Zum Inhalt springen

Der Wolf und die sieben Geißlein – Märchen für Kinder

Sieben Zicklein bleiben allein zu Hause, ein Wolf verschafft sich mit Kreide, Teig und Mehl Zutritt und frisst sechs von ihnen – am Ende sind alle wieder frei und der Wolf fällt in den Brunnen. Der Wolf und die sieben Geißlein ist ein Märchen der Brüder Grimm (KHM 5) aus dem Jahr 1857. Auf dieser Seite könnt ihr die Geschichte als kindgerechte Nacherzählung lesen, als Hörfassung anhören und euch die Kurzfassung, die Figuren und Fragen zum Gespräch mit eurem Kind ansehen.
Redaktion Schnuller.deZuletzt aktualisiert 21 Min. LesezeitFachlich geprüft von Josef Maier
Der Wolf und die sieben Geißlein: sieben Zicklein stehen in der Stube, am Fenster zeigt der Wolf seine mit Mehl bestäubte Pfote
Jahr
1857
Alter ab
4
Autor/Herkunft
Brüder Grimm (Kinder- und Haus-Märchen, Ausgabe 1857)

Neu erzählt nach Jacob und Wilhelm Grimm (Kinder- und Haus-Märchen, Ausgabe 1857)

Sieben Geißlein allein im Haus, ein Wolf mit weißer Pfote und eine Mutter, die ihre Kinder zurückholt: Der Wolf und die sieben Geißlein ist ein Märchen der Brüder Grimm aus der Ausgabe von 1857.

Der Wolf und die sieben Geißlein – das Märchen zum Vorlesen

Hörfassung · 10 Min.
Der Wolf und die sieben Geißlein – Hörfassung
0:0010:10
MP3 herunterladen (5,8 MB)

Eine alte Geiß wohnte mit ihren sieben Geißlein in einem kleinen Haus am Rand des Waldes. Sie hatte ihre sieben Kinder über alles lieb und kümmerte sich den ganzen Tag um sie. Jeden Morgen weckte sie die Kleinen mit einem leisen Meckern, und jeden Abend zählte sie sie durch: eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben. Keines durfte fehlen. Die Geißlein turnten über die Bänke, knabberten am Kräuterkorb und kicherten, wenn eines der Geschwister zu laut meckerte.

Eines Tages war das Futter im Haus zu Ende. „Ich muss in den Wald gehen und frisches Gras und Kräuter holen“, sagte die Geiß. „Bleibt so lange brav hier drinnen und macht niemandem die Tür auf.“ Sie rief alle sieben herbei und sprach ernst: „Passt gut auf, vor allem vor dem Wolf! Wenn er hereinkommt, frisst er euch mit Haut und Haar. Der Bösewicht verstellt sich gern, aber an seiner rauen Stimme und an seinen schwarzen Pfoten erkennt ihr ihn sofort.“ Die Geißlein antworteten: „Liebe Mutter, wir nehmen uns in Acht. Du kannst ohne Sorge gehen.“ Da meckerte die alte Geiß zufrieden, nahm ihren Korb und machte sich auf den Weg.

Die Geißlein schoben den Riegel vor die Tür, so wie sie es gelernt hatten. Dann setzten sie sich in einen Kreis und spielten. Zwei versteckten sich hinter dem Ofen, drei kletterten auf die Bank, und die beiden kleinsten schauten zum Fenster hinaus und warteten auf die Mutter.

Es dauerte gar nicht lange, da klopfte es draußen. „Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von euch etwas mitgebracht!“ rief eine Stimme. Die Geißlein horchten auf. Etwas stimmte nicht. „Wir machen nicht auf“, riefen sie zurück. „Du bist nicht unsere Mutter! Die hat eine feine, liebliche Stimme. Deine Stimme klingt rau und tief. Du bist der Wolf!“ Draußen rumorte es, dann wurde es still. Der Wolf trottete davon und brummte vor sich hin.

Er ging zu einem Krämer und kaufte sich ein großes Stück Kreide. Die kaute er auf, bis seine Stimme fein und hell klang. So kam er zurück zum Haus und klopfte wieder. „Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von euch etwas mitgebracht!“ Diesmal klang die Stimme fast wie die der Mutter, und die Geißlein wurden unsicher. Doch dann sahen sie durch das Fenster eine schwarze Pfote. Der Wolf hatte sie unvorsichtig auf das Fensterbrett gelegt. „Wir machen nicht auf“, riefen die Geißlein. „Unsere Mutter hat keinen schwarzen Fuß. Du bist der Wolf!“ Wieder trabte der Wolf fort. Diesmal aber hatte er einen Plan.

Beim Bäcker ließ er sich Teig über die Pfote streichen. „Ich habe mich am Fuß gestoßen“, behauptete er, und der Bäcker tat es, ohne weiter zu fragen. Danach lief der Wolf zum Müller. „Streu mir weißes Mehl auf meine Pfote!“, verlangte er. Der Müller schaute ihn misstrauisch an. „Nein“, sagte er, „du willst jemanden betrügen.“ Da fletschte der Wolf die Zähne und knurrte: „Wenn du es nicht tust, fresse ich dich!“ Dem Müller blieb vor Schreck die Stimme weg. Er streute Mehl über die Pfote, bis sie schneeweiß war. So ist es manchmal auf der Welt: Aus Angst tut jemand etwas, von dem er genau weiß, dass es nicht richtig ist.

Nun ging der Wolf zum dritten Mal zum Haus der Geißlein. Er klopfte und rief mit feiner Stimme: „Macht auf, Kinder, euer liebes Mütterchen ist heimgekommen und hat jedem von euch etwas aus dem Wald mitgebracht!“ Die Geißlein zögerten. „Zeig uns zuerst deine Pfote“, riefen sie, „damit wir sehen, dass du unsere Mutter bist!“ Der Wolf legte die Pfote ins Fenster. Weiß war sie, ganz weiß. Da glaubten die Geißlein, dass alles wahr sei, was er sagte, und sie öffneten die Tür.

Wer hereinkam, war der Wolf. Erschrocken sprangen die Geißlein auseinander und suchten ein Versteck. Eines schlüpfte unter den Tisch, das zweite ins Bett, das dritte in den warmen Ofen, das vierte in die Küche, das fünfte in den Schrank, das sechste unter die Waschschüssel und das siebente in den Kasten der Wanduhr. Der Wolf durchsuchte das ganze Haus. Eins nach dem anderen packte er und schluckte es hinunter. Nur das jüngste Geißlein im Uhrkasten fand er nicht, so sehr er auch schnupperte und suchte.

Als der Wolf genug hatte, trollte er sich zur Tür hinaus, legte sich draußen auf die grüne Wiese unter einen Baum und schlief ein. Sein Bauch war rund und schwer, und er schnarchte so laut, dass die Vögel aus den Zweigen aufflogen.

Nicht lange danach kam die alte Geiß aus dem Wald zurück. Ach, was musste sie sehen! Die Haustür stand sperrweit offen. Tisch, Stühle und Bänke waren umgeworfen, die Waschschüssel lag in Scherben, Decke und Kissen waren aus dem Bett gezogen. „Wo seid ihr?“, rief die Geiß. Sie rief ihre Kinder der Reihe nach bei Namen, aber niemand antwortete. Erst als sie das jüngste aufrief, kam eine feine, leise Stimme aus dem Uhrkasten: „Liebe Mutter, ich stecke hier drin!“ Schnell holte die Geiß ihr jüngstes Kind heraus. Es zitterte und erzählte, dass der Wolf gekommen war und alle Geschwister gefressen hatte. Da setzte sich die alte Geiß auf den Boden und weinte um ihre Kinder.

Endlich stand sie auf und ging in ihrem Kummer hinaus auf die Wiese, und das jüngste Geißlein lief mit. Da lag der Wolf unter dem Baum und schnarchte, dass die Äste zitterten. Die Geiß betrachtete ihn von allen Seiten. Plötzlich entdeckte sie etwas Seltsames: In seinem runden Bauch regte und zappelte es, als wäre dort drinnen Leben. „Ach Gott“, dachte sie, „sollten meine armen Kinder, die er hinuntergeschluckt hat, noch am Leben sein?“ Ihr Herz klopfte vor Hoffnung.

Da musste das Geißlein nach Hause laufen und Schere, Nadel und Zwirn holen. Ganz behutsam öffnete die Geiß dem schlafenden Wolf den Bauch. Kaum hatte sie den ersten Schnitt gemacht, da streckte schon ein Geißlein den Kopf heraus. Und als sie weiterschnitt, sprangen nacheinander alle sechs heraus. Sie waren alle am Leben und hatten sich nicht einmal verletzt, denn der Wolf hatte sie in seiner Gier ganz hinuntergeschluckt. Was war das für eine Freude! Die Geißlein herzten ihre Mutter und hüpften und tanzten wie die Schneider bei einer Hochzeit.

„Jetzt holt schnell Wackersteine“, sagte die alte Geiß. „Wir füllen dem gottlosen Tier den Bauch, solange es noch schläft.“ Die sieben Geißlein liefen los und schleppten Steine herbei, so viele sie tragen konnten. Sie steckten sie dem Wolf in den Bauch, bis kein Platz mehr frei war, und die Mutter nähte ihn in aller Eile wieder zu. Der Wolf merkte nichts und regte sich nicht.

Als der Wolf endlich ausgeschlafen hatte, stand er auf. Die schweren Steine im Magen machten ihn sehr durstig, und so trottete er zum Brunnen, um Wasser zu trinken. Bei jedem Schritt stießen die Steine in seinem Bauch aneinander und rappelten. Da brummte er vor sich hin:

„Was rumpelt und pumpelt
in meinem Bauch herum?
Ich meinte, es wären sechs Geißlein,
so sind’s lauter Wackerstein.“

Der Wolf und die sieben Geißlein: Die Geißlein tanzen mit ihrer Mutter fröhlich im Kreis um den Brunnen – Märchen für Kinder.

Dann beugte er sich über das Wasser und wollte trinken. Da zogen ihn die schweren Steine hinunter in den Brunnen, und der Wolf ging unter und kam nicht wieder herauf. Die sieben Geißlein kamen herbeigelaufen und riefen laut: „Der Wolf ist tot! Der Wolf ist tot!“ Dann fassten sie sich an den Händen und tanzten mit ihrer Mutter vor Freude um den Brunnen herum. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Dieses Märchen mit dem Namen eures KindesDie Gute-Nacht-Geschichte, in der euer Kind selbst die Hauptrolle spielt – mit ruhigem Tempo und leiser Musik.Jetzt Geschichte erstellen

Der Wolf und die sieben Geißlein – Kurzfassung

Eine alte Geiß muss in den Wald und lässt ihre sieben Geißlein allein zu Hause. Sie warnt sie vor dem Wolf, der sich gern verstellt. Zweimal scheitert der Wolf: Die Geißlein erkennen seine raue Stimme und die schwarze Pfote. Beim dritten Versuch lässt er sich Teig und Mehl auf die Pfote streichen und täuscht sie damit. Er frisst sechs Geißlein, das jüngste versteckt sich im Uhrkasten. Die heimkehrende Mutter findet es, öffnet dem schlafenden Wolf den Bauch und befreit ihre Kinder. Gemeinsam füllen sie Steine in seinen Bauch; als der Wolf trinken will, ziehen ihn die Steine in den Brunnen.

Die Figuren

Das Märchen kommt mit wenigen Figuren aus: einer Mutter, ihren sieben Kindern, einem Wolf und drei Handwerkern. Hier sind sie kurz vorgestellt.

  • Die alte Geiß – Die Mutter der sieben Geißlein; sie warnt ihre Kinder vor dem Wolf, weint um sie und befreit sie am Ende aus dem Bauch des Wolfes.
  • Die sieben Geißlein – Die Kinder der Geiß; sie bleiben allein zu Hause, verstecken sich vor dem Wolf und werden bis auf das jüngste gefressen.
  • Das jüngste Geißlein – Das kleinste der sieben; es versteckt sich im Kasten der Wanduhr, entgeht dem Wolf und erzählt der Mutter, was geschehen ist.
  • Der Wolf – Der Bösewicht, der ins Haus will; er macht seine Stimme fein und lässt sich die Pfote weiß machen, wird aber am Brunnen von den Steinen hinuntergezogen.
  • Der Krämer – Ein Händler, bei dem der Wolf ein großes Stück Kreide kauft, um seine raue Stimme fein zu machen.
  • Der Bäcker – Er bestreicht dem Wolf die Pfote mit Teig, ohne nachzufragen.
  • Der Müller – Er weigert sich zuerst, bestreut die Pfote dann aber mit Mehl, weil der Wolf ihm droht.

Was lernen Kinder daraus?

Das Märchen erzählt von Vorsicht, Gehorsam und davon, wie eine Familie wieder zusammenfindet. Die Geißlein kennen die Warnung ihrer Mutter genau, und trotzdem öffnen sie am Ende die Tür – weil der Wolf sich geschickt verkleidet. Kinder erleben dabei, dass Regeln nicht erfunden werden, um sie zu ärgern, sondern um sie zu schützen; in der Märchenforschung gilt die Geschichte als frühes Beispiel für ein Märchen, in dem es um das Hören auf die Eltern geht1. Zugleich zeigt die Geschichte, dass eine Mutter ihre Kinder nicht aufgibt: Die alte Geiß handelt, statt nur zu weinen, und holt sie zurück. Der Müller steht für einen Menschen, der aus Angst etwas tut, das er eigentlich ablehnt. Am schönsten ist der Schluss: Die sieben Geißlein sind gemeinsam stark, und der Wolf verliert.

Herkunft und Entstehung

Der Wolf und die sieben jungen Geislein steht in den Kinder- und Haus-Märchen der Brüder Grimm an Stelle 5 und gehört zum Märchentyp ATU 1231. Das Märchen gilt als bekanntes Tiermärchen1. Diese Seite folgt dem Text der Ausgabe von 1857, der siebten Auflage und Ausgabe letzter Hand; Jacob Grimm starb 1863, Wilhelm Grimm 1859.

Grimms Anmerkung verrät, woher der Stoff kommt: „Aus der Maingegend“, vermutlich aus der Familie Hassenpflug1. Ab der fünften Auflage wurde das Märchen durch „Die sieben Gaislein“ in August Stöbers Elsässisches Volksbüchlein (1842, Nr. 242) beeinflusst1. Ludwig Bechstein übernahm es nach Stöber in sein Deutsches Märchenbuch als „Die sieben Geißlein“ (1845 Nr. 56, 1853 Nr. 47)1. Die Auflage letzter Hand von 1857 erzählt besonders nach der Rückkehr der Geißenmutter lebendiger und enthält den Ausspruch des Wolfes am Brunnen1.

Älter als die Grimmsche Fassung ist die Fabel vom Wolf und den Geißlein: Sie war schon dem griechischen Fabeldichter Äsop bekannt1. Heinrich Steinhöwels Ausgabe von etwa 1476/1477 erzählt von einem Kitz, das nicht öffnet und deshalb verschont bleibt1; das früheste Beispiel findet sich im Liber fabulorum Aesopi des Romulus aus dem 5. Jahrhundert1.

Das Märchen ist in vielen Sprachen verbreitet, unter anderem im griechischen, litauischen, lettischen, ukrainischen, russischen, tschechischen, slowakischen, französischen, rumänischen, türkischen und mongolischen Sprachraum sowie in Pakistan1. Allein in Litauen sind 120 Varianten bekannt1. Der Ausgang ist oft anders: In einer ukrainischen Variante erschlägt ein Schmied den Wolf1, in einer slowakischen Aufzeichnung lässt sich der Wolf vom Schmied die Kehle bearbeiten, um feiner zu klingen1.

Der Wolf und die sieben Geißlein – Märchen-Text

Es war einmal eine alte Geis, die hatte sieben junge Geislein, und hatte sie lieb, wie eine Mutter ihre Kinder lieb hat. Eines Tages wollte sie in den Wald gehen und Futter holen, da rief sie alle sieben herbei und sprach „liebe Kinder, ich will hinaus in den Wald, seid auf eurer Hut vor dem Wolf, wenn er herein kommt, so frißt er Euch alle mit Haut und Haar. Der Bösewicht verstellt sich oft, aber an seiner rauhen Stimme und an seinen schwarzen Füßen werdet ihr ihn gleich erkennen.“ Die Geislein sagten, „liebe Mutter, wir wollen uns schon in Acht nehmen, Ihr könnt ohne Sorge fortgehen.“ Da meckerte die Alte und machte sich getrost auf den Weg.

Es dauerte nicht lange, so klopfte jemand an die Hausthür und rief „macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von Euch etwas mitgebracht.“ Aber die Geiserchen hörten an der rauhen Stimme daß es der Wolf war, „wir machen nicht auf,“ riefen sie, „du bist unsere Mutter nicht, die hat eine feine und liebliche Stimme, aber deine Stimme ist rauh; du bist der Wolf.“ Da gieng der Wolf fort zu einem Krämer, und kaufte sich ein großes Stück Kreide: die aß er und machte damit seine Stimme fein. Dann kam er zurück, klopfte an die Hausthür und rief „macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von Euch etwas mitgebracht.“ Aber der Wolf hatte seine schwarze Pfote in das Fenster gelegt, das sahen die Kinder und riefen „wir machen nicht auf, unsere Mutter hat keinen schwarzen Fuß, wie du: du bist der Wolf.“ Da lief der Wolf zu einem Bäcker und sprach „ich habe mich an den Fuß gestoßen, streich mir Teig darüber.“ Und als ihm der Bäcker die Pfote bestrichen hatte, so lief er zum Müller und sprach „streu mir weißes Mehl auf meine Pfote.“ Der Müller dachte „der Wolf will einen betrügen“ und weigerte sich, aber der Wolf sprach „wenn du es nicht thust, so fresse ich dich.“ Da fürchtete sich der Müller und machte ihm die Pfote weiß. Ja, das sind die Menschen.

Nun gieng der Bösewicht zum drittenmal zu der Hausthüre, klopfte an und sprach „macht mir auf, Kinder, euer liebes Mütterchen ist heim gekommen und hat jedem von Euch etwas aus dem Walde mitgebracht.“ Die Geiserchen riefen „zeig uns erst deine Pfote, damit wir wissen daß du unser liebes Mütterchen bist.“ Da legte er die Pfote ins Fenster, und als sie sahen daß sie weiß war, so glaubten sie es wäre alles wahr, was er sagte, und machten die Thüre auf. Wer aber hereinkam, das war der Wolf. Sie erschraken und wollten sich verstecken. Das eine sprang unter den Tisch, das zweite ins Bett, das dritte in den Ofen, das vierte in die Küche, das fünfte in den Schrank, das sechste unter die Waschschüssel, das siebente in den Kasten der Wanduhr. Aber der Wolf fand sie alle und machte nicht langes Federlesen: eins nach dem andern schluckte er in seinen Rachen; nur das jüngste in dem Uhrkasten das fand er nicht. Als der Wolf seine Lust gebüßt hatte, trollte er sich fort, legte sich draußen auf der grünen Wiese unter einen Baum und fieng an zu schlafen.

Nicht lange danach kam die alte Geis aus dem Walde wieder heim. Ach, was mußte sie da erblicken! Die Hausthüre stand sperrweit auf: Tisch, Stühle und Bänke waren umgeworfen, die Waschschüssel lag in Scherben, Decke und Kissen waren aus dem Bett gezogen. Sie suchte ihre Kinder, aber nirgend waren sie zu finden. Sie rief sie nacheinander bei Namen, aber niemand antwortete. Endlich als sie an das jüngste kam, da rief eine feine Stimme „liebe Mutter, ich stecke im Uhrkasten.“ Sie holte es heraus, und es erzählte ihr daß der Wolf gekommen wäre und die andern alle gefressen hätte. Da könnt ihr denken wie sie über ihre armen Kinder geweint hat.

Endlich gieng sie in ihrem Jammer hinaus, und das jüngste Geislein lief mit. Als sie auf die Wiese kam, so lag da der Wolf an dem Baum und schnarchte daß die Äste zitterten. Sie betrachtete ihn von allen Seiten, und sah daß in seinem angefüllten Bauch sich etwas regte und zappelte. „Ach Gott,“ dachte sie, „sollten meine armen Kinder, die er zum Abendbrot hinunter gewürgt hat, noch am Leben sein?“ Da mußte das Geislein nach Haus laufen und Scheere, Nadel und Zwirn holen. Dann schnitt sie dem Ungethüm den Wanst auf, und kaum hatte sie einen Schnitt gethan, so streckte schon ein Geislein den Kopf heraus, und als sie weiter schnitt, so sprangen nacheinander alle sechse heraus, und waren noch alle am Leben, und hatten nicht einmal Schaden gelitten, denn das Ungethüm hatte sie in der Gier ganz hinunter geschluckt. Das war eine Freude! Da herzten sie ihre liebe Mutter, und hüpften wie ein Schneider, der Hochzeit hält. Die Alte aber sagte „jetzt geht und sucht Wackersteine, damit wollen wir dem gottlosen Thier den Bauch füllen, so lange es noch im Schlafe liegt.“ Da schleppten die sieben Geiserchen in aller Eile die Steine herbei und steckten sie ihm in den Bauch, so viel sie hinein bringen konnten. Dann nähte ihn die Alte in aller Geschwindigkeit wieder zu, daß er nichts merkte und sich nicht einmal regte.

Als der Wolf endlich ausgeschlafen hatte, machte er sich auf die Beine, und weil ihm die Steine im Magen so großen Durst erregten, so wollte er zu einem Brunnen gehen und trinken. Als er aber anfieng zu gehen und sich hin und her zu bewegen, so stießen die Steine in seinem Bauch aneinander und rappelten. Da rief er

„was rumpelt und pumpelt
in meinem Bauch herum?
ich meinte es wären sechs Geislein,
so sinds lauter Wackerstein.“

Und als er an den Brunnen kam und sich über das Wasser bückte und trinken wollte, da zogen ihn die schweren Steine hinein, und er mußte jämmerlich ersaufen. Als die sieben Geislein das sahen, da kamen sie herbei gelaufen, riefen laut „der Wolf ist todt! der Wolf ist todt!“ und tanzten mit ihrer Mutter vor Freude um den Brunnen herum.

Text: Jacob und Wilhelm Grimm, Quelle: Der Wolf und die sieben jungen Geislein (1857), de.wikisource.org – Kinder- und Haus-Märchen Band 1, Große Ausgabe, S. 26–29, 7. Auflage (Ausgabe letzter Hand), KHM 5. Fassung: Originalschreibweise der Ausgabe 1857.

Fragen zum Gespräch mit eurem Kind

Nach dem Vorlesen oder Anhören könnt ihr gemeinsam über die Geschichte sprechen. Beim Vorlesen darf es ruhig ein kleines Hörspiel werden: Für den Wolf passt eine tiefe Stimme, für die Geißlein eine feine. Die folgenden Fragen sind offen gemeint – falsche Antworten gibt es nicht.

  • Warum machen die Geißlein dem Wolf nicht gleich die Tür auf – und woran erkennen sie ihn?
  • Wie fühlt sich das jüngste Geißlein wohl, als es ganz allein im Uhrkasten sitzt?
  • Was würdest du tun, wenn du eines der Geißlein wärst und es an der Tür klopft?
  • Warum hilft der Müller dem Wolf, obwohl er weiß, dass es nicht richtig ist?
  • Was gefällt dir am Ende der Geschichte am besten?

Ähnliche Geschichten

Wenn euch dieses Märchen gefallen hat, findet ihr bei uns noch mehr Geschichten zum Vorlesen und Anhören.

Quellen

  1. Der Wolf und die sieben jungen Geißlein · abgerufen am 11.10.2026
  2. Der Wolf und die sieben jungen Geislein | Kinder- und Haus-Märchen Band 1, Große Ausgabe. S. 26-29, 7. Auflage (Ausgabe letzter Hand), 1857 · abgerufen am 11.10.2026
Fachliche PrüfungJosef MaierKinder- und Jugendpädagoge · Diplom-Sozialpädagoge (FH)Fachlich geprüft am von Josef Maier
TextRedaktion Schnuller.deZuletzt aktualisiert am

Mehr zum Thema

Alle Seiten zu diesem Thema findet ihr in der Übersicht Märchen.