Kalif Storch – das Märchen zum Vorlesen und Anhören

- Jahr
- 1826
- Alter ab
- 6
- Autor/Herkunft
- Wilhelm Hauff (Märchen-Almanach auf das Jahr 1826)
Neu erzählt nach Wilhelm Hauff (1826)
Kalif Storch ist ein Kunstmärchen von Wilhelm Hauff aus dem Märchen-Almanach auf das Jahr 18261 – wir empfehlen es zum Vorlesen ab etwa sechs Jahren.
Kalif Storch – die Geschichte zum Vorlesen
An einem heißen Nachmittag lag Kalif Chasid von Bagdad zufrieden auf seinem Sofa. Er hatte ein Nickerchen gemacht, und das tat ihm sichtlich gut. Nun rauchte er aus einer langen Pfeife von Rosenholz, trank ab und zu einen Schluck Kaffee, den ihm ein schwarzer Sklave einschenkte, und strich sich jedes Mal vergnügt den Bart, wenn der Kaffee ihm schmeckte. Dem Kalifen ging es sichtlich gut.
In dieser Stunde war Chasid milde und freundlich. Deshalb besuchte ihn sein Großwesir Mansor jeden Tag um dieselbe Zeit. An diesem Nachmittag kam Mansor zwar wie immer, doch er blickte nachdenklich drein, ganz anders als sonst. Der Kalif nahm die Pfeife aus dem Mund und fragte: „Warum machst du so ein sorgenvolles Gesicht, Großwesir?“
Mansor verneigte sich tief. „Herr, ich weiß nicht, ob mein Gesicht sorgenvoll aussieht. Aber unten vor dem Schloss steht ein Krämer, der hat so schöne Sachen, dass es mich ärgert, nicht genug Geld übrig zu haben.“
Der Kalif mochte seinem Wesir gern eine Freude machen. Er schickte den Sklaven hinunter, um den Händler heraufzuholen. Kurz darauf kam der Krämer die Treppe empor: ein kleiner, dicker Mann mit dunklem Gesicht und zerlumpter Kleidung. Er trug einen Kasten bei sich, in dem Perlen und Ringe lagen, dazu Pistolen mit reichem Beschlag, Becher und Kämme. Der Kalif und Mansor schauten sich alles an. Chasid kaufte zwei schöne Pistolen, eine für sich und eine für den Wesir, und für die Frau des Wesirs einen Kamm.
Der Krämer wollte seinen Kasten schon schließen, als der Kalif eine kleine Schublade entdeckte. „Ist da auch noch etwas darin?“, fragte er. Der Krämer zog die Lade heraus. Darin lagen eine Dose mit schwärzlichem Pulver und ein Blatt Papier mit seltsamen Zeichen, die weder der Kalif noch der Wesir lesen konnten.
„Diese beiden Stücke bekam ich einmal von einem Kaufmann, der sie in Mekka auf der Straße fand“, erzählte der Krämer. „Was sie bedeuten, weiß ich nicht. Für einen kleinen Preis gehören sie Euch, denn ich kann damit nichts anfangen.“ Der Kalif sammelte in seiner Bibliothek gern alte Schriften, auch wenn er sie nicht entziffern konnte. Er kaufte Papier und Dose und schickte den Krämer fort.
Dann wurde er neugierig. Was mochte in der Schrift stehen? „Kennst du jemanden, der sie lesen kann?“, fragte er Mansor. Der Wesir überlegte: „An der großen Moschee wohnt Selim der Gelehrte. Er versteht alle Sprachen. Lasst ihn kommen, vielleicht erkennt er die geheimnisvollen Zeichen.“
Der Gelehrte war schnell herbeigeholt. „Selim“, sprach der Kalif, „man sagt, du seist sehr gelehrt. Schau dir diese Schrift an. Kannst du sie lesen, bekommst du von mir ein neues Festkleid. Kannst du sie nicht lesen, bekommst du zwölf Backenstreiche und fünfundzwanzig Schläge auf die Fußsohlen, denn dann trägst du deinen Namen zu Unrecht.“ Selim verneigte sich: „Wie Ihr befehlt, o Herr.“
Lange starrte er auf das Blatt. Plötzlich rief er: „Das ist Latein, o Herr!“ – „Dann sag, was drin steht“, befahl der Kalif. Und Selim übersetzte: Wer diese Schrift findet, soll Allah für seine Gnade danken. Denn wer von dem Pulver in dieser Dose nimmt und dazu das Wort Mutabor spricht, der verwandelt sich in jedes Tier, das er möchte, und versteht auch die Sprache der Tiere. Wer wieder ein Mensch sein will, neigt sich dreimal nach Osten und spricht das Wort erneut. Doch Vorsicht: Wer verwandelt ist, darf nicht lachen. Lacht er doch, dann ist das Zauberwort für immer aus seinem Gedächtnis verschwunden, und er bleibt ein Tier.
Der Kalif war überglücklich. Er ließ Selim schwören, niemandem etwas zu verraten, schenkte ihm ein schönes Kleid und schickte ihn heim. Zu seinem Wesir aber sagte er: „Das war ein guter Einkauf, Mansor! Morgen früh kommst du zu mir, dann gehen wir zusammen aufs Feld, nehmen ein wenig von dem Pulver und belauschen, was in der Luft, im Wasser und auf der Wiese gesprochen wird.“
Am nächsten Morgen hatte der Kalif kaum gefrühstückt und sich angekleidet, da stand Mansor schon bereit. Der Kalif steckte die Dose mit dem Zauberpulver in den Gürtel und befahl seinem Gefolge, zurückzubleiben. Dann machten sich die beiden allein auf den Weg.
Zuerst durchstreiften sie die weiten Gärten des Palastes, doch sie fanden kein Tier, an dem sie ihr Kunststück ausprobieren konnten. „Lass uns weiter hinausgehen“, schlug der Wesir vor. „Dort ist ein Teich, an dem ich oft Störche gesehen habe. Ihr würdevoller Gang und ihr Klappern haben mich immer fasziniert.“
Der Kalif war einverstanden. Am Teich angekommen, sahen sie wirklich einen Storch, der ernsthaft hin und her ging, im Wasser nach Fröschen suchte und dabei vor sich hin klapperte. Hoch oben in der Luft schwebte ein zweiter Storch und ließ sich langsam tiefer sinken.
„Ich wette meinen Bart“, sagte der Wesir, „diese beiden Langbeine führen bestimmt ein schönes Gespräch. Wie wäre es, wenn wir Störche würden?“ – „Gut gesprochen“, antwortete der Kalif. „Aber vorher überlegen wir genau, wie wir wieder Menschen werden. Dreimal nach Osten neigen und Mutabor sagen, dann bin ich wieder Kalif und du wieder Wesir. Nur eines dürfen wir auf keinen Fall: lachen! Sonst sind wir verloren.“
Während er sprach, landete der zweite Storch auf der Wiese. Schnell zog der Kalif die Dose aus dem Gürtel, nahm eine tüchtige Prise und reichte sie dem Wesir. Beide riefen: „Mutabor!“
Da geschah es. Ihre Beine schrumpften und wurden dünn und rot, die schönen gelben Pantoffeln verwandelten sich in unförmige Storchfüße, Arme wurden zu Flügeln, die Hälse fuhren lang aus den Schultern, die Bärte verschwanden, und über den ganzen Körper legten sich weiche Federn.
„Was für einen prächtigen Schnabel du hast, Großwesir“, sagte der Kalif nach einer Weile des Staunens. „So etwas habe ich noch nie gesehen.“ – „Danke untertänigst“, erwiderte Mansor und verbeugte sich, so gut das mit einem Storchenhals ging. „Aber wenn ich es sagen darf: Eure Hoheit sehen als Storch beinahe noch hübscher aus als als Kalif. Kommt, lasst uns die beiden dort belauschen und herausfinden, ob wir wirklich Storchisch können.“
Die Störche gingen aufeinander zu und begannen zu sprechen. Die Sprache klang wie Klappern, und doch verstanden die beiden Verwandelten jedes Wort. „Guten Morgen, liebe Frau Langbein“, sagte der eine. „Du bist schon so früh unterwegs?“ – „Ich habe mir nur ein kleines Frühstück geholt“, antwortete die andere. „Möchtest du ein Stück Eidechse oder ein Froschschenkelchen?“ – „Danke, heute habe ich keinen Appetit. Ich komme wegen etwas ganz anderem. Heute soll ich vor den Gästen meines Vaters tanzen, und dafür übe ich noch ein wenig.“
Und wirklich: Die junge Störchin schritt in seltsamen, kunstvollen Bewegungen über das Feld. Sie stellte sich auf ein Bein, breitete die Flügel aus und wedelte zierlich damit. Der Kalif und Mansor sahen ihr verwundert zu. Als sie aber in dieser Haltung innehalten wollte und dabei ein wenig wackelte, konnten sich die beiden nicht mehr halten. Ein lautes Gelächter brach aus ihren Schnäbeln, so sehr, dass sie lange nicht aufhören konnten.
„Das war ein Spaß, der ist nicht mit Gold zu bezahlen!“, rief der Kalif, als er sich wieder gefangen hatte. „Schade, dass die Tiere durch unser Lachen verschwunden sind. Sonst hätten sie vielleicht sogar gesungen.“
Da wurde dem Großwesir ganz anders. „Herr“, sagte er erschrocken, „wir haben gelacht! Und Lachen war während der Verwandlung verboten!“ – „Potz Mekka und Medina“, rief der Kalif. „Besinn dich auf das Wort! Schnell!“ Sie stellten sich nach Osten und verbeugten sich dreimal, bis ihre Schnäbel fast die Erde berührten. „Mu – Mu – Mu“, stammelte der Wesir. Doch das Zauberwort war fort. Kein „Mutabor“ wollte ihnen mehr einfallen, so sehr sie sich auch bemühten. Der Kalif Chasid und sein Großwesir waren und blieben Störche.
Traurig wanderten die Verzauberten über die Felder. Sie wussten nicht, was sie tun sollten. Aus ihrer Storchenhaut kamen sie nicht heraus, und in die Stadt zurückkehren konnten sie auch nicht. Wer würde schon einem Storch glauben, dass er der Kalif ist?
So zogen sie mehrere Tage umher und ernährten sich kümmerlich von Feldfrüchten, die sie mit ihren langen Schnäbeln kaum aufnehmen konnten. Eidechsen und Frösche mochten sie nicht anrühren; sie fürchteten, sich davon den Magen zu verderben. Ihr einziges Vergnügen war, dass sie fliegen konnten. Oft stiegen sie über die Dächer von Bagdad empor und schauten hinunter, was in den Straßen geschah.
In den ersten Tagen herrschte große Unruhe in der Stadt. Am vierten Tag aber saßen sie auf dem Dach des Palastes und sahen einen prächtigen Aufzug. Trommeln und Pfeifen erklangen, ein Mann in einem goldbestickten Scharlachmantel ritt auf einem geschmückten Pferd, umgeben von glänzenden Dienern. Das halbe Bagdad lief hinter ihm her und rief: „Heil Mizra, dem Herrscher von Bagdad!“
Die beiden Störche blickten einander an. „Ahnst du jetzt, warum ich verzaubert bin, Großwesir?“, fragte der Kalif. „Dieser Mizra ist der Sohn meines Todfeindes Kaschnur, eines mächtigen Zauberers. Er hat mir in einer bösen Stunde Rache geschworen. Doch ich gebe die Hoffnung nicht auf. Komm mit, du treuer Gefährte meines Elends! Wir wollen zum Grab des Propheten nach Medina fliegen. Vielleicht löst sich der Zauber an heiliger Stätte.“

Sie erhoben sich vom Dach und flogen Richtung Medina. Mit dem Fliegen wollte es aber nicht recht klappen, denn die beiden hatten noch wenig Übung. „O Herr“, keuchte Mansor nach ein paar Stunden, „mit Eurer Erlaubnis: Ich halte das nicht mehr lange aus. Ihr fliegt viel zu schnell. Und es wird schon Abend, wir sollten ein Nachtlager suchen.“
Der Kalif hatte Mitleid. Unten im Tal entdeckte er eine verfallene Ruine, die Schutz versprach, und dorthin flogen sie. Der Ort musste einmal ein prächtiges Schloss gewesen sein. Zwischen den Trümmern standen schöne Säulen, und einige Gemächer waren noch so gut erhalten, dass man ihre frühere Pracht erahnen konnte. Die beiden gingen durch die Gänge auf der Suche nach einem trockenen Plätzchen.
Plötzlich blieb Mansor stehen. „Herr“, flüsterte er, „es ist töricht für einen Großwesir und erst recht für einen Storch, sich zu fürchten, aber mir ist ganz unheimlich. Neben uns hat es geseufzt und gestöhnt.“ Auch der Kalif horchte. Ganz deutlich hörte er ein leises Weinen, das eher von einem Menschen als von einem Tier zu kommen schien. Neugierig wollte er der Sache nachgehen, doch der Wesir packte ihn mit dem Schnabel am Flügel und bat ihn flehentlich, sich nicht in neue Gefahren zu stürzen.
Der Kalif ließ sich nicht aufhalten. Unter dem Storchengefieder schlug ein tapferes Herz, und so riss er sich los – mit Verlust einiger Federn – und eilte einen finsteren Gang hinunter. Am Ende fand er eine angelehnte Tür, hinter der er deutliche Seufzer hörte. Er stieß die Tür mit dem Schnabel auf und blieb überrascht stehen: In dem verfallenen Gemach, das nur durch ein kleines Gitterfenster spärlich erhellt wurde, saß eine große Nachteule auf dem Boden. Dicke Tränen rollten ihr aus den runden Augen, und mit heiserer Stimme klagte sie vor sich hin.
Als die Eule den Kalifen und den Wesir erblickte, stieß sie ein lautes Freudengeschrei aus. Zierlich wischte sie sich mit dem braun gefleckten Flügel die Tränen aus dem Gesicht und rief in gutem Arabisch: „Willkommen, ihr Störche! Ihr seid ein gutes Zeichen. Mir wurde einst prophezeit, dass durch Störche ein großes Glück zu mir kommen werde.“
Der Kalif war sehr erstaunt. Er verbeugte sich, so gut es ging: „Nachteule, deinen Worten nach bist du eine Leidensgefährtin. Aber ach, unsere Hilfe nützt dir wenig. Du wirst unsere Hilflosigkeit selbst erkennen, wenn du unsere Geschichte hörst.“ Die Eule bat ihn zu erzählen, und der Kalif berichtete alles, was geschehen war.
Als der Kalif geendet hatte, bedankte sich die Eule und sagte: „Nun höre auch meine Geschichte, denn ich bin nicht weniger unglücklich als du. Mein Vater ist der König von Indien, und ich, seine einzige Tochter, heiße Lusa. Derselbe Zauberer Kaschnur, der euch verzaubert hat, hat auch mich ins Unglück gestürzt. Er kam eines Tages zu meinem Vater und bat um mich als Frau für seinen Sohn Mizra. Mein Vater aber ist ein hitziger Mann, und er ließ den Freier die Treppe hinunterwerfen.
Der Elende schlich sich daraufhin in einer anderen Gestalt in meine Nähe. Als ich eines Tages in meinem Garten Erfrischungen zu mir nehmen wollte, brachte er mir, als Sklave verkleidet, einen Trank. Ich trank davon und verwandelte mich in diese abscheuliche Gestalt. Vor Schreck wurde ich ohnmächtig, und er brachte mich hierher. Mit schrecklicher Stimme rief er mir zu: Du sollst hier bleiben, hässlich und selbst von den Tieren verachtet, bis an dein Ende. Es sei denn, einer nimmt dich aus freiem Willen zur Frau, so wie du bist. So räche ich mich an dir und an deinem stolzen Vater.
Seitdem sind viele Monate vergangen. Einsam und traurig lebe ich als Einsiedlerin in diesem Gemäuer. Die Welt verabscheut mich, ja selbst die Tiere meiden mich. Und die schöne Natur ist mir verschlossen, denn ich bin blind am Tag. Nur im Mondlicht kann ich wieder sehen.“
Die Eule wischte sich wieder die Tränen ab, denn die Erinnerung an ihr Leid hatte sie zum Weinen gebracht. Der Kalif versank in tiefes Nachdenken. „Wenn mich nicht alles täuscht“, sagte er, „gibt es zwischen unserem Unglück einen geheimen Zusammenhang. Aber wo finde ich den Schlüssel zu diesem Rätsel?“ – „Auch mir ahnt das“, antwortete die Eule. „Mir wurde in meiner frühesten Jugend von einer weisen Frau vorhergesagt, dass ein Storch mir großes Glück bringen werde. Und vielleicht weiß ich sogar, wie wir uns retten können.“
Der Kalif horchte auf. „Der Zauberer, der uns beide unglücklich gemacht hat“, fuhr die Eule fort, „kommt jeden Monat einmal in diese Ruinen. Nicht weit von diesem Gemach ist ein großer Saal. Dort schmaust er dann mit vielen Genossen. Schon oft habe ich die Gruppe belauscht. Sie erzählen einander von ihren Untaten – und vielleicht spricht er dabei auch das Zauberwort aus, das du vergessen hast.“
„Oh, teuerste Prinzessin“, rief der Kalif, „sag mir, wann kommt er, und wo ist der Saal?“ Die Eule schwieg einen Augenblick. „Nehmt es mir nicht übel, aber ich kann euren Wunsch nur unter einer Bedingung erfüllen. Auch ich möchte gern frei sein. Das aber kann nur geschehen, wenn einer von euch mich zur Frau nimmt.“
Die beiden Störche waren von diesem Vorschlag sichtlich überrascht. Der Kalif winkte seinem Diener, mit ihm vor die Tür zu kommen. „Großwesir“, sagte er draußen, „das ist ein dummes Geschäft. Aber vielleicht könntest du sie ja nehmen?“ – „Ich?“ antwortete Mansor. „Wenn ich nach Hause komme, kratzt mir meine Frau die Augen aus! Außerdem bin ich ein alter Mann, und Ihr seid noch jung und unverheiratet. Ihr könntet einer schönen jungen Prinzessin eher die Hand reichen.“
„Das ist es ja eben“, seufzte der Kalif und ließ die Flügel hängen. „Wer sagt dir denn, dass sie jung und schön ist? Das hieße die Katze im Sack kaufen!“ Sie redeten lange hin und her. Als der Kalif merkte, dass der Wesir lieber ein Storch bleiben wollte, als die Eule zu heiraten, entschloss er sich selbst, die Bedingung zu erfüllen.
Die Eule war hocherfreut. „Ihr kommt zu keinem besseren Zeitpunkt“, sagte sie. „Wahrscheinlich versammeln sich die Zauberer schon in dieser Nacht.“ Sie verließen das Gemach, und die Eule führte die beiden durch einen langen, finsteren Gang. Endlich strahlte ihnen aus einer halb verfallenen Mauer ein heller Schein entgegen. Die Eule bat sie, sich ganz ruhig zu verhalten. Durch eine Lücke konnten sie in einen großen Saal blicken.
Der Saal war ringsum mit Säulen geschmückt und prächtig verziert. Viele farbige Lampen ersetzten das Licht des Tages. In der Mitte stand ein runder Tisch, der mit ausgesuchten Speisen beladen war, und auf einem Sofa rund um den Tisch saßen acht Männer. In einem von ihnen erkannten die Störche sofort jenen Krämer wieder, der ihnen das Zauberpulver verkauft hatte. Sein Nachbar forderte ihn auf, von seinen neuesten Taten zu erzählen, und der Krämer berichtete unter anderem die Geschichte des Kalifen und seines Wesirs.
„Was für ein Wort hast du ihnen denn aufgegeben?“, fragte ein anderer Zauberer. „Ein recht schweres lateinisches Wort“, antwortete der Krämer. „Es heißt Mutabor.“
Als die Störche durch die Mauerlücke dieses Wort hörten, wären sie vor Freude beinahe außer sich geraten. Auf ihren langen Beinen liefen sie so schnell zum Tor der Ruine, dass die Eule kaum folgen konnte. Dort sagte der Kalif gerührt: „Retterin meines Lebens und des Lebens meines Freundes, zum ewigen Dank nehme ich dich zur Frau.“
Dann wandte er sich nach Osten. Die Sonne stieg gerade hinter den Bergen herauf, und dreimal neigten die beiden Störche ihre langen Hälse dem Licht entgegen. „Mutabor!“, riefen sie. Im selben Augenblick waren sie verwandelt. Lachend und weinend fielen sich Herr und Diener in die Arme.
Als sie sich umsahen, trauten sie ihren Augen kaum: Vor ihnen stand eine wunderschöne, prächtig geschmückte Frau. Lächelnd reichte sie dem Kalifen die Hand. „Schaut mich an, Kalif – erkennt Ihr Eure Lusa nicht mehr?“, fragte sie. Der Kalif war von ihrer Schönheit und ihrem Wesen so verzückt, dass er ausrief, es sei das größte Glück seines Lebens gewesen, ein Storch zu werden.
Die drei machten sich auf den Weg nach Bagdad. In seinen Kleidern fand der Kalif nicht nur die Dose mit dem Zauberpulver, sondern auch seinen Geldbeutel wieder. So konnte er im nächsten Dorf alles kaufen, was sie für die Reise brauchten, und bald erreichten sie die Tore von Bagdad.
Dort erregte ihre Ankunft großes Erstaunen. Man hatte den Kalifen für tot gehalten, und das Volk jubelte, seinen geliebten Herrscher wiederzusehen. Umso größer war der Zorn über den Betrüger Mizra. Der Kalif zog mit seinen Leuten in den Palast und ließ den alten Zauberer und seinen Sohn gefangen nehmen. Den alten Kaschnur schickte er in dasselbe verfallene Gemach der Ruine, in dem die Prinzessin als Eule gelebt hatte; dort ereilte ihn seine Strafe für alle Untaten. Mizra, der von den Künsten seines Vaters nichts verstand, durfte wählen. Er wählte das Zauberpulver. Eine tüchtige Prise und das Wort des Kalifen verwandelten ihn in einen Storch. Der Kalif ließ ihn in einen eisernen Käfig sperren und im Garten aufstellen.
Viele Jahre lebte Kalif Chasid glücklich mit seiner Frau Lusa. Seine schönsten Stunden waren die Nachmittage, an denen ihn der Großwesir besuchte. Dann sprachen sie über ihr Storchenabenteuer, und wenn der Kalif besonders heiter war, ahmte er den Wesir nach: Er stelzte ernsthaft mit steifen Füßen durch das Zimmer, klapperte, wedelte mit den Armen wie mit Flügeln und zeigte, wie jener sich vergeblich nach Osten geneigt und „Mu – Mu“ gerufen hatte.
Für die Kalifin und ihre Kinder war diese Vorstellung jedes Mal ein großes Vergnügen. Wenn der Kalif aber allzu lange klapperte, nickte und „Mu – Mu“ schrie, dann drohte ihm der Wesir lächelnd, er werde der Kalifin erzählen, was damals vor der Tür der Nachteulen-Prinzessin verhandelt worden war. Da hörte der Kalif lieber auf – und beide lachten, bis ihnen die Tränen kamen.
Märchen Kalif Storch in Kürze
Der Kalif Chasid von Bagdad und sein Großwesir Mansor kaufen einem Krämer ein Zauberpulver ab. Eine Prise davon und das Wort „Mutabor“ verwandeln sie in Störche, die die Sprache der Tiere verstehen. Doch die beiden lachen über den Tanz einer Störchin und vergessen dadurch den Zauberspruch. Als Störche irren sie umher, beobachten den Betrüger Mizra auf dem Thron und fliegen zur Ruine, in der die verzauberte Prinzessin Lusa als Nachteule lebt. Gemeinsam belauschen sie den Zauberer Kaschnur und hören das erlösende Wort. Zurück in Menschengestalt kehrt der Kalif nach Bagdad zurück, heiratet Lusa und beendet die Herrschaft des Betrügers.
Die Figuren
- Kalif Chasid – der Herrscher von Bagdad, der aus Neugier Pulver und Schrift kauft und als Storch umherirrt.
- Großwesir Mansor – sein treuer Begleiter, der mit ihm verwandelt wird und lieber Storch bleibt, als die Eule zu heiraten.
- Der Krämer – ein kleiner, dicker Händler, der dem Kalifen das Zauberpulver verkauft und später unter den Zauberern in der Ruine sitzt.
- Selim der Gelehrte – der Gelehrte an der großen Moschee, der die lateinische Schrift entziffert.
- Der schwarze Sklave – der Diener, der den Krämer zum Kalifen hinaufführt.
- Die Störche am Teich – die junge Störchin Frau Langbein und ihr Begleiter, deren Gespräch und Tanz die Verwandlung auslösen.
- Prinzessin Lusa – die Tochter des Königs von Indien, die als Nachteule in der Ruine lebt und nur durch einen Heiratsantrag erlöst werden kann.
- Kaschnur – der mächtige Zauberer und Todfeind des Kalifen, von dem der Zauber über Kalif und Prinzessin ausgeht.
- Mizra – Kaschnurs Sohn, der sich in Bagdad zum Herrscher aufschwingt und dafür in einen Storch verwandelt wird.
Was lernen Kinder daraus?
Diese Geschichte erzählt von Neugier, Mut und Hilfsbereitschaft – und davon, dass sich Fehler wiedergutmachen lassen. Wie in vielen Märchen geraten die Figuren in große Not, und doch findet sich am Ende immer eine Lösung; daraus können Kinder Mut und Zuversicht schöpfen2. Märchen vermitteln Werte wie Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft und Durchhaltevermögen2. Genau das erleben Kinder hier mit: Mansor bleibt an der Seite des Kalifen, obwohl er selbst nichts dafür kann, und Lusa hilft den beiden Störchen, obwohl sie selbst gefangen ist. Der Kalif wiederum muss seinen Hochmut ablegen: Er bietet der Eule die Hand an, ohne zu wissen, wie sie aussieht – und wird dafür belohnt1. Und noch eine kleine Lehre steckt in der Geschichte: Wer über andere lacht, kann das Wichtigste verlieren. Zum Glück zeigt Hauff, dass ein Fehler nicht das Ende bedeutet, sondern der Anfang einer Rettung sein kann.
Hauffs Kalif Storch – Herkunft und Entstehung
Wilhelm Hauff schrieb Kalif Storch für den Märchen-Almanach auf das Jahr 1826; der Autor starb bereits 1827. Das Märchen ist das erste in der Rahmenerzählung Die Karawane1. Darin zieht eine Karawane von Kaufleuten durch die Wüste, ein Fremder stößt zu ihr und schlägt vor, sich gegenseitig Geschichten zu erzählen – er selbst beginnt mit der Geschichte von Kalif Storch1. Weitere Beiträge des Almanachs sind Die Geschichte von dem Gespensterschiff, Die Geschichte von der abgehauenen Hand, Die Errettung Fatmes, Die Geschichte von dem kleinen Muck und Das Märchen vom falschen Prinzen1.
Kalif Storch ist ein Kunstmärchen, also keine Nacherzählung eines alten Volksmärchens, sondern eine Erfindung Hauffs1. Das Verwandlungsmotiv kannte er aus der Sammlung Tausendundeine Nacht; dort gibt es ein Märchen vom König Papagei, aus dem er die Idee übernahm – die Figur des hinterlistigen Wesirs ließ er allerdings weg1. Auch das Zauberwort ist erklärt: mutabor ist lateinisch und bedeutet „ich werde verwandelt werden“1. Typisch für Hauffs Erzählweise ist, dass die Verwandlung nur äußerlich geschieht: Kalif und Wesir behalten ihr Bewusstsein und lachen über die Tiere, und die Prinzessin weint über ihre Eulengestalt1.
Später wurde der Stoff oft neu erzählt, als Oper, Singspiel, Hörspiel und Film1. Schon 1903 komponierte Luise Adolpha Le Beau eine Oper mit dem Titel Der verzauberte Kalif1, und 1913 übernahm der ungarische Schriftsteller Mihály Babits Motiv und Titel für eine Novelle1. Unsere Nacherzählung auf dieser Seite ist eigens für Kinder geschrieben; der Originaltext unten folgt der Ausgabe des Märchen-Almanachs in der Originalschreibweise.
Der Originaltext
Die Geschichte von Kalif Storch.
I.
Der Kalif Chasid zu Bagdad saß einmal an einem schönen Nachmittag behaglich auf seinem Sofa; er hatte ein wenig geschlafen, denn es war ein heißer Tag, und sah nun nach seinem Schläfchen recht heiter aus. Er rauchte aus einer langen Pfeife von Rosenholz, trank hie und da ein wenig Kaffee, den ihm ein Sklave einschenkte, und strich sich allemal vergnügt den Bart, wenn es ihm geschmeckt hatte. Kurz, man sah dem Kalifen an, daß es ihm recht wohl war. Um diese Stunde konnte man gar gut mit ihm reden; weil er da immer recht mild und leutselig war, deswegen besuchte ihn auch sein Großwesir Mansor alle Tage um diese Zeit. An diesem Nachmittag nun kam er auch, sah aber sehr nachdenklich aus, ganz gegen seine Gewohnheit. Der Kalif that die Pfeife ein wenig aus dem Mund und sprach: „Warum machst du ein so nachdenkliches Gesicht, Großwesir?“ …
Text: Wilhelm Hauff, Quelle: Märchen-Almanach auf das Jahr 1826 (Die Geschichte von Kalif Storch). Fassung: Originalschreibweise der Ausgabe.
Fragen zum Gespräch mit eurem Kind
- Was würdest du tun, wenn du plötzlich die Sprache der Tiere verstehen könntest?
- Warum dürfen der Kalif und der Wesir nicht lachen – und was passiert, als sie es doch tun?
- Was meinst du: Warum hilft die Nachteule den beiden Störchen?
- Wie fühlt sich der Kalif, als er nicht mehr Mensch sein darf?
- In welches Tier würdest du dich verwandeln wollen – und warum?
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Quellen
- Die Geschichte von Kalif Storch · abgerufen am 11.10.2026
- Märchen · abgerufen am 11.10.2026
- Märchen: Wenn das Gute über das Böse siegt · Stand 05.11.2024
- Kalif Storch · abgerufen am 11.10.2026
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