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Rotkäppchen – das Märchen zum Vorlesen und Anhören

Das Rotkäppchen-Märchen erzählt von einem Mädchen, das der kranken Großmutter Kuchen und Wein in den Wald bringt, dort dem Wolf begegnet und am Ende mit Hilfe eines Jägers gerettet wird. Hier findet ihr die Geschichte als kindgerechte Nacherzählung zum Vorlesen und Anhören. Dazu gibt es eine kurze Zusammenfassung, die Figuren, die Moral und Fragen fürs Gespräch mit eurem Kind.
Redaktion Schnuller.deZuletzt aktualisiert 24 Min. LesezeitFachlich geprüft von Josef Maier
Rotkäppchen-Märchen: kleines Mädchen mit rotem Samtkäppchen und Korb auf dem Waldweg – Titelbild zum Märchen zum Vorlesen und Anhören
Jahr
1857
Alter ab
4
Autor/Herkunft
Brüder Grimm (Kinder- und Haus-Märchen, Ausgabe 1857)

Neu erzählt nach Jacob und Wilhelm Grimm (Ausgabe 1857)

Rotkäppchen ist ein Märchen der Brüder Grimm aus den Kinder- und Hausmärchen (KHM 26, Ausgabe 1857) – hier neu erzählt für Kinder ab etwa vier Jahren.

Rotkäppchen-Märchen-Text zum Vorlesen

Hörfassung · 10 Min.
Rotkäppchen – Hörfassung der Nacherzählung
0:009:51
MP3 herunterladen (5,6 MB)

Es war einmal ein kleines Mädchen, das hatten alle lieb, die es nur ansahen. Am allerliebsten hatte es seine Großmutter, und die Großmutter wusste gar nicht, was sie dem Kinde alles schenken sollte. Einmal schenkte sie ihm ein Käppchen aus rotem Samt. Das stand dem Mädchen so gut, dass es nichts anderes mehr tragen wollte, und bald hieß es bei allen Leuten im Dorf nur noch das Rotkäppchen.

Eines Morgens rief die Mutter: „Komm, Rotkäppchen, hier hast du ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein. Bring das der Großmutter hinaus, sie ist krank und schwach und wird sich daran stärken. Mach dich auf, bevor es heiß wird, und sei hübsch sittsam. Lauf nicht vom Weg ab, sonst fällst du hin, das Glas zerbricht, und die Großmutter hat nichts. Und wenn du in ihre Stube kommst, vergiss nicht, guten Morgen zu sagen, und guck nicht erst in alle Ecken herum.“ „Ich will alles gut machen“, sagte Rotkäppchen und gab der Mutter die Hand darauf. Dann band es sich die Schürze um, legte Kuchen und Wein in den Korb und machte sich fröhlich auf den Weg.

Die Großmutter wohnte draußen im Wald, eine halbe Stunde vom Dorf entfernt. Der Weg führte zwischen hohen Bäumen hindurch, Vögel sangen, und am Rand blühten schon die ersten Blumen. Als Rotkäppchen in den Wald kam, begegnete ihm der Wolf. Rotkäppchen wusste nicht, was das für ein böses Tier war, und fürchtete sich nicht vor ihm. „Guten Tag, Rotkäppchen“, sprach der Wolf. „Schönen Dank, Wolf.“ „Wo hinaus so früh, Rotkäppchen?“ „Zur Großmutter.“ „Was trägst du unter der Schürze?“ „Kuchen und Wein. Gestern haben wir gebacken, da soll sich die kranke und schwache Großmutter damit stärken.“ „Rotkäppchen, wo wohnt deine Großmutter?“ „Noch eine gute Viertelstunde weiter im Wald, unter den drei großen Eichbäumen steht ihr Haus, unten sind die Nusshecken.“ Der Wolf dachte bei sich: Das junge, zarte Ding, das ist ein fetter Bissen, und der schmeckt noch besser als die Alte. Du musst es listig anfangen, damit du beide erwischst. Da ging er ein Weilchen neben Rotkäppchen her und sprach: „Rotkäppchen, sieh doch die schönen Blumen, die ringsum stehen. Warum schaust du dich nicht um? Ich glaube, du hörst gar nicht, wie die Vöglein so lieblich singen. Du gehst ja für dich hin, als gingst du zur Schule, und ist doch so lustig draußen im Wald.“

Rotkäppchen schlug die Augen auf. Als es sah, wie die Sonnenstrahlen durch die Bäume tanzten und wie überall Blumen standen, dachte es: Wenn ich der Großmutter einen frischen Strauß mitbringe, freut sie sich bestimmt. Es ist noch früh am Tag, ich komme sicher rechtzeitig an. Damit lief es vom Weg ab, mitten in den Wald hinein, und suchte Blumen. Und wenn es eine gepflückt hatte, meinte es, weiter hinten stünde eine noch schönere, und lief immer weiter, bis es den Weg ganz aus den Augen verlor.

Der Wolf aber schaute sich noch einmal um, ob Rotkäppchen auch wirklich bei den Blumen blieb. Dann lief er in großen Schritten durch den Wald, denn er kannte den Weg zum kleinen Haus mit den drei Eichbäumen längst. Dort klopfte er an die Tür. „Wer ist draußen?“ „Rotkäppchen, das bringt Kuchen und Wein, mach auf.“ „Drück nur auf die Klinke“, rief die Großmutter, „ich bin zu schwach und kann nicht aufstehen.“ Der Wolf drückte auf die Klinke, die Tür sprang auf, und ohne ein Wort zu sagen ging er zum Bett der Großmutter und verschlang sie. Danach zog er ihre Kleider an, setzte ihre Haube auf, legte sich in ihr Bett, zog die Vorhänge vor und wartete. Es war ganz still in der Stube.

Illustration vom kleinen Haus der Großmutter im Wald unter drei großen Eichbäumen, wie im Rotkäppchen-Märchen

Rotkäppchen war inzwischen den Blumen nachgelaufen. Als es so viele beisammenhatte, dass es keine mehr tragen konnte, fiel ihm die Großmutter wieder ein, und es machte sich auf den Weg zu ihr. Es wunderte sich, dass die Tür offen stand. Und als es in die Stube trat, war ihm so seltsam zumute, dass es dachte: Ach, wie ängstlich ist mir heute, und sonst bin ich doch so gerne bei der Großmutter. Es rief: „Guten Morgen!“ Aber niemand antwortete. Da ging es zum Bett und zog die Vorhänge zurück. Die Großmutter lag darin und hatte die Haube tief ins Gesicht gezogen. Sie sah so wunderlich aus.

„Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren!“ „Damit ich dich besser hören kann.“ „Ei, Großmutter, was hast du für große Augen!“ „Damit ich dich besser sehen kann.“ „Ei, Großmutter, was hast du für große Hände!“ „Damit ich dich besser packen kann.“ „Aber, Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul!“ „Damit ich dich besser fressen kann.“ Kaum hatte der Wolf das gesagt, so tat er einen Satz aus dem Bett und verschlang das arme Rotkäppchen.

Als der Wolf seinen Hunger gestillt hatte, legte er sich wieder ins Bett, schlief ein und schnarchte so laut, dass es durch das ganze Haus schallte. Der Jäger ging gerade an dem Haus vorbei und dachte: Wie die alte Frau nur so schnarcht! Ich muss doch nachsehen, ob ihr etwas fehlt. Er blieb stehen und horchte. So laut konnte eine kranke alte Frau unmöglich atmen. Er trat in die Stube, und als er vor das Bett kam, sah er, dass der Wolf darin lag. „Dich habe ich lange gesucht“, sagte er. Nun wollte er seine Büchse anlegen, da fiel ihm ein, dass der Wolf die Großmutter gefressen haben könnte – und vielleicht war sie noch zu retten. Also schoss er nicht, sondern nahm eine Schere und schnitt dem schlafenden Wolf den Bauch auf.

Nach ein paar Schnitten sah der Jäger das rote Käppchen leuchten, und nach ein paar weiteren Schnitten sprang das Mädchen heraus: „Ach, wie habe ich mich erschrocken, wie war es so dunkel da drinnen!“ Kurz darauf kam auch die Großmutter lebendig heraus, und sie konnte kaum atmen. Sie setzte sich auf die Bettkante und lächelte Rotkäppchen zu. Rotkäppchen aber holte geschwind große Steine. Damit füllten sie dem Wolf den Bauch. Als der Wolf aufwachte und fortspringen wollte, waren die Steine so schwer, dass er gleich niedersank und tot umfiel.

Da waren alle drei vergnügt. Der Jäger zog dem Wolf den Pelz ab und ging damit heim. Die Großmutter aß den Kuchen, trank den Wein und erholte sich wieder. Rotkäppchen aber dachte: Nie wieder will ich allein vom Weg ab in den Wald laufen, wenn es mir die Mutter verboten hat.

Es wird auch erzählt, dass Rotkäppchen der alten Großmutter ein andermal wieder Gebackenes brachte und dass ein zweiter Wolf es ansprach und vom Weg weglocken wollte. Rotkäppchen aber hütete sich, ging geradewegs seines Wegs und erzählte der Großmutter von dem Wolf, der ihm guten Tag gewünscht, aber so böse aus den Augen geguckt hatte. „Komm“, sagte die Großmutter, „wir verschließen die Tür, damit er nicht hereinkann.“ Bald darauf klopfte der Wolf an und rief: „Mach auf, Großmutter, ich bin das Rotkäppchen, ich bringe Gebackenes.“ Die beiden aber schwiegen still und machten die Tür nicht auf. Da schlich der Graukopf einige Male um das Haus, sprang endlich aufs Dach und wollte warten, bis Rotkäppchen abends nach Hause ginge, um ihm in der Dunkelheit nachzuschleichen. Die Großmutter aber merkte, was er im Sinn hatte. Vor dem Haus stand ein großer Steintrog. „Nimm den Eimer, Rotkäppchen“, sagte sie, „gestern habe ich Würste gekocht, trag das Wasser, worin sie gekocht sind, in den Trog.“ Rotkäppchen trug so lange, bis der große Trog ganz voll war. Da stieg dem Wolf der Geruch in die Nase. Er schnupperte und guckte hinab, und weil er sich immer weiter vorbeugte, rutschte er vom Dach, geradewegs in den Trog hinein. Da kam er nicht wieder heraus. Rotkäppchen aber ging fröhlich nach Hause, und von da an tat ihm niemand mehr etwas zuleide. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

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Rotkäppchen-Märchen-Text kurz

Ein kleines Mädchen, das alle nur Rotkäppchen nennen, soll der kranken Großmutter Kuchen und Wein in den Wald bringen. Die Mutter warnt es, nicht vom Weg abzugehen. Unterwegs trifft es den Wolf, der ihm von den schönen Blumen erzählt. Während Rotkäppchen pflückt, eilt der Wolf zum Haus, verschlingt die Großmutter und legt sich als sie verkleidet ins Bett. Auch Rotkäppchen wird verschlungen. Ein vorbeikommender Jäger befreit beide aus dem Bauch des Tieres. Mit schweren Steinen im Bauch fällt der Wolf tot um. Rotkäppchen nimmt sich vor, nie wieder vom Weg abzugehen.

Die Figuren

Diese Figuren tragen die Geschichte – von der besorgten Mutter bis zum rettenden Jäger.

  • Rotkäppchen: Das Mädchen mit der roten Samtkappe ist gutmütig, offen und arglos – es kennt den Wolf nicht und vertraut ihm3.
  • Die Mutter: Sie schickt ihre Tochter mit Kuchen und Wein los und warnt sie eindringlich, den Weg nicht zu verlassen3.
  • Die Großmutter: Sie ist alt und krank, wohnt im Wald und lässt den Wolf ahnungslos in ihr Haus3.
  • Der Wolf: Er ist groß, hinterlistig und gefräßig: Er horcht Rotkäppchen aus, verschlingt die Großmutter und legt sich als sie verkleidet ins Bett3.
  • Der Jäger: Er hört das laute Schnarchen, sieht nach und rettet Rotkäppchen und die Großmutter – der Beschützer, der das Gute bewahrt3.
  • Der zweite Wolf: In der zweiten Erzählung schleicht ein weiterer Wolf um das Haus, wird aber rechtzeitig bemerkt.

Was lernen Kinder daraus?

Rotkäppchen ist ein Warn- und Schreckmärchen3. Erzählt wird von einem Kind, das eine gut gemeinte Warnung vergisst, weil etwas Schöneres lockt – und dadurch in Gefahr gerät. Kinder können daraus mitnehmen, dass Absprachen einen Grund haben und dass es sich lohnt, aufmerksam zu sein, wenn etwas plötzlich anders ist als sonst. Rotkäppchen spürt selbst, dass mit der „Großmutter“ etwas nicht stimmt, geht aber trotzdem näher heran.

Zugleich endet die Geschichte freundlich: Das Gute bekommt eine zweite Chance3, und am Ende sind alle drei vergnügt beisammen. Der Jäger zeigt, dass Hilfe da sein darf und dass man sich Hilfe holen kann. Für das Gespräch mit eurem Kind ist genau das der schöne Punkt: Nach einem Fehler darf es weitergehen, und Rotkäppchen nimmt sich fest vor, beim nächsten Mal besser aufzupassen.

Herkunft und Entstehung

Das Märchen von Rotkäppchen wurde lange mündlich weitergegeben und geht über Johanna und Marie Hassenpflug auf Charles Perraults Le Petit Chaperon rouge in den Contes de ma Mère l'Oye zurück2. In den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm steht es als Rothkäppchen an Stelle 26, kurz KHM 262. Die beiden ersten literarischen Fassungen stammen von Perrault aus den Jahren 1695 und 16972.

Perraults Version ist eine moralische Abschreckungsparabel: Sie endet damit, dass der Wolf die Großmutter und das Mädchen frisst, und ein angehängtes Gedicht warnt die kleinen Mädchen2. Die Brüder Grimm veröffentlichten ihre Fassung 1812 im ersten Band ihrer Sammlung2. In der Ausgabe letzter Hand von 1857 wurde der Wolf zum „alten Sünder“2. Das gute Ende mit dem rettenden Jäger ist einem anderen Märchen entlehnt, dem von den sieben jungen Geißlein2.

Die kurze zweite Episode mit dem Steintrog steht schon in der Urfassung der Kinder- und Hausmärchen als Variante direkt hinter der bekannten Fassung2. 1853 nahm Ludwig Bechstein das Märchen in sein Deutsches Märchenbuch auf2. Als europäisches Märchen ist es als Typ ATU 333 eingeordnet2, und es gehört zu den am häufigsten bearbeiteten, interpretierten und parodierten Märchen überhaupt2.

Der Originaltext

Es war einmal eine kleine süße Dirne, die hatte jedermann lieb, der sie nur ansah, am allerliebsten aber ihre Großmutter, die wußte gar nicht was sie alles dem Kinde geben sollte. Einmal schenkte sie ihm ein Käppchen von rothem Sammet, und weil ihm das so wohl stand, und es nichts anders mehr tragen wollte, hieß es nur das Rothkäppchen. Eines Tages sprach seine Mutter zu ihm „komm, Rothkäppchen, da hast du ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein, bring das der Großmutter hinaus; sie ist krank und schwach und wird sich daran laben. Mach dich auf bevor es heiß wird, und wenn du hinaus kommst, so geh hübsch sittsam und lauf nicht vom Weg ab, sonst fällst du und zerbrichst das Glas und die Großmutter hat nichts. Und wenn du in ihre Stube kommst, so vergiß nicht guten Morgen zu sagen und guck nicht erst in alle Ecken herum.“

„Ich will schon alles gut machen“ sagte Rothkäppchen zur Mutter, und gab ihr die Hand darauf. Die Großmutter aber wohnte draußen im Wald, eine halbe Stunde vom Dorf. Wie nun Rothkäppchen in den Wald kam, begegnete ihm der Wolf. Rothkäppchen aber wußte nicht was das für ein böses Thier war und fürchtete sich nicht vor ihm. „Guten Tag, Rothkäppchen,“ sprach er. „Schönen Dank, Wolf.“ „Wo hinaus so früh, Rothkäppchen?“ „Zur Großmutter.“ „Was trägst du unter der Schürze?“ „Kuchen und Wein: gestern haben wir gebacken, da soll sich die kranke und schwache Großmutter etwas zu gut thun, und sich damit stärken.“ „Rothkäppchen, wo wohnt deine Großmutter?“ „Noch eine gute Viertelstunde weiter im Wald, unter den drei großen Eichbäumen, da steht ihr Haus, unten sind die Nußhecken, das wirst du ja wissen“ sagte Rothkäppchen. Der Wolf dachte bei sich „das junge zarte Ding, das ist ein fetter Bissen, der wird noch besser schmecken als die Alte: du mußt es listig anfangen, damit du beide erschnappst.“ Da gieng er ein Weilchen neben Rothkäppchen her, dann sprach er „Rothkäppchen, sieh einmal die schönen Blumen, die rings umher stehen, warum guckst du dich nicht um? ich glaube du hörst gar nicht, wie die Vöglein so lieblich singen? du gehst ja für dich hin als wenn du zur Schule giengst, und ist so lustig haußen in dem Wald.“

Rothkäppchen schlug die Augen auf, und als es sah wie die Sonnenstrahlen durch die Bäume hin und her tanzten, und alles voll schöner Blumen stand, dachte es „wenn ich der Großmutter einen frischen Strauß mitbringe, der wird ihr auch Freude machen; es ist so früh am Tag, daß ich doch zu rechter Zeit ankomme,“ lief vom Wege ab in den Wald hinein und suchte Blumen. Und wenn es eine gebrochen hatte, meinte es weiter hinaus stände eine schönere, und lief darnach, und gerieth immer tiefer in den Wald hinein. Der Wolf aber gieng geradeswegs nach dem Haus der Großmutter, und klopfte an die Thüre. „Wer ist draußen?“ „Rothkäppchen, das bringt Kuchen und Wein, mach auf.“ „Drück nur auf die Klinke,“ rief die Großmutter, „ich bin zu schwach und kann nicht aufstehen.“ Der Wolf drückte auf die Klinke, die Thüre sprang auf und er gieng, ohne ein Wort zu sprechen, gerade zum Bett der Großmutter und verschluckte sie. Dann that er ihre Kleider an, setzte ihre Haube auf, legte sich in ihr Bett und zog die Vorhänge vor.

Rothkäppchen aber war nach den Blumen herum gelaufen, und als es so viel zusammen hatte, daß es keine mehr tragen konnte, fiel ihm die Großmutter wieder ein und es machte sich auf den Weg zu ihr. Es wunderte sich daß die Thüre aufstand, und wie es in die Stube trat, so kam es ihm so seltsam darin vor, daß es dachte „ei, du mein Gott, wie ängstlich wird mirs heute zu Muth, und bin sonst so gerne bei der Großmutter!“ Es rief „guten Morgen,“ bekam aber keine Antwort. Darauf gieng es zum Bett und zog die Vorhänge zurück: da lag die Großmutter, und hatte die Haube tief ins Gesicht gesetzt und sah so wunderlich aus. „Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren!“ „Daß ich dich besser hören kann.“ „Ei, Großmutter, was hast du für große Augen!“ „Daß ich dich besser sehen kann.“ „Ei, Großmutter, was hast du für große Hände!“ „Daß ich dich besser packen kann.“ „Aber, Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul!“ „Daß ich dich besser fressen kann.“ Kaum hatte der Wolf das gesagt, so that er einen Satz aus dem Bette und verschlang das arme Rothkäppchen.

Wie der Wolf sein Gelüsten gestillt hatte, legte er sich wieder ins Bett, schlief ein und fieng an überlaut zu schnarchen. Der Jäger gieng eben an dem Haus vorbei und dachte „wie die alte Frau schnarcht, du mußt doch sehen ob ihr etwas fehlt.“ Da trat er in die Stube, und wie er vor das Bette kam, so sah er daß der Wolf darin lag. „Finde ich dich hier, du alter Sünder,“ sagte er, „ich habe dich lange gesucht.“ Nun wollte er seine Büchse anlegen, da fiel ihm ein der Wolf könnte die Großmutter gefressen haben, und sie wäre noch zu retten: schoß nicht, sondern nahm eine Scheere und fieng an dem schlafenden Wolf den Bauch aufzuschneiden. Wie er ein paar Schnitte gethan hatte, da sah er das rothe Käppchen leuchten, und noch ein paar Schnitte, da sprang das Mädchen heraus und rief „ach, wie war ich erschrocken, wie wars so dunkel in dem Wolf seinem Leib!“ Und dann kam die alte Großmutter auch noch lebendig heraus und konnte kaum athmen. Rothkäppchen aber holte geschwind große Steine, damit füllten sie dem Wolf den Leib, und wie er aufwachte, wollte er fortspringen, aber die Steine waren so schwer, daß er gleich niedersank und sich todt fiel.

Da waren alle drei vergnügt; der Jäger zog dem Wolf den Pelz ab und gieng damit heim, die Großmutter aß den Kuchen und trank den Wein den Rothkäppchen gebracht hatte, und erholte sich wieder, Rothkäppchen aber dachte „du willst dein Lebtag nicht wieder allein vom Wege ab in den Wald laufen, wenn dirs die Mutter verboten hat.“

Es wird auch erzählt, daß einmal, als Rothkäppchen der alten Großmutter wieder Gebackenes brachte, ein anderer Wolf ihm zugesprochen und es vom Wege habe ableiten wollen. Rothkäppchen aber hütete sich und gieng gerade fort seines Wegs und sagte der Großmutter daß es dem Wolf begegnet wäre, der ihm guten Tag gewünscht, aber so bös aus den Augen geguckt hätte: „wenns nicht auf offner Straße gewesen wäre, er hätte mich gefressen.“ „Komm,“ sagte die Großmutter, „wir wollen die Thüre verschließen, daß er nicht herein kann.“ Bald darnach klopfte der Wolf an und rief „mach auf, Großmutter, ich bin das Rothkäppchen, ich bring dir Gebackenes.“ Sie schwiegen aber still und machten die Thüre nicht auf: da schlich der Graukopf etlichemal um das Haus, sprang endlich aufs Dach und wollte warten bis Rothkäppchen Abends nach Haus gienge, dann wollte er ihm nachschleichen und wollts in der Dunkelheit fressen. Aber die Großmutter merkte was er im Sinn hatte. Nun stand vor dem Haus ein großer Steintrog, da sprach sie zu dem Kind „nimm den Eimer, Rothkäppchen, gestern hab ich Würste gekocht, da trag das Wasser, worin sie gekocht sind, in den Trog.“ Rothkäppchen trug so lange, bis der große große Trog ganz voll war. Da stieg der Geruch von den Würsten dem Wolf in die Nase, er schnupperte und guckte hinab, endlich machte er den Hals so lang, daß er sich nicht mehr halten konnte, und anfieng zu rutschen: so rutschte er vom Dach herab, gerade in den großen Trog hinein und ertrank. Rothkäppchen aber gieng fröhlich nach Haus, und that ihm niemand etwas zu Leid.

Text: Jacob und Wilhelm Grimm, Quelle: Kinder- und Haus-Märchen Band 1, Große Ausgabe, 7. Auflage (Ausgabe letzter Hand), 1857, KHM 26. Originalschreibweise der Ausgabe 1857.

Fragen zum Gespräch mit eurem Kind

Nach dem Vorlesen könnt ihr mit eurem Kind über die Geschichte sprechen. Diese Fragen helfen dabei:

  1. Warum hat die Mutter Rotkäppchen wohl so eindringlich gewarnt?
  2. Was hättet ihr gemacht, als der Wolf von den schönen Blumen erzählt hat?
  3. Woran merkt Rotkäppchen, dass mit der Großmutter etwas nicht stimmt?
  4. Wie fühlt sich Rotkäppchen, als der Jäger es befreit?
  5. Was würdet ihr tun, wenn euch jemand Fremdes nach dem Weg fragt?

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Häufige Fragen

Wann wurde das Märchen Rotkäppchen geschrieben?
Einen genauen Zeitpunkt gibt es nicht, denn die Geschichte wurde lange mündlich weitergegeben3. Die beiden ersten literarischen Fassungen stammen von Charles Perrault aus den Jahren 1695 und 16972. Die Brüder Grimm veröffentlichten ihre Version 1812 im ersten Band ihrer Kinder- und Hausmärchen2. Die Nacherzählung auf dieser Seite folgt der Ausgabe letzter Hand von 1857.
Wer schrieb das Märchen Rotkäppchen?
Eine einzelne Autorin oder einen einzelnen Autor gibt es nicht. Aufgeschrieben hat die Geschichte zuerst Charles Perrault in Frankreich2. Zu den Brüdern Grimm kam sie durch mündliche Weitergabe über Johanna und Marie Hassenpflug2. Jacob und Wilhelm Grimm veröffentlichten ihre Fassung 1812 und bearbeiteten den Text über Jahrzehnte immer wieder2.
Wie alt ist das Märchen Rotkäppchen?
Das lässt sich nicht genau sagen, weil Rotkäppchen lange nur erzählt und nicht aufgeschrieben wurde3. Die älteste bekannte schriftliche Fassung stammt von Charles Perrault aus dem Jahr 16972, die Grimmsche Fassung erschien 18122. Bekannt ist außerdem die Ausgabe letzter Hand von 1857, nach der diese Nacherzählung entstanden ist2.
Wie beginnt das Märchen Rotkäppchen?
Es beginnt mit der typischen Märchenformel „Es war einmal“3. Erzählt wird von einem kleinen Mädchen, das alle gernhaben, besonders seine Großmutter. Sie schenkt ihm ein Käppchen aus rotem Samt, das dem Kind so gut steht, dass es nichts anderes mehr tragen will – deshalb heißt es bald nur noch Rotkäppchen. Danach schickt die Mutter das Mädchen mit Kuchen und Wein zur kranken Großmutter in den Wald.
Wie endet das Märchen Rotkäppchen?
In der Fassung der Brüder Grimm hört ein Jäger das laute Schnarchen des Wolfes, schneidet ihm den Bauch auf und befreit Rotkäppchen und die Großmutter2. Anschließend füllen sie den Bauch des Wolfes mit Steinen, und das Tier fällt tot um2. Bei Charles Perrault dagegen endet das Märchen mit dem Verschlingen: Dort gibt es keine Rettung2.

Quellen

  1. Rothkäppchen · abgerufen am 11.10.2026
  2. Rotkäppchen · abgerufen am 11.10.2026
  3. Was ist die Rotkäppchen Kurzfassung? · abgerufen am 11.10.2026
Fachliche PrüfungJosef MaierKinder- und Jugendpädagoge · Diplom-Sozialpädagoge (FH)Fachlich geprüft am von Josef Maier
TextRedaktion Schnuller.deZuletzt aktualisiert am

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