Dornröschen – das Märchen zum Vorlesen und Anhören

- Jahr
- 1857
- Alter ab
- 4
- Autor/Herkunft
- Brüder Grimm (Kinder- und Haus-Märchen Band 1, Große Ausgabe, 7. Auflage, Ausgabe letzter Hand)
Neu erzählt nach Jacob und Wilhelm Grimm (deutsch, 1857)
Dornröschen ist ein Märchen der Brüder Grimm aus der Sammlung Kinder- und Haus-Märchen, das ab der ersten Auflage von 1812 an Stelle 50 steht und hier kindgerecht neu erzählt wird3.
Dornröschen – das Märchen zum Vorlesen
Es war einmal ein Königspaar, das besaß ein großes Schloss, weite Felder, Wälder und viele Diener. Nur eines fehlte ihm: ein Kind. Tag für Tag saßen der König und die Königin beisammen, und immer wieder seufzte einer von ihnen: Wenn doch endlich ein Kind bei uns wäre! Die Jahre vergingen, das Schloss wurde stiller, und ihr Wunsch blieb unerfüllt.
Eines Tages saß die Königin allein in der Badestube des Schlosses. Das Wasser dampfte, draußen war es still. Da raschelte es am Beckenrand, und ein Frosch kroch aus dem Wasser auf die warmen Steinfliesen. Er setzte sich vor die Königin, blinzelte sie mit seinen großen Augen an und sagte: „Dein Wunsch soll in Erfüllung gehen. Bevor ein Jahr vorbei ist, bekommst du eine Tochter.“ Dann hüpfte er zurück ins Wasser und war verschwunden.
Die Königin traute ihren Ohren kaum. Doch es geschah genau so, wie der Frosch es versprochen hatte: Als das Jahr um war, brachte sie ein Mädchen zur Welt, und das Kind war so schön, dass der König vor lauter Glück nicht mehr still sitzen konnte. Er lief durch die Gänge, rief die Nachricht jedem Diener zu und ließ verkünden, dass im Schloss ein großes Fest gefeiert werden sollte.
Der König lud Verwandte, Freunde und Nachbarn ein. Und er lud die weisen Frauen des Reiches ein, denn sie sollten dem Kind Glück und Segen mit auf den Weg geben. In seinem Reich lebten dreizehn von ihnen. Für das Festmahl aber besaß der König nur zwölf goldene Teller, auf denen die Frauen speisen sollten. So kam es, dass eine von ihnen keine Einladung erhielt und zu Hause bleiben musste. Im Trubel des Festes dachte niemand mehr daran.
Als das Festessen vorüber war, traten die weisen Frauen nacheinander an die Wiege. Jede hatte ein Geschenk für das Mädchen mitgebracht. Die eine wünschte ihm Tugend, die andere Schönheit, die dritte Reichtum, und so ging es weiter: Klugheit, Freundlichkeit, ein gutes Herz – bis nichts mehr übrig war, was man sich auf der Welt nur wünschen kann.
Elf Frauen hatten ihren Wunsch gesprochen, da flog die Tür auf, und die dreizehnte trat in den Saal. Die ungeladene Frau grüßte niemanden und sah niemanden an. Das Gesicht der Frau war blass vor Zorn, denn sie wusste genau, dass man sie vergessen hatte. Mit lauter Stimme rief sie: „Wenn die Königstochter fünfzehn Jahre alt ist, wird sie sich an einer Spindel stechen und tot umfallen.“ Dann drehte sie sich um und verließ den Saal, ohne ein weiteres Wort zu sagen.
Erschrocken standen die Gäste da. Die Königin begann zu weinen, der König ballte die Fäuste. Da trat die zwölfte weise Frau vor. Noch hatte sie ihren Wunsch nicht gesprochen, deshalb konnte sie den Fluch nicht aufheben. Mildern aber konnte sie ihn. „Kein Tod soll es sein“, sagte sie, „sondern ein Schlaf, der hundert Jahre dauert.“
Der König wollte sein Kind retten. Noch in derselben Nacht schickte er Boten durch das ganze Reich. Jede Spindel sollte aufgespürt und verbrannt werden: in jedem Haus, in jeder Werkstatt, in jedem Stall. Es dauerte Wochen, doch am Ende gab es weit und breit keine einzige Spindel mehr.
Das Mädchen wuchs heran, und alles, was die weisen Frauen gewünscht hatten, wurde wahr. Es war schön, freundlich und klug, dabei höflich und bescheiden, und wer es sah, mochte es sofort. Im Schloss lachten die Diener, wenn es durch die Gänge lief, und die Königin sah ihm jeden Tag zufrieden nach. An den Fluch dachte kaum noch jemand.
An ihrem fünfzehnten Geburtstag mussten der König und die Königin das Schloss verlassen. Das Mädchen blieb ganz allein zurück. Es gab niemanden, der es beschäftigte, also wanderte es durch die Räume und schaute in Stuben und Kammern, in denen es noch nie gewesen war. Es öffnete Türen, stieg Treppen hinauf und hinunter und kam schließlich an einen alten Turm, der ganz am Ende des Schlosses stand.
Eine schmale Wendeltreppe führte nach oben. Stufe um Stufe kletterte die Königstochter hinauf, bis sie vor einer kleinen Tür stand. In deren Schloss steckte ein verrosteter Schlüssel. Die Königstochter drehte ihn um, die Tür sprang quietschend auf, und dahinter lag ein winziges Stübchen. Darin saß eine alte Frau und spann mit einer Spindel ihren Flachs.
„Guten Tag, Mütterchen“, sagte die Königstochter. „Was machst du da?“ „Ich spinne“, antwortete die Alte und nickte ihr zu. Das Mädchen schaute neugierig zu und kam näher. „Was ist das für ein lustiges Ding? Es springt ja hin und her.“ Es griff nach der Spindel, denn es wollte es selbst einmal versuchen. Kaum aber hatte es das Holz in der Hand, da stach es sich in den Finger.
Im selben Augenblick wurde es still um das Mädchen. Es legte sich auf das Bett, das in der Kammer stand, und schlief ein. Und der Schlaf blieb nicht im Turm, er legte sich über das ganze Schloss. Der König und die Königin, eben erst heimgekehrt, traten in den Saal und schliefen mitten im Schritt ein, und mit ihnen der ganze Hofstaat. Im Stall legten die Pferde die Köpfe nieder. Die Hunde im Hof rollten sich zusammen, die Tauben auf dem Dach schoben die Köpfe unter die Flügel. An der Wand blieben die Fliegen sitzen und schliefen. Das Feuer im Herd flackerte noch einmal auf und wurde still. Im Topf zischte das Fleisch nicht mehr. Der Koch, der gerade den Küchenjungen am Ärmel gepackt hielt, ließ ihn los und schlief ein.
Und der Wind legte sich. Auf den Bäumen vor dem Schloss bewegte sich kein einziges Blatt mehr. Um das Schloss herum aber wuchs eine Hecke aus Dornen. Jahr für Jahr wurde sie höher. Die Hecke umschloss Mauern und Türme und wuchs über das Dach hinaus, bis von dem ganzen Schloss nichts mehr zu sehen war – nicht einmal die Fahne auf dem Turm.
Die Menschen im Land erzählten sich bald von dem schönen Mädchen, das dort drinnen schlief, und gaben ihm einen Namen: Dornröschen. Immer wieder zogen Königssöhne aus, um die Dornen zu durchdringen und das Schloss zu erreichen. Doch die Hecke ließ niemanden hindurch. Die Zweige hielten fest wie Hände, und keiner der Jünglinge kam je zurück.
Nach vielen, vielen Jahren kam wieder ein Königssohn in dieses Land. Er hörte, wie ein alter Mann von der Dornenhecke erzählte. Dahinter, so sagte der Alte, liege ein Schloss, und darin schliefen seit hundert Jahren eine wunderschöne Königstochter, die man Dornröschen nennt, der König, die Königin und der ganze Hofstaat. Schon viele Königssöhne hätten es versucht, erzählte der alte Mann, und keiner von ihnen sei zurückgekehrt. „Ich fürchte mich nicht“, sagte der Königssohn. „Ich will zu dem schönen Dornröschen.“ Der alte Mann redete ihm gut zu, doch der Jüngling hörte nicht auf ihn.
Gerade in diesen Tagen waren die hundert Jahre vorüber, und der Tag war gekommen, an dem Dornröschen erwachen sollte. Als der Königssohn sich der Hecke näherte, sah er keine Dornen mehr. Überall blühten große, duftende Blumen. Die Blüten teilten sich von selbst auseinander, ließen ihn unbeschadet hindurch und schlossen sich hinter ihm wieder zu einer Wand aus Blüten.
Im Schlosshof blieb er stehen und staunte. Die Pferde lagen im Gras und schliefen, die scheckigen Jagdhunde neben ihnen. Auf dem Dach steckten die Tauben die Köpfe unter den Flügeln. Im Haus war es so still, dass er seinen eigenen Atem hören konnte. An der Wand schliefen die Fliegen. In der Küche hielt der Koch die Hand in der Luft, als wolle er den Jungen packen. Die Magd war über einem Huhn eingeschlafen, das noch gerupft werden sollte.

Der Königssohn ging weiter, durch den Saal, in dem der ganze Hofstaat lag und schlief, vorbei an dem Thron, auf dem der König und die Königin ruhten. Er stieg die Treppen hinauf, bis zu dem alten Turm, und öffnete die Tür zu der kleinen Kammer. Da lag Dornröschen und schlief, so schön, dass er den Blick nicht von ihr abwenden konnte. Er beugte sich zu ihr hinunter und gab ihr einen Kuss.
Da schlug Dornröschen die Augen auf, erwachte und sah ihn freundlich an. Zusammen gingen die beiden die Wendeltreppe hinab. Da erwachte auch der König, und die Königin erwachte, und mit ihnen der ganze Hofstaat. Alle schauten einander an und rieben sich verwundert die Augen.
Die Pferde im Hof standen auf und schüttelten sich. Die Jagdhunde sprangen und wedelten mit den Schwänzen. Die Tauben auf dem Dach zogen die Köpfe hervor, schauten sich um und flogen über die Felder davon. Die Fliegen an der Wand krabbelten weiter. In der Küche loderte das Feuer wieder auf, das Essen kochte, und im Topf brutzelte es. Der Koch schimpfte mit dem Küchenjungen, der schon wieder etwas angestellt hatte, und die Magd rupfte ihr Huhn fertig.
Und an diesem Tag feierten Dornröschen und der Königssohn Hochzeit, mit Musik und Tanz und einem Fest, das noch lange in Erinnerung blieb. Und sie lebten glücklich miteinander bis an ihr Ende.
Dornröschen – Märchen in Kurzfassung
Ein Königspaar wünscht sich lange vergeblich ein Kind. Als endlich eine Tochter geboren wird, lädt der König die weisen Frauen des Reiches zum Fest ein – eine von ihnen bleibt aus, weil nur zwölf goldene Teller vorhanden sind. Die Übergangene erscheint trotzdem und verflucht das Mädchen: Mit fünfzehn soll es sich an einer Spindel stechen. Eine andere Frau kann den Fluch nur dämpfen: Statt zu sterben, soll das Kind hundert Jahre schlafen. Genau das geschieht, und mit der Königstochter schläft das ganze Schloss ein, umgeben von einer undurchdringlichen Dornenhecke. Erst nach hundert Jahren weckt ein Königssohn Dornröschen mit einem Kuss, und alles erwacht zu neuem Leben.
Die Figuren
- König – er freut sich so sehr über seine Tochter, dass er ein großes Fest feiern lässt, und schickt später Boten aus, die alle Spindeln im Reich verbrennen.
- Königin – lange wünscht sie sich ein Kind und hört in der Badestube die Verheißung des Frosches.
- Frosch – er kündigt der Königin an, dass sie innerhalb eines Jahres eine Tochter bekommen wird.
- Dornröschen – die Königstochter sticht sich mit fünfzehn Jahren an einer Spindel und fällt in einen hundertjährigen Schlaf.
- Die zwölf eingeladenen weisen Frauen – gemeinsam beschenken sie das Kind mit Tugend, Schönheit, Reichtum und allem, was auf der Welt zu wünschen ist.
- Die dreizehnte weise Frau – weil sie nicht eingeladen wurde, spricht sie aus Rache den Fluch über die Königstochter aus.
- Die zwölfte weise Frau – den Fluch kann sie nicht aufheben, aber sie mildert ihn zu einem Schlaf von hundert Jahren.
- Die alte Frau im Turm – bei ihr spinnt sie Flachs, und hier sticht sich die Königstochter an der Spindel.
- Der Königssohn – er lässt sich nicht abschrecken, geht durch die blühende Hecke und weckt Dornröschen mit einem Kuss.
- Der alte Mann – er erzählt von der Dornenhecke und rät dem Königssohn vergeblich ab.
- Der Hofstaat – Diener, Koch, Magd, Pferde, Hunde, Tauben und Fliegen schlafen mit Dornröschen ein und erwachen mit ihr.
Was lernen Kinder daraus?
Dornröschen ist eine Geschichte über das Warten – und über die Macht, die in einem freundlichen Wort steckt. Kinder erleben mit, wie aus einer Kränkung ein Fluch wird: Die dreizehnte weise Frau war nicht eingeladen und verwandelt ihren Zorn in einen bösen Spruch. Die zwölfte kann den Schaden nicht ungeschehen machen, aber sie mildert ihn. Das ist ein schönes Bild dafür, dass Hilfe möglich ist, auch wenn nicht alles wieder gutzumachen ist.
Zugleich zeigt das Märchen, dass Mut nicht prahlen muss. Der Königssohn weiß, wie gefährlich der Weg durch die Hecke ist, und geht ihn trotzdem. Und es zeigt, dass manche Dinge ihre Zeit brauchen: Erst als die hundert Jahre vorüber sind, öffnet sich die Hecke von selbst.
Märchen wie dieses regen die Fantasie der Kinder an und laden dazu ein, über Gefühle, Denk- und Handlungsweisen ins Gespräch zu kommen4. Gut und Böse sind klar erkennbar, und die Kinder können gefahrlos mitfühlen, staunen und sich ein bisschen gruseln.
Das Märchen Dornröschen im Original
Die Geschichte von der schlafenden Königstochter ist alt. Sie steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm ab der ersten Auflage von 1812 an Stelle 50, also als KHM 50, und zählt zum Erzähltyp ATU 4103. Jacob Grimms handschriftliche Urfassung von 1810 geht offenbar auf Marie Hassenpflug zurück, die das Märchen aus ihrer Kindheit kannte3. Über sie führt der Weg zu Charles Perrault: Sein La belle au bois dormant – auf Deutsch: Die schlafende Schöne im Wald – erschien 1697 in Contes de ma Mère l'Oye und lag schon 1696 vor3.
Bei Perrault folgt nach dem Erwachen noch ein zweiter, sehr grausamer Teil: Der Prinz verheimlicht die Liebschaft vor seiner Mutter, die später seine Kinder und seine Frau fressen will, als er im Krieg ist. Dieser Teil fehlt in der Grimm-Fassung3. Auch Ludwig Bechstein erzählte den Stoff nach; sein Das Dornröschen steht im Deutschen Märchenbuch von 1845 als Nummer 63 und 1853 als Nummer 523.
Zwischen den Auflagen änderte sich die Handlung kaum, der Text wurde aber Stück für Stück ausgestaltet und die Schilderung länger und gegenständlicher3. So saß zuerst ein Krebs im Bad, ab der dritten Auflage ist es ein Frosch, und der Schlüssel an der Turmtür ist später verrostet statt nur gelb3.
Die hier abgedruckte Fassung stammt aus der siebten Auflage von 1857, der Ausgabe letzter Hand. Jacob Grimm starb 1863, Wilhelm Grimm 1859.
Dornröschen – der Märchen-Text
Vor Zeiten war ein König und eine Königin, die sprachen jeden Tag „ach, wenn wir doch ein Kind hätten!“ und kriegten immer keins. Da trug sich zu, als die Königin einmal im Bade saß, daß ein Frosch aus dem Wasser ans Land kroch und zu ihr sprach, „dein Wunsch wird erfüllt werden, ehe ein Jahr vergeht, wirst du eine Tochter zur Welt bringen.“ Was der Frosch gesagt hatte, das geschah, und die Königin gebar ein Mädchen, das war so schön, daß der König vor Freude sich nicht zu lassen wußte und ein großes Fest anstellte. Er ladete nicht blos seine Verwandte, Freunde und Bekannte, sondern auch die weisen Frauen dazu ein, damit sie dem Kind hold und gewogen wären. Es waren ihrer dreizehn in seinem Reiche, weil er aber nur zwölf goldene Teller hatte, von welchen sie essen sollten, so mußte eine von ihnen daheim bleiben. Das Fest ward mit aller Pracht gefeiert, und als es zu Ende war, beschenkten die weisen Frauen das Kind mit ihren Wundergaben: die eine mit Tugend, die andere mit Schönheit, die dritte mit Reichthum, und so mit allem, was auf der Welt zu wünschen ist. Als elfe ihre Sprüche eben gethan hatten, trat plötzlich die dreizehnte herein. Sie wollte sich dafür rächen daß sie nicht eingeladen war, und ohne jemand zu grüßen oder nur anzusehen, rief sie mit lauter Stimme „die Königstochter soll sich in ihrem funfzehnten Jahr an einer Spindel stechen und todt hinfallen.“ Und ohne ein Wort weiter zu sprechen kehrte sie sich um und verließ den Saal. Alle waren erschrocken, da trat die zwölfte hervor, die ihren Wunsch noch übrig hatte und weil sie den bösen Spruch nicht aufheben, sondern nur ihn mildern konnte, so sagte sie „es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf, in welchen die Königstochter fällt.“
Der König, der sein liebes Kind vor dem Unglück gern bewahren wollte, ließ den Befehl ausgehen, daß alle Spindeln im ganzen Königreiche sollten verbrannt werden. An dem Mädchen aber wurden die Gaben der weisen Frauen sämmtlich erfüllt, denn es war so schön, sittsam, freundlich und verständig, daß es jedermann, der es ansah, lieb haben mußte. Es geschah, daß an dem Tage, wo es gerade funfzehn Jahr alt ward, der König und die Königin nicht zu Haus waren, und das Mädchen ganz allein im Schloß zurückblieb. Da gieng es aller Orten herum, besah Stuben und Kammern, wie es Lust hatte, und kam endlich auch an einen alten Thurm. Es stieg die enge Wendeltreppe hinauf, und gelangte zu einer kleinen Thüre. In dem Schloß steckte ein verrosteter Schlüssel, und als es umdrehte, sprang die Thüre auf, und saß da in einem kleinen Stübchen eine alte Frau mit einer Spindel und spann emsig ihren Flachs. „Guten Tag, du altes Mütterchen,“ sprach die Königstochter, „was machst du da?“ „Ich spinne,“ sagte die Alte und nickte mit dem Kopf. „Was ist das für ein Ding, das so lustig herumspringt?“ sprach das Mädchen, nahm die Spindel und wollte auch spinnen. Kaum hatte sie aber die Spindel angerührt, so gieng der Zauberspruch in Erfüllung, und sie stach sich damit in den Finger.
In dem Augenblick aber, wo sie den Stich empfand, fiel sie auf das Bett nieder, das da stand, und lag in einem tiefen Schlaf. Und dieser Schlaf verbreitete sich über das ganze Schloß: der König und die Königin, die eben heim gekommen waren und in den Saal getreten waren, fiengen an einzuschlafen, und der ganze Hofstaat mit ihnen. Da schliefen auch die Pferde im Stall, die Hunde im Hofe, die Tauben auf dem Dache, die Fliegen an der Wand, ja, das Feuer, das auf dem Herde flackerte, ward still und schlief ein, und der Braten hörte auf zu brutzeln, und der Koch, der den Küchenjungen, weil er etwas versehen hatte, in den Haaren ziehen wollte, ließ ihn los und schlief. Und der Wind legte sich, und auf den Bäumen vor dem Schloß regte sich kein Blättchen mehr.
Rings um das Schloß aber begann eine Dornenhecke zu wachsen, die jedes Jahr höher ward, und endlich das ganze Schloß umzog, und darüber hinaus wuchs, daß gar nichts mehr davon zu sehen war, selbst nicht die Fahne auf dem Dach. Es gieng aber die Sage in dem Land von dem schönen schlafenden Dornröschen, denn so ward die Königstochter genannt, also daß von Zeit zu Zeit Königssöhne kamen und durch die Hecke in das Schloß dringen wollten. Es war ihnen aber nicht möglich, denn die Dornen, als hätten sie Hände, hielten fest zusammen, und die Jünglinge blieben darin hängen, konnten sich nicht wieder los machen und starben eines jämmerlichen Todes. Nach langen langen Jahren kam wieder einmal ein Königssohn in das Land, und hörte wie ein alter Mann von der Dornhecke erzählte, es sollte ein Schloß dahinter stehen, in welchem eine wunderschöne Königstochter, Dornröschen genannt, schon seit hundert Jahren schliefe, und mit ihr schliefe der König und die Königin und der ganze Hofstaat. Er wußte auch von seinem Großvater daß schon viele Königssöhne gekommen wären und versucht hätten durch die Dornenhecke zu dringen, aber sie wären darin hängen geblieben und eines traurigen Todes gestorben. Da sprach der Jüngling „ich fürchte mich nicht, ich will hinaus und das schöne Dornröschen sehen.“ Der gute Alte mochte ihm abrathen, wie er wollte, er hörte nicht auf seine Worte.
Nun waren aber gerade die hundert Jahre verflossen, und der Tag war gekommen, wo Dornröschen wieder erwachen sollte. Als der Königssohn sich der Dornenhecke näherte, waren es lauter große schöne Blumen, die thaten sich von selbst auseinander und ließen ihn unbeschädigt hindurch, und hinter ihm thaten sie sich wieder als eine Hecke zusammen. Im Schloßhof sah er die Pferde und scheckigen Jagdhunde liegen und schlafen, auf dem Dache saßen die Tauben und hatten das Köpfchen unter den Flügel gesteckt. Und als er ins Haus kam, schliefen die Fliegen an der Wand, der Koch in der Küche hielt noch die Hand, als wollte er den Jungen anpacken, und die Magd saß vor dem schwarzen Huhn, das sollte gerupft werden. Da gieng er weiter, und sah im Saale den ganzen Hofstaat liegen und schlafen, und oben bei dem Throne lag der König und die Königin. Da gieng er noch weiter, und alles war so still, daß einer seinen Athem hören konnte, und endlich kam er zu dem Thurm und öffnete die Thüre zu der kleinen Stube, in welcher Dornröschen schlief. Da lag es und war so schön, daß er die Augen nicht abwenden konnte, und er bückte sich und gab ihm einen Kuß. Wie er es mit dem Kuß berührt hatte, schlug Dornröschen die Augen auf, erwachte, und blickte ihn ganz freundlich an. Da giengen sie zusammen herab, und der König erwachte und die Königin, und der ganze Hofstaat, und sahen einander mit großen Augen an. Und die Pferde im Hof standen auf und rüttelten sich: die Jagdhunde sprangen und wedelten: die Tauben auf dem Dache zogen das Köpfchen unterm Flügel hervor, sahen umher und flogen ins Feld: die Fliegen an den Wänden krochen weiter: das Feuer in der Küche erhob sich, flackerte: und kochte das Essen: der Braten fieng wieder an zu brutzeln: und der Koch gab dem Jungen eine Ohrfeige daß er schrie: und die Magd rupfte das Huhn fertig. Und da wurde die Hochzeit des Königssohns mit dem Dornröschen in aller Pracht gefeiert, und sie lebten vergnügt bis an ihr Ende.
Text: Jacob und Wilhelm Grimm, Quelle: de.wikisource.org – Dornröschen (1857), KHM 50; Originalschreibweise der Ausgabe 1857.
Fragen zum Gespräch mit eurem Kind
- Was hättet ihr anstelle der dreizehnten weisen Frau getan, als sie keine Einladung bekam?
- Warum wohl konnte die zwölfte weise Frau den Fluch nur mildern und nicht aufheben?
- Wie stellt ihr euch das Schloss vor, in dem alles hundert Jahre schläft?
- Was würdet ihr Dornröschen erzählen, wenn ihr sie im Turmzimmer treffen könntet?
- Wie könnte die Geschichte weitergehen, nachdem alle aufgewacht sind?
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Häufige Fragen
Warum heißt das Märchen Dornröschen?
Wer hat das Märchen Dornröschen geschrieben?
Wie lange schläft Dornröschen im Märchen?
Quellen
- Dornröschen · abgerufen am 11.10.2026
- Dornröschen · abgerufen am 10.10.2026
- Dornröschen · Stand 08.01.2025
- Märchen und Sagen in der Grundschule · Stand 05.08.2026
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