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Frau Holle – das Märchen zum Vorlesen und Anhören

Frau Holle ist ein Märchen der Brüder Grimm aus den Kinder- und Hausmärchen, wo es an Stelle 24 steht (KHM 24). Es erzählt von einem fleißigen Mädchen, das in den Brunnen springt, bei Frau Holle in Dienst geht und zum Abschied mit Gold bedeckt wird – während ihre faule Schwester Pech erntet. Hier könnt ihr die Geschichte kindgerecht nacherzählt lesen und als Hörfassung anhören.
Redaktion Schnuller.deZuletzt aktualisiert 23 Min. LesezeitFachlich geprüft von Josef Maier
Frau Holle schüttelt ihr Federbett, die Federn fliegen wie Schneeflocken – Titelbild zum Märchen Frau Holle
Jahr
1857
Alter ab
4
Autor/Herkunft
Brüder Grimm (Kinder- und Haus-Märchen, Ausgabe 1857)

Neu erzählt nach Jacob und Wilhelm Grimm (Deutsch, 1857)

Das Märchen Frau Holle gehört zu den bekanntesten Geschichten der Brüder Grimm und eignet sich schon für Kinder im Kindergartenalter.

Frau Holle – das Märchen zum Vorlesen

Hörfassung · 9 Min.
Frau Holle – Hörfassung der Nacherzählung
0:008:59
MP3 herunterladen (5,2 MB)

Es war einmal eine Witwe, die hatte zwei Töchter. Die eine war schön und fleißig, die andere hässlich und faul. Die hässliche und faule hatte die Witwe viel lieber, denn sie war ihre leibliche Tochter. Die schöne Stieftochter dagegen musste die ganze Arbeit im Haus tun. Sie fegte die Stube, wusch die Wäsche, kochte das Essen und saß jeden Tag am Brunnen an der großen Straße, um Wolle zu spinnen. Sie spann und spann, bis ihr das Blut aus den Fingern sprang. Niemand lobte sie dafür.

Einmal war die Spule ganz blutig geworden. Das Mädchen beugte sich über den Brunnen, um sie im Wasser abzuwaschen. Da sprang sie ihm aus der Hand und fiel hinab in die Tiefe. Erschrocken lief das Mädchen zur Stiefmutter und erzählte ihr von dem Unglück. Die Stiefmutter aber schalt es hart und unbarmherzig: Wenn es die Spule habe fallen lassen, solle es sie auch wieder heraufholen.

Da ging das Mädchen zum Brunnen zurück und wusste nicht, was es tun sollte. In seiner Angst sprang es in den Brunnen hinein, um die Spule zu holen. Es verlor die Besinnung. Als es wieder zu sich kam, lag es auf einer wunderschönen Wiese. Die Sonne schien warm vom Himmel, und ringsum standen viel tausend Blumen in allen Farben. Auf der Wiese war es still, nur ein leichter Wind strich über das Gras. Nach einer Weile merkte das Mädchen, dass es nicht mehr in seiner eigenen Welt war. Eben noch hatte es im Hof der Stiefmutter gestanden, jetzt lag es hier im Sonnenschein. Es stand auf und ging über die Wiese, immer geradeaus.

Bald kam es an einen Backofen, der war voller frischem Brot. Das Brot rief: „Zieh mich heraus, zieh mich heraus, sonst verbrenne ich! Ich bin schon längst ausgebacken.“ Da trat das Mädchen herzu, nahm den Brotschieber und holte alles Brot heraus, eines nach dem anderen. Kein Laib blieb im Ofen zurück.

Danach ging es weiter und kam zu einem Baum, der hing voller reifer Äpfel. „Schüttle mich, schüttle mich“, rief der Baum, „wir Äpfel sind alle miteinander reif.“ Da packte das Mädchen den Stamm und schüttelte, dass die Äpfel fielen wie Regentropfen. Es schüttelte so lange, bis kein einziger Apfel mehr oben hing. Dann sammelte es alle Äpfel auf einen Haufen und ging weiter.

Auf seinem Weg begegnete das Mädchen keinem einzigen Menschen. Nur das Brot, der Apfelbaum und später die alte Frau sprachen mit ihm. Trotzdem hatte es keine Angst mehr, sondern ging neugierig weiter.

Endlich kam es zu einem kleinen Haus. Eine alte Frau schaute zum Fenster heraus. Weil die Frau so große Zähne hatte, bekam das Mädchen Angst und wollte davonlaufen. Die Alte aber rief ihm nach: „Hab keine Angst, liebes Kind. Bleib bei mir und hilf mir im Haus, dann soll es dir gut gehen. Du musst nur mein Bett gut machen und die Federn fleißig aufschütteln. Wenn die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt. Ich bin die Frau Holle.“ Das Mädchen blieb stehen und sah die alte Frau genauer an. Die Zähne waren wirklich groß, aber ihre Augen blickten freundlich.

Weil die Alte so freundlich zu ihm sprach, fasste sich das Mädchen ein Herz. Es willigte ein und trat in ihren Dienst. Von da an machte es jeden Tag das Bett und schüttelte die Federkissen so kräftig auf, dass die Federn wie Schneeflocken durch die Luft wirbelten. Frau Holle sprach nie ein böses Wort und sah zufrieden zu, wenn die Kissen in die Höhe flogen. Dafür hatte das Mädchen ein gutes Leben: jeden Tag gab es Gesottenes und Gebratenes.

So verging eine Zeit. Da wurde das Mädchen traurig und wusste zuerst selbst nicht, was ihm fehlte. Endlich merkte es: Es hatte Heimweh. So gut es ihm unten auch ging, es sehnte sich nach Hause zu den Seinen, an die Straße und an den alten Brunnen. Schließlich sagte es der alten Frau, dass es nicht länger bleiben könne und wieder hinaufwolle.

Frau Holle freute sich darüber. „Weil du mir so treu gedient hast, bringe ich dich selbst wieder hinauf“, sagte sie. Sie nahm das Mädchen bei der Hand und führte es vor ein großes Tor. Das Tor wurde geöffnet, und als das Mädchen gerade darunterstand, fiel ein gewaltiger Goldregen herab. Alles Gold blieb an ihm hängen, sodass es über und über davon bedeckt war. „Weil du so fleißig gewesen bist, sollst du das haben“, sprach Frau Holle und gab ihm auch die Spule zurück, die in den Brunnen gefallen war.

Dann wurde das Tor geschlossen, und das Mädchen stand wieder oben auf der Welt, nicht weit vom Haus seiner Mutter. Als es in den Hof kam, saß der Hahn auf dem Brunnen und rief:

„Kikeriki,
unsere goldene Jungfrau ist wieder hie.“

Das fleißige Mädchen steht unter dem großen Tor, während der Goldregen auf es niederfällt – Szene aus dem Märchen

Das Mädchen ging hinein zur Mutter. Weil es so mit Gold bedeckt war, wurde es von ihr und der Schwester freundlich aufgenommen. Es erzählte alles, was ihm begegnet war. Als die Mutter hörte, wie reich ihre Stieftochter geworden war, wollte sie dasselbe Glück auch ihrer leiblichen Tochter verschaffen. Die Schwester hörte zu und wurde blass vor Neid. Die Mutter ließ sich jedes Wort genau erzählen und rechnete schon mit dem Gold.

Also musste die Faule sich an den Brunnen setzen und spinnen. Die Mutter riet ihr, sich in den Finger zu stechen, damit die Spule blutig würde. Das tat sie auch: Sie stach sich in die Finger und riss sich die Hand in einer Dornhecke auf. Dann warf sie die Spule in den Brunnen und sprang selbst hinterher.

Sie kam auf dieselbe schöne Wiese und ging denselben Weg. Als sie zum Backofen kam, rief das Brot wieder: „Zieh mich heraus, zieh mich heraus, sonst verbrenne ich!“ Die Faule aber sagte, dazu habe sie keine Lust, und ging weiter.

Bald kam sie zum Apfelbaum. „Schüttle mich, schüttle mich“, rief er ihr zu. Sie aber antwortete, es könne ihr ja einer auf den Kopf fallen, und ging weiter.

Als sie vor Frau Holles Haus kam, fürchtete sie sich nicht, denn von den großen Zähnen hatte sie schon gehört. Sie verdingte sich gleich. Am ersten Tag war sie fleißig und folgte aufs Wort, denn sie dachte nur an das viele Gold. Am zweiten Tag ließ sie es schon schleifen. Am dritten wollte sie morgens gar nicht mehr aufstehen. Das Bett machte sie nicht richtig, und die Federn schüttelte sie nicht auf.

Da wurde Frau Holle sie bald müde und kündigte ihr den Dienst. Die Faule war das zufrieden, denn sie meinte, nun komme der Goldregen. Frau Holle führte sie zum Tor. Als sie aber darunterstand, wurde statt des Goldes ein großer Kessel voll Pech über sie ausgegossen. „Das ist der Lohn für deine Dienste“, sagte Frau Holle und schloss das Tor zu.

So kam die Faule heim, ganz mit Pech bedeckt. Der Hahn auf dem Brunnen sah sie und krähte:

„Kikeriki,
unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hie.“

Das Pech aber blieb fest an ihr hängen und ging ihr Leben lang nicht mehr ab. Sie wusch und rieb, doch es half nichts.

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Frau Holle Märchen in Kürze

Ein fleißiges Mädchen spinnt am Brunnen, bis seine Spule blutig in die Tiefe fällt. Es springt hinterher und erwacht auf einer blühenden Wiese. Dort holt es Brot aus dem Ofen, schüttelt einen Apfelbaum und tritt in den Dienst der alten Frau Holle mit den großen Zähnen. Weil es treu arbeitet und ihr Bett aufschüttelt, fällt beim Abschied ein Goldregen auf es herab. Ihre faule Schwester macht alles nach, hilft aber niemandem und wird mit Pech übergossen. So stehen am Ende zwei Schwestern mit zwei sehr verschiedenen Heimkünften da.

Die Figuren

  • Die fleißige Stieftochter: Sie spinnt am Brunnen, hilft dem Brot und dem Apfelbaum und dient Frau Holle treu, bis der Goldregen auf sie fällt.
  • Die faule Tochter: Die leibliche Tochter der Witwe lässt alle Arbeit liegen, folgt keiner Bitte und kehrt mit Pech bedeckt nach Hause zurück.
  • Die Witwe: Sie liebt ihre eigene, faule Tochter mehr als die fleißige Stieftochter und schickt beide Mädchen zu Frau Holle.
  • Frau Holle: Die alte Frau mit den großen Zähnen nimmt das Mädchen in ihren Dienst; wenn ihr Bett aufgeschüttelt wird, schneit es auf der Welt.
  • Das Brot im Backofen: Es bittet darum, herausgeholt zu werden, weil es sonst verbrennt.
  • Der Apfelbaum: Er hängt voller reifer Äpfel und bittet darum, geschüttelt zu werden.
  • Der Hahn: Er sitzt auf dem Brunnen und kräht bei jeder Heimkehr, ob die Jungfrau golden oder schmutzig zurückkommt.

Was lernen Kinder daraus?

Das Mädchen hilft, ohne zu rechnen. Es holt das Brot aus dem Ofen, schüttelt die Äpfel und macht Frau Holle das Bett gut – nicht, weil es Gold dafür erwartet, sondern weil die Bitten es erreichen. Genau dafür wird es am Ende reich belohnt. Die Schwester dagegen fragt bei jedem Handgriff zuerst, was sie davon hat, und steht mit Pech da. Wie viele Grimm-Geschichten wurde Frau Holle erzählt, um eine Moral zu vermitteln: harte Arbeit wird belohnt, Faulheit wird bestraft4.

Für Kinder ist die Geschichte gut geeignet. Märchen sprechen das Gefühlsleben an und fördern das Mitfühlen mit anderen5; für Kindergartenkinder ist Frau Holle unbedenklich5. Auch im Grundschulunterricht werden Märchen gern genutzt, weil sie moralische Botschaften vermitteln und die Fantasie anregen6. Beim Vorlesen könnt ihr zwischendurch fragen, warum das zweite Mädchen am Backofen einfach weitergeht. So üben Kinder, sich in andere hineinzuversetzen5.

Herkunft und Entstehung

Frau Holle ist ein Zaubermärchen aus den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Dort steht es an Stelle 24 (KHM 24) und zählt zum Märchentyp ATU 480D, den Geschichten von artigen und unartigen Mädchen1. In das Märchen wurde die Sagengestalt Perchta eingearbeitet1. Eine frühere Fassung trug den Titel Murmelthier1. Unsere Nacherzählung folgt der Ausgabe von 1857, der siebten Auflage und Ausgabe letzter Hand.

Die Brüder Grimm sammelten den Stoff nach mündlicher Überlieferung und bearbeiteten ihn über mehrere Auflagen hinweg. In der Zweitauflage kam der krähende Hahn hinzu, angeregt durch Georg August Friedrich Goldmann, den Wilhelm Grimm in Westfalen kennengelernt hatte1. Im Erstdruck ist die Mutter noch keine Stiefmutter, und die Heldin holt nur Wasser vom Brunnen, ohne dass eine blutige Spule ins Wasser fällt1. Als Herkunft nennt Grimms Anmerkung Hessen und Westphalen1.

Eine eindeutige Heimat hat das Märchen nicht: Genannt werden der Hohe Meißner zwischen Kassel und Eschwege, die Hörselberge bei Eisenach sowie die Orte Hörselberg und Hollerich1. Am Hohen Meißner liegt der Frau-Holle-Teich, der als unendlich tief gilt und als Eingang zu ihrer Anderswelt beschrieben wird1.

Die Sagenfigur ist viel älter als das Märchen. Die Brüder Grimm widmen ihr im ersten Band ihrer Deutschen Sagen fünf Geschichten2. Jacob Grimm fand mittelalterliche Belege und sah in Frau Holle eine vorchristliche Göttin ohne festen Aufgabenbereich2. Unter ihrem Namen ist sie von Luxemburg bis Sachsen bekannt, mit einem Schwerpunkt in Hessen und Thüringen; südlich heißt sie Frau Percht oder Perchta, nördlich Frau Herke oder Frau Harke2. Der Historiker Karl Kollmann datiert die früheste schriftliche Erwähnung in die Dekrete des Bischofs Burchard von Worms, die zwischen 1008 und 1012 entstanden1. In den zwölf Raunächten zwischen Weihnachten und Dreikönig gehörte sie zum Volksglauben7. Bis heute heißt es in Hessen, wenn es schneit, die Frau Holle mache ihr Bett1. Der Holunder, regional Holler genannt, gilt als ihre Pflanze1. Der Name Holle geht auf das mittelhochdeutsche hulde zurück und bedeutet Freundlichkeit4. Am Frau-Holle-Teich steht seit 2004 eine über drei Meter hohe Holzskulptur2, 3.

Der Originaltext

Eine Wittwe hatte zwei Töchter, davon war die eine schön und fleißig, die andere häßlich und faul. Sie hatte aber die häßliche und faule, weil sie ihre rechte Tochter war, viel lieber, und die andere mußte alle Arbeit thun und der Aschenputtel im Hause sein. Das arme Mädchen mußte sich täglich auf die große Straße bei einem Brunnen setzen, und mußte so viel spinnen, daß ihm das Blut aus den Fingern sprang. Nun trug es sich zu, daß die Spule einmal ganz blutig war, da bückte es sich damit in den Brunnen und wollte sie abwaschen: sie sprang ihm aber aus der Hand und fiel hinab. Es weinte, lief zur Stiefmutter und erzählte ihr das Unglück. Sie schalt es aber so heftig und war so unbarmherzig, daß sie sprach „hast du die Spule hinunterfallen lassen, so hol sie auch wieder herauf.“ Da gieng das Mädchen zu dem Brunnen zurück und wußte nicht was es anfangen sollte: und in seiner Herzensangst sprang es in den Brunnen hinein, um die Spule zu holen. Es verlor die Besinnung, und als es erwachte und wieder zu sich selber kam, war es auf einer schönen Wiese wo die Sonne schien und viel tausend Blumen standen. Auf dieser Wiese gieng es fort und kam zu einem Backofen, der war voller Brot; das Brot aber rief „ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich: ich bin schon längst ausgebacken.“ Da trat es herzu, und holte mit dem Brotschieber alles nach einander heraus. Danach gieng es weiter und kam zu einem Baum, der hieng voll Äpfel, und rief ihm zu „ach schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle mit einander reif.“ Da schüttelte es den Baum, daß die Äpfel fielen als regneten sie, und schüttelte bis keiner mehr oben war; und als es alle in einen Haufen zusammengelegt hatte, gieng es wieder weiter. Endlich kam es zu einem kleinen Haus, daraus guckte eine alte Frau, weil sie aber so große Zähne hatte, ward ihm angst, und es wollte fortlaufen. Die alte Frau aber rief ihm nach „was fürchtest du dich, liebes Kind? bleib bei mir, wenn du alle Arbeit im Hause ordentlich thun willst, so soll dirs gut gehn. Du mußt nur Acht geben daß du mein Bett gut machst und es fleißig aufschüttelst, daß die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt; ich bin die Frau Holle.“ Weil die Alte ihm so gut zusprach, so faßte sich das Mädchen ein Herz, willigte ein und begab sich in ihren Dienst. Es besorgte auch alles nach ihrer Zufriedenheit, und schüttelte ihr das Bett immer gewaltig auf daß die Federn wie Schneeflocken umher flogen; dafür hatte es auch ein gut Leben bei ihr, kein böses Wort, und alle Tage Gesottenes und Gebratenes. Nun war es eine Zeitlang bei der Frau Holle, da ward es traurig und wußte anfangs selbst nicht was ihm fehlte, endlich merkte es daß es Heimweh war; ob es ihm hier gleich viel tausendmal besser gieng als zu Haus, so hatte es doch ein Verlangen dahin. Endlich sagte es zu ihr „ich habe den Jammer nach Haus kriegt, und wenn es mir auch noch so gut hier unten geht, so kann ich doch nicht länger bleiben, ich muß wieder hinauf zu den Meinigen.“ Die Frau Holle sagte „es gefällt mir, daß du wieder nach Haus verlangst, und weil du mir so treu gedient hast, so will ich dich selbst wieder hinauf bringen.“ Sie nahm es darauf bei der Hand und führte es vor ein großes Thor. Das Thor ward aufgethan, und wie das Mädchen gerade darunter stand, fiel ein gewaltiger Goldregen, und alles Gold blieb an ihm hängen, so daß es über und über davon bedeckt war. „Das sollst du haben, weil du so fleißig gewesen bist“ sprach die Frau Holle und gab ihm auch die Spule wieder, die ihm in den Brunnen gefallen war. Darauf ward das Thor verschlossen, und das Mädchen befand sich oben auf der Welt, nicht weit von seiner Mutter Haus: und als es in den Hof kam, saß der Hahn auf dem Brunnen und rief

„kikeriki,
unsere goldene Jungfrau ist wieder hie.“

Da gieng es hinein zu seiner Mutter, und weil es so mit Gold bedeckt ankam, ward es von ihr und der Schwester gut aufgenommen.

Das Mädchen erzählte alles, was ihm begegnet war, und als die Mutter hörte wie es zu dem großen Reichthum gekommen war, wollte sie der andern häßlichen und faulen Tochter gerne dasselbe Glück verschaffen. Sie mußte sich an den Brunnen setzen und spinnen; und damit ihre Spule blutig ward, stach sie sich in die Finger und stieß sich die Hand in die Dornhecke. Dann warf sie die Spule in den Brunnen und sprang selber hinein. Sie kam, wie die andere, auf die schöne Wiese und gieng auf demselben Pfade weiter. Als sie zu dem Backofen gelangte, schrie das Brot wieder „ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich, ich bin schon längst ausgebacken.“ Die Faule aber antwortete „da hätt ich Lust mich schmutzig zu machen,“ und gieng fort. Bald kam sie zu dem Apfelbaum, der rief „ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle mit einander reif.“ Sie antwortete aber „du kommst mir recht, es könnte mir einer auf den Kopf fallen,“ und gieng damit weiter. Als sie vor der Frau Holle Haus kam, fürchtete sie sich nicht, weil sie von ihren großen Zähnen schon gehört hatte, und verdingte sich gleich zu ihr. Am ersten Tag that sie sich Gewalt an, war fleißig und folgte der Frau Holle, wenn sie ihr etwas sagte, denn sie dachte an das viele Gold, das sie ihr schenken würde; am zweiten Tag aber fieng sie schon an zu faullenzen, am dritten noch mehr, da wollte sie Morgens gar nicht aufstehen. Sie machte auch der Frau Holle das Bett nicht wie sichs gebührte, und schüttelte es nicht, daß die Federn aufflogen. Das ward die Frau Holle bald müde und sagte ihr den Dienst auf. Die Faule war das wohl zufrieden und meinte nun würde der Goldregen kommen; die Frau Holle führte sie auch zu dem Thor, als sie aber darunter stand, ward statt des Goldes ein großer Kessel voll Pech ausgeschüttet. „Das ist zur Belohnung deiner Dienste“ sagte die Frau Holle und schloß das Thor zu. Da kam die Faule heim, aber sie war ganz mit Pech bedeckt, und der Hahn auf dem Brunnen, als er sie sah, rief

„kikeriki,
unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hie.“

Das Pech aber blieb fest an ihr hängen und wollte, so lange sie lebte, nicht abgehen.

Text: Jacob und Wilhelm Grimm, Quelle: Kinder- und Haus-Märchen, Band 1, Große Ausgabe, 7. Auflage (Ausgabe letzter Hand), 1857, KHM 24. Originalschreibweise der Ausgabe 1857.

Fragen zum Gespräch mit eurem Kind

  1. Warum geht die zweite Schwester am Backofen und am Apfelbaum einfach vorbei?
  2. Was hättest du an ihrer Stelle getan?
  3. Wie fühlt sich das Mädchen, als es bei Frau Holle Heimweh bekommt?
  4. Warum bekommt die eine Schwester Gold und die andere Pech?
  5. Wie kommt der Schnee auf die Erde, wenn Frau Holle ihr Bett schüttelt?

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Häufige Fragen

Wer ist Frau Holle?
Frau Holle ist die alte Frau mit den großen Zähnen, die im Märchen der Brüder Grimm unter der Erde wohnt und das fleißige Mädchen in ihren Dienst nimmt. Hinter dieser Figur steht die Sagengestalt Perchta, die in das Märchen eingearbeitet wurde1. Frau Holle gilt als Mutter Erde; in den Sagen wird sie auf vielen Bergen verehrt, besonders rund um den Hohen Meißner in Nordhessen1.
Wann wurde Frau Holle geschrieben?
Die erste Fassung von Frau Holle erschien 1812 in der Erstauflage der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm1. Die Textgestalt, die heute meist gelesen wird, steht in der siebten Auflage von 1857, der Ausgabe letzter Hand; dort trägt das Märchen die Nummer 24 (KHM 24)1. Zwischen diesen Ausgaben hat Wilhelm Grimm den Text mehrfach überarbeitet1.
Warum hat Frau Holle große Zähne?
Einen festen Grund nennt die Erzählung nicht: Die großen Zähne gehören einfach zu Frau Holles Gestalt und erschrecken das Mädchen im ersten Augenblick1. Als Sagengestalt erscheint Frau Holle sehr verschieden – mal gütig und helfend, mal strafend und wild, mal als junges Wesen, mal als langnasige und großzähnige Alte mit wirrem Haar2. Gleich danach zeigt sich im Märchen, wie freundlich sie sein kann.
Was macht Frau Holle eigentlich im Sommer?
Für den Sommer erzählt das Märchen nichts von Schnee. Eine Deutung sieht in den Aufgaben des Mädchens die Jahreszeiten: Die Blumenwiese steht für den Frühling, das Brot im Backofen für den Sommer, die reifen Äpfel für den Herbst und der Schnee für den Winter1. Andere Sagen berichten, dass Frau Holle im Frühjahr über Felder und Wiesen schreitet, damit die Natur erwacht und der Saft in die Pflanzen schießt1.
Wer hat das Märchen Frau Holle geschrieben?
Aufgeschrieben haben Frau Holle die Brüder Grimm: Jacob und Wilhelm Grimm nahmen das Märchen in ihre Sammlung Kinder- und Hausmärchen auf, wo es als KHM 24 steht1. Sie sammelten es nach mündlicher Überlieferung; als Quelle nennt die Forschung Dorothea Wild, eine Freundin Wilhelm Grimms1. Einen einzelnen Verfasser gibt es also nicht – das Märchen wurde lange erzählt, bevor es gedruckt wurde.

Quellen

  1. Frau Holle · abgerufen am 11.10.2026
  2. Sagenfigur Frau Holle · abgerufen am 10.10.2026
  3. „Frau Holle“ kurz und knapp · Stand 10.12.2015
  4. Frau Holle · abgerufen am 11.10.2026
  5. Märchen fördern Einfühlungsvermögen bei Kindern: Kinderaerzte-im-Netz · Stand 11.10.2026
  6. Märchen und Sagen in der Grundschule · Stand 05.08.2026
  7. Lärm und Lebkuchen sollen Nachtgespenster vertreiben · abgerufen am 11.10.2026
  8. Frau Holle · abgerufen am 11.10.2026
Fachliche PrüfungJosef MaierKinder- und Jugendpädagoge · Diplom-Sozialpädagoge (FH)Fachlich geprüft am von Josef Maier
TextRedaktion Schnuller.deZuletzt aktualisiert am

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