch das Zuhören ist ein Thema: Die Grille ermahnt ihn, Geppetto warnt ihn, die Fee erinnert ihn, und trotzdem muss Pinocchio die Erfahrung selbst machen.
Eine Studie mit 268 Kindern zwischen drei und sieben Jahren zeigt, dass moralische Geschichten mit einem guten Ausgang Kinder eher zum Ehrlichsein bewegen als Geschichten, die nur die Folgen des Lügens vorführen5. Pinocchio mit seinem Happy End passt gut in dieses Muster.
Die Abenteuer des Pinocchio – Geschichte eines Hampelmanns von Carlo Collodi
Carlo Collodi lebte von 1826 bis 1890. Er arbeitete als Journalist, Dramatiker und Kinderbuchautor und kämpfte aus patriotischer Überzeugung in den ersten italienischen Unabhängigkeitskriegen4. Seine Fortsetzungsgeschichte startete am 7. Juli 1881 im Giornale per i Bambini unter dem Titel „Le avventure di Pinocchio: Storia di un burattino“ – Pinocchios Abenteuer: Geschichte einer Holzpuppe. 1883 erschienen die gesammelten 36 Episoden als Buch1. In Florenz kam es mit den Federzeichnungen von Enrico Mazzanti heraus4.
Die ersten Folgen endeten dort, wo Pinocchio reumütig an der großen Eiche hängt. Erst die Begeisterung des jungen Publikums bewog Collodi, die Geschichte weiterzuerzählen4. Mit seinem Entwicklungsroman verfolgte er ein pädagogisches Ziel: Er hatte etwa zehnjährige Schuljungen vor Augen, die zu Fleiß, Gehorsam und Bedachtsamkeit angehalten werden sollten1.
Zwei Dinge werden heute oft verwechselt. Erstens: Bei Collodi ist Pinocchio kein notorischer Lügner, sondern ein leichtsinniger Faulpelz; das Nasenwachstum nach einer Lüge kommt im Buch nur an zwei Stellen vor und umfasst zusammen keine drei Seiten1. Und die Nase wächst schon, als Geppetto die Puppe schnitzt3. Zweitens: Das Ungeheuer im Meer ist im Original ein riesiger Hai, kein Wal – die bekannten Verfilmungen haben die Szene verändert3. Auch die Fee heißt Fata Turchina und hat dunkelblaue Haare; turchino war das alte italienische Wort für Blau3.
Auf Deutsch erschien das Buch 1905 zuerst als „Hippeltitsch's Abenteuer“, seit 1948 meist unter dem Titel „Die Abenteuer des Pinocchio“1. Im selben Jahr 1905 schrieb Otto Julius Bierbaum mit „Zäpfel Kerns Abenteuer“ seine eigene deutsche Fassung1. Heute erinnert im toskanischen Dorf Collodi ein Pinocchio-Park an die Geschichte1.
Manche Szenen des Originals wirken auf heutige Leser hart: Pinocchio schlägt die Grille mit einem Hammer, wird an einer Eiche aufgehängt und fast ertränkt, und die Erzählung ist von Armut und Grausamkeit geprägt3, 4. Auch heutige Vorlesefassungen folgen der Handlung, nehmen den härtesten Strafen aber die Spitze2. Unsere Nacherzählung macht es genauso.
Fragen zum Gespräch mit eurem Kind
- Was hätte Pinocchio tun können, als die Sprechende Grille ihn gewarnt hat?
- Warum läuft Pinocchio immer wieder weg, obwohl er es jedes Mal bereut?
- Wie mag es Geppetto gehen, wenn sein Sohn nicht nach Hause kommt?
- Was würdest du tun, wenn dir jemand einen Baum voller Goldmünzen verspricht?
- Woran merkt man am Ende, dass Pinocchio erwachsen geworden ist?
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Häufige Fragen
Woher kommt Pinocchio?
Wie heißt der Vater von Pinocchio?
Wie schreibt man Pinocchio?
Wie heißt die Grille von Pinocchio?
Wie lange dauert Pinocchio zum Vorlesen?
Quellen
- Pinocchio · abgerufen am 11.10.2026
- Pinocchio · abgerufen am 11.10.2026
- 10 Dinge über Pinocchio, die du noch nicht wusstest · Stand 25.05.2026
- Pinocchio (Deutsche Version) von Carlo Collodi · abgerufen am 11.10.2026
- Moralische Geschichten mit „Happy End“ haben anscheinend erzieherische Wirkung · Stand 11.10.2026
- Le avventure di Pinocchio (ital. Original, Gutenberg #52484) · abgerufen am 11.10.2026
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