Rapunzel – das Märchen zum Vorlesen und Anhören

- Jahr
- 1857
- Alter ab
- 4
- Autor/Herkunft
- Brüder Grimm – Kinder- und Haus-Märchen Band 1, Große Ausgabe, 7. Auflage (Ausgabe letzter Hand)
Neu erzählt nach Jacob und Wilhelm Grimm (1857)
Rapunzel ist ein Märchen der Brüder Grimm: Ein kinderloses Ehepaar verspricht sein erstes Kind der Zauberin, das Mädchen wächst bei ihr auf und wird mit 12 Jahren in einem Turm ohne Tür eingesperrt, bis ein Königssohn ihren Gesang hört.
Rapunzel-Märchen-Text zum Vorlesen
Vor langer Zeit lebten ein Mann und eine Frau, die sich von ganzem Herzen ein Kind wünschten. Jeden Abend sprachen sie davon, wie es wohl wäre, ein Kind im Haus zu haben, und jeden Morgen hofften sie von Neuem. Doch die Jahre gingen ins Land, und ihr Wunsch blieb unerfüllt. Hinter ihrem Haus gab es nur ein kleines Fenster, doch von dort blickte man in einen prächtigen Garten, in dem die schönsten Blumen und Kräuter wuchsen. Rund um den Garten lief eine hohe Mauer, und niemand wagte hineinzugehen, denn er gehörte einer Zauberin, die große Macht hatte und von aller Welt gefürchtet wurde.
Eines Abends stand die Frau an diesem Fenster und schaute in die Tiefe. Da entdeckte sie ein Beet voller Rapunzeln, so frisch und grün, dass sie am liebsten sofort davon gegessen hätte. Das Verlangen wuchs mit jedem Tag. Weil sie wusste, dass sie niemals an die Pflanzen herankam, wurde sie blass und schwach und mochte kaum noch essen. Ihr Mann erschrak, als er sie so sah. „Was fehlt dir, liebe Frau?“, fragte er. „Ach“, antwortete sie, „wenn ich keine Rapunzeln aus dem Garten hinter unserem Haus bekomme, dann werde ich krank.“

Der Mann liebte seine Frau über alles. „Lieber hole ich ihr die Rapunzeln, koste es, was es wolle“, dachte er. In der Abenddämmerung, wenn die Schatten lang wurden und niemand mehr auf der Straße war, kletterte er über die Mauer, pflückte hastig eine Handvoll Rapunzeln und brachte sie seiner Frau. Sie bereitete daraus einen Salat und aß ihn voller Freude auf. Die Blätter schmeckten ihr so gut, dass sie am nächsten Tag noch viel mehr davon haben wollte. Also stieg der Mann am Abend noch einmal in den Garten hinab.
Kaum war er unten angekommen, stand die Zauberin vor ihm. „Wie kannst du es wagen, in meinen Garten zu steigen und mir meine Rapunzeln zu stehlen?“, rief sie zornig. „Das soll dir schlecht bekommen!“ Der Mann erschrak sehr und bat sie um Verzeihung. „Meine Frau hat eure Rapunzeln vom Fenster aus gesehen“, sagte er. „Sie sehnt sich so sehr danach, dass sie krank davon wird. Ich habe es wirklich nur aus Not getan.“
Da wurde die Zauberin ruhiger. „Wenn es so ist, wie du sagst, darfst du so viele Rapunzeln mitnehmen, wie du willst“, sagte sie. „Doch ich stelle eine Bedingung: Du gibst mir das Kind, das deine Frau zur Welt bringen wird. Ihm soll es gut gehen, und ich will für es sorgen wie eine Mutter.“ In seiner Angst sagte der Mann ja. Als das Kind geboren war, erschien die Zauberin, gab ihm den Namen Rapunzel und nahm es mit sich fort.
In den ersten Jahren sorgte die Zauberin gut für das Mädchen, so wie sie es versprochen hatte. Sie sang mit ihm, brachte ihm allerlei bei und ließ es an nichts fehlen. Doch je älter Rapunzel wurde, desto eifersüchtiger behütete die Zauberin sie, denn sie wollte das Kind ganz für sich allein haben.
Rapunzel wuchs heran und wurde das schönste Kind unter der Sonne. Als sie 12 Jahre alt war, brachte die Zauberin sie in einen Turm, der mitten im Wald stand. Der Turm hatte weder Treppe noch Tür, nur ganz oben ein kleines Fensterchen. Die Zauberin sagte, hier oben sei Rapunzel sicher vor aller Welt.
Wollte die Zauberin hinauf, stellte sie sich unten hin und rief: „Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!“ Rapunzel hatte lange, prächtige Haare, fein wie gesponnenes Gold. Sobald sie die Stimme hörte, band sie ihre Zöpfe los, wickelte sie oben um einen Fensterhaken, und die Haare fielen 20 Ellen tief hinunter. Daran kletterte die Zauberin hinauf bis zum Fenster.
Oben im Turm war Rapunzel den ganzen Tag allein. Einmal am Tag kam die alte Frau, sonst hörte sie nur den Wind und die Vögel. Mit der Zeit kannte sie jeden Baum vor dem Turm und jedes Geräusch des Waldes. Sie zählte die Tage nicht, denn im Turm glichen alle Tage einander. Weil sie niemanden zum Reden hatte, sang sie oft für sich hin, und ihre Stimme klang weit über die Bäume hinaus. Manchmal fragte sie sich, wie die Welt hinter dem Wald wohl aussah.
Ein paar Jahre später ritt der Sohn des Königs durch den Wald und kam an dem Turm vorüber. Da hörte er einen Gesang, der war so lieblich, dass er stillhielt und lauschte. Es war Rapunzel, die sich in ihrer Einsamkeit die Zeit mit Singen vertrieb. Der Königssohn wollte zu ihr hinaufsteigen und suchte eine Tür am Turm – doch er fand keine, nur glatten Stein.
Er ritt nach Hause, aber der Gesang ließ ihm keine Ruhe. Jeden Tag kehrte er in den Wald zurück und hörte von fern zu; seine Leute wunderten sich schon, wohin der Königssohn immer ritt. Eines Abends stand er hinter einem Baum und sah, wie die Zauberin an den Turm trat und hinaufrief: „Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!“ Da fielen die Zöpfe herab, und die Zauberin kletterte daran nach oben. „So kommt man also hinauf“, dachte der Königssohn. „Das will ich auch versuchen.“
Am nächsten Abend, als es dämmerte, ging er zum Turm und rief: „Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!“ Sofort fielen die Haare herab, und er stieg hinauf. Rapunzel erschrak gewaltig, denn ihre Augen hatten noch nie einen Mann gesehen. Doch der Königssohn sprach freundlich mit ihr und erzählte, dass ihr Gesang sein Herz so berührt habe, dass er sie selbst sehen musste. Da verlor Rapunzel ihre Angst. Er fragte sie, ob sie ihn zum Mann nehmen wolle, und weil er jung und freundlich war, dachte sie: „Der wird mich lieber haben als die alte Frau Gothel.“ Sie sagte ja und legte ihre Hand in seine.
„Ich will gerne mit dir gehen“, sagte Rapunzel, „aber ich weiß nicht, wie ich hinunterkommen soll. Bring jedes Mal einen Strang Seide mit. Daraus flechte ich eine Leiter, und wenn sie fertig ist, steige ich zu dir hinunter, und du nimmst mich auf dein Pferd.“ So verabredeten sie, dass er jeden Abend zu ihr kommen sollte, denn bei Tag kam die Alte. Nacht für Nacht brachte er Seide mit, und Rapunzel flocht heimlich an ihrer Leiter. Wenn er bei ihr war, erzählte er von Wiesen und Dörfern, von Pferden und von weiten Reisen, und sie hörte zu und vergaß für eine Weile, dass sie eingesperrt war. Die Zauberin merkte lange nichts davon.
Bis Rapunzel sich eines Tages verriet. „Sag mir doch, Frau Gothel“, fragte sie, „warum bist du so viel schwerer heraufzuziehen als der junge Königssohn? Der ist in einem Augenblick bei mir.“ – „Du gottloses Kind!“, rief die Zauberin. „Was muss ich hören! Ich dachte, ich hätte dich vor aller Welt verborgen, und nun hast du mich betrogen!“ In ihrem Zorn packte sie Rapunzels schöne Zöpfe, wickelte sie um ihre linke Hand, griff mit der rechten nach der Schere – und schnitt die Haare ab. Die langen Flechten fielen auf den Boden.
Die Zauberin war unbarmherzig. Sie brachte Rapunzel in eine einsame, wüste Gegend, weit weg von allem, was sie kannte, und ließ sie dort zurück. Rapunzel weinte viele Tage lang und musste fortan in großem Kummer und Elend leben. Sie hatte niemanden, dem sie ihr Leid klagen konnte, und wusste nicht, ob sie den Königssohn je wiedersehen würde. Noch am selben Abend befestigte die Zauberin die abgeschnittenen Zöpfe oben am Fensterhaken und wartete auf den Königssohn.
Als er kam und rief: „Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!“, ließ sie die Haare hinab. Der Königssohn stieg hinauf – doch oben fand er nicht seine Rapunzel, sondern die Zauberin, die ihn mit bösen Blicken ansah. „Aha“, rief sie höhnisch, „du willst deine Liebste holen? Der schöne Vogel sitzt nicht mehr im Nest und singt nicht mehr. Für dich ist Rapunzel verloren, du wirst sie nie wiedersehen.“
Der Königssohn geriet außer sich vor Schmerz. In seiner Verzweiflung sprang er den Turm hinab. Das Leben behielt er, doch die Dornen, in die er fiel, verletzten seine Augen, und er konnte nichts mehr sehen. Blind irrte er durch den Wald, aß nichts als Wurzeln und Beeren und weinte um seine liebste Frau. Manchmal fragte er die Leute am Weg nach einer Frau mit langem Haar, doch niemand konnte ihm helfen. So wanderte er mehrere Jahre im Elend umher.
Endlich geriet er in die Einöde, in der Rapunzel mit den Zwillingen lebte, die sie geboren hatte – einem Knaben und einem Mädchen. Sie hatten wenig, aber sie waren beieinander. Die Kinder schauten den fremden Mann neugierig an. Da vernahm der Königssohn eine Stimme, die ihm seltsam bekannt vorkam, und ging darauf zu. Als er näher kam, erkannte Rapunzel ihn und fiel ihm um den Hals und weinte. Zwei ihrer Tränen fielen auf seine Augen – da wurden sie wieder klar, und er konnte sehen wie zuvor.
Er führte Rapunzel und die Kinder in sein Reich, wo sie mit großer Freude empfangen wurden. Dort lebten sie noch lange glücklich und vergnügt, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
Rapunzel-Märchen-Text als Kurzfassung
Ein kinderloses Ehepaar wünscht sich nichts mehr als ein Kind. Als die Frau aus dem Fenster den Garten der Zauberin sieht, verlangt sie nach den Rapunzeln darin. Ihr Mann stiehlt sie – und muss der Zauberin dafür sein erstes Kind versprechen. Das Mädchen Rapunzel wächst bei der Zauberin auf und wird mit 12 Jahren in einen Turm ohne Tür gesperrt. Dort besucht sie ein Königssohn, bis die Zauberin die beiden entdeckt, Rapunzels Haare abschneidet und das Mädchen fortschickt. Jahre später findet der blind gewordene Königssohn sie wieder, ihre Tränen heilen seine Augen, und sie kehren gemeinsam heim.
Die Figuren
- Der Mann: Er stiehlt die Rapunzeln aus dem Garten der Zauberin und verspricht ihr dafür sein ungeborenes Kind.
- Die Frau: Sie wünscht sich ein Kind und wird von ihrem Verlangen nach den Rapunzeln so schwach, dass ihr Mann in den Garten steigt.
- Die Zauberin, Frau Gothel: Ihr gehört der Garten; sie nimmt Rapunzel zu sich, zieht sie auf und sperrt sie mit 12 Jahren in den Turm.
- Rapunzel: Das Mädchen mit den Haaren fein wie gesponnenes Gold; sie singt im Turm und verliebt sich in den Königssohn.
- Der Königssohn: Er hört Rapunzels Gesang, besucht sie heimlich, stürzt vom Turm, erblindet und findet sie Jahre später wieder.
- Die Zwillinge: Der Knabe und das Mädchen, die Rapunzel in der Einöde zur Welt bringt.
Was lernen Kinder daraus?
Rapunzel, das Märchen von der Zauberin und dem Mädchen im Turm, erzählt von Sehnsucht, Mut und Vertrauen. Kinder erleben mit, wie Rapunzel trotz ihrer Einsamkeit fröhlich bleibt, wie der Königssohn nicht aufgibt und wie am Ende zwei Menschen zueinanderfinden, die sich nie vergessen haben.
Märchen sprechen das Gefühlsleben von Kindern an und fördern die Empathie, also das Mitfühlen mit anderen Menschen3. Beim Vorlesen lernt euer Kind ganz nebenbei neue Wörter, Satzmuster und Sprachstile kennen; auch Konzentration, Vorstellungsvermögen und Kreativität profitieren davon4.
Geschichten mit gutem Ausgang können moralisches Verhalten unterstützen: In einer Untersuchung mit 268 Kindern zwischen 3 und 7 Jahren sagten Kinder nach einer Geschichte, in der Ehrlichkeit belohnt wurde, etwa dreimal häufiger die Wahrheit5.
Bei aller Fantasie hilft ein Blick vorab: Erwachsene sollten Inhalt und Illustrationen prüfen und abwägen, ob sie für das eigene Kind schon geeignet sind3. Die Zauberin ist nicht einfach böse – sie sorgt für das Kind und will es doch nicht loslassen. Über solche Fragen lohnt sich das Gespräch.
Herkunft und Entstehung
Rapunzel steht als KHM 12 in den Kinder- und Haus-Märchen von Jacob und Wilhelm Grimm. Unsere Nacherzählung folgt der Fassung von 1857, der siebten Auflage der Großen Ausgabe und der Ausgabe letzter Hand, die noch zu Lebzeiten der Brüder erschien. Jacob Grimm starb 1863, Wilhelm Grimm 1859.
Die Geschichte war nicht nur in Deutschland bekannt. Die älteste überlieferte Erzählung von einer jungen Frau, die ihre Haare als Leiter für ihren Liebhaber herunterlässt, reicht bis in die persische Mythologie zurück1. Auch die griechische Antike greift das Motiv auf, etwa in der Sage von Danaë1. In der christlichen Überlieferung begegnet es in der Legende der heiligen Barbara wieder1.
Der Name Rapunzel bezeichnet ein Blattgemüse, das in Nacherzählungen als Feldsalat beschrieben wird2. Im Märchen ist es das Gemüse aus dem Garten der Zauberin, nach dem die werdende Mutter so großes Verlangen hat, dass ihr Mann es heimlich holt.
Viele Kinder kennen die Geschichte heute aus Zeichentrickfilmen1. Wer das Märchen Rapunzel zum ersten Mal vorliest, kann gut mit dem Wortlaut von 1857 vergleichen, der weiter unten steht.
Die Brüder Grimm haben nicht nur Märchen gesammelt: 1838 begannen sie mit dem Deutschen Wörterbuch, das erst 1961 nach 123 Jahren mit 32 Bänden abgeschlossen wurde6.
Märchen Rapunzel: der Originaltext
Es war einmal ein Mann und eine Frau, die wünschten sich schon lange vergeblich ein Kind, endlich machte sich die Frau Hoffnung der liebe Gott werde ihren Wunsch erfüllen. Die Leute hatten in ihrem Hinterhaus ein kleines Fenster, daraus konnte man in einen prächtigen Garten sehen, der voll der schönsten Blumen und Kräuter stand; er war aber von einer hohen Mauer umgeben, und niemand wagte hinein zu gehen, weil er einer Zauberin gehörte, die große Macht hatte und von aller Welt gefürchtet ward. Eines Tags stand die Frau an diesem Fenster und sah in den Garten hinab, da erblickte sie ein Beet, das mit den schönsten Rapunzeln bepflanzt war: und sie sahen so frisch und grün aus, daß sie lüstern ward und das größte Verlangen empfand von den Rapunzeln zu essen. Das Verlangen nahm jeden Tag zu, und da sie wußte daß sie keine davon bekommen konnte, so fiel sie ganz ab, sah blaß und elend aus. Da erschrack der Mann und fragte „was fehlt dir, liebe Frau?“ „Ach,“ antwortete sie, „wenn ich keine Rapunzeln aus dem Garten hinter unserm Hause zu essen kriege, so sterbe ich.“ Der Mann, der sie lieb hatte, dachte „eh du deine Frau sterben lässest, holst du ihr von den Rapunzeln, es mag kosten was es will.“ In der Abenddämmerung stieg er also über die Mauer in den Garten der Zauberin, stach in aller Eile eine Hand voll Rapunzeln und brachte sie seiner Frau. Sie machte sich sogleich Salat daraus und aß sie in voller Begierde auf. Sie hatten ihr aber so gut, so gut geschmeckt, daß sie den andern Tag noch dreimal so viel Lust bekam. Sollte sie Ruhe haben, so mußte der Mann noch einmal in den Garten steigen. Er machte sich also in der Abenddämmerung wieder hinab, als er aber die Mauer herabgeklettert war, erschrack er gewaltig, denn er sah die Zauberin vor sich stehen. „Wie kannst du es wagen,“ sprach sie mit zornigem Blick, „in meinen Garten zu steigen und wie ein Dieb mir meine Rapunzeln zu stehlen? das soll dir schlecht bekommen.“ „Ach,“ antwortete er, „laßt Gnade für Recht ergehen, ich habe mich nur aus Noth dazu entschlossen: meine Frau hat eure Rapunzeln aus dem Fenster erblickt, und empfindet ein so großes Gelüsten, daß sie sterben würde, wenn sie nicht davon zu essen bekäme.“ Da ließ die Zauberin in ihrem Zorne nach und sprach zu ihm „verhält es sich so, wie du sagst, so will ich dir gestatten Rapunzeln mitzunehmen so viel du willst, allein ich mache eine Bedingung: du mußt mir das Kind geben, das deine Frau zur Welt bringen wird. Es soll ihm gut gehen, und ich will für es sorgen wie eine Mutter.“ Der Mann sagte in der Angst alles zu, und als die Frau in Wochen kam, so erschien sogleich die Zauberin, gab dem Kinde den Namen Rapunzel und nahm es mit sich fort.
Rapunzel ward das schönste Kind unter der Sonne. Als es zwölf Jahre alt war, schloß es die Zauberin in einen Thurm, der in einem Walde lag, und weder Treppe noch Thüre hatte, nur ganz oben war ein kleines Fensterchen. Wenn die Zauberin hinein wollte, so stellte sie sich unten hin, und rief
„Rapunzel, Rapunzel,
laß mir dein Haar herunter.“
Rapunzel hatte lange prächtige Haare, fein wie gesponnen Gold. Wenn sie nun die Stimme der Zauberin vernahm, so band sie ihre Zöpfe los, wickelte sie oben um einen Fensterhaken, und dann fielen die Haare zwanzig Ellen tief herunter, und die Zauberin stieg daran hinauf.
Nach ein paar Jahren trug es sich zu, daß der Sohn des Königs durch den Wald ritt und an dem Thurm vorüber kam. Da hörte er einen Gesang, der war so lieblich, daß er still hielt und horchte. Das war Rapunzel, die in ihrer Einsamkeit sich die Zeit damit vertrieb, ihre süße Stimme erschallen zu lassen. Der Königssohn wollte zu ihr hinauf steigen und suchte nach einer Thüre des Thurms, aber es war keine zu finden. Er ritt heim, doch der Gesang hatte ihm so sehr das Herz gerührt, daß er jeden Tag hinaus in den Wald gieng und zuhörte. Als er einmal so hinter einem Baum stand, sah er daß eine Zauberin heran kam und hörte wie sie hinauf rief
„Rapunzel, Rapunzel,
laß dein Haar herunter.“
Da ließ Rapunzel die Haarflechten herab, und die Zauberin stieg zu ihr hinauf. „Ist das die Leiter, auf welcher man hinauf kommt, so will ich auch einmal mein Glück versuchen.“ Und den folgenden Tag, als es anfieng dunkel zu werden, gieng er zu dem Thurme und rief
„Rapunzel, Rapunzel,
laß dein Haar herunter.“
Alsbald fielen die Haare herab und der Königssohn stieg hinauf.
Anfangs erschrack Rapunzel gewaltig als ein Mann zu ihr herein kam, wie ihre Augen noch nie einen erblickt hatten, doch der Königssohn fing an ganz freundlich mit ihr zu reden und erzählte ihr daß von ihrem Gesang sein Herz so sehr sei bewegt worden, daß es ihm keine Ruhe gelassen, und er sie selbst habe sehen müssen. Da verlor Rapunzel ihre Angst, und als er sie fragte ob sie ihn zum Manne nehmen wollte, und sie sah daß er jung und schön war, so dachte sie „der wird mich lieber haben als die alte Frau Gothel,“ und sagte ja und legte ihre Hand in seine Hand. Sie sprach „ich will gerne mit dir gehen, aber ich weiß nicht wie ich herab kommen kann. Wenn du kommst, so bring jedesmal einen Strang Seide mit, daraus will ich eine Leiter flechten und wenn die fertig ist, so steige ich herunter und du nimmst mich auf dein Pferd.“ Sie verabredeten daß er bis dahin alle Abend zu ihr kommen sollte, denn bei Tag kam die Alte. Die Zauberin merkte auch nichts davon, bis einmal Rapunzel anfieng und zu ihr sagte „sag sie mir doch, Frau Gothel, wie kommt es nur, sie wird mir viel schwerer heraufzuziehen, als der junge Königssohn, der ist in einem Augenblick bei mir.“ „Ach du gottloses Kind,“ rief die Zauberin, „was muß ich von dir hören, ich dachte ich hätte dich von aller Welt geschieden, und du hast mich doch betrogen!“ In ihrem Zorne packte sie die schönen Haare der Rapunzel, schlug sie ein paar mal um ihre linke Hand, griff eine Scheere mit der rechten, und ritsch, ratsch, waren sie abgeschnitten, und die schönen Flechten lagen auf der Erde. Und sie war so unbarmherzig daß sie die arme Rapunzel in eine Wüstenei brachte, wo sie in großem Jammer und Elend leben mußte.
Denselben Tag aber, wo sie Rapunzel verstoßen hatte, machte Abends die Zauberin die abgeschnittenen Flechten oben am Fensterhaken fest, und als der Königssohn kam und rief
„Rapunzel, Rapunzel,
laß dein Haar herunter,“
so ließ sie die Haare hinab. Der Königssohn stieg hinauf, aber er fand oben nicht seine liebste Rapunzel, sondern die Zauberin, die ihn mit bösen und giftigen Blicken ansah. „Aha,“ rief sie höhnisch, „du willst die Frau Liebste holen, aber der schöne Vogel sitzt nicht mehr im Nest und singt nicht mehr, die Katze hat ihn geholt und wird dir auch noch die Augen auskratzen. Für dich ist Rapunzel verloren, du wirst sie nie wieder erblicken.“ Der Königssohn gerieth außer sich vor Schmerz, und in der Verzweiflung sprang er den Thurm herab: das Leben brachte er davon, aber die Dornen, in die er fiel, zerstachen ihm die Augen. Da irrte er blind im Walde umher, aß nichts als Wurzeln und Beeren, und that nichts als jammern und weinen über den Verlust seiner liebsten Frau. So wanderte er einige Jahre im Elend umher und gerieth endlich in die Wüstenei, wo Rapunzel mit den Zwillingen, die sie geboren hatte, einem Knaben und Mädchen, kümmerlich lebte. Er vernahm eine Stimme, und sie däuchte ihn so bekannt: da gieng er darauf zu, und wie er heran kam, erkannte ihn Rapunzel und fiel ihm um den Hals und weinte. Zwei von ihren Thränen aber benetzten seine Augen, da wurden sie wieder klar, und er konnte damit sehen wie sonst. Er führte sie in sein Reich, wo er mit Freude empfangen ward, und sie lebten noch lange glücklich und vergnügt.
Text: Jacob und Wilhelm Grimm, Quelle: Rapunzel, Kinder- und Haus-Märchen Band 1, Große Ausgabe, 7. Auflage (Ausgabe letzter Hand), S. 65–69. Fassung: Originalschreibweise der Ausgabe 1857.
Fragen zum Gespräch mit eurem Kind
- Wie würdest du dich fühlen, wenn du den ganzen Tag allein in einem Turm wärst?
- Was hätte Rapunzel tun können, damit die Zauberin ihr Geheimnis nicht erfährt?
- Warum wollte die Zauberin Rapunzel wohl nicht gehen lassen?
- Der Königssohn sucht Rapunzel viele Jahre lang. Was gibt ihm Kraft, nicht aufzugeben?
- Wenn du der Zauberin begegnen würdest: Was würdest du sie fragen?
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Häufige Fragen
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Wie endet das Märchen Rapunzel?
Woher kommt das Märchen Rapunzel?
Quellen
- Rapunzel / Deutschland-Lese · abgerufen am 11.10.2026
- Rapunzel · abgerufen am 11.10.2026
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