Der Hase und der Igel – das Märchen zum Vorlesen und Anhören

- Jahr
- 1857
- Alter ab
- 4
- Autor/Herkunft
- Brüder Grimm (KHM 187, Kinder- und Haus-Märchen Band 2, Große Ausgabe, 7. Auflage)
Neu erzählt nach Jacob und Wilhelm Grimm (Plattdeutsch, 1857)
Ein kurzer Tierschwank über Spott, Schnelligkeit und eine kluge List – ideal für eine gemütliche Vorleserunde am Abend.
Der Hase und der Igel – das Märchen zum Vorlesen
„Diese Geschichte ist lügenhaft zu erzählen“, sagt der Erzähler am Anfang, „aber wahr ist sie doch.“ Sein Großvater, von dem er sie hat, habe jedes Mal, wenn er sie gemütlich vortrug, dazu gesagt: „Wahr muss sie doch sein, mein Sohn, sonst könnte man sie ja nicht erzählen.“ Und so hat es sich zugetragen.
Es war an einem Sonntagmorgen zur Herbstzeit, gerade als der Buchweizen blühte. Die Sonne war hell am Himmel aufgegangen, der Morgenwind strich warm über die Stoppeln, die Lerchen sangen hoch in der Luft, und in den Buchweizenblüten summten die Bienen. Die Leute gingen in ihrem Sonntagsstaat zur Kirche, und alle Geschöpfe waren vergnügt – auch der Igel.
Der Igel stand vor seiner Haustür, hatte die Arme übereinandergeschlagen und schaute in den Morgenwind hinaus. Dabei summte er ein kleines Liedchen vor sich hin, so gut und so schlecht, wie man an einem Sonntagmorgen eben singt. Drinnen im Haus wusch seine Frau die Kinder und zog sie an. Da fiel dem Igel ein, dass er doch schnell ins Feld gehen und nachsehen könnte, wie seine Steckrüben standen.
Die Steckrüben wuchsen dicht bei seinem Haus. Weil der Igel sie mit seiner Familie zum Essen brauchte, sah er sie als seine eigenen an. Er machte die Haustür hinter sich zu und ging den Weg zum Feld hinunter. Er war noch nicht weit gekommen und wollte gerade um den Schlehenbusch vor dem Acker biegen, als ihm der Hase begegnete. Der Hase war in ähnlichen Geschäften unterwegs: Er wollte seinen Kohl besehen.
Als der Igel ihn sah, wünschte er ihm freundlich einen guten Morgen. Der Hase aber war auf seine Weise ein vornehmer Herr und noch dazu gehörig hochfahrend. Er antwortete nicht auf den Gruß. Stattdessen sah er den kleinen Igel von oben herab an und fragte mit spöttischer Miene: „Wie kommt es, dass du schon so früh am Morgen im Feld herumläufst?“
„Ich gehe spazieren“, sagte der Igel.
„Spazieren?“ lachte der Hase. „Deine Beine könntest du zu etwas Besserem gebrauchen.“
Diese Antwort ärgerte den Igel sehr. Alles konnte er ertragen, aber über seine Beine ließ er nichts kommen – gerade weil sie von Natur aus schief waren.
„Du bildest dir wohl ein, dass du mit deinen Beinen mehr ausrichten kannst?“ fragte er.
„Das denke ich“, sagte der Hase und sah an sich hinunter, als wäre er der Schnellste im ganzen Land.
„Das käme auf einen Versuch an“, meinte der Igel ruhig. „Ich wette, dass ich schneller bin als du, wenn wir um die Wette laufen.“
„Das ist zum Lachen, du mit deinen schiefen Beinen“, sagte der Hase. „Aber meinetwegen mag es sein, wenn du so große Lust hast. Was gilt die Wette?“
„Einen goldenen Louisdor und eine Buddel Branntwein“, sagte der Igel.
„Angenommen“, sprach der Hase. „Schlag ein, dann kann es gleich losgehen.“
„Nein, so große Eile hat es nicht“, meinte der Igel. „Ich bin noch ganz nüchtern. Erst gehe ich nach Hause und frühstücke. In einer halben Stunde bin ich wieder hier auf dem Platz.“
Der Hase war einverstanden. Er zweifelte keine Sekunde daran, dass er dieses Rennen gewinnen würde. Der Igel ging nach Hause, und unterwegs dachte er bei sich: Der Hase verlässt sich auf seine langen Beine, aber ich will ihn schon kriegen. Er ist zwar ein vornehmer Herr, aber doch ein dummer Kerl – und bezahlen soll er trotzdem.
Zu Hause angekommen, sagte er zu seiner Frau: „Frau, zieh dich schnell an, du musst mit mir aufs Feld hinaus.“
„Was gibt es denn?“ fragte sie.
„Ich habe mit dem Hasen um einen goldenen Louisdor und eine Buddel Branntwein gewettet. Ich laufe mit ihm um die Wette, und du sollst dabei sein.“
„O mein Gott, Mann“, jammerte die Igelfrau. „Bist du nicht recht gescheit? Der Hase hat viel längere Beine als du. Wie willst du da gewinnen?“

„Sei ruhig, Frau“, sagte der Igel. „Das ist meine Sache, mach dir keine Sorgen. Zieh dich an und komm mit.“ Was sollte die Igelfrau machen? Sie musste wohl folgen, ob sie wollte oder nicht.
Als sie miteinander unterwegs waren, erklärte der Igel seinen Plan. „Pass auf, was ich dir sage. Siehst du den langen Acker dort? Auf dem machen wir unseren Wettlauf. Der Hase läuft in der einen Furche und ich in der anderen, und oben am Feld fangen wir an.“
„Und was soll ich tun?“ fragte die Igelfrau.
„Du hast weiter nichts zu tun, als dich hier unten in eine Furche zu stellen“, sagte der Igel. „Wenn der Hase bei dir ankommt, rufst du ihm entgegen: ‚Ich bin schon hier!‘“
Furchen sind die langen, flachen Gräben, die der Pflug in den Acker zieht3. Zwischen zwei solchen Gräben können zwei Tiere nebeneinander laufen, ohne dass eines das andere sieht.
Bei dem Acker angekommen, wies der Igel seiner Frau ihren Platz an und ging den Acker hinauf. Oben stand der Hase schon und wartete ungeduldig. „Kann es losgehen?“ fragte er. „Jawohl“, sagte der Igel. „Dann also los!“ Jeder stellte sich in seine Furche. Der Hase zählte laut: „Eins, zwei, drei!“ – und schon sauste er los wie ein Sturmwind den Acker hinunter.
Der Igel aber lief nur etwa drei Schritte. Dann duckte er sich in die Furche und blieb ganz ruhig sitzen. Er wusste: Er musste nicht schnell sein, er musste nur am richtigen Ort sein.
Als der Hase in vollem Lauf unten am Acker ankam, rief ihm die Igelfrau entgegen: „Ich bin schon hier!“ Der Hase stutzte und staunte nicht schlecht. Er meinte nichts anderes, als dass es der Igel selbst sei, der ihm da zurief – denn die Frau des Igels sieht ihrem Mann zum Verwechseln ähnlich.
„Das geht nicht mit rechten Dingen zu“, rief der Hase. „Noch einmal gelaufen, wieder zurück!“ Und fort ging er wieder wie ein Sturmwind, dass ihm die Ohren um den Kopf flogen. Die Igelfrau aber blieb ruhig auf ihrem Platz stehen.
Als der Hase oben am Feld ankam, rief ihm der Igel entgegen: „Ich bin schon hier!“ Da war der Hase ganz außer sich vor Ärger und schrie: „Noch einmal gelaufen, wieder zurück!“ – „Meinetwegen“, antwortete der Igel. „Sooft du Lust hast.“
So lief der Hase den Acker hinauf und hinunter, immer wieder. Jedes Mal, wenn er unten oder oben ankam, rief einer der beiden Igel: „Ich bin schon hier!“ Der Hase konnte es nicht fassen. Er war sich sicher, viel schneller zu sein, und trotzdem stand sein Gegner jedes Mal schon am Ziel.
„Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen“, murmelte er. „Ich laufe noch einmal – und diesmal gebe ich alles!“ Er rannte los, schneller als zuvor, dass der Staub nur so flog. Die Igelfrau aber stand still in ihrer Furche und wartete, bis er bei ihr war. „Ich bin schon hier!“, rief sie.
Da drehte der Hase um und jagte zum anderen Ende zurück. Oben stand der Igel und rief: „Ich bin schon hier!“ Der Hase wurde immer wütender. Einmal blieb er mitten auf dem Acker stehen und schaute sich um, ob sein Gegner nicht doch irgendwo lief. Aber an beiden Enden wartete schon jemand auf ihn.
So ging es dreiundsiebzigmal. Der Hase gönnte sich keine Pause, denn er wollte unbedingt gewinnen. Zwischendurch schüttelte er den Kopf und fragte sich, wie das möglich sein konnte. Dann lief er weiter, immer wieder den Acker hinauf und hinab.
Die Sonne stieg höher, und der Hase wurde müder. Seine Beine wurden schwer, sein Atem ging immer schneller. Der Igel oben und die Igelfrau unten aber blieben ruhig an ihren Plätzen und warteten auf ihn.
Beim vierundsiebzigsten Mal kam der Hase nicht mehr bis ans Ende. Mitten auf dem Acker stürzte er zu Boden und blieb liegen. Er war so erschöpft, dass er nicht wieder aufstand.
Der Igel aber nahm seinen gewonnenen Louisdor und die Buddel Branntwein, rief seine Frau aus der Furche zu sich, und beide gingen vergnügt miteinander nach Hause – und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch.
So begab es sich, dass auf der Buxtehuder Heide der Igel den Hasen zu Tode lief. Seit jener Zeit hat es sich kein Hase mehr einfallen lassen, mit dem Buxtehuder Igel um die Wette zu laufen.
Und die Lehre dieser Geschichte? Niemand soll sich über einen geringen Mann lustig machen, und wäre es auch nur ein Igel. Und wer heiratet, tut gut daran, jemanden aus dem eigenen Stand zu wählen, der ihm ähnlich ist – wer also ein Igel ist, sieht zu, dass seine Frau auch eine Igelfrau ist.
Die Fabel vom Hasen und vom Igel in Kürze
An einem Herbstsonntag macht sich der Hase über die schiefen Beine des Igels lustig. Der Igel fordert ihn zum Wettlauf heraus; der Einsatz sind ein goldener Louisdor und eine Buddel Branntwein1. Zu Hause holt der Igel seine Frau, die ihm zum Verwechseln ähnlich sieht, und stellt sie unten am Acker in eine Furche. Der Hase läuft los, der Igel nur drei Schritte. Am Ende des Ackers ruft immer einer der beiden: „Ich bin schon hier!“ Nach 73 Läufen bricht der Hase beim 74. Rennen erschöpft zusammen1. Der Igel nimmt Louisdor und Branntwein und geht mit seiner Frau nach Hause.
Die Figuren
- Der Igel – Ein kleiner Mann mit schiefen Beinen, der an einem Sonntagmorgen vor seiner Tür singt, nach seinen Steckrüben sehen will und sich den Spott des Hasen nicht gefallen lässt.
- Die Igelfrau – Sie wäscht am Sonntagmorgen die Kinder, warnt ihren Mann vor dem Wettlauf und stellt sich am Ende der Furche auf, um dem Hasen „Ich bin schon hier!“ entgegenzurufen.
- Der Hase – Ein vornehmer, hochfahrender Herr, der stolz auf seine langen Beine ist, den Igel verspottet und die Wette verliert.
- Die Igelkinder – Sie werden am Sonntagmorgen von ihrer Mutter gewaschen und angezogen und bleiben während des Wettlaufs zu Hause.
- Der Erzähler – Er gibt die Geschichte so weiter, wie er sie von seinem Großvater gehört hat, und versichert, dass sie wahr sein muss.
Was lernen Kinder daraus?
Der Hase schaut auf den Igel herab, weil er lange, schnelle Beine hat – und genau dieser Hochmut kostet ihn am Ende alles. Der Igel lässt sich nicht einschüchtern: Er bleibt ruhig, überlegt sich einen Plan und führt ihn gemeinsam mit seiner Frau durch. So erleben Kinder, wie sehr Spott verletzen kann und wie viel Mut es braucht, freundlich zu bleiben, wenn jemand über einen lacht.
Beim Vorlesen könnt ihr gemeinsam überlegen, woran man merkt, dass sich jemand für etwas Besseres hält – und wie es dem anderen dabei geht. Die Schlusslehre der Geschichte richtet sich ausdrücklich auch an Erwachsene: Niemand soll sich über einen geringen Mann lustig machen, und wäre es auch nur ein Igel1.
Herkunft und Entstehung
Das Märchen gehört zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm: Ab der fünften Auflage von 1843 steht es dort an Stelle 187, also als KHM 1871. Erzählt wird es auf Plattdeutsch, deshalb heißen Hase und Igel im Text „Haas“ und „Swinegel“. Die Vorlage stammt aus Wilhelm Schröders Hannoverschem Volksblatt von 1840; dort trug sie den langen Titel „Ein plattdeutsches Volksmärchen. Dat Wettlopen twischen den Hasen un den Swinegel up de lütje Heide bi Buxtehude“1.
Grimms Text folgt genau dem Abdruck im Hannoverschen Volksblatt Nr. 51 vom 26. April 1840, den ihnen Karl Georg Firnhaber im November 1840 in einer Abschrift zugänglich machte. Nur wenige Schreibweisen der Mundart wurden geändert oder mit einer hochdeutschen Übersetzung in Klammern versehen1. In der Ausgabe letzter Hand von 1857 steht das Märchen im zweiten Band.
Die Geschichte vom Hasen und vom Igel
Schon bald machte die Geschichte ihren Weg: Ludwig Bechstein nahm den Tierschwank ab 1853 in sein Deutsches Märchenbuch auf, als Nummer 60 und auf Hochdeutsch1. Er übertrug den Text Satz für Satz, nicht immer wörtlich; nur das Wort „Swinegel“ für den Igel blieb stehen. Hans-Jörg Uther nimmt an, dass Bechstein die Quelle im Hannoverschen Volksblatt benutzte, und stellt klar: Hier setzte sich ausnahmsweise der Originaltext selbst durch und wurde nicht erst mit Grimms Märchen populär. Auf Dauer war allerdings Bechsteins hochdeutsche Fassung erfolgreicher1.
Die Situation „Hase und Igel“ und der Zuruf „Ich bin schon hier!“ sind bis heute sprichwörtlich. Meist wird dabei der Blickwinkel des Hasen beschrieben, der sich immer wieder mit demselben Gegner misst und immer dasselbe frustrierende Ergebnis erlebt – ein Bild, das in Sport, Wirtschaft und Politik zitiert wird1. Für Kinder, die noch nicht so viel lesen, gibt es das Märchen außerdem als Fassung in Leichter Sprache2.
Der Schauplatz Buxtehuder Heide ist ein Einfall Schröders: Er hatte das Märchen ursprünglich in Bexhövede gehört, etwa 70 Kilometer von Buxtehude entfernt bei Bremerhaven1. Die Angabe „in der Gegend von Osnabrück“ geht auf einen Irrtum Wilhelm Grimms zurück1. „Swienegel“ ist im Plattdeutschen ein üblicher Name für den Igel, keine Abwertung1.
Das Märchen vom Hasen und vom Igel
Der Stoff ist viel älter als seine Grimmsche Fassung: Schon das antike Erzählgut kennt Fabeln vom Wettlauf zwischen einem langsamen und einem schnellen Tier, etwa Äsops Fabel Die Schildkröte und der Hase1. Lutz Röhrich zufolge überlistet in Afrika ganz ähnlich die Schildkröte den Elefanten; im türkischen Märchen Der Fuchs, der Krebs und die Schildkröte wird der Fuchs hereingelegt. Ähnliche Geschichten sind auch aus dem Neuaramäischen, Arabischen und Maltesischen bekannt1. Motivisch verwandt sind die Grimmschen Tiermärchen KHM 171 Der Zaunkönig und KHM 172 Die Scholle1.
Auch in neuerer Zeit wurde die Geschichte oft neu erzählt: Günter Grass schrieb eine gleichnamige Kurzgeschichte, Fredrik Vahle veröffentlichte 1973 ein Lied, dessen zweiter Teil das Märchen vertont, und beim DDR-Label Litera erschien im selben Jahr eine Schallplattenfassung mit Klaus Piontek als Erzähler1. 1973 erdachte der Engländer David Parlett außerdem ein Brettspiel mit dem Titel Hase und Igel, das 1979 als erstes Spiel mit dem Preis Spiel des Jahres ausgezeichnet wurde; der Bezug zum Märchen besteht allerdings nur in der deutschsprachigen Ausgabe1. In der Mathematik gibt es sogar einen Hase-Igel-Algorithmus, und verfilmt wurde der Stoff unter anderem 1921, 1938 als Puppentrickfilm sowie 1982 für das Fernsehen der DDR1.
Der Originaltext
Zum Vergleich und für alle, die Plattdeutsch mögen: Hier steht die Geschichte in der Fassung der Brüder Grimm.
Disse Geschicht is lögenhaft to vertellen, Jungens, aver wahr is se doch, denn mien Grootvader, van den ick se hew, plegg jümmer, wenn he se mie vortüerde (mit Behaglichkeit vortrug), dabi to seggen „wahr mutt se doch sien, mien Söhn, anners kunn man se jo nich vertellen.“ De Geschicht hett sick aber so todragen.
Et wöör an enen Sündagmorgen tor Harvesttied, jüst as de Bookweeten bloihde: de Sünn wöör hellig upgaen am Hewen, de Morgenwind güng warm över de Stoppeln, de Larken süngen inn’r Lucht (Luft), de Immen sumsten in den Bookweeten un de Lühde güngen in ehren Sündagsstaht nah’r Kerken, un alle Creatur wöör vergnögt, un de Swinegel ook.
De Swinegel aver stünd vör siener Döhr, harr de Arm ünnerslagen, keek dabi in den Morgenwind hinut un quinkeleerde en lütjet Leedken vör sick hin, so good un so slecht as nu eben am leewen Sündagmorgen en Swinegel to singen pleggt. Indem he nu noch so half liese vör sick hin sung, füll em up eenmal in he künn ook wol, mittlerwiel sien Fro de Kinner wüsch un antröcke, en beeten in’t Feld spazeeren un tosehen wie sien Stähkröwen stünden. De Stähkröwen wöören aver de nöchsten bi sienem Huuse, un he pleggte mit siener Familie davon to eten, darüm sahg he se as de sienigen an. Gesagt, gedahn. De Swinegel makte de Huusdöör achter sick to un slög den Weg nah’n Felde in. He wöör noch nich gans wiet von Huuse un wull jüst um den Slöbusch, (Schlehenbusch), de dar vörm Felde liggt, nah den Stähkröwenacker hinup dreien, as em de Haas bemött, de in ähnlichen Geschäften uutgahn wöör, nämlich um sienen Kohl to besehn. As de Swinegel den Haasen ansichtig wöör, so böhd he em en fründlichen go’n Morgen. De Haas aver, de up siene Wies en vörnehmer Herr was, un grausahm hochfahrtig dabi, antwoorde nicks up den Swinegel sienen Gruß, sondern segte tom Swinegel, wobi he en gewaltig höhnische Miene annöhm, „wie kummt et denn, dat du hier all bi so fröhem Morgen im Felde rumlöppst?“ „Ick gah spazeeren“ segt de Swinegel. „Spazeeren?“ lachte de Haas, „mi ducht du kunnst de Been ook wol to betern Dingen gebruuken.“ Disse Antword verdrööt den Swinegel ungeheuer, denn alles kunn he verdregen, aver up siene Been laet he nicks komen, eben weil se von Natuhr scheef wöören. „Du bildst di wol in,“ seggt nu de Swinegel tom Haasen, „as wenn du mit diene Beene mehr utrichten kunnst?“ „Dat denk ick“ seggt de Haas. „Dat kummt up ’n Versöök an,“ meent de Swinegel, „ick pareer, wenn wi in de Wett loopt, ick loop di vörbi.“ „Dat is tum Lachen, du mit diene scheefen Been,“ seggt de Haas, „aver mienetwegen mach’t sien, wenn du so övergroote Lust hest. Wat gilt de Wett?“ „En goldne Lujedor un’n Buddel Branwien“ seggt de Swinegel. „Angenahmen,“ spröök de Haas, „sla in, un denn kann’t gliek los gahn.“ „Nä, so groote Ihl hett et nich,“ meen de Swinegel, „ick bün noch gans nüchdern; eerst will ick to Huus gahn un en beeten fröhstücken: inner halwen Stünd bün ick wedder hier upp’n Platz.“
Damit güng de Swinegel, denn de Haas wöör et tofreeden. Ünnerweges dachte de Swinegel bi sick „de Haas verlett sick up siene langen Been, aver ick will em wol kriegen. He is zwar ehn vörnehm Herr, aver doch man’n dummen Keerl, un betahlen sall he doch.“ As nu de Swinegel to Huuse ankööm, spröök he to sien Fro „Fro, treck di gau (schnell) an, du must mit mi nah’n Felde hinuut.“ „Wat givt et denn?“ seggt sien Fro. „Ick hew mit’n Haasen wett’t üm’n golden Lujedor un’n Buddel Branwien, ick will mit em inn Wett loopen un da salst du mit dabi sien.“ „O mien Gott, Mann,“ füng nu den Swinegel sien Fro an to schreen, „büst du nich klook, hest du denn ganz den Verstand verlaaren? Wie kannst du mit den Haasen in de Wett loopen wollen?“ „Holt dat Muul, Wief,“ seggt de Swinegel, „dat is mien Saak. Resonehr nich in Männergeschäfte. Marsch, treck di an un denn kumm mit.“ Wat sull den Swinegel sien Fro maken? se mußt wol folgen, se mugg nu wollen oder nich.
As se nu mit eenander ünnerwegs wöören, spröök de Swinegel to sien Fro „nu pass up, wat ick seggen will. Sühst du, up den langen Acker dar wüll wi unsen Wettloop maken. De Haas löppt nemlich in der eenen Föhr (Furche) un ick inner andern, un von baben (oben) fang wi an to loopen. Nu hast du wieder nicks to dohn as du stellst di hier unnen in de Föhr, un wenn de Haas up de andere Siet ankummt, so röpst du em entgegen „ick bün all (schon) hier.“
Damit wöören se bi den Acker anlangt, de Swinegel wiesde siener Fro ehren Platz an un gung nu den Acker hinup. As he baben ankööm, wöör de Haas all da. „Kann et losgahn?“ seggt de Haas. „Ja wol“ seggt de Swinegel. „Denn man to!“ Un damit stellde jeder sick in siene Föhr. De Haas tellde (zählte) „hahl een, hahl twee, hahl dree“ un los güng he wie en Stormwind den Acker hindahl (hinab). De Swinegel aver lööp ungefähr man dree Schritt, dann duhkde he sick dahl (herab) in de Föhr un bleev ruhig sitten.
As nu de Haas in vullen Loopen ünnen am Acker ankööm, rööp em den Swinegel sien Fro entgegen „ick bün all hier.“ De Haas stutzd un verwunderde sick nich wenig: he menede nich anders als et wöör de Swinegel sülvst, de em dat torööp, denn bekanntlich süht den Swinegel sien Fro jüst so uut wie ehr Mann.
De Haas aver meende „datt geiht nich to mit rechten Dingen.“ He rööp „nochmal geloopen, wedder üm!“ Un fort güng he wedder wie en Stormwind, datt em de Ohren am Koppe flögen. Den Swinegel sien Fro aver blev ruhig up ehren Platze. As nu de Haas baben ankööm, rööp em de Swinegel entgegen „ick bün all hier.“ De Haas aver, ganz uuter sick vör Ihwer (Ärger), schreede „nochmal geloopen, wedder üm!“ „Mi nich to schlimm,“ antwoorde de Swinegel, „mienetwegen so oft as du Lust hest.“ So löp de Haas noch dreeunsöbentigmal, un de Swinegel höhl (hielt) et ümmer mit em uut. Jedesmal, wenn de Haas ünnen oder baben ankööm, seggten de Swinegel oder sien Fro „ick bün all hier.“
Tum veerunsöbentigstenmal aver köm de Haas nich mehr to ende. Midden am Acker stört he tor Eerde, datt Blohd flög em utn Halse un he bleev doot upn Platze. De Swinegel aver nöhm siene gewunnene Lujedor un den Buddel Branwien, rööp siene Fro uut der Föhr aff, un beide güngen vergnögt mit eenanner nah Huus; un wenn se nich storben sünd, lewt se noch.
So begev et sick, dat up der Buxtehuder Heid de Swinegel den Haasen dodt lopen hett, un sied jener Tied hatt et sick keen Haas wedder infallen laten mit’n Buxtehuder Swinegel in de Wett to lopen.
De Lehre aver uut disser Geschicht is erstens, datt keener, un wenn he sick ook noch so vörnehm dücht, sick sall bikommen laten, övern geringen Mann sick lustig to maken, un wöört ook man’n Swinegel. Un tweetens, datt et gerahden is, wenn eener freet, datt he sick ’ne Fro uut sienem Stande nimmt, un de jüst so uutsüht as he sülwst. Wer also en Swinegel is, de mutt tosehn datt siene Fro ook en Swinegel is, un so wieder.
Text: Jacob und Wilhelm Grimm, Quelle: Kinder- und Haus-Märchen Band 2, Große Ausgabe, S. 403–406, 7. Auflage (Ausgabe letzter Hand), 1857 (KHM 187) · Original teils plattdeutsch: Nacherzählung hochdeutsch
Fragen zum Gespräch mit eurem Kind
- Warum ärgert sich der Igel so sehr über den Spott des Hasen?
- Wie geht es dem Hasen, als am anderen Ende des Ackers immer „Ich bin schon hier!“ zu hören ist?
- Was hättest du an der Stelle des Igels gemacht?
- Warum hilft die Igelfrau ihrem Mann, obwohl sie zuerst Angst hat?
- Wärst du in diesem Wettlauf lieber der Hase oder der Igel gewesen – und warum?
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Häufige Fragen
Was ist die Lehre vom Hasen und vom Igel?
Wo fand der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel statt?
Quellen
- Der Hase und der Igel · abgerufen am 11.10.2026
- Der Hase und der Igel · abgerufen am 10.10.2026
- DerHaseundderIgel · abgerufen am 11.10.2026
- Der Hase und der Igel · abgerufen am 11.10.2026
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