Die Schneekönigin – das Märchen zum Vorlesen und Anhören

- Jahr
- 1844
- Alter ab
- 7
- Autor/Herkunft
- Hans Christian Andersen (Dänemark, Kunstmärchen)
Neu erzählt nach Hans Christian Andersen (Dänisch, 1844)
Die Schneekönigin – das Märchen zum Vorlesen
Erste Geschichte: Der Zauberspiegel
Es war einmal ein böser Troll, einer der schlimmsten, die es gab. Eines Tages war er gut gelaunt, denn er hatte einen Spiegel gebaut, der etwas Seltsames konnte: Alles Gute und Schöne, das sich darin zeigte, schrumpfte zu fast nichts zusammen. Was nichts taugte und hässlich aussah, trat dafür deutlich hervor und wurde noch schlimmer. Die herrlichsten Landschaften sahen darin aus wie gekochter Spinat, und die freundlichsten Menschen wurden unkenntlich.
Der Troll hielt sogar eine Schule für kleine Kobolde. Seine Schüler liefen mit dem Spiegel durch die Welt und behaupteten, nun könne man endlich sehen, wie die Menschen wirklich seien. Zum Schluss wollten sie zum Himmel fliegen und sich über die Engel und Gott lustig machen. Je höher sie stiegen, desto schrecklicher grinste der Spiegel. Da zitterte er so heftig, dass er ihnen aus den Händen fiel und auf die Erde stürzte. Dort zersprang er in hundert Millionen Stücke und noch mehr.
Gerade das richtete den größten Schaden an. Manche Splitter waren kaum größer als ein Sandkorn, und sie flogen um die ganze Welt. Traf so ein Splitter ein Auge, dann sah der Mensch alles verkehrt und entdeckte nur noch, was an einer Sache falsch war. Traf er ein Herz, dann wurde das Herz kalt wie ein Eisklumpen.
Zweite Geschichte: Kay und Gerda
In einer großen Stadt, in der so viele Häuser und Menschen wohnten, dass kaum jemand einen Garten hatte, lebten zwei Kinder in zwei Dachkammern, die einander gegenüberlagen. Bruder und Schwester waren sie nicht, aber sie mochten sich, als wären sie es. Der Junge hieß Kay, das Mädchen Gerda. Vor jedem Fenster stand ein Blumenkasten mit Kräutern und einem kleinen Rosenstock. Im Sommer reichten sich die Rosen fast über die Dachrinne hinweg, und Kay und Gerda saßen auf ihren Schemeln unter den Blüten und spielten.
Im Winter froren die Fenster zu. Die Kinder wärmten Kupfermünzen am Ofen und legten sie auf die Scheiben, bis runde Gucklöcher entstanden. Durch diese Löcher schauten sie einander an, während draußen der Schnee wirbelte.

„Das sind die weißen Bienen, die schwärmen“, sagte die Großmutter.
„Haben sie auch eine Königin?“, fragte Kay, denn er wusste, dass es bei den echten Bienen eine gibt.
„Die haben sie“, sagte die Großmutter. „Man nennt sie die Schneekönigin. In manchen Winternächten fliegt sie durch die Straßen, und wenn sie zu einem Fenster hineinschaut, friert es zu.“
„Kann die Schneekönigin hier hereinkommen?“, fragte Gerda.
„Lasst sie nur kommen“, sagte Kay. „Dann setze ich sie auf den warmen Ofen, und sie schmilzt.“ Die Großmutter strich ihm über das Haar und erzählte eine andere Geschichte.
Dann kam ein Abend, an dem Kay halb ausgezogen am Fenster saß und hinausschaute. Eine große Schneeflocke fiel auf den Rand des Blumenkastens und wuchs. Schließlich stand eine Dame im Schnee: hoch, schlank und weiß glänzend, mit Augen wie zwei klare Sterne. Die Dame nickte ihm zu und winkte. Kay erschrak und sprang vom Stuhl.
Im nächsten Sommer geschah das Unglück. Kay und Gerda saßen über einem Bilderbuch, da spürte Kay einen Stich im Herzen und etwas im Auge. „Au!“, rief er. „Es hat mich ins Herz gestochen, und nun habe ich etwas ins Auge bekommen!“ Gerda hielt ihn fest, doch sie konnte nichts sehen. Es waren Splitter des Zauberspiegels.
Von da an fand Kay alles Schöne hässlich. Er riss die Rosen ab und behauptete, sie seien wurmig. Er verspottete Gerda und ahmte die Leute nach, bis alle über ihn lachten. Sein Herz war zu einem Eisklumpen geworden.
Im Winter war es der größte Spaß der Kinder, ihre kleinen Schlitten an vorbeifahrende Wagen zu hängen. Da kam ein großer weißer Schlitten. Kay band seinen Schlitten daran fest und fuhr mit, immer schneller, bis aus der Stadt hinaus. Als der Schlitten endlich hielt, erhob sich die Dame, die ihn fuhr. Es war die Schneekönigin. Die Schneekönigin setzte Kay zu sich, wickelte ihn in ihren weißen Pelz und küsste ihn auf die Stirn.
Der Kuss war kälter als Eis und ging ihm gerade ins Herz. Doch nur einen Augenblick lang tat es weh, dann spürte Kay die Kälte nicht mehr. Er hatte Gerda, die Großmutter und alle daheim vergessen. „Nun bekommst du keine Küsse mehr“, sagte die Schneekönigin, „sonst wäre es zu viel für dich.“ Über Wälder und Seen ging der Flug, über Länder und Meere, hoch hinauf zur schwarzen Wolke. Am Tag schlief Kay zu ihren Füßen.
Dritte Geschichte: Der Blumengarten der alten Frau
Wie erging es Gerda, als Kay nicht mehr kam? Niemand wusste, wo er geblieben war. Die Kinder in der Stadt sagten, er sei im Fluss versunken. Gerda weinte viele lange Wintertage. Doch als der Frühling kam, flüsterte der Sonnenschein: „Kay ist nicht tot.“ Auch die Schwalben glaubten es nicht. Da zog Gerda ihre neuen roten Schuhe an, die Kay noch nie gesehen hatte.
Gerda ging zum Fluss und warf die Schuhe hinein. „Wenn du mir Kay zurückbringst, schenke ich dir meine roten Schuhe!“, rief sie. Die Wellen trugen die Schuhe wieder ans Ufer, als wollten sie sie nicht. Da stieg Gerda in ein kleines Boot, das im Schilf lag, um die Schuhe weiter hinauszuwerfen. Das Boot war nicht festgebunden und glitt mit ihr davon.
Der Fluss trug sie an grünen Ufern entlang, an Wiesen und Weiden, bis sie zu einem Haus mit roten und blauen Fenstern kam. Eine alte Frau trat heraus, stützte sich auf einen Stock und zog das Boot ans Land. „Du armes Kind“, sagte sie, „wie kommst du nur in den großen Fluss?“
Gerda erzählte ihr alles und fragte nach Kay. Die Alte schüttelte den Kopf. Kay sei nicht vorbeigekommen, aber sicher komme er noch. Dann gab sie Gerda Kirschen und kämmte ihr Haar mit einem goldenen Kamm, und Gerda wurde warm und leicht ums Herz. Dabei vergaß sie Kay immer mehr.
Die alte Frau konnte zaubern, böse war sie aber nicht. Sie wollte Gerda nur bei sich behalten. Deshalb ließ sie alle Rosensträucher in den Gartenboden sinken, damit Gerda nicht an die Rosen daheim und an Kay denken konnte. Täglich spielte Gerda in einem Garten, in dem Blumen aus allen Jahreszeiten blühten. Wochen und Monate vergingen.
Eines Tages sah Gerda die Blumen auf dem Sonnenhut der Alten: eine gemalte Rose. „Gibt es hier keine Rosen?“, rief sie und suchte den ganzen Garten ab. Sie fand keine und weinte. Ihre heißen Tränen fielen auf die Stelle, wo ein Rosenstrauch versunken war. Da schoss der Strauch wieder aus der Erde, blühend wie zuvor. Gerda küsste die Rosen und dachte an Kay.
Nun fragte Gerda die Blumen nach ihm. Die Blumen erzählten von einem Herzen, das heißer brennt als Flammen, von einem Fräulein am Burgfenster, von einem Mädchen auf einer Schaukel, von drei Schwestern im Mondlicht. Keine wusste etwas von Kay. Da lief Gerda barfuß davon. Draußen war es Herbst geworden, kalt und grau, und die Blätter fielen von den Bäumen.
Vierte Geschichte: Prinz und Prinzessin
Gerda setzte sich auf einen Stein, um zu ruhen. Da hüpfte eine große Krähe herbei und rief: „Kra, kra! Guten Tag!“ Die Krähe fragte, wohin Gerda so allein gehe, und Gerda erzählte ihr von Kay.
Die Krähe nickte bedächtig. „Das könnte sein! Das könnte sein! Ich glaube, ich weiß etwas“, sagte sie und erzählte von einem Königreich, in dem eine kluge Prinzessin lebte. Die Prinzessin wünschte sich einen Mann, der reden und zuhören konnte. In der ganzen Stadt wurde bekannt gegeben, dass jeder junge Mann auf das Schloss kommen dürfe. Wer am besten sprach, sollte ihr Gemahl werden.
Viele kamen, aber die meisten verstummten, sobald sie die silbernen Wachen und die goldenen Diener sahen. Am dritten Tag kam ein junger Mann, der weder Wagen noch Pferd hatte. Seine Kleidung war einfach, doch er fürchtete sich nicht. Er ging die Treppe hinauf, sprach freundlich mit der Prinzessin, und sie mochte ihn.
„Das war Kay!“, rief Gerda. „Er konnte sogar Kopfrechnen mit Brüchen!“ Gerda bat die Krähe, sie ins Schloss zu führen. Die Krähe hatte eine zahme Freundin, die im Schloss lebte, und diese kannte eine kleine Hintertreppe.
In der Nacht schlichen die drei in das Schlafgemach. Dort standen zwei Betten, die aussahen wie Lilien: eines weiß, eines rot. Gerda beugte sich über das rote Bett und rief Kays Namen. Der Schläfer drehte sich um – und es war nicht Kay. Es war ein Prinz, jung und freundlich, und aus dem weißen Bett schaute die Prinzessin hervor.
Gerda weinte und erzählte ihre Geschichte. Prinz und Prinzessin staunten, wie viel sie schon erlebt hatte. Die beiden gaben den Krähen eine Stelle am Hof und schenkten Gerda warme Stiefel, einen Muff und eine goldene Kutsche mit Kutscher und Dienern. „Fahre nach Norden und finde deinen Kay“, sagten sie. Und Gerda fuhr davon.
Fünfte Geschichte: Das Räubermädchen
Durch einen dunklen Wald leuchtete die goldene Kutsche wie eine Fackel. Das gefiel den Räubern nicht. Die Räuber hielten die Pferde an, erschreckten die Diener und zogen Gerda aus dem Wagen.
„Die ist gut genährt!“, sagte die Räubermutter und griff nach ihrem Messer. Doch im selben Augenblick biss ihr ein Mädchen ins Ohr. Es war die Tochter der Räuberin, wild und stolz. „Sie soll mit mir spielen!“, rief sie. „Sie gibt mir ihren Muff und ihr schönes Kleid und schläft in meinem Bett!“ Alle lachten über das wilde Mädchen, und die Mutter steckte das Messer weg.
Gerda musste mit in die Räuberhöhle, tief im Wald, wo ein Feuer brannte und ein Kessel kochte. Das Räubermädchen war stark und dunkeläugig, aber nicht böse. „Dir soll nichts geschehen, solange ich nicht böse auf dich bin“, sagte sie. „Bist du eine Prinzessin?“ „Nein“, sagte Gerda und erzählte von Kay.
In einer Ecke saßen mehr als hundert Tauben auf ihren Stangen. Über Gerda flüsterten sie: „Kurre, kurre! Wir haben Kay gesehen. Ein weißes Huhn trug seinen Schlitten, und er saß im Wagen der Schneekönigin, der tief über den Wald flog.“
„Wohin reiste sie?“, rief Gerda. „Nach Lappland, wo immer Schnee und Eis ist“, sagten die Tauben. In der Ecke stand ein Rentier angebunden. Es sagte: „Die Schneekönigin hat ihr Sommerzelt in Lappland. Ihr festes Schloss steht aber weit oben im Norden, auf der Insel Spitzbergen.“
Am Morgen, als die Räubermutter schlief, löste das Räubermädchen das Rentier los. „Lauf nach Lappland und bring dieses Mädchen zum Schloss der Schneekönigin“, sagte sie. Dann zog sie Gerda warme Stiefel an, band ihr die großen Fäustlinge ihrer Mutter um, packte Brot und Schinken ein und hob Gerda auf den Rücken des Rentiers. „Lauf, aber pass gut auf sie auf!“ Gerda streckte die Arme aus und sagte Lebewohl. Dann flog das Rentier über Stock und Stein davon, durch Wald und Sumpf, immer nach Norden.
Sechste Geschichte: Die Lappin und die Finnin
Nach langer Reise hielten sie an einem kleinen Haus. Darin stand eine alte Lappin und briet Fisch. Das Rentier erzählte ihr Gerdas Geschichte.
„Ach, ihr Armen!“, sagte die Lappin. „Ihr habt noch weit zu laufen. Über hundert Meilen weit müsst ihr nach Finnmarken, denn da wohnt die Schneekönigin auf dem Land. Papier habe ich nicht, aber ich schreibe ein paar Worte auf einen getrockneten Stockfisch. Den bringt der Finnin dort oben, sie weiß besser Bescheid als ich.“
Dann wärmte sie Gerda, gab ihr zu essen und band sie wieder auf das Rentier. Nach vielen Stunden erreichten die beiden das Haus der Finnin, das so klein war, dass man an den Schornstein klopfen musste. Drinnen war es heiß. Die Finnin las, was auf dem Stockfisch stand, und hörte sich Gerdas Geschichte dreimal an.
Das Rentier fragte: „Kannst du dem Mädchen einen Trank geben, dass es die Kraft von zwölf Männern bekommt und die Schneekönigin besiegt?“
Die Finnin schüttelte den Kopf. „Der kleine Kay ist bei der Schneekönigin und glaubt, dort sei es am besten“, sagte sie. „Das kommt von dem Glassplitter im Herzen und dem Körnchen im Auge. Die müssen erst heraus, sonst behält die Schneekönigin die Macht über ihn.“ Dann sah die Finnin Gerda lange an. „Größere Kraft als sie kann ich ihr nicht geben. Siehst du nicht, wie Menschen und Tiere ihr helfen? Ihre Kraft sitzt in ihrem Herzen. Sie ist ein liebes, unschuldiges Kind.“
Danach setzte sie Gerda auf das Rentier. „Zwei Meilen von hier beginnt der Garten der Schneekönigin. Setz sie bei dem großen Busch mit den roten Beeren ab und komm schnell zurück!“
Das Rentier lief, so schnell es konnte, bis zu dem Busch. Dort ließ es Gerda absteigen, küsste sie auf den Mund, und große Tränen rollten ihm über die Wangen. Dann lief es zurück. Gerda stand ohne Schuhe und ohne Handschuhe in der eisigen Kälte.
Gerda lief vorwärts, so schnell sie konnte. Da kam ein ganzes Regiment Schneeflocken auf sie zu. Die Flocken fielen nicht vom Himmel, denn der Himmel war klar und leuchtete in Nordlichtern. Die Flocken liefen über die Erde und wurden immer größer. Und sie lebten: Es waren die Vorposten der Schneekönigin, manche sahen aus wie stachelige Tiere, andere wie Schlangenknäuel, wieder andere wie kleine Bären mit struppigem Fell.
Da betete Gerda. Ihr Atem wurde zu kleinen Engeln mit Helm, Spieß und Schild. Immer mehr Engel wuchsen aus diesem Atem, und als Gerda fertig gebetet hatte, stand eine ganze Schar um sie. Die Engel stachen mit ihren Spießen in die Schneeflocken, bis diese zersprangen. Gerda ging sicher und mutig weiter zum Schloss der Schneekönigin.
Siebte Geschichte: Im Schloss der Schneekönigin
Die Wände des Schlosses waren aus treibendem Schnee, Fenster und Türen aus schneidenden Winden. Es gab über hundert Säle, so groß, so leer, so eisig kalt und so glänzend, dass sie im Licht der Nordlichter flimmerten. Mitten im größten Saal lag ein zugefrorener See, der in tausend Stücke gesprungen war. Jedes Stück glich dem anderen aufs Haar. Dort saß die Schneekönigin, wenn sie zu Hause war, und sagte, sie sitze im Spiegel des Verstandes.
Kay war blau vor Kälte, fast schwarz. Er spürte es nicht, denn sein Herz war ein Eisklumpen. Er schleppte flache Eisstücke hin und her und legte sie zu Figuren. Es war das Eisspiel des Verstandes. Kay versuchte, das Wort „Ewigkeit“ zu legen. Die Schneekönigin hatte ihm versprochen: „Kannst du diese Figur legen, dann bist du dein eigener Herr, und ich schenke dir die ganze Welt und ein Paar neue Schlittschuhe.“ Doch er konnte es nicht.
Eines Tages sagte die Schneekönigin: „Ich fliege in die warmen Länder und schaue in die schwarzen Töpfe hinein.“ Damit meinte sie die Feuerberge. „Ich mache sie ein wenig weiß. Das tut den Zitronen und Weintrauben gut.“ Und schon flog sie davon. Kay blieb allein in dem viele Meilen langen, leeren Eissaal.
Da trat Gerda durch das große Tor. Die schneidenden Winde legten sich, als sie betete. Gerda ging durch die kalten Säle, bis sie Kay sah. Gerda erkannte ihn, lief zu ihm und rief: „Kay! Lieber, kleiner Kay! Endlich habe ich dich gefunden!“
Doch Kay saß still, steif und kalt. Er rührte sich nicht. Da weinte Gerda heiße Tränen, die fielen auf seine Brust und drangen in sein Herz. Die Tränen tauten den Eisklumpen auf und lösten den Splitter darin.
Da brach auch Kay in Tränen aus, so sehr, dass der Glassplitter aus seinem Auge rollte. „Gerda! Süße, kleine Gerda!“, rief er. „Wo bist du so lange gewesen? Und wo bin ich gewesen?“ Er sah sich um. „Wie kalt ist es hier! Wie leer und weit!“ Er hielt Gerda fest, und die beiden lachten und weinten vor Freude. Selbst die Eisstücke tanzten vor Glück. Als sie müde wurden und sich niederlegten, lagen sie genau in den Buchstaben, die das Wort „Ewigkeit“ bildeten. Nun war Kay sein eigener Herr, und die Schneekönigin hatte keine Macht mehr über ihn.
Gerda küsste seine Wangen, und sie wurden rot. Gerda küsste seine Augen, und sie leuchteten. Dann küsste sie seine Hände und Füße, und Kay war gesund und munter. Hand in Hand gingen die beiden aus dem Schloss. Draußen wartete das Rentier, mit einem jungen Rentier an seiner Seite. Die beiden gaben Kay und Gerda warme Milch.
Zurück ging es zur Finnin und dann zur Lappin, die ihnen neue Kleider genäht hatte. An der Grenze des Landes, wo schon das erste Grün spross, nahmen sie Abschied von den Rentieren. Da kam eine junge Frau auf einem Pferd geritten, mit einer roten Mütze und Pistolen im Gürtel: das Räubermädchen. Es freute sich sehr, Gerda zu sehen. „Du bist mir eine schöne Wanderin!“, rief es Kay zu und musste lachen.
Und dann kamen Kay und Gerda in die große Stadt, erkannten die hohen Türme und stiegen die Treppe zur Dachkammer hinauf. In der Stube stand alles wie früher, und die Uhr tickte. Die Rosen vor dem Dachfenster blühten herein, und die Großmutter saß im Sonnenschein und las laut aus der Bibel. Kay und Gerda setzten sich auf ihre kleinen Stühle und hielten einander bei den Händen. Erwachsen waren sie geworden und doch Kinder geblieben, Kinder im Herzen. Und draußen war Sommer, der warme, gesegnete Sommer.
Die Schneekönigin in Kürze
Alles beginnt mit einem Zauberspiegel, den ein böser Troll gebaut hat: Er lässt das Schöne klein und das Hässliche groß erscheinen1. Als der Spiegel zerspringt, treffen zwei Splitter den Jungen Kay – einer ins Herz, einer ins Auge1. Kay findet Gerda und alles Vertraute nur noch hässlich und lässt sich im Winter von der Schneekönigin in ihr Eisschloss entführen1. Im Frühling macht sich Gerda auf die Suche. Unterwegs trifft sie auf einen Blumengarten, zwei Krähen, ein Prinzenpaar, ein Räubermädchen und zwei weise Frauen, bis sie Kay in einem Saal aus Eis findet und mit ihren Tränen sein Eisklumpenherz auftaut1.
Die Figuren
- Kay: Junge aus der Dachkammer, den ein Splitter des Zauberspiegels ins Herz trifft und den die Schneekönigin mitnimmt.
- Gerda: Kays Spielgefährtin, die ihn im Frühling sucht und mit ihren heißen Tränen sein Eisklumpenherz auftaut.
- Die Großmutter: erzählt den Kindern von den weißen Bienen und von der Schneekönigin; am Ende liest sie in der Bibel.
- Die Schneekönigin: schöne, eisige Herrscherin, die im Winter im weißen Schlitten durch die Stadt fährt und Kay in ihrem Schloss behält.
- Der böse Troll: baut den Zauberspiegel, der alles Schöne klein und alles Hässliche groß macht.
- Die alte Frau im Blumengarten: zaubert einen Garten mit Blumen aus allen Jahreszeiten und lässt Gerda Kay vergessen.
- Die Krähe: bringt Gerda zum Schloss des Prinzen und bittet ihre zahme Freundin um Hilfe.
- Die Hofkrähe: kennt die Hintertreppe ins Schloss und führt Gerda in die Schlafkammer.
- Der Prinz: ähnelt Kay im Nacken, ist aber nicht Kay; er nimmt Gerda freundlich auf.
- Die Prinzessin: hatte sich einen Mann gewünscht, der reden und zuhören kann; sie schenkt Gerda die goldene Kutsche.
- Die Räubermutter: will Gerda fangen, doch ihre wilde Tochter hält sie davon ab.
- Das Räubermädchen: rettet Gerda, schenkt ihr warme Stiefel, Fäustlinge und Proviant und lässt das Rentier frei.
- Die Waldtauben: berichten, dass Kay im Wagen der Schneekönigin tief über den Wald geflogen ist.
- Das Rentier: trägt Gerda bis in den Norden und nennt ihr Spitzbergen als Ort des Schlosses.
- Die Lappin: schreibt mit einem Stockfisch einen Wegweiser für die Finnin.
- Die Finnin: sagt, dass Gerdas Kraft in ihrem Herzen liegt, und setzt sie am Busch mit den roten Beeren ab.
Was lernen Kinder daraus?
Die Schneekönigin ist eine Geschichte über Freundschaft, die nicht aufgibt. Gerda weiß nicht, wo Kay ist, und hat keinen Plan – trotzdem geht sie los. Unterwegs helfen ihr Menschen und Tiere, weil sie freundlich bleibt und anderen zuhört. Diese Botschaft trägt: Wer offen auf andere zugeht, findet Unterstützung.
Der Spiegelplitter in Kays Auge steht für einen kalten Blick auf die Welt. Plötzlich sieht Kay nur noch Fehler: Die Rosen sind ihm wurmig, Gerda albern, die Großmutter langweilig. Kinder erkennen darin vielleicht die eigene schlechte Laune wieder – und dass Wärme zurückkehren kann, wenn jemand da ist, der sie ernst nimmt.
Gerda gewinnt am Ende nicht mit Kraft oder Zauberei, sondern mit Herzlichkeit und Tränen. Nach der Heimkehr sind sie und Kay erwachsen und doch Kinder geblieben, im Herzen. Das lässt sich gut mit euren Kindern besprechen: Was macht einen Menschen warm, und was macht ihn kalt?
Herkunft und Entstehung
Andersens Märchen Die Schneekönigin erschien 1844 und gehört zu seinen längsten, ausgefeiltesten und vielschichtigsten Werken1. Der Autor nennt es ein Märchen in sieben Geschichten1. Wie viele Märchen Andersens ist es humorvoll und ironisch und erzählt vom kleinen Glück der einfachen, guten Leute; die Suche spielt in traumartigen Szenerien1.
In Dänemark fand das Märchen zunächst wenig Resonanz und wurde als nicht für Kinder geeignet dargestellt1. 1846 erschien es auf Deutsch, mit Illustrationen von Otto Speckter1. Die Kritiken waren gemischt: Einige lobten es, andere bemängelten, es fehle die „Naivität und Naturwahrheit“1. Bis heute entstehen zahlreiche Bearbeitungen für Bühne, Musik und Hörspiele1. Auch andere Geschichten knüpfen daran an: Astrid Lindgrens Räubertochter Ronja weist einen Bezug zum Räubermädchen aus der Schneekönigin auf1.
Das dänische Original heißt „Sneedronningen“; in der Literatur findet sich auch die Schreibweise „Snedronningen“1. Für diese Seite hat die Redaktion den dänischen Text als Grundlage genommen und das Märchen frei nacherzählt. Deshalb steht hier kein abgedruckter Originaltext: Eine alte deutsche Fassung, die man unverändert zeigen könnte, gibt es nicht.
Fragen zum Gespräch mit eurem Kind
- Wie hättet ihr euch gefühlt, wenn euer bester Freund plötzlich gemein zu euch geworden wäre?
- Was würdet ihr für eine lange Reise einpacken, so wie Gerda ihre Stiefel und den Muff?
- Warum helfen Gerda unterwegs so viele Menschen und Tiere?
- Woran merkt Kay, dass etwas mit ihm nicht stimmt, und woran merkt er, dass Gerda ihn lieb hat?
- Was gefällt euch am Ende der Geschichte am besten – und hättet ihr einen anderen Schluss gewollt?
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Häufige Fragen
Wer hat die Schneekönigin geschrieben?
Wer ist die Schneekönigin?
Wie heißt die Schneekönigin?
Quellen
- Die Schneekönigin · abgerufen am 11.10.2026
- Kinderhörspiele zur Weihnachtszeit im Deutschlandfunk Kultur · abgerufen am 11.10.2026
- Die Schneekönigin · abgerufen am 11.10.2026
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