Der Froschkönig – das Märchen zum Vorlesen und Anhören

- Jahr
- 1857
- Alter ab
- 4
- Autor/Herkunft
- Brüder Grimm – Kinder- und Hausmärchen Band 1, Große Ausgabe, KHM 1
Neu erzählt nach Jacob und Wilhelm Grimm (1857)
Ein kurzes Märchen von den Brüdern Grimm: eine Prinzessin, ein Frosch im Brunnen und ein Versprechen, das gehalten werden muss – hier könnt ihr die Geschichte lesen, hören und gemeinsam besprechen.
Das Märchen vom Froschkönig
In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, und seine Töchter waren schön. Am schönsten aber war die jüngste. Wenn sie ins Licht hinaustrat, staunte sogar die Sonne, die doch schon unendlich viel gesehen hatte.
Hinter dem Schloss des Königs lag ein großer, dunkler Wald. Unter einer alten Linde sprudelte ein Brunnen, und das Wasser darin war so kühl, dass es an heißen Tagen wie ein kleines Wunder wirkte. Immer wenn die Mittagssonne brannte, ging die jüngste Königstochter in den Wald, setzte sich auf den steinernen Rand des Brunnens und holte ihre goldene Kugel hervor. Sie warf sie hoch in die Luft und fing sie wieder auf. Höher und höher flog die Kugel, und jedes Mal klatschte sie leise in ihre Hände. Es war ihr liebstes Spiel, und wenn sie allein war, spielte sie es stundenlang.
Einmal aber fiel die Kugel nicht in ihre Hände zurück. Sie prallte neben ihr auf die Erde und rollte in einem Bogen direkt in den Brunnen hinein. Die Königstochter beugte sich vor und schaute ihr nach, doch das Wasser schloss sich über dem goldenen Glanz, und die Kugel war verschwunden. Der Brunnen war tief, so tief, dass niemand auf den Grund sehen konnte. Da fing sie an zu weinen, immer lauter, und ließ sich gar nicht mehr trösten. „Meine Kugel, meine schöne Kugel!“, klagte sie. „Nie wieder werde ich sie sehen!“
„Was hast du nur, Königstochter?“, fragte da eine Stimme. „Man könnte meinen, ein Stein hätte Mitleid mit dir.“ Das Mädchen blickte auf. Vor ihr saß ein Frosch und streckte seinen dicken Kopf aus dem Wasser. „Ach, du bist es“, sagte sie. „Meine goldene Kugel ist in den Brunnen gefallen, und ich kann sie nicht herausholen.“

„Weine nicht“, sagte der Frosch. „Ich kann dir helfen. Doch was bekomme ich dafür?“ „Lieber Frosch, ich gebe dir, was du willst“, antwortete die Königstochter schnell. „Meine Kleider schenke ich dir, meinen Schmuck und sogar die goldene Krone, die ich trage.“
Der Frosch schüttelte seinen dicken Kopf. „Kleider, Schmuck und Krone brauche ich nicht“, sagte er. „Wenn du mich aber bei dir behalten willst, wenn ich dein Gefährte und Spielkamerad sein darf, an deinem Tisch sitzen, mit dir essen und trinken und bei dir schlafen darf – dann steige ich hinab und bringe dir die Kugel zurück.“
„Ja, ja“, rief die Königstochter. „Hole nur die Kugel herauf, dann bekommst du, was du willst.“ Insgeheim aber dachte sie: Was redet dieser einfache Frosch bloß? Er sitzt im Wasser bei den anderen Fröschen und quakt, und ein Frosch kann doch kein Gefährte für einen Menschen sein. Bis morgen hat er mich bestimmt vergessen.
Der Frosch tauchte unter und blieb lange weg. Die Königstochter wartete und wartete. Endlich kam er wieder nach oben, hielt die Kugel im Maul und ließ sie ins Gras fallen. Das Mädchen jubelte, hob ihr Spielzeug auf und eilte mit schnellen Schritten nach Hause. „Warte doch, nimm mich mit!“, rief der Frosch hinter ihr her. „Ich kann nicht so schnell hüpfen wie du laufen kannst!“ Aber sie hörte nicht. Sie lief über die Wiese, verschwand zwischen den Bäumen und vergaß den armen Frosch, der wieder in seinen Brunnen hinabsteigen musste.
Am nächsten Tag saß die Königstochter mit dem König und allen Hofleuten an der Tafel. Die silbernen Schüsseln dampften, und sie aß gerade von ihrem goldenen Teller, da hörte sie ein seltsames Geräusch. Plitsch, platsch, plitsch, platsch, kam es draußen die Marmortreppe heraufgekrochen. Oben angekommen, klopfte es an die Tür, und eine Stimme rief:
Königstochter, jüngste,
mach mir auf,
weißt du nicht, was gestern
du zu mir gesagt
bei dem kühlen Brunnenwasser?
Die Königstochter lief zur Tür und schaute hinaus. Als sie den Frosch auf der Schwelle sitzen sah, erschrak sie, schlug die Tür schnell wieder zu und lief an den Tisch zurück. Ihr Herz klopfte wild. „Warum zitterst du, mein Kind?“, fragte der König. „Ist da draußen ein Riese, der dich holen will?“ „Nein“, antwortete sie, „vor der Tür sitzt ein garstiger Frosch.“ „Und was will der Frosch von dir?“
Da erzählte die Königstochter alles: von der goldenen Kugel, vom tiefen Brunnen und von ihrem Versprechen. „Ich habe ihm gesagt, dass er mein Gefährte werden darf“, flüsterte sie. „Aber ich habe wirklich nicht geglaubt, dass er aus seinem Wasser herauskommt. Wer rechnet denn mit so etwas? Und nun steht er vor der Tür und will zu mir herein.“
In diesem Augenblick klopfte es zum zweiten Mal, und wieder erklang der Spruch des Frosches durch die Halle. Die Hofleute schauten einander an. Da sagte der König ruhig: „Ein Versprechen muss man halten, meine Tochter. Auch dann, wenn man es in der Not gegeben hat. Geh und mach ihm auf.“
Sie stand auf und machte ihm auf. Da hüpfte der Frosch herein, hüpfte hinter ihr her, immer dicht an ihren Füßen, bis sie an ihrem Stuhl stand. „Heb mich zu dir herauf!“, rief er. Die Königstochter zögerte, bis der König es befahl. Kaum saß der Frosch auf dem Stuhl, wollte er auf den Tisch. „Schieb deinen Teller näher zu mir“, sagte er, „dann können wir zusammen essen.“ Sie tat es, aber man sah ihr an, dass sie es nicht gern tat. Dem Frosch schmeckte das Essen, ihr blieb fast jeder Bissen im Halse. Die Hofleute taten, als merkten sie nichts, und doch sah jeder, wie unwohl sich die Prinzessin fühlte.
Endlich sagte der Frosch: „Ich bin satt und müde. Bring mich nach oben in dein Zimmer, dort will ich schlafen.“ Da fing die Königstochter an zu weinen. Der Frosch war kalt und feucht, sie traute sich nicht, ihn anzufassen, und nun sollte er in ihrem sauberen Bettchen liegen. Der König aber wurde zornig. „Du hast seine Hilfe gebraucht“, sagte er, „und jetzt willst du nichts mehr von ihm wissen? So geht es nicht.“
Die Königstochter packte den Frosch mit zwei Fingern, trug ihn hinauf in ihr Kämmerlein und setzte ihn in eine Ecke. Sie legte sich ins Bett und zog die Decke bis zum Kinn. Kaum lag sie still, da kam er angekrochen. „Ich möchte genauso gut schlafen wie du“, sagte er. „Hol mich zu dir herauf – sonst rufe ich deinen Vater.“ Da wurde sie bitterböse. Sie holte ihn herauf und warf ihn aus aller Kraft gegen die Wand. „Jetzt hast du endlich Ruhe, du garstiger Frosch!“
Aber als der Frosch zu Boden fiel, war er kein Frosch mehr. Vor ihr stand ein Königssohn mit schönen, freundlichen Augen. Die Königstochter erschrak noch einmal, doch diesmal ganz anders als vorher. Der Prinz bedankte sich bei ihr: Eine böse Hexe hatte ihn in einen Frosch verwandelt, und nur sie allein konnte ihn daraus erlösen. Nach dem Willen ihres Vaters wurde er ihr lieber Gefährte und Gemahl. Noch in der Nacht erzählte er ihr von seinem Reich, und am nächsten Morgen wollten sie gemeinsam dorthin reisen.
Als die Sonne sie weckte, fuhr draußen ein Wagen vor. Acht weiße Pferde zogen ihn, mit weißen Federn auf den Köpfen und goldenen Ketten. Hinten auf dem Wagen stand der Diener des jungen Königs: der treue Heinrich. Weil sein Herr so lange als Frosch im Brunnen hatte leben müssen, hatte er sich aus Kummer drei Bande aus Eisen um sein Herz legen lassen, damit es ihm nicht zerspränge. Nun hob er die beiden in den Wagen, stellte sich wieder hinten auf und freute sich von Herzen über die Erlösung.
Als sie ein Stück Wegs gefahren waren, hörte der Königssohn hinter sich ein lautes Krachen, als wäre etwas zerbrochen. Er drehte sich um und rief:
„Heinrich, der Wagen bricht.“
„Nein, Herr, der Wagen nicht,
es ist ein Band von meinem Herzen.“
Es war nicht der Wagen, der da brach. Ein Band nach dem anderen löste sich vom Herzen des treuen Heinrich, weil sein Herr endlich frei und glücklich war. Zweimal noch krachte es unterwegs, und jedes Mal meinte der Königssohn, der Wagen bräche. Doch es waren nur die Bande, die vor lauter Freude absprangen.
Der Froschkönig in Kürze
Eine Königstochter spielt am Waldbrunnen mit einer goldenen Kugel. Die Kugel fällt ins Wasser, und ein Frosch holt sie heraus – dafür soll er ihr Gefährte werden, mit ihr essen und in ihrem Zimmer schlafen. Das Mädchen verspricht es, nimmt die Kugel und vergisst ihn. Am nächsten Tag klopft der Frosch an die Schlosstür. Der König besteht darauf, dass sie Wort hält: Sie hebt den Frosch an ihren Tisch, doch als er mit in ihr Bett will, wirft sie ihn gegen die Wand. Da steht ein Königssohn vor ihr, den eine böse Hexe verwandelt hatte. Auf der Heimfahrt springen die drei eisernen Bande seines treuen Dieners Heinrich vor Freude ab.
Die Figuren
So viele sind es nicht – diese Figuren tragen die ganze Geschichte.
- Die jüngste Königstochter – Sie verliert ihre goldene Kugel im Brunnen, verspricht dem Frosch Freundschaft und erlöst ihn am Ende mit einem Wurf gegen die Wand.
- Der König – Ihr Vater besteht darauf, dass ein gegebenes Versprechen gehalten wird, auch wenn es in der Not entstanden ist.
- Der Frosch – Er holt die Kugel aus dem Brunnen und ist in Wahrheit ein Königssohn, den eine böse Hexe verwandelt hat.
- Der treue Heinrich – Der Diener des Prinzen ließ sich aus Kummer drei eiserne Bande um das Herz legen, die auf der Heimfahrt vor Freude abspringen.
- Die älteren Königstöchter – Sie werden als schön beschrieben, greifen in die Handlung aber nicht ein.
- Die Hofleute – Sie sitzen mit an der Tafel und erleben mit, wie der Frosch neben der Prinzessin Platz nimmt.
- Die böse Hexe – Sie hat den Prinzen in einen Frosch verwandelt und wird nur in seiner Erzählung erwähnt.
Was lernen Kinder daraus?
Das Märchen erzählt von einem Versprechen, das die Königstochter in der Not gegeben hat und am liebsten wieder loswerden möchte. Ihr Vater besteht darauf, dass ein gegebenes Wort gilt – auch dann, wenn es schnell und unbedacht gesprochen wurde2. Für Kinder ist das eine klare, gut nachvollziehbare Regel.
Zugleich zeigt die Geschichte, dass der erste Eindruck täuschen kann: Der Frosch ist glitschig, kalt und garstig – und trotzdem steckt in ihm ein freundlicher Königssohn. Wer genauer hinsieht, entdeckt manchmal etwas ganz anderes, als er erwartet hat2.
Manche Erwachsene lesen das Märchen als Geschichte vom Erwachsenwerden: Aus dem Mädchen, das am Brunnen spielt, wird eine junge Frau1. Für Kinder muss diese Deutung keine Rolle spielen. Sie dürfen sich einfach an dem Bild freuen, wie aus einem garstigen Frosch ein Prinz wird.
Herkunft und Entstehung
Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich ist das erste Märchen in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm1. Jacob und Wilhelm Grimm hatten die Geschichte nach eigener Anmerkung in Hessen gehört, wohl von Familie Wild1. Die Fassung auf dieser Seite folgt der Ausgabe letzter Hand von 1857, der siebten Auflage der Sammlung.
In ihren Anmerkungen hielten die Brüder Grimm das Märchen für besonders alt und verwiesen auf Georg Rollenhagens Froschmeuseler von 15951. Sogar den Namen Heinrich ordneten sie älterem Erzählgut zu: In ihrer Ausgabe von Hartmann von Aues Der arme Heinrich von 1815 nannten sie ihn für einen Diener passend, weil volksmäßig1.
Die Eingangsformel In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat leitet das erste Märchen der Sammlung erst ab der dritten Auflage ein; die Brüder Grimm hatten sie aus KHM 127 Der Eisenofen übernommen1. Der Vers, mit dem der Frosch an die Tür klopft, lässt sich schon 1794 bei Friedrich David Gräter nachweisen1. Der früheste bekannte Beleg für die ganze Geschichte steht in John Leydens Complaynt of Scotland1.
Seit Generationen wird das Froschkönig-Märchen weitergegeben. Heute sind 38 deutsche Varianten des Märchentyps AaTh 440 bekannt, die meisten an der Küste und in Hessen1. Wilhelm Grimm hat die Szenen am Brunnen und am Bett über die Auflagen hinweg sprachlich weiter ausgearbeitet; die Ausgabe letzter Hand ist ausführlicher als die frühen Fassungen1.
Manche Erwachsene wundern sich, dass im Original niemand den Frosch küsst: Bei den Brüdern Grimm wird er gegen die Wand geworfen, und genau in diesem Augenblick fällt der Zauber ab2.
Der Froschkönig – Märchen-Text
In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön, aber die jüngste war so schön, daß die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, sich verwunderte so oft sie ihr ins Gesicht schien. Nahe bei dem Schlosse des Königs lag ein großer dunkler Wald, und in dem Walde unter einer alten Linde war ein Brunnen: wenn nun der Tag recht heiß war, so ging das Königskind hinaus in den Wald und setzte sich an den Rand des kühlen Brunnens: und wenn sie Langeweile hatte, so nahm sie eine goldene Kugel, warf sie in die Höhe und fieng sie wieder; und das war ihr liebstes Spielwerk.
Nun trug es sich einmal zu, daß die goldene Kugel der Königstochter nicht in ihr Händchen fiel, das sie in die Höhe gehalten hatte, sondern vorbei auf die Erde schlug und geradezu ins Wasser hinein rollte. Die Königstochter folgte ihr mit den Augen nach, aber die Kugel verschwand, und der Brunnen war tief, so tief daß man keinen Grund sah. Da fieng sie an zu weinen und weinte immer lauter und konnte sich gar nicht trösten. Und wie sie so klagte, rief ihr jemand zu „was hast du vor, Königstochter, du schreist ja daß sich ein Stein erbarmen möchte.“ Sie sah sich um, woher die Stimme käme, da erblickte sie einen Frosch, der seinen dicken häßlichen Kopf aus dem Wasser streckte. „Ach, du bists, alter Wasserpatscher,“ sagte sie, „ich weine über meine goldene Kugel, die mir in den Brunnen hinab gefallen ist.“ „Sei still und weine nicht“, antwortete der Frosch, „ich kann wohl Rath schaffen, aber was gibst du mir, wenn ich dein Spielwerk wieder heraufhole“? „Was du haben willst, lieber Frosch,“ sagte sie, „meine Kleider, meine Perlen und Edelsteine, auch noch die goldene Krone, die ich trage.“ Der Frosch antwortete „deine Kleider, deine Perlen und Edelsteine, und deine goldene Krone, die mag ich nicht: aber wenn du mich lieb haben willst, und ich soll dein Geselle und Spielkamerad sein, an deinem Tischlein neben dir sitzen, von deinem goldenen Tellerlein essen, aus deinem Becherlein trinken, in deinem Bettlein schlafen: wenn du mir das versprichst, so will ich hinunter steigen und dir die goldene Kugel wieder herauf holen.“ „Ach ja,“ sagte sie, „ich verspreche dir alles, was du willst, wenn du mir nur die Kugel wieder bringst.“ Sie dachte aber „was der einfältige Frosch schwätzt, der sitzt im Wasser bei seines Gleichen und quackt, und kann keines Menschen Geselle sein.“
Der Frosch, als er die Zusage erhalten hatte, tauchte seinen Kopf unter, sank hinab und über ein Weilchen kam er wieder herauf gerudert, hatte die Kugel im Maul und warf sie ins Gras. Die Königstochter war voll Freude, als sie ihr schönes Spielwerk wieder erblickte, hob es auf und sprang damit fort. „Warte, warte,“ rief der Frosch, „nimm mich mit, ich kann nicht so laufen wie du.“ Aber was half ihm daß er ihr sein quack quack so laut nachschrie als er konnte! sie hörte nicht darauf, eilte nach Haus und hatte bald den armen Frosch vergessen, der wieder in seinen Brunnen hinab steigen mußte.
Am andern Tage, als sie mit dem König und allen Hofleuten sich zur Tafel gesetzt hatte und von ihrem goldenen Tellerlein aß, da kam, plitsch platsch, plitsch platsch, etwas die Marmortreppe herauf gekrochen, und als es oben angelangt war, klopfte es an der Thür und rief „Königstochter, jüngste, mach mir auf.“ Sie lief und wollte sehen wer draußen wäre, als sie aber aufmachte, so saß der Frosch davor. Da warf sie die Thür hastig zu, setzte sich wieder an den Tisch, und war ihr ganz angst. Der König sah wohl daß ihr das Herz gewaltig klopfte und sprach „mein Kind, was fürchtest du dich, steht etwa ein Riese vor der Thür und will dich holen?“ „Ach nein,“ antwortete sie, „es ist kein Riese, sondern ein garstiger Frosch.“ „Was will der Frosch von dir?“ „Ach lieber Vater, als ich gestern im Wald bei dem Brunnen saß und spielte, da fiel meine goldene Kugel ins Wasser. Und weil ich so weinte, hat sie der Frosch wieder heraufgeholt, und weil er es durchaus verlangte, so versprach ich ihm er sollte mein Geselle werden, ich dachte aber nimmermehr daß er aus seinem Wasser heraus könnte. Nun ist er draußen und will zu mir herein.“ Indem klopfte es zum zweitenmal und rief
„Königstochter, jüngste,
mach mir auf,
weißt du nicht was gestern
du zu mir gesagt
bei dem kühlen Brunnenwasser?
Königstochter, jüngste,
mach mir auf.“
Da sagte der König „was du versprochen hast, das mußt du auch halten; geh nur und mach ihm auf.“ Sie gieng und öffnete die Thüre, da hüpfte der Frosch herein, ihr immer auf dem Fuße nach, bis zu ihrem Stuhl. Da saß er und rief „heb mich herauf zu dir.“ Sie zauderte bis es endlich der König befahl. Als der Frosch erst auf dem Stuhl war, wollte er auf den Tisch, und als er da saß, sprach er „nun schieb mir dein goldenes Tellerlein näher, damit wir zusammen essen.“ Das that sie zwar, aber man sah wohl daß sies nicht gerne that. Der Frosch ließ sichs gut schmecken, aber ihr blieb fast jedes Bißlein im Halse. Endlich sprach er „ich habe mich satt gegessen, und bin müde, nun trag mich in dein Kämmerlein und mach dein seiden Bettlein zurecht, da wollen wir uns schlafen legen.“ Die Königstochter fieng an zu weinen und fürchtete sich vor dem kalten Frosch, den sie nicht anzurühren getraute, und der nun in ihrem schönen reinen Bettlein schlafen sollte. Der König aber ward zornig und sprach „wer dir geholfen hat, als du in der Noth warst, den sollst du hernach nicht verachten.“ Da packte sie ihn mit zwei Fingern, trug ihn hinauf und setzte ihn in eine Ecke. Als sie aber im Bett lag, kam er gekrochen und sprach „ich bin müde, ich will schlafen so gut wie du: heb mich herauf, oder ich sags deinem Vater.“ Da ward sie erst bitterböse, holte ihn herauf und warf ihn aus allen Kräften wider die Wand, „nun wirst du Ruhe haben, du garstiger Frosch.“
Als er aber herab fiel, war er kein Frosch, sondern ein Königssohn mit schönen und freundlichen Augen. Der war nun nach ihres Vaters Willen ihr lieber Geselle und Gemahl. Da erzählte er ihr, er wäre von einer bösen Hexe verwünscht worden, und Niemand hätte ihn aus dem Brunnen erlösen können als sie allein, und morgen wollten sie zusammen in sein Reich gehen. Dann schliefen sie ein, und am andern Morgen, als die Sonne sie aufweckte, kam ein Wagen heran gefahren mit acht weißen Pferden bespannt, die hatten weiße Straußfedern auf dem Kopf, und giengen in goldenen Ketten, und hinten stand der Diener des jungen Königs, das war der treue Heinrich. Der treue Heinrich hatte sich so betrübt, als sein Herr war in einen Frosch verwandelt worden, daß er drei eiserne Bande hatte um sein Herz legen lassen, damit es ihm nicht vor Weh und Traurigkeit zerspränge. Der Wagen aber sollte den jungen König in sein Reich abholen; der treue Heinrich hob beide hinein, stellte sich wieder hinten auf und war voller Freude über die Erlösung. Und als sie ein Stück Wegs gefahren waren, hörte der Königssohn daß es hinter ihm krachte, als wäre etwas zerbrochen. Da drehte er sich um und rief
„Heinrich, der Wagen bricht.“
„Nein, Herr, der Wagen nicht,
es ist ein Band von meinem Herzen,
das da lag in großen Schmerzen,
als ihr in dem Brunnen saßt,
als ihr eine Fretsche (Frosch) wast (wart).“
Noch einmal und noch einmal krachte es auf dem Weg, und der Königssohn meinte immer der Wagen bräche, und es waren doch nur die Bande, die vom Herzen des treuen Heinrich absprangen, weil sein Herr erlöst und glücklich war.
Text: Jacob und Wilhelm Grimm, Quelle: Wikisource, Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich (1857), KHM 1 – Originalschreibweise der Ausgabe 1857.
Fragen zum Gespräch mit eurem Kind
Diese fünf Fragen könnt ihr beim Vorlesen oder danach stellen. Falsche Antworten gibt es nicht – erzählen lassen ist alles.
- Warum läuft die Königstochter mit der Kugel davon, ohne dem Frosch zu danken?
- Was hättet ihr an ihrer Stelle getan, als der Frosch an die Tür klopft?
- Warum besteht der König darauf, dass sie ihr Versprechen hält?
- Woran merkt man im Märchen, dass die Königstochter den Frosch plötzlich mit anderen Augen sieht?
- Warum kracht es auf der Heimfahrt, und wem gehört dieses Krachen?
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Häufige Fragen
Was sagt der Froschkönig?
Wer schrieb den Froschkönig?
Was ruft der Froschkönig?
Wird der Frosch im Märchen wirklich geküsst?
Wer ist der eiserne Heinrich?
Quellen
- Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich · abgerufen am 11.10.2026
- Der Froschkönig · abgerufen am 11.10.2026
- Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich · abgerufen am 11.10.2026
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