Sterntaler – das Märchen zum Vorlesen und Anhören

- Jahr
- 1857
- Alter ab
- 4
- Autor/Herkunft
- Brüder Grimm (Kinder- und Haus-Märchen Band 2, Große Ausgabe, 7. Auflage – Ausgabe letzter Hand)
Neu erzählt nach Jacob und Wilhelm Grimm (KHM 153, Ausgabe 1857)
Ein kurzes Grimmsches Märchen über ein Mädchen, das nichts mehr besitzt und trotzdem alles hergibt – zum Vorlesen ab etwa vier Jahren.
Sterntaler Märchen zum Vorlesen
Es war einmal ein kleines Mädchen, das hatte kein Zuhause mehr. Vater und Mutter waren ihm gestorben, und so arm war es, dass es kein Kämmerchen mehr besaß, in dem es wohnen, und kein Bettchen mehr, in dem es schlafen konnte. Geblieben waren ihm nur die Kleider auf dem Leib und ein Stückchen Brot in der Hand. Das Brot hatte ihm ein mitleidiges Herz geschenkt.
Traurig schaute das Mädchen auf das kleine Brot. Es war hart und trocken, und doch war es sein ganzer Schatz. Aber obwohl es so arm war, war das Mädchen gut und fromm. Es klagte nicht, es schimpfte nicht und machte keinem Menschen Vorwürfe. Und weil es nun niemanden mehr hatte, der sich um es kümmerte, machte es sich auf den Weg, hinaus ins Feld – im Vertrauen darauf, dass der liebe Gott es nicht verlassen würde.
Der Morgen war grau, und der Tau lag auf dem Gras. Der Weg führte an Hecken vorbei, über eine Wiese und an einem alten Apfelbaum vorbei. Dann kam die Sonne hinter den Wolken hervor und wärmte dem Mädchen den Rücken. Es ging langsam, denn es wusste nicht, wohin. Aber es ging, Schritt für Schritt, und mit jedem Schritt wurde der Hunger ein wenig größer.
Da kam ihm ein armer Mann entgegen. Sein Rücken war krumm, seine Schuhe waren zerrissen, und seine Augen lagen tief im Gesicht. Er blieb vor dem Kind stehen und streckte die Hand aus.
„Ich habe solchen Hunger“, sagte er mit leiser Stimme. „Gib mir bitte etwas zu essen.“
Das Mädchen schaute auf das Brot in seiner Hand. Es selbst hatte seit dem Morgen nichts gegessen, und der Weg war noch weit. Es wusste nicht, wann es wieder etwas bekommen würde. Aber der Mann sah so müde aus, und sein Hunger war größer als der eigene.
Da reichte es ihm das ganze Stückchen Brot. Nicht die Hälfte und nicht einen Bissen – alles. „Gott segne dir's“, sagte es leise. Dann ging es weiter, mit leeren Händen und einem warmen Herzen.
Es war noch nicht weit gegangen, da hörte es ein leises Jammern. Am Wegrand stand ein Kind und weinte. Mit beiden Händen hielt es sich den Kopf und zitterte am ganzen Körper. Die Haare hingen ihm wirr ins Gesicht, und die Lippen waren blau vor Kälte.

„Mir ist so kalt am Kopf“, sagte das Kind. „Hast du etwas, das mich wärmen kann?“
Das Mädchen griff sich an den Kopf. Es trug noch seine Mütze, die einzige, die es besaß, und sie war von der Sonne noch warm. Einen Augenblick lang zögerte es. Dann tat es die Mütze ab und setzte sie dem Kind auf.
„Da, nun wird dir warm“, sagte es. Dem Kind lief ein kleines Lächeln über das Gesicht, und es lief weiter, die Mütze tief über die Ohren gezogen. Das Mädchen aber ging den Weg hinunter, und der Wind fuhr ihm kühl durch die Haare.
Mittag kam und ging. Der Weg wurde schmaler und führte an einem Bach entlang, der leise über die Steine plätscherte. Da kam wieder ein Kind. Es hatte kein Leibchen an und fror so sehr, dass seine Zähne klapperten. Die Arme hatte es fest um den Körper geschlungen, um sich selbst zu wärmen.
Das Mädchen schaute an sich herab. Unter dem dünnen Kleid trug es sein Leibchen, das letzte warme Stück Stoff, das ihm noch gehörte. Es dachte an den Wind, der ihm gleich um die eigene Brust wehen würde. Und dann zog es das Leibchen aus und reichte es dem Kind.
Das Kind atmete hörbar auf und lief mit roten Wangen den Weg hinauf. Dem Mädchen wurde kalt, so kalt, dass es die Schultern hochzog. Doch es ging weiter, Schritt für Schritt.
Nach einer Weile kam ein drittes Kind. Es stand am Zaun einer Wiese und schaute schüchtern zu Boden. „Bitte“, sagte es, „hast du ein Röcklein für mich? Meines ist fort.“
Das Mädchen hielt inne. Sein Röcklein war alt und geflickt, aber es war sein eigenes, und ohne das Röcklein würde es nur noch im Hemd dastehen. Es sah das Kind an, das so schmal war und fror, und es wusste, was zu tun war. Es streifte das Röcklein ab und reichte es hinüber.
„Nimm du es“, sagte es. „Du brauchst es nötiger als ich.“ Das Kind bedankte sich und lief fort, das Röcklein über dem Arm. Das Mädchen aber ging weiter, nur noch im Hemd, und der Abend kam näher. Der Himmel färbte sich grau, dann blau, dann dunkel.
Endlich gelangte es in einen Wald. Die Bäume standen dicht, und es war schon dunkel geworden. Zwischen den Stämmen raschelte es leise, ein Vogel rief, und die Luft war kühl und still. Das Mädchen setzte einen Fuß vor den anderen und spürte die Steine unter den Sohlen.
Da kam noch ein Kind und bat um ein Hemdlein. Das Mädchen schaute sich um. Weit und breit war kein Mensch zu sehen, nur die Schatten der Bäume und der schwarze Himmel darüber.
„In der Dunkelheit sieht mich niemand“, dachte das fromme Mädchen. „Ich kann das Hemd hergeben.“
Es zog das Hemd ab und gab es auch noch hin. Nun stand es da im Wald, so arm, wie ein Mensch nur sein kann: ohne Brot, ohne Mütze, ohne Leibchen, ohne Röckchen und ohne Hemd. Es besaß nichts mehr, gar nichts.
Aber das Mädchen fürchtete sich nicht. Es hob den Kopf und schaute hinauf in den Nachthimmel. Zwischen den Zweigen funkelten unzählige Sterne, kalt und klar.
Und wie es so stand und gar nichts mehr hatte, da geschah das Wunder. Auf einmal fielen die Sterne vom Himmel. Nicht einer, nicht zwei – ein ganzer Regen aus Licht kam zwischen den Bäumen herunter, und als die Sterne den Boden berührten, waren es lauter harte, blanke Taler. Sie klingelten im Laub, sie glänzten im Dunkeln, und so weit das Mädchen schauen konnte, lag Silber zwischen den Wurzeln.
Das Mädchen staunte. Es kniete nieder und sammelte die Taler auf, einen nach dem anderen. Und als es sich dabei ansah, merkte es, dass es nicht mehr ohne Hemd dastand. Es trug ein neues Hemdlein, und das war vom allerfeinsten Linnen, weich und hell wie Mondlicht.
Da sammelte es sich die Taler hinein, bis der feine Stoff schwer wurde. Und das Mädchen war reich für sein Lebtag.
Sterntaler Märchen kurz erzählt
Ein kleines Mädchen verliert beide Eltern und besitzt nur noch seine Kleider und ein Stück Brot. Unterwegs gibt es alles her: erst das Brot an einen hungrigen Mann, dann die Mütze, das Leibchen und das Röckchen an frierende Kinder. Im dunklen Wald verschenkt es zuletzt sein Hemd. In diesem Augenblick fallen die Sterne herab und werden zu blanken Talern, die das Mädchen in ein neues Hemd aus feinstem Linnen sammelt – und es ist von da an versorgt.
Die Figuren
- Das Mädchen – ein Waisenkind, gut und fromm, das alles verschenkt, was es besitzt.
- Der arme Mann – bittet auf dem Weg um etwas zu essen und bekommt das ganze Brot.
- Das frierende Kind – klagt über die Kälte am Kopf und erhält die Mütze des Mädchens.
- Das Kind ohne Leibchen – friert am ganzen Körper und bekommt das Leibchen.
- Das Kind am Wiesenrand – bittet um ein Röcklein und erhält das Röckchen.
- Das Kind im Wald – bittet um ein Hemdlein und bekommt das letzte Kleidungsstück.
- Der liebe Gott – auf ihn vertraut das Mädchen, als es von aller Welt verlassen ist.
Was lernen Kinder daraus?
Das Mädchen gibt alles her, was es hat, und bekommt am Ende mehr zurück, als es je besaß. Kinder spüren diese Ordnung sofort: Wer teilt, bleibt nicht allein. Dabei geht es weniger um die Menge als um die Haltung – das Mädchen überlegt nicht lange, es sieht die Not des anderen und handelt.
Viele Leserinnen und Leser verstehen das Märchen als Bild für einen barmherzigen Menschen, der von dem Seinen abgibt, auch wenn er selbst scheinbar nichts mehr hat1. Gut für das Gespräch: Das Märchen ist keine Aufforderung, sich selbst alles nehmen zu lassen. Es erzählt von einem besonderen Kind in einer besonderen Nacht. Im Alltag darf euer Kind Grenzen haben, Nein sagen und trotzdem teilen. Genau darüber lohnt sich das Gespräch – nicht über Regeln, sondern darüber, wie sich Geben und Behalten anfühlen.
Herkunft und Entstehung
Die Sterntaler ist ein kurzes Märchen. Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm ab der zweiten Auflage von 1819 an Stelle 153 (KHM 153); vorher war es als Das arme Mädchen an Stelle 83 zu finden1. Bei Grimm schrieb sich der Titel Die Sternthaler1. In Jacob Grimms Handschrift von 1810 war Armes Mädchen nur eine kurze Notiz1.
Nach einer Anmerkung der Brüder Grimm wurde der Stoff aus dunkler Erinnerung aufgeschrieben, mit Hinweis auf Jean Pauls Roman Die unsichtbare Loge und auf Achim von Arnims Novelle Die drei liebreichen Schwestern und der glückliche Färber von 18121. Arnims Erzählung nimmt Grimms Fassung deutlich vorweg1.
Der Name geht vermutlich auf eine Münze zurück: Die Sterntaler war ein Reichstaler, den Friedrich II. von Hessen-Kassel zwischen 1776 und 1779 prägen ließ; auf ihr ist ein Stern zu sehen1. Nach einer anderen Theorie wurden Märchenerzähler durch diese Münze angeregt1.
Das Märchen der Sterntaler kommt fast ohne Handlung aus und spitzt die kurze, prägnante Erzählweise der Brüder Grimm zu1. Eine düstere Verwandtschaft hat der Stoff in Georg Büchners vermutlich 1836 entstandenem Drama Woyzeck: Dort erzählt die Großmutter ein ähnliches Märchen, das aber ganz anders endet1.
Sterntaler Märchen als PDF
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Für das Vorlesen reicht der Text der Nacherzählung. Wenn ihr das Märchen anschließend mit Kindern besprecht, passt der Originaltext von 1857 gut dazu: Er ist kurz und in der Schreibweise der Ausgabe abgedruckt. In Materialien für den Deutschunterricht der Grundschule wird Die Sterntaler als Beispiel für das Lesen und Entdecken von Märchen genutzt2; ein Ausdruck lässt sich dort gut einsetzen.
Sterntaler Märchen-Text als PDF
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Es war einmal ein kleines Mädchen, dem war Vater und Mutter gestorben, und es war so arm, daß es kein Kämmerchen mehr hatte darin zu wohnen und kein Bettchen mehr darin zu schlafen und endlich gar nichts mehr als die Kleider auf dem Leib und ein Stückchen Brot in der Hand, das ihm ein mitleidiges Herz geschenkt hatte. Es war aber gut und fromm. Und weil es so von aller Welt verlassen war, gieng es im Vertrauen auf den lieben Gott hinaus ins Feld. Da begegnete ihm ein armer Mann, der sprach „ach, gib mir etwas zu essen, ich bin so hungerig.“ Es reichte ihm das ganze Stückchen Brot und sagte „Gott segne dirs“ und gieng weiter. Da kam ein Kind das jammerte und sprach „es friert mich so an meinem Kopfe, schenk mir etwas, womit ich ihn bedecken kann.“ Da that es seine Mütze ab und gab sie ihm. Und als es noch eine Weile gegangen war, kam wieder ein Kind und hatte kein Leibchen an und fror: da gab es ihm seins: und noch weiter, da bat eins um ein Röcklein, das gab es auch von sich hin. Endlich gelangte es in einen Wald, und es war schon dunkel geworden, da kam noch eins und bat um ein Hemdlein, und das fromme Mädchen dachte „es ist dunkle Nacht, da sieht dich niemand du kannst wohl dein Hemd weg geben,“ und zog das Hemd ab und gab es auch noch hin. Und wie es so stand und gar nichts mehr hatte, fielen auf einmal die Sterne vom Himmel, und waren lauter harte blanke Thaler: und ob es gleich sein Hemdlein weg gegeben, so hatte es ein neues an und das war vom allerfeinsten Linnen. Da sammelte es sich die Thaler hinein und war reich für sein Lebtag.
Text: Jacob und Wilhelm Grimm, Quelle: Kinder- und Haus-Märchen Band 2, Große Ausgabe, 7. Auflage (Ausgabe letzter Hand), 1857 (KHM 153). Fassungshinweis: Originalschreibweise der Ausgabe 1857.
Fragen zum Gespräch mit eurem Kind
- Was würdest du hergeben, wenn ein anderes Kind dich darum bittet?
- Warum gibt das Mädchen sein Brot her, obwohl es selbst Hunger hat?
- Wie fühlt sich das Mädchen, als es im dunklen Wald steht und nichts mehr besitzt?
- Was denkst du, warum fallen die Sterne gerade in diesem Augenblick vom Himmel?
- Wem würdest du heute gern etwas schenken, ohne etwas zurückzubekommen?
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Häufige Fragen
Was ist ein Sterntaler?
Was fällt im Märchen Sterntaler vom Himmel?
Wie beginnt Die Sterntaler?
Quellen
- Die Sterntaler · abgerufen am 11.10.2026
- Aufgaben Foerderung GS Deu Lesen 2 · abgerufen am 11.10.2026
- Die Sternthaler · abgerufen am 11.10.2026
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